19. Mai 2026, 10:11 Uhr | Lesezeit: 11 Minuten
Bier beim Grillen, Wein zum Essen, Sekt zum Anstoßen – Alkohol ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. Aber: Tatsächlich ist Alkohol ein Zellgift und eine Substanz, die abhängig macht, so die Weltgesundheitsorganisation.1 Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sagt deshalb: Es gibt keine risikofreie Alkoholmenge, „am besten null Promille“.2 Das gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche: Der Körper entwickelt sich noch, und Alkohol kann in dieser Phase erheblichen Schaden anrichten. Allerdings: Gerade wenn es Richtung Pubertät geht, wird für viele Jugendliche Alkohol interessant.3 FITBOOK und Dr. Jakob Maske, Kinder- und Jugendarzt aus Berlin, erklären, warum Alkohol für junge Menschen gefährlich ist und was Eltern unternehmen können, um ihre Kinder besser zu schützen.
Wie viel trinken Kinder und Jugendliche heute?
Die gute Nachricht: Jugendliche trinken heute insgesamt weniger Alkohol als frühere Generationen. Nach aktuellen Studiendaten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben 65,1 Prozent der männlichen und 60,8 Prozent der weiblichen 12- bis 17-Jährigen schon einmal Alkohol getrunken. 2001 waren es noch 88,3 Prozent der Jungen und 85,5 Prozent der Mädchen.4
Regelmäßiger Alkoholkonsum ist diesen Daten zufolge ebenfalls seltener geworden: 2023 tranken 12,4 Prozent der Jungen und 6,9 Prozent der Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren mindestens einmal pro Woche Alkohol. Im Vergleich zu 2004 haben sich die Werte hier mehr als halbiert. Und Jugendliche fangen etwas später an: Das erste Glas trinken Jugendliche nun mit gut 15 Jahren statt wie 2004 mit 14.
Problematisch bleibt aber das Rauschtrinken, also der Konsum von sehr viel Alkohol in kurzer Zeit, um gezielt einen Rausch herbeizuführen. Da sah man in den Corona-Jahren 2019 bis 2021 einen deutlichen Rückgang – sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen. Das lag vermutlich auch daran, dass Jugendliche während der Pandemie weniger Gelegenheiten hatten, gemeinsam zu feiern. 2023 waren die Zahlen dann aber wieder ungefähr dort, wo sie vor Corona lagen: 17,1 Prozent der Jungen und 13,1 Prozent der Mädchen gaben an, in den vergangenen 30 Tagen mindestens einmal richtig viel Alkohol getrunken zu haben (das heißt, bei einer Gelegenheit fünf Gläser Alkohol oder mehr).
Dr. Jakob Maske, Kinder- und Jugendarzt aus Berlin und Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen e. V., sieht genau darin ein zentrales Risiko: Jugendliche trinken oft nicht regelmäßig, geraten aber in Situationen, in denen dann richtig gebechert wird. „Jugendliche können häufig noch nicht einschätzen, wie Alkohol auf sie wirkt“, sagt Maske auf FITBOOK-Nachfrage. „Das erleben wir zum Beispiel auf Klassenreisen. Mit 14 wird es plötzlich schick, Alkohol zu trinken, dann werden größere Mengen getrunken – und oft wissen die Jugendlichen gar nicht genau, was sie da eigentlich getrunken haben.“ Dabei ist Alkohol gerade für Heranwachsende besonders schädlich.
Gehirn: Alkohol ist Gift für Gehirnzellen
Das Gehirn eines Jugendlichen ist nicht einfach eine kleinere Version eines erwachsenen Gehirns. Dr. Jakob Maske erklärt: „Das jugendliche Gehirn ist noch nicht ausgereift, es ist noch nicht zu Ende vernetzt. Dadurch ist es für Gifte wie Alkohol deutlich empfindlicher, und Alkohol kann deutlich mehr Schäden anrichten.“
Das betrifft vor allem Bereiche, die für Planung, Entscheidung, Impulskontrolle, Risikoeinschätzung und Selbststeuerung wichtig sind.5 Auch werden Regionen durch frühen Alkoholkonsum beeinträchtigt, die zuständig sind fürs Lernen, Erinnern und den Umgang mit Angst oder Stress.6 Je früher jemand anfängt, zu trinken, desto mehr kann sich das auf Konzentration, Gedächtnis und Schulleistungen auswirken.7 Besonders problematisch ist häufiges Rauschtrinken. Maske formuliert es deutlich: „Gerade bei Alkoholexzessen oder Alkoholvergiftungen können Gehirnzellen geschädigt werden. Und was viele nicht wissen: Gehirnzellen wachsen nicht einfach wieder nach. Wenn man sich an der Haut verletzt, wächst die Haut nach, vielleicht bleibt eine kleine Narbe. Aber das Gehirn wächst nicht einfach nach.“
Die schädliche Wirkung von Alkoholkonsum in der Kindheit und Jugend zeigt sich auch später, im Erwachsenenalter. Das liegt daran, dass beim frühen Trinken auch die „Verkabelung“ im Gehirn leidet: Die Verbindungen zwischen einzelnen Hirnregionen entwickeln sich dann möglicherweise nicht mehr so, wie sie sollen. Vor allem Bereiche, die Gefühle, Impulse und klares Denken steuern, können betroffen sein. Außerdem kann Alkohol das Risiko erhöhen, später ein echtes Alkoholproblem zu entwickeln.8 Und Alkoholkonsum in jungen Jahren hängt mit psychischen Problemen zusammen – zum Beispiel mit Angststörungen oder Depressionen, und zwar nicht nur in der Jugend, sondern auch später im Leben.9
Alkohol verändert aber nicht nur das Denken, sondern auch das Verhalten. „Alkohol kann aggressiv und hemmungslos machen“, warnt Maske. Der Konsum führe häufiger zu provozierendem oder streitsüchtigem Verhalten. Das ist im Jugendalter besonders heikel, weil Jugendliche ohnehin eher ausprobieren, Grenzen testen und Risiken unterschätzen.
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Leber: Das Entgiftungsorgan wird früh belastet
Alkohol muss im Körper abgebaut werden, und das geschieht vor allem in der Leber. Dabei entsteht unter anderem Acetaldehyd, ein giftiges Zwischenprodukt. Alkohol ist deshalb ein akutes und chronisches Zellgift.10 Die DGE nennt Lebererkrankungen ausdrücklich als mögliche Folge von Alkoholkonsum.
Bei Jugendlichen denkt man bei Alkohol selten zuerst an die Leber. Schwere Leberschäden wie Zirrhose entstehen meist über längere Zeit und vor allem bei regelmäßig hohem Konsum. Trotzdem beginnt die Belastung nicht erst im Erwachsenenalter. Wer viel auf einmal trinkt, fordert die Leber akut heraus. Je höher die Menge, desto stärker muss der Körper entgiften. In medizinischen Übersichten zu Alkoholproblemen bei Jugendlichen wird beschrieben, dass bei trinkenden Jugendlichen erhöhte Leberenzyme gefunden werden können – ein Hinweis auf Leberbelastung oder Leberschädigung.11
Für den Alltag heißt das: Der Körper „verzeiht“ Alkohol nicht einfach, nur weil jemand jung ist. Jugendliche fühlen sich nach einer Nacht vielleicht schnell wieder fit. Das bedeutet aber nicht, dass das Gift dem Körper nichts anhaben kann.
Wachstum, Hormone, Pubertät: Alkohol stört akute Reifeprozesse
Pubertät bedeutet nicht nur Pickel, Stimmbruch und Stimmungsschwankungen. In dieser Zeit laufen hochkomplexe körperliche Prozesse ab: Wachstumsschübe, sexuelle Reifung, Veränderungen von Muskel- und Fettverteilung, Schlafrhythmus. Das liegt daran, dass das Hormonsystem stark im Umbau ist. Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten beschreiben, dass starker Alkoholkonsum negative Effekte auf diese Entwicklung haben kann, gerade im Bereich der hormonellen Steuerung.12 Die gesamte pubertäre Entwicklung kann so verzögert werden.13
Knochen: Alkohol als Problem beim Knochenaufbau
Knochen sind bei Jugendlichen nicht fertig. Im Gegenteil: Kindheit, Pubertät und junges Erwachsenenalter sind entscheidend dafür, wie viel Knochenmasse ein Mensch aufbaut. Gerade deshalb ist Alkohol in dieser Phase problematisch. Tierexperimentelle Studien haben gezeigt, dass chronischer Alkoholkonsum während der Knochenentwicklung die Knochendichte und die Entwicklung der maximalen Knochenmasse verringern kann.14
Krebsrisiko: Der Schaden zeigt sich oft erst Jahre später
Krebs klingt nach einer Erkrankung, die weit weg ist, wenn man jung ist. Aber Krebs entsteht oft durch eine Anhäufung von gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen, wie Rauchen und eben auch Alkohol trinken. Alkohol schädigt die Zellen, und das Risiko steigt mit Menge und Dauer des Konsums. Wer früh beginnt, verlängert die Lebenszeit, in der der Körper Alkohol ausgesetzt ist.
Alkohol erhöht nachweislich das Krebsrisiko, und zwar nicht erst bei schweren Alkoholproblemen: Besonders gut belegt ist der Zusammenhang unter anderem bei Darmkrebs, Brustkrebs, Leberkrebs, Speiseröhrenkrebs sowie Krebs im Mund-, Rachen- und Kehlkopfbereich. Für Kinder und Jugendliche ist die Empfehlung des Deutschen Krebsforschungszentrums deshalb besonders klar: Sie sollten am besten gar keinen Alkohol trinken.15
Auch Dr. Jakob Maske verweist darauf, dass man von der früheren Vorstellung, kleine Mengen seien unproblematisch, abgerückt sei. Erkrankungen durch Alkohol können „letztlich jeden treffen“ und auch zu Krebserkrankungen führen.
Kleine Mengen oder Komasaufen – was ist schlimmer?
Viele Eltern fragen sich: Ist es schlimmer, wenn Jugendliche immer wieder ein bisschen trinken, oder eher unregelmäßig auf einer Party bis zum starken Rausch betrinken? Darauf gibt es keine klare Antwort, meint Dr. Jakob Maske. „Das Party- oder Komasaufen ist in jedem Fall gefährlich. Je öfter Jugendliche solche Alkoholexzesse haben, desto größer ist das Risiko, dass etwas im Gehirn geschädigt wird – und das kann unwiederbringlich sein“, erklärt der Experte bei FITBOOK. „Immer mal wieder wenig zu trinken, galt lange als nicht so schlimm. Aber auch von dieser Meinung ist man inzwischen abgerückt. Alles, was erst einmal getrunken ist, ist im Körper drin. Wenn man dann merkt: Oh, da war aber ganz schön viel Alkohol drin, ist es zu spät. Man bekommt den Alkohol nicht einfach wieder aus dem Körper heraus.“ Maske findet in diesem Zusammenhang vor allem die süßen, alkoholischen Mixgetränke problematisch: „Die schmecken wie Saft oder Limo, das kaschiert den Alkohol und viele merken so lange gar nicht, wie viel sie eigentlich getrunken haben.“
3 Lebensphasen, in denen Alkohol besonders schädlich sein soll
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Was Eltern machen können: reden und ein gutes Vorbild sein
Aber wie bringt man dem Nachwuchs einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol bei? „Wenn man ins Gespräch kommt und darüber redet, ist das die beste Vorsorge“, rät Dr. Maske. Und zwar nicht erst kurz vor der Party oder der Klassenfahrt, sondern als Thema, das immer wieder zur Sprache kommt. Der Ton sollte dabei eher nicht sein: „Du darfst nicht trinken.“ Denn Verbote können den Reiz unter Umständen erst richtig anstacheln. Besser sind konkrete, ruhige Gespräche. Was machst du, wenn dir jemand Alkohol anbietet? Wie kommst du nach Hause? Wen rufst du an, wenn es dir oder jemand anderem schlecht geht? Darfst du uns auch dann anrufen, wenn du Mist gebaut hast? Solche Absprachen können schützen, weil sie reale Situationen durchspielen. „Wir müssen natürlich realistisch bleiben: Jugendliche trinken Alkohol. Aber wir können die Mengen reduzieren, wir können die Art des Alkohols beeinflussen – und unter Umständen können wir auch dafür sorgen, dass sie gar nicht trinken.“
Maske betont auch, dass Wissen wirkt: „Das Informiertsein von Jugendlichen – also was Alkohol mit dem Körper, mit der Gesundheit und auch mit der Seele macht, etwa Aggressivität – ist absolut wichtig.“ Wenn er Jugendlichen erkläre, dass Alkohol das Gehirn schädigen könne, sei das für viele ein starkes Argument, „zumindest nicht in Alkoholexzesse zu gehen“. Wirklich wirkungsvolle Prävention beginnt aus seiner Sicht aber sogar noch früher. „Alles fängt mit frühkindlicher Bildung an“, sagt Maske. Wenn Kinder schon früh etwas über Gesundheit, Ernährung, Körper und Umwelt lernten, achteten sie später eher auf ihre Gesundheit. „Das heißt dann eben auch: weniger Alkohol trinken.“
Dazu kommt die Vorbildrolle der Eltern. Kinder sehen sehr genau, wie mit Alkohol im Familienalltag umgegangen wird. Wird Stress mit Wein reguliert? Gehört Bier automatisch zum Feierabend? Wird jede Feier mit Alkohol verbunden? Sind Kinder regelmäßig dabei, wenn Alkohol getrunken wird?16 Maske sagt: „Wir sehen in Deutschland einen wahnsinnig hohen Alkoholkonsum. Eltern sind da natürlich nicht unbedingt immer ein Vorbild. Vielleicht nehmen sie das zum Anlass, ihren eigenen Alkoholkonsum zu überdenken und als Vorbild voranzugehen.“
Jugendschutz beim Alkohol: „Luft nach oben“
In Deutschland ist Alkohol für Jugendliche vergleichsweise früh zugänglich. Hochprozentiges wie Schnaps oder Branntwein, gibt‘’’s erst ab 18 Jahren, aber mit 16 Jahren kann man sich schon legal Bier, Wein, weinähnliche Getränke und Schaumwein besorgen. Und ab 14 Jahren darf man Bier oder Wein trinken, wenn man in Begleitung eines Sorgeberechtigten ist – das nennt sich „begleitetes Trinken“.17 Kinderarzt Maske schüttelt beim Begriff „begleitetes Trinken“ den Kopf: „Das finde ich gar nicht gut“, sagt er. Allgemein sei im Jugendschutz in Deutschland bei Alkohol „noch deutlich Luft nach oben. Es wäre vor allem besser, die Altersgrenze nach oben zu setzen.“ Studien haben zudem gezeigt, dass, wenn Eltern ihre Kinder an alkoholischen Getränken nippen lassen, sie dazu beitragen, dass sie Alkohol positiver gegenüber eingestellt sind.18
Auch bei Alkoholwerbung ist Deutschland nicht besonders streng. Es gibt zwar Regeln: Werbung darf sich nicht gezielt an Kinder oder Jugendliche richten, sie nicht besonders ansprechen und sie nicht beim Alkoholkonsum zeigen. Zusätzlich gibt es freiwillige Verhaltensregeln der Werbewirtschaft. Ein umfassendes Werbeverbot ist das aber nicht. Die WHO empfiehlt deutlich strengere Maßnahmen, darunter Beschränkungen oder Verbote von Alkoholmarketing – gerade auch bei digitaler Werbung und Social Media. Hintergrund ist, dass Werbung Alkoholkonsum normalisieren kann und Studien einen Zusammenhang zwischen Alkoholmarketing und früherem oder stärkerem Konsum bei jungen Menschen zeigen.19
Kinderarzt Maske hält es vor allem für wichtig, dass Kinder und Jugendliche verstehen, was Alkohol im Körper und im Gehirn anrichten kann: „Dann können sie eine bessere Entscheidung für ihr Leben treffen.“