20. November 2025, 10:50 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Zwei von drei erwachsenen Deutschen – das sind rund 47 Millionen Menschen – leiden regelmäßig unter Kopfschmerzen. Etwa 18 Millionen davon kämpfen mit Migräne, einer Erkrankung, die weit mehr ist als ein bloßes Pochen im Kopf.1 Sie kann lähmen, den Alltag stilllegen und das Leben über Jahre bestimmen – und doch bleibt sie häufig unerkannt oder wird unterschätzt.
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Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich in wiederkehrenden Attacken äußert. Dabei kommt es zu starken, meist einseitigen Kopfschmerzen, die bei Bewegung zunehmen und den Körper regelrecht lahmlegen können. Häufig treten zusätzlich Übelkeit und Erbrechen auf, oft begleitet von Lichtempfindlichkeit, Geräuschüberempfindlichkeit und einer generellen Überreizung der Sinne.
Im Gegensatz zu Spannungskopfschmerzen ist Migräne keine Folge von Stress oder Verspannung, sondern eine Fehlsteuerung im Gehirn. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) leiden in Deutschland rund 14 Prozent der Frauen und sieben Prozent der Männer an Migräne. Frauen sind doppelt so häufig betroffen – hormonelle Schwankungen spielen dabei ebenfalls eine entscheidende Rolle.
Episodische oder chronische Migräne – wo liegt der Unterschied?
Nicht jede Migräne verläuft gleich. Bei den meisten Betroffenen treten die Anfälle in Abständen von Tagen oder Wochen auf. Man spricht dann von einer episodischen Migräne. Zwischen den Attacken bleibt der Körper schmerzfrei, das Nervensystem kann sich erholen.
Bei der chronischen Migräne dagegen geraten die Grenzen ins Wanken. Die Attacken werden häufiger, die Pausen dazwischen kürzer. Von einer chronischen Form sprechen Ärzte, wenn über mindestens drei Monate hinweg an 15 oder mehr Tagen im Monat Kopfschmerzen auftreten und davon mindestens acht Tage typische Migränesymptome zeigen, also pulsierende Schmerzen, Lichtempfindlichkeit oder Übelkeit.
Die chronische Form entsteht oft schleichend – durch anhaltenden Stress, Schlafmangel oder zu häufige Medikamenteneinnahme. Je früher sie erkannt und behandelt wird, desto besser lässt sich dieser Verlauf aufhalten.2
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Wie Migräne entsteht
Früher hielt man Migräne für eine Durchblutungsstörung. Heute weiß man, dass sie durch ein komplexes Zusammenspiel von Nerven, Botenstoffen und Gefäßreaktionen entsteht.
Im sogenannten Migränezentrum im Hirnstamm reagieren Nervenzellen überempfindlich auf Reize. Sie aktivieren den Trigeminusnerv, der Schmerzsignale überträgt, und setzen Entzündungsbotenstoffe wie CGRP frei. Dadurch erweitern sich Gefäße in den Hirnhäuten, Flüssigkeit tritt aus, und der typische pulsierende Schmerz entsteht.
Zudem ist die Reizverarbeitung gestört: Licht, Geräusche oder Gerüche werden intensiver wahrgenommen. Viele Betroffene berichten, dass sich während einer Attacke die Umgebung „zu laut, zu hell, zu viel“ anfühlt. Auch genetische Faktoren beeinflussen das Risiko – Migräne tritt häufig familiär gehäuft auf.
Auslöser und Risikofaktoren
Migräne entsteht aus einer Kombination innerer und äußerer Einflüsse. Zu den häufigsten Triggern zählen:
- Stress und emotionale Belastung
- Schlafmangel oder ein veränderter Schlafrhythmus
- hormonelle Schwankungen (z. B. vor der Periode oder in den Wechseljahren)
- ausgelassene Mahlzeiten, zu wenig Flüssigkeit
- bestimmte Lebensmittel (Käse, Rotwein, Schokolade, Koffein)
- Wetter- und Luftdruckveränderungen
- grelles Licht, Bildschirmarbeit, intensive Gerüche
Da jeder Mensch anders reagiert, lohnt es sich auf jeden Fall, ein Migränetagebuch zu führen. So lassen sich persönliche Auslöser besser erkennen und vermeiden.
Symptome und Verlauf
Migräne kann in vier Phasen verlaufen:
1. Vorbotenphase (Prodromalphase)
Schon Stunden oder Tage vor dem eigentlichen Anfall spüren manche Betroffene Veränderungen: Stimmungsschwankungen, Heißhunger, Konzentrationsprobleme oder Müdigkeit.
2. Neurologische Warnzeichen (Aura)
Etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Migränepatienten erleben neurologische Warnzeichen: Flimmersehen, Lichtblitze, Zickzacklinien, Kribbeln oder Sprachstörungen. Diese sogenannte Aura dauert meist 20 bis 60 Minuten.
3. Kopfschmerzphase
Der Schmerz ist oft einseitig, pulsierend oder hämmernd. Bewegung, Geräusche und Licht verschlimmern ihn. Häufig treten Übelkeit, Erbrechen und starke Erschöpfung hinzu. Die Attacke kann vier bis 72 Stunden dauern.
4. Erholungsphase
Nach Abklingen der Schmerzen fühlen sich viele ausgelaugt, reizbar oder „benommen“. Dieser Zustand kann bis zu einem Tag anhalten.
Formen der Migräne
Neben der episodischen und chronischen Migräne unterscheidet man zudem weitere Typen:
- Migräne ohne Aura: die häufigste Form mit den klassischen Kopfschmerzattacken.
- Migräne mit Aura: neurologische Symptome gehen dem Schmerz voraus.
- Menstruationsassoziierte Migräne: hormonell bedingt, überwiegend um die Regelblutung.
- Vestibuläre Migräne: Schwindel und Gleichgewichtsstörungen stehen im Vordergrund.
- Stille Migräne: Aura-Symptome ohne anschließenden Kopfschmerz.3
Diagnose
Die Diagnose stützt sich vor allem auf ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt. Dabei geht es um Fragen wie:
- Wie oft treten die Kopfschmerzen auf?
- Wie stark sind sie?
- Welche Begleitsymptome gibt es – etwa Übelkeit, Lichtempfindlichkeit oder Schwindel?
- Und was könnte sie auslösen?
So kann herausgefunden werden, ob es sich tatsächlich um eine Migräne handelt oder um eine andere Form von Kopfschmerz.
Technische Untersuchungen wie MRT oder CT sind in der Regel nicht nötig – sie werden nur eingesetzt, wenn die Beschwerden ungewöhnlich sind oder sich plötzlich verändern.
Hilfreich ist außerdem ein Kopfschmerz- oder Migränetagebuch. Darin notiert man, wann die Schmerzen auftreten, wie lange sie dauern und unter welchen Umständen sie entstehen, sodass der Arzt den Verlauf besser beurteilen und die Behandlung gezielter planen kann.4
Diese Anzeichen deuten auf eine Aura vor einem Migräneanfall hin
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Behandlungsmöglichkeiten
Migräne ist nicht heilbar, aber gut behandelbar. Die Therapie umfasst Akutmaßnahmen und Vorbeugung.
Akute Behandlung
- Schmerzmittel: Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS), Naproxen oder Paracetamol
- Triptane: speziell für Migräne entwickelt, hemmen Entzündungen und Gefäßreaktionen
- Antiemetika: lindern Übelkeit und Erbrechen
Medikamente sollten frühzeitig in der Attacke eingenommen, aber nicht häufiger als an zehn Tagen im Monat verwendet werden, um einen Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz zu vermeiden.
Vorbeugung (Prophylaxe)
Bei häufigen oder schweren Attacken kann eine prophylaktische Behandlung helfen.
Bewährte Wirkstoffe sind:
- Betablocker (z. B. Propranolol, Metoprolol)
- Antiepileptika (z. B. Topiramat)
- Antidepressiva (z. B. Amitriptylin)
- CGRP-Antikörper – neue, gezielt gegen Migräne entwickelte Medikamente
- Botulinumtoxin (Botox) bei chronischer Migräne
Ergänzend unterstützen regelmäßiger Schlaf, geregelte Mahlzeiten, Ausdauersport und Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder Yoga.
Migräne im Alltag
Migräne beeinträchtigt nicht nur den Körper, sondern auch das seelische Gleichgewicht.
Die Angst vor der nächsten Attacke, Arbeitsausfälle und Rückzug aus dem sozialen Leben können zu Stress und Depressionen führen.
Ein wichtiger Teil der Behandlung ist daher die psychologische Unterstützung. Verhaltenstherapie hilft, Stress zu regulieren und den Umgang mit der Krankheit zu verbessern. Auch Selbsthilfegruppen können entlastend wirken und den Austausch fördern.
Prognose
Migräne ist eine chronische Erkrankung, deren Verlauf sich mit der Zeit verändern kann.
Viele Betroffene erleben mit zunehmendem Alter seltener und mildere Attacken, insbesondere nach den Wechseljahren. Mit einer Kombination aus Medikamenten, Lebensstilmaßnahmen und psychologischer Unterstützung lässt sich die Häufigkeit der Anfälle deutlich reduzieren.5
Migräneattacke – als hätte man einen Marathon gelaufen
„Seit meinem 13. Lebensjahr begleitet mich Migräne – eine Krankheit, die von außen unsichtbar ist, aber alles bestimmt. In der Schule hieß es, ich würde ‚nur simulieren‘. Ärzte suchten nach ‚Krampfadern im Kopf‘, fanden aber nichts. Erst mit 27, nach einem Burn-out, wurde ich endlich ernst genommen.
Ein Gamechanger waren Triptan-Präparate. Diese Medikamente stoppen den eigentlichen Anfall, den bohrenden, hohlen Schmerz. Aber sie beenden nicht alles, was dazugehört. Das Hämmern hinter dem Auge, die Lichtempfindlichkeit, der Schweiß, das Zittern, das stundenlange Erbrechen – all das bleibt Teil der Attacke. Und danach fühlt es sich an, als hätte man einen Marathon gelaufen: Jeder Muskel tut weh, der ganze Körper ist erschöpft.
Heute weiß ich: Migräne ist eine neurologische, chronisch entzündliche Erkrankung – und weitaus mehr als ein ‚bisschen Kopfweh‘. Ich habe gelernt, Warnsignale zu deuten, Medikamente rechtzeitig zu nehmen und meine Grenzen zu akzeptieren. Aber ich weiß auch, dass der nächste Anfall nie lange auf sich warten lässt.“