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Im FITBOOK-Interview

„World’s Strongest Man“ Tom Stoltman: »Mein Autismus hilft mir beim Training

Tom Stoltman Autismus: Tom Stoltman beim Training
Tom Stoltman aus Invergordon, Schottland, ist „World’s Strongest Man 2021“.Foto: Kode Media

Nach seiner Autismus-Diagnose hätte Tom Stoltman niemals geglaubt, in irgendetwas der Beste sein zu können. Jetzt trägt er den Titel „World’s Strongest Man“. Mit FITBOOK sprach der gebürtige Schotte über das harte Training vor dem Wettbewerb und warum er seinen Autismus inzwischen als Superkraft empfindet.

„Der Sport hat mein Leben gerettet“, sagt Strongman Tom Stoltman, der als Kind die Diagnose Autismus erhielt. Der heute 27-Jährige hatte in seiner Jugend mit vielen Selbstzweifeln zu kämpfen. Was ihm half: Die Unterstützung seiner Familie, vor allem von seinem Bruder Luke, der ebenfalls Strongman-Wettkämpfer ist, und ein festes Ziel vor Augen: „World’s Strongest Man“ 2021 werden. Im Interview mit FITBOOK sprach Tom Stoltman darüber, wie er seinen Autismus im Training als Superkraft benutzt.

„Ich habe das Haus nur noch für das Training verlassen“

FITBOOK: Wie fühlt es sich an, „World’s Strongest Man“ zu sein?
Tom Stoltman: „Es fühlt sich sehr besonders an. Ein 27-jähriger Junge aus Schottland ist der stärkste Mann der Welt – das ist etwas ganz Besonderes und es fühlt sich noch immer komisch an, wenn Leute mich so nennen. Ich genieße es jeden Tag. An Weihnachten habe ich mir mit meiner Familie nochmal meinen Sieg auf Video angesehen und den Moment noch einmal erlebt. Ich fühle mich sehr gut.“

Wie haben Sie sich auf den Wettbewerb vorbereitet? 
„Es war sehr schwer. Ich habe viel Zeit mit meiner Familie und meiner Frau dafür geopfert. Alles was ich tat, war Gewichte zu heben und hart zu trainieren. Es fühlte sich ein bisschen wie Gefängnis an. Ich habe mich im Haus eingeschlossen und es nur verlassen, um trainieren zu gehen. Ich aß jeden Tag dasselbe, hatte dieselben Trainings- und Erholungszeiten. Mein Leben drehte sich 24 Stunden am Tag darum, ‘World’s Strongest Man‘ zu werden. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn es wirklich passieren würde. Und glücklicherweise haben sich all die Opfer, die ich gebracht habe, ausgezahlt. Es war ein sehr harter Trainingszyklus und eine große Belastung, auch für meine Familie und mein Privatleben.“

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FITBOOK Workouts

„Mein Bruder Luke half mir, mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren“

Haben Sie sich Rat bei Ihrem älteren Bruder Luke geholt?
„Luke ist zwar auch ein Strongman. Aber wir geben uns eigentlich keine Ratschläge, dafür haben wir unsere Coaches. Luke ist mein Trainingspartner und ich bin seiner. Er hat mich mehr mental als körperlich unterstützt. Er half mir dabei, mein Ziel, ‘World’s Strongest Man‘ zu werden, im Kopf zu behalten, hat mich motiviert und mir gesagt, dass ich es schaffen werde und er half mir durch die Trainingssessions. Wenn man drei bis vier Stunden am Stück trainiert, hat man auch düstere Gedanken. Ich dachte, ich werde nie gewinnen, ich mache das alles umsonst. Es war gut, Luke hinter mir zu haben. Er hat mich angespornt.“

Ist es schwerer, gegen seinen eigenen Bruder anzutreten?
„Nein, gar nicht. Ich habe es geliebt, als ich das erste Mal ‘Stoltman versus Stoltman’ auf einem Event gehört habe. Wir holen das Beste aus uns gegenseitig raus. Wenn wir gegeneinander antreten, ist das immer eine Freude. Ich liebe es, mit ihm auf ein Event zu gehen.“

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Tom Stoltman mit Pokal

Tom Stoltman ist Botschafter des Energydrinks „Reign Total Body Fuel“ und Teil der #ReadyToReign-KampagneFoto: Kode Media

„Mein Autismus ist meine Superkraft

Sie sagen, Ihr Autismus sei eine Superkraft. War das schon immer so? 
„Nein, nie. Als ich jünger war, hat mich der Autismus fertig gemacht. Er kontrollierte mein Leben. Als ich meine Frau kennenlernte, begann ich, zu denken: Ich bin ein 21-jähriger Junge, ich muss anfangen, mich wie ein Mann zu benehmen, statt mein Leben von meinem Autismus kontrollieren zu lassen. In den letzten paar Jahren dachte ich dann: Warum sollte ich es nicht als Superkraft ansehen und zu meinem Vorteil nutzen? Und indem ich gesagt habe, es ist meine Superkraft, konnte ich damit auch vielen betroffenen Kindern und Eltern helfen. Es ist etwas sehr Besonderes, denn nur ein Prozent der Menschen auf der Welt haben diese Superkraft. Und dann auch noch der stärkste Mann der Welt zu sein, der diese Superkraft besitzt, ist eine coole Kombination.“

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Hat Ihnen der Sport dabei geholfen, zu akzeptieren, dass Sie mit dem Autismus leben müssen?
„Ja, als ich noch jünger war, war Sport ein großer Teil meines Lebens. Football war etwas, worin ich wirklich gut war und bei dem ich mich selbst akzeptieren konnte. Ich fühlte mich als normaler Mensch, als normales Kind. Ich habe Football gespielt bis ich so 16, 17 Jahre alt war. Dann war es das Fitnessstudio, das mir half, meinen Autismus zu kontrollieren. Wenn ich keinen Sport gemacht hätte oder ins Fitnessstudio gegangen wäre, wäre ich zusammengebrochen oder hätte nur depressiv in meinem Zimmer gesessen. Sport war eine enorme Ablenkung. Sport hat mein Leben gerettet.“

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„Meine Mutter war mein größter Fan“

Ihre Mutter ist 2016 verstorben. Was glauben Sie, wie sie reagiert hätte, wenn sie miterlebt hätte, wie ihr Sohn „World’s Strongest Man“ wird? 
„Sie wäre wirklich stolz gewesen. Sie war mein größter Fan, begleitete mich zu jedem Wettbewerb und half mir, als mein Autismus diagnostiziert wurde. Deshalb war sie alles für mich. Wenn sie letztes Jahr dabei gewesen wäre, wäre sie so glücklich gewesen. Sie hätte mich umarmt und wäre mit ihrer Kamera rumgelaufen und hätte Fotos gemacht. 2019 habe ich gesagt, ich will 2021 ‚World’s Strongest Man‘ werden, das verspreche ich meiner Mutter. Und ich habe dieses Versprechen gehalten. Ich bin mir sicher, sie schaut auf mich runter und das hilft mir sehr.“

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