11. August 2026, 18:06 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Ob Erstgeborener oder Zweitgeborener – die Position unter Geschwistern könnte stärker mit der Gesundheit zusammenhängen als gedacht. Eine neue Untersuchung zeigt, dass sich die Geburtsreihenfolge mit dem Risiko für ganz unterschiedliche Erkrankungen in Verbindung bringen lässt. Während ältere Geschwister eher für die einen Krankheiten anfälliger zu sein scheinen, erkranken jüngere Geschwister eher an anderen Krankheiten.
Kann die Geburtsreihenfolge wirklich die Gesundheit beeinflussen?
Die Frage, ob die Geburtsreihenfolge mit der Gesundheit zusammenhängt, beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Frühere Studien fanden beispielsweise Zusammenhänge mit Allergien, Asthma, Autismus, psychischen Erkrankungen und Stoffwechselkrankheiten.1,2 Meist konzentrierten sie sich jedoch auf einzelne Krankheiten oder kleine Gruppen von Erkrankungen.
Unterschiede zwischen Erst- und Zweitgeborenen könnten unter anderem mit dem Alter der Eltern, dem familiären Umfeld oder frühen Kontakten mit Mikroorganismen zusammenhängen. Die Wissenschaftler untersuchten deshalb den Zusammenhang der Geburtsreihenfolge mit dem Risiko für eine Vielzahl an Krankheiten.
So untersuchten die Wissenschaftler Millionen Geschwister
Grundlage waren US-Krankenversicherungsdaten aus den Jahren 2003 bis 2024. Die Wissenschaftler identifizierten 5.135.006 geeignete Zwei-Kind-Familien mit insgesamt 10.270.012 Personen. Die Geburtsjahrgänge reichten von 1978 bis 2013. Insgesamt untersuchten sie 569 Krankheiten beziehungsweise Diagnosegruppen. Bei 150 davon fanden sie klare Zusammenhänge.3
Erstgeborene und Zweitgeborene aus verschiedenen Familien im Vergleich
Zunächst verglichen die Wissenschaftler 1.616.881 Erstgeborene mit Zweitgeborenen aus anderen Familien. Damit der Vergleich möglichst fair war, wählten sie Personen aus, die beispielsweise dasselbe Geschlecht und Geburtsjahr hatten und in ähnlich stark besiedelten Gegenden lebten. Auch die Beobachtungsdauer in den Versicherungsdaten, das Alter der Eltern bei der Geburt und der Altersabstand zum Geschwister wurden berücksichtigt.
Danach wurden Geschwister direkt miteinander verglichen
Danach verglichen die Wissenschaftler die beiden Geschwister direkt miteinander. So konnten sie viele familiäre Einflüsse besser analysieren, denn Geschwister teilen beispielsweise einen Teil ihrer Gene und wachsen meist unter ähnlichen Bedingungen auf.
Zusätzliche Tests sollten die Ergebnisse absichern
Mit weiteren Analysen prüften die Wissenschaftler, ob andere Einflüsse die Ergebnisse erklären könnten – etwa der Wohnort, unterschiedlich häufige Arztbesuche oder das Alter der Eltern.
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Bei diesen Krankheiten zeigen sich die größten Unterschiede
Autismus und ADHS: Erstgeborene häufiger betroffen
Besonders deutlich war der Unterschied bei Autismus: Zweitgeborene hatten rund 26 Prozent niedrigere Chancen auf eine Autismus-Diagnose als Erstgeborene. Bei ADHS war der Unterschied wesentlich kleiner. Hier lagen die Chancen für Zweitgeborene rund 7 Prozent niedriger.
Auch bei Allergien und Akne zeigen sich Unterschiede
Ähnliche Unterschiede zeigten sich bei Allergien und Hautproblemen. Zweitgeborene hatten rund 20 Prozent niedrigere Chancen auf eine Lebensmittelallergie-Diagnose als Erstgeborene. Für Akne lagen die Risiken 13 Prozent niedriger, für allergischen Schnupfen 9 Prozent und für Asthma 3 Prozent niedriger.
Den größten Unterschied fanden die Wissenschaftler bei anderen oder nicht genauer bezeichneten tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Zweitgeborene hatten hier ein rund 43 Prozent niedrigeres Risiko auf eine solche Diagnose als Erstgeborene. Zu dieser Gruppe gehören verschiedene Entwicklungsstörungen. Sie überschneidet sich teilweise mit Autismus, ist aber nicht mit Autismus gleichzusetzen.
Bei diesen Erkrankungen sind Zweitgeborene häufiger betroffen
Bei anderen Erkrankungen drehte sich das Bild um. Zweitgeborene hatten rund 35 Prozent höhere Risiken für eine Gürtelrose-Diagnose. Für Substanzmissbrauch lagen die Risiken 19 Prozent höher, für Erkrankungen der Gallenwege 18 Prozent, für Magen- und Zwölffingerdarmentzündungen 14 Prozent und für Migräne 13 Prozent höher.
Der direkte Geschwistervergleich bestätigt wichtige Ergebnisse
Beim zusätzlichen direkten Vergleich von Geschwistern blieben wichtige Unterschiede bestehen: Zweitgeborene hatten ein rund 20 Prozent geringeres Risiko für eine Autismus-Diagnose und 6 Prozent niedrigeres für eine ADHS-Diagnose. Die Risiken für eine Diagnose wegen Substanzmissbrauchs lagen dagegen rund 14 Prozent höher.
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Warum Erst- und Zweitgeborene unterschiedliche Risiken haben könnten
Die Ergebnisse zeigen kein einfaches Muster, nach dem Erstgeborene grundsätzlich gesünder oder kränker sind. Auffällig ist jedoch, dass sich bestimmte Erkrankungsgruppen häufen: Bei Erstgeborenen fanden die Wissenschaftler häufiger Zusammenhänge mit Entwicklungsstörungen des Nervensystems und allergischen Erkrankungen. Bei Zweitgeborenen zeigten sich dagegen häufiger Zusammenhänge mit bestimmten Erkrankungen des Verdauungs- und Bewegungsapparats.
Könnten ältere Geschwister vor Allergien schützen?
Für die Unterschiede bei Allergien haben die Autoren eine mögliche Erklärung. Jüngere Geschwister kommen durch das ältere Kind möglicherweise früher mit einer größeren Vielfalt von Mikroorganismen in Kontakt. Diese könnten die Entwicklung des Immunsystems beeinflussen. Interessanterweise wurde der Unterschied bei allergischem Schnupfen kleiner, je größer der Altersabstand zwischen den Geschwistern war. Das passt zu dieser möglichen Erklärung, beweist sie aber nicht.
Bei Autismus ist die Erklärung komplizierter
Schwieriger ist die Erklärung bei Autismus und anderen Entwicklungsstörungen. Hier lässt sich aus der Studie kein einzelner Grund ableiten. Nach Ansicht der Autoren könnten mehrere Faktoren zusammenspielen – etwa biologische Unterschiede zwischen Schwangerschaften, das Alter der Eltern, die Aufmerksamkeit der Eltern und der Zeitpunkt einer Diagnose.
Was die Studie nicht beweisen kann
Eine große Stärke der Untersuchung ist ihre enorme Datenbasis. Zudem prüften die Wissenschaftler ihre Ergebnisse auf verschiedene Arten. Von den 150 besonders gut abgesicherten Zusammenhängen der Hauptanalyse zeigten 127 auch beim direkten Geschwistervergleich in dieselbe Richtung. Das entspricht 84,7 Prozent.
Die wichtigste Einschränkung: Die Studie zeigt Zusammenhänge, aber keine Ursache und Wirkung. Sie kann also nicht beweisen, dass die Geburtsreihenfolge selbst für die Unterschiede verantwortlich ist. Aus der Position in der Geschwisterreihe lässt sich nicht vorhersagen, ob jemand eine bestimmte Krankheit bekommen wird.
Das Alter der Eltern lässt sich nicht vollständig herausrechnen
Ein wichtiger möglicher Einfluss ist das Alter der Eltern. Beim zweiten Kind sind die Eltern zwangsläufig älter als beim ersten. Die Wissenschaftler versuchten, diesen Unterschied statistisch möglichst genau zu berücksichtigen. Vollständig von der Geburtsreihenfolge trennen lässt sich der Einfluss des Elternalters nach Angaben der Autoren jedoch nicht.
Krankenversicherungsdaten haben Grenzen
Auch die Daten selbst haben Grenzen. Krankenversicherungsdaten zeigen dokumentierte Diagnosen und nicht zwangsläufig jede tatsächlich vorhandene Erkrankung. Zudem gingen Erstgeborene etwas häufiger zum Arzt und hatten mehr dokumentierte Behandlungstage. Berücksichtigten die Wissenschaftler diesen Unterschied zusätzlich, blieben die Ergebnisse insgesamt jedoch sehr ähnlich.
Die Ergebnisse gelten nicht automatisch für alle
Untersucht wurden außerdem ausschließlich Zwei-Kind-Familien. Die Daten stammen von Menschen mit arbeitgeberfinanzierter Krankenversicherung in den USA. Laut Studie sind darin Menschen mit höherem Einkommen und Weiße überproportional vertreten. Ob die Ergebnisse genauso für andere Bevölkerungsgruppen oder Länder gelten, lässt sich daher nicht sagen.
Die Studie wurde vom National Institute of Mental Health und den National Institutes of Health finanziert. Die Geldgeber hatten laut Veröffentlichung keinen Einfluss auf Studiendesign, Datenerhebung und Auswertung, die Entscheidung zur Veröffentlichung oder die Erstellung des Manuskripts. Die Autoren gaben keine Interessenkonflikte an.