7. Oktober 2026, 20:15 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Arthrose ist eine der häufigsten Gelenkerkrankungen und nach aktuellem Forschungsstand nicht heilbar. Dabei verändern sich die Gelenkstrukturen, was zu teils erheblichen Beschwerden wie Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen kann. Um das Erkrankungsrisiko zu senken und die Gelenkfunktion zu unterstützen, werden gezieltes Krafttraining und der Abbau von Übergewicht empfohlen. Südkoreanische Forscher untersuchten nun, ob auch Alkoholkonsum mit einem erhöhten Risiko für eine neu auftretende Arthrose verbunden ist. Dabei stellten sie einen auffälligen statistischen Zusammenhang auf.
Wie FITBOOK in diesem Beitrag näher erläutert, können verschiedene Faktoren die Entstehung von Arthrose begünstigen. Dazu zählen neben Übergewicht auch zunehmendes Alter, eine genetische Veranlagung, frühere Gelenkverletzungen und Fehlstellungen. Ebenso kann eine dauerhaft hohe oder einseitige Belastung der Gelenke das Risiko erhöhen. Umgekehrt kann Bewegungsmangel die Muskulatur schwächen und die Gelenke zusätzlich belasten.
Alkohol und Arthrose
Die Rolle von Alkohol als möglicher Einflussfaktor für die Entstehung von Arthrose wurde bislang nur wenig untersucht. Gleichzeitig ist bekannt, dass sich sein Konsum bei bestehender Arthrose nachteilig auswirken kann. Ein Grund dafür ist, dass Alkohol stille Entzündungen im Körper fördert und wichtige Regenerationsprozesse stört. Alkohol ist zudem kalorienreich, was Übergewicht begünstigen kann.
Die Autoren der vorliegenden Studie gingen nun der Frage nach, ob Alkoholkonsum mit einem höheren Arthroserisiko einhergeht.1 Besonders interessierte sie dabei, ob ein möglicher Zusammenhang auch dann bestehen bleibt, wenn zwei wichtige Begleitfaktoren berücksichtigt werden: Übergewicht und Lebererkrankungen. Sie wollten somit klären, ob diese Faktoren einen etwaigen Zusammenhang möglicherweise begründen oder ob er auch unabhängig davon bestehen bleibt.
Details zur Untersuchung
Bei der Untersuchung handelte es sich um eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie. Im Gegensatz zu einer randomisierten kontrollierten Studie, bei der die Teilnehmer zufällig verschiedenen Alkoholkonsumgruppen zugeteilt werden, wurden hier Daten einer großen Personengruppe über einen längeren Zeitraum ausgewertet.
Datenerhebung
Die Daten bezogen die Forscher aus dem südkoreanischen National Health Insurance Service (NHIS), dem staatlichen Krankenversicherungssystem des Landes. Eingeschlossen wurden Erwachsene ab 40 Jahren, die zwischen 2009 und 2011 an einer Gesundheitsuntersuchung teilgenommen hatten. Voraussetzung war, dass bei ihnen zu Beginn der Beobachtung keine Arthrose dokumentiert war. In die Auswertung gingen schließlich 1.233.179 Teilnehmer mit Angaben zu ihrem Alkoholkonsum ein. Ihr Durchschnittsalter betrug 50,8 Jahre.
Um den Alkoholkonsum zu erfassen, stützten sich die Autoren auf die Angaben der Probanden zur eigenen Trinkhäufigkeit und zur geschätzten täglichen Menge an Ethanol, also dem in alkoholischen Getränken enthaltenen Alkohol. Auf dieser Grundlage wurden die Teilnehmer geschlechtsspezifischen Konsumgruppen zugeteilt: „leichter Alkoholkonsum“ (unter zehn Gramm Ethanol pro Tag, was etwa einem kleinen Glas Bier oder Soju entspricht), „mäßiger Alkoholkonsum“ (zehn bis unter 30 Gramm pro Tag bei Männern bzw. zehn bis unter 20 Gramm bei Frauen) sowie „starker Alkoholkonsum“ (ab 30 Gramm pro Tag bei Männern bzw. ab 20 Gramm bei Frauen). Als Vergleichsgruppe dienten Personen, die keinen Alkohol tranken.
Um bewerten zu können, ob Lebererkrankungen oder Übergewicht etwaige Zusammenhänge erklären könnten, betrachteten die Forscher Personen mit normaler Leberfunktion und ohne bekannte Lebererkrankung gesondert, außerdem Personen mit normalem Gewicht und ohne Vorgeschichte von Adipositas.
Die Teilnehmer wurden bis zu einer erstmaligen Arthrosediagnose (anhand von Abrechnungsdaten) oder ihrem Tod nachbeobachtet, die offizielle Nachbeobachtung lief bis zum 31. Dezember 2023. Arthrosen, die infolge einer Verletzung entstanden sind, wurden ausgeschlossen.
Auswertung
Für die Auswertung verglichen die Forscher das Arthroserisiko der verschiedenen Alkoholgruppen miteinander. Dabei berücksichtigten sie weitere Faktoren, die das Risiko beeinflussen könnten. Die Ergebnisse wurden als sogenannte Hazard Ratios (HR) angegeben. Ein Wert von 1 bedeutet dabei, dass sich die Gruppen hinsichtlich des Risikos nicht unterscheiden. Werte über 1 weisen auf ein höheres Risiko hin.
Ergebnisse: Je mehr Alkohol, desto höher das Arthroserisiko
Während der durchschnittlich 9,9 Jahre dauernden Nachbeobachtungszeit wurde bei 571.077 Teilnehmern erstmals Arthrose diagnostiziert. Dabei zeigte sich ein klares Muster: Je mehr Alkohol konsumiert wurde, desto höher war die Rate neu auftretender Arthrose.
Im Vergleich zu den Nichttrinkern lag die Rate
- bei leichtem Alkoholkonsum um 3,7 Prozent höher,
- bei mäßigem Alkoholkonsum um 8,1 Prozent höher,
- bei starkem Alkoholkonsum um 18,6 Prozent höher.
Der Zusammenhang blieb auch dann bestehen, als die Forscher Personen mit Lebererkrankungen bzw. eingeschränkter Leberfunktion sowie Personen mit Übergewicht oder einer Vorgeschichte von Adipositas aus den jeweiligen Analysen ausschlossen.
Frauen reagieren auf Alkohol womöglich empfindlicher
Die Forscher bemerkten einen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Bei Frauen war bereits bei geringeren Mengen Alkohol ein Zusammenhang mit einem erhöhten Auftreten von Arthrose zu erkennen als bei Männern: Während bei Männern mit leichtem Konsum kein erhöhtes Arthroserisiko festgestellt wurde, zeigte sich bei Frauen bereits in der leichten Konsumgruppe (unter zehn Gramm Ethanol pro Tag) ein um 6,3 Prozent erhöhtes Risiko.
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Bedeutung der Ergebnisse
Laut der Auswertung war Alkoholkonsum in der betrachteten großen südkoreanischen Bevölkerungsgruppe mit einer höheren Rate neu diagnostizierter Arthrose verbunden. Der statistische Zusammenhang fiel zudem bei steigendem Konsum stärker aus. Auch die Befunde der Gruppen mit normaler Leberfunktion und normalem Gewicht sprechen dafür, dass die beobachtete Verbindung nicht ausschließlich durch Leberprobleme oder Adipositas erklärt werden kann.
Es ist aber wichtig, zu bedenken, dass die Zahlen nur einen statistischen Zusammenhang zeigen. Sie sagen nicht aus, dass 18,6 Prozent der starken Trinker an Arthrose erkranken oder dass Alkohol die nachgewiesene Ursache der Erkrankung ist.
Dennoch könnten Menschen, die sich für ihre Gelenkgesundheit interessieren – möglicherweise nicht zuletzt Frauen –, die Studie zum Anlass nehmen, ihren Alkoholkonsum zumindest genauer zu betrachten. Wenngleich die Ergebnisse keinen belastbaren Hinweis darauf liefern, dass eine Verringerung oder der Verzicht auf Alkohol Arthrose verhindern oder ihren Verlauf verbessern würde. Eine solche Aussage erfordert weitere Untersuchungen, die gezielt prüfen, ob eine Veränderung des Konsums das Erkrankungsrisiko beeinflusst.
Für die nächsten Forschungsschritte ergeben sich zwei zentrale Fragen: Welche Mechanismen könnten den Zusammenhang erklären und bleibt er auch in weiteren Bevölkerungsgruppen bestehen? Experimentelle Studien weisen darauf hin, dass Acetaldehyd – ein Abbauprodukt von Ethanol – sowie oxidativer Stress und Entzündungssignale Knorpelzellen schädigen und knorpelabbauende Enzyme aktivieren könnten.
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Einschränkungen
Als Beobachtungsstudie kann die Untersuchung nicht beweisen, dass Alkohol die Erkrankung verursacht. Auch eine statistische Berücksichtigung weiterer Einflussfaktoren kann nicht ausschließen, dass andere, nicht erfasste Faktoren das Ergebnis mitbestimmen. Die Studienautoren berücksichtigten in ihren statistischen Modellen jedoch eine Vielzahl zentraler Variablen wie Alter, BMI, Blutdruck, Nüchternblutzucker, Cholesterin, Rauchen, körperliche Aktivität, Einkommen sowie Begleiterkrankungen (wie Diabetes, Bluthochdruck und Dyslipidämie).
Eine weitere Einschränkung betrifft die Erfassung des Alkoholkonsums. Die Teilnehmer machten selbst Angaben zu ihrer Trinkhäufigkeit und zur geschätzten täglichen Alkoholmenge. Solche Angaben können vom tatsächlichen Konsum abweichen – nicht nur aufgrund von Erinnerungslücken. Zudem lässt sich aus den gebildeten Konsumgruppen nicht ableiten, wie sich eine bestimmte Trinkmenge genau auf das individuelle Arthroserisiko auswirkt.
Einschränkungen sind ebenfalls hinsichtlich der Erfassung der Erkrankung zu bemerken. Berücksichtigt wurden nur dokumentierte Arthrosediagnosen. Nicht erfasste oder noch nicht diagnostizierte Gelenkerkrankungen blieben bei der Auswertung außen vor.
Die Daten bezogen sich auf Erwachsene ab 40 Jahren in Südkorea. Somit bleibt offen, ob sich die Beobachtungen auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen lassen. Dass der Zusammenhang bei Personen mit normaler Leberfunktion und normalem Gewicht bestehen blieb, ist zwar aufschlussreich, schließt jedoch andere mögliche Einflussfaktoren nicht aus und beweist keinen direkten ursächlichen Zusammenhang zwischen Alkohol und Arthrose.