3. August 2026, 10:09 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Mit 29 Jahren erhält Carolin Kotke die Diagnose Brustkrebs. Was folgt, sind Chemotherapie, die Angst vor dem Tod – und ein Leben, das anschließend nicht mehr dasselbe ist. Die Erkrankung zwingt sie, ihre Prioritäten neu zu ordnen und Gesundheit erstmals ins Zentrum ihres Lebens zu stellen. Heute arbeitet Kotke als Ernährungsberaterin und Autorin. Ihr aktuelles Buch „Ernährung bei Krebs: Gut durch die Therapie und gestärkt danach“ soll Betroffenen Orientierung geben und zeigt, wie sie ihren Körper bestmöglich unterstützen können. Im Interview mit FITBOOK spricht sie offen über die prägendsten Momente ihrer Erkrankung, den Mut, nach der Diagnose ihr Leben neu auszurichten, und darüber, was ihr bis heute Kraft gibt. Gleichzeitig erklärt sie, welche Rolle Ernährung, Bewegung und mentale Gesundheit auf ihrem Weg gespielt haben und welche Botschaft sie anderen Krebspatienten mitgeben möchte.
FITBOOK: Sie haben 2017 mit nur 29 Jahren Ihre Brustkrebsdiagnose erhalten. Wie war dieser Moment für Sie?
Carolin Kotke: „Ich hatte den Ernst der Lage zunächst gar nicht richtig wahrgenommen. Vielleicht wollte ich ihn auch nicht wahrhaben. Ich saß mit meiner Mum zusammen in der Radiologie, als mir der Radiologe erklärte, dass ich Brustkrebs habe. Bösartig. Meine Mutter war den Tränen nahe und meine einzige Reaktion war: ‚Was heißt das? Werde ich jetzt krankgeschrieben?‘ Ich hatte gerade einen neuen Job begonnen, war auf der Überholspur und hatte keine Zeit, krank zu sein. Damals stand für mich der Beruf an erster Stelle, nicht meine Gesundheit. Wie ernst die Lage wirklich war, habe ich erst im Laufe der Therapie verstanden.“
„Vielleicht erlebe ich mein nächstes Lebensjahr gar nicht mehr“
Wann haben Sie gemerkt, dass diese Erkrankung Ihr Leben dauerhaft verändern wird?
„Der einschneidendste Moment war für mich, dass trotz sechs Monaten kräftezehrender Chemotherapie noch Resttumorzellen und Metastasen in den Lymphknoten gefunden wurden. Da wurde mir bewusst, wie ernst diese Krankheit ist. Zum ersten Mal dachte ich: ‚Vielleicht erlebe ich mein nächstes Lebensjahr gar nicht mehr.‘ Damals habe ich mir geschworen, meinen Körper künftig so gut wie möglich zu unterstützen, nichts mehr als selbstverständlich anzusehen und mein Leben zu verändern, wenn ich das alles wirklich überleben würde.“
Und das haben Sie getan. Wie sieht Ihr Leben heute aus?
„Heute bin ich glücklicherweise gesund und habe mein Leben wirklich um 180 Grad gedreht. Ich habe meinen alten Job aufgegeben, mich zur Ernährungsberaterin umschulen lassen, mich selbständig gemacht und lebe auf dem Land statt in der Großstadt.“
Wechseljahre mit 30
Die Erkrankung hat auch Ihre Vorstellungen von Familie und Zukunft verändert. Wie haben Sie diesen Einschnitt erlebt?
„Ich kann keine Kinder mehr bekommen, weil ich mir die Eierstöcke entfernen lassen habe. Das war ein großer Schritt. Ich hatte lange diesen klassischen Weg im Kopf: erst Karriere, dann Familie. Durch die Diagnose kam alles anders. Auch, dass ich mit 38 Jahren seit acht Jahren in den Wechseljahren bin. Ich musste lernen, dass man nicht immer den perfekten Plan braucht und dass der eigene Lebensweg manchmal anders verläuft, als man ihn sich vorgestellt hat.“
Was bedeutet Gesundheit heute für Sie – anders als vor Ihrer Erkrankung?
„Früher war Gesundheit für mich selbstverständlich. Heute ist sie das A und O. Wenn die Gesundheit nicht da ist, bringt alles andere wenig. Man kann nicht nur fordern, sondern muss auch mit dem Körper zusammenarbeiten, ihn unterstützen und liebevoller mit ihm umgehen.“
Welche Rolle haben Ernährung und Bewegung auf Ihrem Weg zurück zu mehr Kraft und Lebensqualität gespielt?
„Eine große Rolle. Ernährung ist einer der wichtigsten Bausteine in meinem Leben geworden. Dazu kommen Bewegung, viel Zeit in der Natur, Stressmanagement, Achtsamkeit und das Mindset. Ich bin nicht dankbar für die Diagnose, aber dafür, dass ich schon in jungen Jahren eine neue Wertschätzung für die kleinen Dinge im Leben und für meinen Körper entwickelt habe.“
Welche Gewohnheiten tun Ihnen heute besonders gut?
„Ich bin jeden Tag draußen in der Natur. Seit anderthalb Jahren haben wir einen Hund. Auch wenn ich kein Kind habe, ist er ein bisschen wie mein Kind. Mit ihm bin ich täglich etwa eine Stunde an der frischen Luft unterwegs.“
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„Das ist meine größte Baustelle“
Welche Bedeutung haben Schlaf, Regeneration und Stressmanagement heute für Sie?
„Das sind große Themen – und ehrlich gesagt auch noch meine größte Baustelle. Ich arbeite heute selbstständig und mit sehr viel Herzblut. Dabei muss ich aufpassen, mich nicht selbst zu überfordern. Durch die Wechseljahre und den Östrogenmangel merke ich, wie sensibel mein Nervensystem geworden ist. Deshalb sind achtsame Bewegung, Atemübungen, Entspannungstechniken und auch Musik für mich wichtige Werkzeuge geworden, um wieder mehr Balance zu finden.“
Was für Techniken gibt es zum Beispiel in Ihrem Werkzeugkoffer?
„Atemübungen sind für mich sehr wichtig. Abends mache ich zum Einschlafen gern die 4-7-8-Atmung. Wenn ich merke, dass ich gestresst bin, halte ich bewusst inne und atme tief ein und aus. Auch morgens öffne ich zuerst das Fenster und schnappe frische Luft. Außerdem helfen mir Musik und Klang. Deshalb habe ich auch eine Klangschalenausbildung gemacht. Qigong mache ich auch sehr gern, weil es Atmung und Bewegung verbindet. Dabei hat man kaum Raum, mit den Gedanken abzuschweifen.“
Ernährungstipps bei Krebs: „Nicht sofort alles googeln!“
Gerade beim Thema Krebs kursieren viele Ernährungsratschläge. Welche helfen wirklich und was setzt Betroffene eher unter Druck?
„Das Wichtigste ist: Am besten nicht sofort alles googeln. Sonst stößt man schnell auf extreme Empfehlungen. Man müsse sich vegan ernähren, ketogen essen oder Saftfasten machen. Das hat mich damals total überfordert, weil vieles sehr dogmatisch klang. Geholfen hat mir vielmehr, wieder mehr in meinen Körper hineinzuhören. Der Körper braucht keine Perfektion, sondern eine gute Versorgung. Man kann schauen: Bekommt er ausreichend Nährstoffe? Wie geht es der Darmflora? Wie stabil ist der Blutzucker? Das sind für mich wichtige Bausteine.“
Gibt es also keine allgemeingültige Krebsdiät?
„Nein. Es gibt nicht die eine Empfehlung für alle Krebspatienten. Jeder Körper reagiert anders. Deshalb finde ich es viel wichtiger, Nährstoffwerte zu prüfen und individuell zu schauen, was gerade fehlt oder gebraucht wird. Wenn es eine Krebsernährung gäbe, dann würde sie für mich vor allem bedeuten: nährstoffreich und bunt essen.“
Was hat Ihnen mental in besonders schweren Phasen geholfen?
„Darüber zu sprechen. Am Anfang hatte ich große Angst vor dem Thema und habe vieles verdrängt. Aber Verdrängen hilft nicht. Für mich war es fast wie eine Therapie, offen über die Erkrankung zu sprechen; mit Familie, Freunden und anderen Betroffenen. Auch zu lernen, Hilfe anzunehmen, war ein wichtiger Schritt. Zu merken, dass man nicht allein ist, kann sehr viel Kraft geben.“
Sie haben Ihre Diagnose auch öffentlich gemacht. Warum war Ihnen das wichtig?
„Ich war damals schon auf Social Media aktiv und habe dort über meine Diagnose gesprochen. Zusätzlich habe ich auf meinem Blog ein Brustkrebstagebuch geführt. Das Schreiben hat mir sehr bei der Verarbeitung geholfen. Manchmal ist es leichter, Dinge erst einmal aufzuschreiben, bevor man sie ausspricht. Außerdem habe ich gemerkt, wie gut es tut, andere Betroffene zu finden – gerade als junge Frau mit Krebs.“
Gab es jemanden, der Ihnen damals Mut gemacht hat?
„Ja, ich habe auf Social Media eine Frau gefunden, die offen über Brustkrebs gesprochen hat. Ich fand sie unglaublich mutig, und sie hat mir viel Kraft gegeben. Wenige Tage, nachdem ich meine Erkrankung öffentlich gemacht hatte, ist sie an Krebs gestorben. Das hat mich sehr bewegt und gleichzeitig darin bestärkt, weiterzumachen. Ich hatte erlebt, wie viel Mut sie mir gegeben hatte und genau das wollte ich weitertragen.“
Welche Botschaft möchten Sie anderen Betroffenen mitgeben?
„Hören Sie auf sich und Ihren Körper. Lernen Sie Ihre Grenzen kennen und nehmen Sie sie ernst. Schauen Sie: Was brauche ich gerade? Was kann mich unterstützen: Gespräche, Ernährung, Bewegung oder achtsame Werkzeuge wie Atmung? Wir können oft mehr tun, als wir denken. Entscheidend ist, dem eigenen Körper in dieser Situation etwas Gutes zu tun.“