30. April 2026, 13:55 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Heute erinnert nichts mehr daran, dass Pilates einst als Rehabilitationsprogramm für Soldaten entwickelt wurde. Die Trend-Sportart gilt als elegantes, fast schon luxuriöses Workout – irgendwo zwischen Yoga, Krafttraining und Instagram-Ästhetik. Ich habe Reformer-Pilates mit 30 zum ersten Mal ausprobiert und teile jetzt meine Erfahrung. Zwischen Scrunch-Leggings und Rutschsocken stellte sich mir schnell eine Frage: Ist das wirklich Sport – oder eher Spielerei?
Vor dem Workout: Socken nicht vergessen!
Ich habe mit 30 Jahren das erste Mal Reformer-Pilates ausprobiert – in Berlin, im achten Stock eines Studios mit Blick über die Stadt. Schon das Setting macht klar: Das hier ist kein klassischer Sportkurs, sondern ein Komplettpaket aus Fitness und moderner Ästhetik. Zum Ende der Stunde gibt es Sonnenuntergang statt Neonlicht.
Was zu Beginn wichtig ist, zu wissen: Man darf nur mit rutschfesten Socken auf den Reformer – ein Trainingsgerät mit beweglicher Liegefläche (Schlitten), Schlaufen für Hände und Füße (Loops), einer Fußleiste (Footbar) und verschieden starken Federn, um den Widerstand einzustellen. Ein Paar Pilates-Socken kann man für hochgegriffene 15 Euro im Studio kaufen – mir hat zum Glück eine Freundin ihre Socken ausgeliehen. Ich wollte ja erst einmal testen, ob diese Sportart etwas für mich ist.
Gebucht hatte ich zwar einen Anfängerkurs – trotzdem war da eine leichte Unsicherheit. Wie kompliziert ist dieses Gerät eigentlich? Ist das Workout anstrengend genug? Wird mir langweilig, oder überschätze ich mich und blamiere mich zwischen den durchgestylten Teilnehmenden in ihren Kirschmustersocken und Scrunch-Leggins, die aussahen, als würden sie hier nicht zum ersten Mal liegen?
Mein erster Gedanke zum Reformer: großes Spielzeug
Direkt am Anfang hatte ich schon das erste Problem: Die Footbar sollte an die eigene Körpergröße angepasst eingestellt werden. Natürlich hat sie bei mir geklemmt. Immerhin bekam ich schnell Hilfe und es schaute auch niemand genervt rüber. Plötzlich war dieses neue, monströse Gerät gar nicht mehr so einschüchternd.
Überhaupt war mein erster Gedanke zum Reformer nicht: Fitnessmaschine aus der Hölle. Sondern eher: großes Spielzeug – im besten Sinne. Man kann damit unfassbar viele Übungen machen, ständig etwas verändern, schieben, ziehen, einstellen, einhängen. Für mich hatte das etwas von Kinderturnen für Erwachsene – nur eben in stylisch. Man merkt schnell, wie viele Möglichkeiten im Reformer stecken, wenn man sich einmal damit vertraut gemacht hat.
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Fußarbeit, Froschposition und Burpees: Langweilig wird es auf dem Reformer nicht
Gestartet haben wir mit Footwork, also Fußarbeit. Klingt erst mal harmlos, fühlte sich aber direkt sehr ungewohnt an: Auf dem Rücken liegend setzten wir die Füße in verschiedenen Positionen auf die Footbar, unter anderem im „Pilates-V“ oder die Beine in einer Art Froschposition. Dabei wurde schnell klar, warum beim Pilates ständig vom Powerhouse die Rede ist. Die Bauchmuskulatur arbeitet eigentlich die ganze Zeit mit. Gerade weil man so oft auf dem Rücken liegt, ist die Körpermitte permanent aktiv, auch wenn es zwischendurch fast entspannter aussieht, als es ist.
Ein netter Nebeneffekt: Auf dem Rücken mit Blick zur Decke kann man sich nicht dabei erwischen, andere Teilnehmende zu beobachten, oder sich beobachtet fühlen – stattdessen ist man zu hundert Prozent auf die richtige Ausführung und Atmung konzentriert.
Später kamen dann noch deutlich dynamischere Übungen dazu. Wir hatten Schlaufen am Fuß und machten große Kreise mit den Beinen in der Luft, sind in Dehnungen gegangen und sogar Burpees waren Teil der Stunde, mit einer Box auf dem Schlitten, damit die Füße nicht wegrutschen. Zwar waren die anfängerfreundlich eingestellten Widerstände sehr erträglich, doch pulsierende oder einseitige Bewegungen machen das Ganze dann doch intensiv.
Thema Atmung war präsenter, als ich gedacht hätte
Auch das Thema Atmung war präsenter, als ich gedacht hätte. Zu Beginn der Stunde übten wir extra die „Pilates-Atmung“. Tief einatmen und beim Ausatmen eine Kerze auspusten – einen Unterschied zur Atmung beim Yoga konnte ich ehrlicherweise nicht erkennen. Am Anfang sollte man sogar an den eigenen Rippen fühlen, wie sich die Atmung ausbreitet.
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Das Überraschendste: wie sicher und gleichzeitig fordernd sich das Workout angefühlt hat
Was ich besonders spannend fand: Obwohl das Gerät so komplex wirkt, habe ich mich während der Stunde erstaunlich sicher gefühlt. Man liegt durch die Schulterpolster stabil, bekommt genaue Ansagen zur Atmung und sogar dazu, wie man sich richtig hinsetzt oder aufsteht, wenn man etwas verstellen muss.
Vielleicht ist genau das ein Teil des Reizes. Reformer-Pilates ist fordernd, aber nicht hektisch. Anstrengend, aber nicht so, dass man nur noch irgendwie durchkommen will. Es gibt immer wieder kurze Momente zum Durchatmen, die ich persönlich genutzt habe, um gemütlich die Füße auf der Footbar abzulegen.
Ist der Hype gerechtfertigt? Für mich schon
Zugegeben: Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier so positiv berichten werde. Nach einem kurzen Test auf der FIBO hatte ich Reformer-Pilates eher als „ganz nett“ abgespeichert – aber nicht als wirklich fordernd. Doch Reformer-Pilates ist anspruchsvoll, aber nicht frustrierend. Und vor allem: überhaupt nicht langweilig. Das habe ich nicht erwartet! Ich werde auf jeden Fall wieder hingehen. Auch, weil ich das Gefühl habe, dass da noch deutlich mehr drin ist: Wenn man das Gerät besser kennt, die Einstellungen sicherer beherrscht und mit den Federn gezielter arbeitet, kann das Workout bestimmt noch einmal stärker fordern. Für mich ersetzt es zwar kein Krafttraining im Gym, aber es ist eine willkommene Abwechslung beziehungsweise Ergänzung, wenn mir nach einem ruhigen, kontrollierten Workout ist.
Zudem hatte ich vorher wirklich Zweifel, ob ich mich in diesem Setting wohlfühlen würde, ob Reformer-Pilates mir genug gibt und ob der Hype vielleicht größer ist als der Effekt. Für mich hat sich das alles in der Stunde aufgelöst. Und ehrlich gesagt würde ich noch einen Schritt weitergehen: Ich finde, Reformer-Pilates sollten viel mehr Menschen ausprobieren – auch diejenigen, die sich selbst nicht in der typischen Pilates-Zielgruppe sehen. In meinem Kurs waren immerhin auch zwei Männer für die Quote – und es dürften gerne mehr werden. Je mehr Menschen sich von der Instagram-Ästhetik nicht abschrecken lassen, desto besser. Denn hinter der fancy Fassade steckt vor allem ein überraschend vielseitiges, Training, das Spaß macht.