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Studien-Insider räumt mit Mythen auf

»Das ist das größte Missverständnis um die Abnehmspritze

Ein Diabetologe räumt mit Mythen auf um die Abnehmspritze
Zunehmend im Fokus als Lifestyle-Medikament: Ein Studien-Insider räumt mit Mythen um die Abnehmspritze auf Foto: Getty Images
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Anna Echtermeyer
Redakteurin

7. Januar 2026, 4:03 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Die GLP-1-Spritze als Shortcut zum Wunschgewicht – was inzwischen viele für ein Lifestyle-Medikament halten, ist in Wahrheit ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel – mit Risiken, Nebenwirkungen und klaren Grenzen. Im FITBOOK-Interview warnt Studien-Insider Prof. Norbert Stefan vor fatalen Fehleinschätzungen und nachgebauten Medikamenten aus dem Ausland.

Der Endokrinologe und Diabetologe Prof. Dr. med. Norbert Stefan zählt zu den besten Kennern der klinischen Studienlage und Wirkmechanismen GLP-1-basierter Medikamente. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für klinisch-experimentelle Diabetologie am Universitätsklinikum Tübingen und leitet die Abteilung „Pathophysiologie des Prädiabetes“ am Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrums München. Er hat mit Herstellern von GLP-1-basierten Präparaten, meist im Rahmen von wissenschaftlichen Vortragsveranstaltungen, zusammengearbeitet. Im letzten Teil des Interviews geht es um Mythen rund um GLP-1.

»Die Spritze ist kein Wundermittel

FITBOOK: Läuft in der öffentlichen Debatte rund um die „Abnehmspritzen“ aus Ihrer Sicht grundlegend etwas schief?
Prof. Dr. med. Norbert Stefan: „Das größte Missverständnis ist aus meiner Sicht die Vorstellung, dass diese Medikamente eine Art Wundermittel seien – vor allem zur schnellen Gewichtsabnahme. Viele sehen Vorher-Nachher-Bilder und glauben, man müsse sich nur regelmäßig eine Spritze setzen, um dauerhaft schlanker und gesünder zu sein. Dabei wird oft vergessen, dass es sich um verschreibungspflichtige Medikamente mit klaren medizinischen Indikationen handelt – Typ-2-Diabetes, Übergewicht (spezifisch BMI ≥27 kg/m2) mit bereits bestehenden, gewichtsbedingten Begleiterkrankungen wie z. B. Fehlregulation der glykämischen Kontrolle (Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes), Hypertonie, Dyslipidämie, obstruktive Schlafapnoe, Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Adipositas.“

Auch interessant: Norbert Stefan – Interview Teil 1 »Größte Wirkung durch GLP-1-Medikamente bei diesen Patienten

»Für Gesunde gibt es keinen belegten Präventions-Effekt

Schützt die Abnehmspritze auch Gesunde – oder ist das ein Trugschluss?
„Auch das ist ein Missverständnis. Es ist derzeit nicht belegt, dass GLP-1-Medikamente bei gesunden Menschen ohne Vorerkrankungen präventiv gegen Herzinfarkt, Diabetes oder Alzheimer wirken. Die bisher vorliegenden Studien beziehen sich ausschließlich auf bereits erkrankte Menschen.“

»Ohne Verhaltensänderung kommt das Gewicht zurück

Wenn ich zu der Patientengruppe gehöre, für die die Abnehmspritze in Betracht kommt bzw. mir das Medikament verschrieben wird: Was sollte ich – über das Spritzen hinaus – noch tun?
„Die Lebensstiländerung ist extrem wichtig. In allen Studien zur Gewichtsreduktion und Therapie der MASH [entzündliche Lebererkrankung, bei der sich Fett in der Leber ansammelt, d. Red.], auf die sich die Zulassungen stützen, war die Einnahme der Medikamente an eine konsequente Lebensstiländerung gekoppelt – also Kalorienreduktion, Ernährungsumstellung und regelmäßige körperliche Aktivität. Die meisten Teilnehmenden der Gewichtsreduktionsstudien hatten ein strukturiertes Programm – teils mit Empfehlung von etwa 1.200 Kilokalorien täglich und mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche. Ohne diese begleitenden Maßnahmen ist der langfristige Erfolg deutlich geringer.“

Was passiert, wenn man die Abnehmspritze absetzt, aber sein Verhalten nicht ändert?
„Wird das Medikament einfach abgesetzt, ohne dass sich das Verhalten ändert, kommt es häufig wieder zur Gewichtszunahme. Deshalb ist es medizinisch sinnvoll, diese Therapie immer in ein ganzheitliches Behandlungskonzept einzubetten.“

Auch interessant: Norbert Stefan – Interview Teil 2: »Die häufigsten Nebenwirkungen der Abnehmspritze

„Das sehe ich mit großer Sorge“

Immer mehr Menschen besorgen sich GLP-1-Medikamente online. Wie gefährlich sind nachgebaute Abnehmspritzen aus dem Ausland?
„Das sehe ich mit großer Sorge. In den USA dürfen Pharmafirmen oder Apotheken bei Engpässen Medikamente nachbauen und verkaufen, sogenannte ‚Compounded Drugs‘. Dabei handelt es sich oft um Präparate, die nicht dieselben Qualitätsstandards wie die Originale erfüllen und nicht in klinischen Studien geprüft wurden. Das birgt möglicherweise erhebliche Risiken für Wirksamkeit und Sicherheit. In Europa ist das zum Glück nicht erlaubt. Aber auch bei uns ist zu beobachten, dass Menschen vermehrt versuchen, sich die Medikamente, häufig ohne ausreichende ärztliche Begleitung, über Online-Anbieter zu beschaffen. Das ist ein Problem, denn es handelt sich nicht um oft harmlose Nahrungsergänzungsmittel, sondern um wirksame Arzneimittel mit möglichen Nebenwirkungen.“

»Vorher-Nachher-Bilder erzeugen falsche Erwartungen

Was richten Vorher-Nachher-Fotos von Prominenten in der Wahrnehmung dieser Medikamente an?
„Die mediale Fokussierung auf Vorher-Nachher-Fotos suggeriert ein einseitiges Bild: Die Spritze als Allheilmittel für ein besseres Leben. Es wird dabei kaum darüber gesprochen, welche Vorerkrankungen die Betroffenen hatten, welche Nebenwirkungen aufgetreten sind oder wie schwierig die langfristige Gewichtsstabilisierung ist. Das ist problematisch, weil es unrealistische Erwartungen weckt – und Druck auf Menschen ausübt, die vielleicht gar keine medizinische Indikation haben.“

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„Was ich nicht empfehlen kann, ist der eigenmächtige Einsatz ohne Indikation“

Wenn man überall sieht, wie schnell andere mit GLP-1-Agonisten abnehmen, entsteht leicht der Gedanke: Warum nicht auch ich? Was sagen Sie Menschen in genau diesem Moment?
„Ich würde diesen Menschen raten, das Gespräch mit ihrem Hausarzt zu suchen. Insbesondere Menschen mit schlecht eingestelltem Typ-2-Diabetes und/oder Übergewicht/Adipositas und kardiovaskulären Vorerkrankungen sollten aus meiner Sicht ärztlich prüfen lassen, ob eine solche Therapie für sie infrage kommt. Wenn es Unsicherheiten gibt, ist der Gang zu einer diabetologischen oder endokrinologischen Fachpraxis sinnvoll. Was ich nicht empfehlen kann, ist der eigenmächtige Einsatz von GLP-1-Agonisten ohne klare Indikation und ohne medizinische Begleitung. Die Risiken werden häufig unterschätzt – auch wenn der kurzfristige Erfolg auf der Waage verlockend erscheint.“

»Großes Potenzial – aber nur bei kontrollierter Anwendung

Was wird aus Ihrer Sicht zur größten Herausforderung, wenn GLP-1-Therapien in Zukunft noch leichter verfügbar werden?
„Ein großes Thema wird die breite Verfügbarkeit sein. Schon jetzt ist absehbar, dass deutlich mehr Menschen eine solche Therapie wünschen, als tatsächlich eine medizinische Indikation haben. Wenn GLP-1-Medikamente zukünftig auch in Tablettenform erhältlich sein werden, könnte die Hemmschwelle weiter sinken. Damit steigt das Risiko der unkontrollierten Selbstmedikation. Gleichzeitig sehe ich es als problematisch an, wenn Medikamente ohne ausreichende begleitende ärztliche Betreuung eingenommen werden – sei es über Online-Portale oder aus dem Ausland. Das medizinische Potenzial dieser Präparate ist groß, aber es kann nur ausgeschöpft werden, wenn die Anwendung kontrolliert und individuell abgestimmt erfolgt.“

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