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Rhabdomyolyse

Das Syndrom, das Muskeln zerstört und die Nieren vergiftet

Rhabdomyolyse: Zerfall der Muskeln
Wenn Rhabdomyolyse nicht rechtzeitig erkannt wird, kann sie lebensbedrohliche Folgen haben Foto: Getty Images
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14. März 2026, 17:03 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten

Wer zu hart trainiert, zu wenig trinkt oder seinen Körper schlicht überfordert, riskiert, dass Muskelzellen massenhaft absterben und ihren giftigen Inhalt ins Blut freisetzen. Dieses Syndrom heißt Rhabdomyolyse – und es trifft Sportler häufiger als gedacht. FITBOOK sprach mit zwei Experten zu dem Thema.

Enrico Zessin
Mit fachlicher Beratung von Enrico Zessin Diplom Molekularbiologe, Facharzt für Innere Medizin und Sportmedizin, Arzt für klinische Studien und Verbandsarzt Deutscher Leichtathletik-Verband

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Rhabdomyolyse ist ein medizinisches Syndrom, bei dem Muskelzellen – genauer: Zellen der quergestreiften Skelettmuskulatur – so stark geschädigt werden, dass sie regelrecht „platzen“ und ihren Inhalt (darunter das Protein Myoglobin) ins Blut freisetzen. Diese Stoffe sind im Muskel harmlos, im Blutkreislauf jedoch giftig, vor allem für die Nieren. Sportmediziner Enrico Zessin erklärte FITBOOK, dass „ein geringer Grad an Rhabdomyolyse nach starken Belastungen durchaus normal“ sei und der Körper ihn in der Regel gut verkrafte. „Findet der Zelluntergang jedoch in größerem Umfang statt, kann dies nicht nur zur Verminderung der Leistungsfähigkeit führen, sondern auch weitere Komplikationen mit sich bringen“, so der Experte.

Symptome, die auf Rhabdomyolyse hindeuten

Typischerweise bemerken Betroffene Muskelschmerzen, eine ungewöhnliche Muskelschwäche und einen dunkelbraunen, fast cola-ähnlichen, Urin. Dieser entsteht, weil die Nieren das freigesetzte Myoglobin ausfiltern.

Besonders wichtig, zu wissen, ist dabei, dass diese vollständige Kombination aller drei Symptome bei weniger als zehn Prozent der Patienten beobachtet wird.1 Das bedeutet, dass viele Betroffene die Erkrankung zunächst nicht als solche erkennen, weil ihre Beschwerden unvollständig oder unspezifisch wirken.

Prof. Dr. Thomas Kälicke, Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, warnt vor der Ernsthaftigkeit des Muskelzerfalls: „Ignorieren kann zu akuter Nierenschädigung, Elektrolytstörungen, Herzrhythmusstörungen, Kompartmentsyndrom, Dialysepflicht und im Extremfall zum Tod führen.“

So gefährlich ist eine Rhabdomyolyse

Die schwerwiegendste Komplikation ist das akute Nierenversagen, das bei etwa 13 bis 50 Prozent der Betroffenen auftritt. Die Sterblichkeitsrate variiert stark je nach Schweregrad und Begleiterkrankungen und liegt zwischen etwa sieben und 20 Prozent. Bei schwer kranken Patienten mit akutem Nierenversagen kann sie jedoch deutlich höher ausfallen.

Was die Häufigkeit betrifft, werden in den USA jährlich zwischen 26.000 und 37.000 Fälle gemeldet. Die Tendenz steigt. Atraumatische Ursachen wie Medikamenten- oder Drogenkonsum treten heute etwa fünfmal häufiger auf als klassische traumatische Ereignisse wie Unfälle.

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Die möglichen Ursachen einer Rhabdomyolyse

Rhabdomyolyse entsteht immer dann, wenn Muskelzellen so stark geschädigt werden, dass sie ihren Inhalt, vor allem das Protein Myoglobin, in den Blutkreislauf freisetzen.2 Was alle Ursachen verbindet, ist ein gemeinsamer Endmechanismus, bei dem die Muskelzelle ihren Kalziumhaushalt nicht mehr regulieren kann. Dies führt zu einer unkontrollierten Aktivierung von Enzymen, die die Zelle von innen heraus zerstören. Die Ursachen lassen sich dabei grob in drei Kategorien einteilen:

1. Körperliche und traumatische Ursachen:

Die häufigste Gruppe sind körperliche und traumatische Ursachen. Extremes körperliches Training (besonders bei Untrainierten oder bei Hitze), Crush-Verletzungen wie bei Unfällen oder Verschüttungen, aber auch lang anhaltender Druck auf Muskelgewebe können die Muskelzellen mechanisch zerstören. Letzteres passiert etwa, wenn jemand nach einem Sturz oder einer Bewusstlosigkeit stundenlang in derselben Position liegen bleibt.3

Sportmediziner Zessin erläurtert, dass neben der Intensität auch die Dauer einer Belastung entscheidend sei: Störungen des Flüssigkeits- und Elektrolythaushalts sowie Dehydratation könnten das Risiko zusätzlich erhöhen.

2. Toxische und pharmakologische Auslöser

Statine (Cholesterinsenker) sind ein klassisches Beispiel, vorwiegend in Kombination mit bestimmten anderen Medikamenten. Auch Alkohol- und Drogenmissbrauch (besonders Kokain, Amphetamine, Heroin) sowie einige Antibiotika oder Anästhetika können die Muskelzellmembran direkt schädigen.4

3. Metabolische und systemische Faktoren

Schwere Elektrolytstörungen (z. B. Hypokaliämie oder Hypophosphatämie), Unterzuckerung, Infektionen (z. B. Influenza oder Covid-19 können direkt Myositiden auslösen), extreme Körpertemperaturen wie Hyperthermie oder Hypothermie sowie seltene genetische Enzymdefekte im Muskelstoffwechsel (z. B. McArdle-Syndrom) gehören dazu.5

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Behandlung

Das oberste Ziel der Behandlung ist es, die auslösende Ursache zu beseitigen und ein akutes Nierenversagen zu verhindern. Der wichtigste Baustein ist dabei die aggressive Flüssigkeitstherapie. Durch die frühzeitige Gabe großer Mengen Infusionslösung – idealerweise innerhalb der ersten sechs Stunden – soll das giftige Myoglobin aus den Nieren gespült werden, wobei in den ersten 24 bis 48 Stunden bis zu zehn oder sogar 20 Liter erforderlich sein können.6

Zessin unterstreicht die Bedeutung der Flüssigkeitszufuhr auch aus Präventionssicht: Nach einer extremen Belastung sei ausreichendes Trinken wichtig, „um die belastenden Effekte auf die Nieren zu mindern, indem diese gut gespült werden“.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der gefährlichen Hyperkaliämie, die durch Herzrhythmusstörungen unmittelbar lebensbedrohlich werden kann. Eine Hyperkaliämie muss medikamentös behandelt werden. Ein Kompartmentsyndrom erfordert gegebenenfalls einen chirurgischen Notfalleingriff. Versagen alle konservativen Maßnahmen, kommt die Dialyse zum Einsatz.

Quellen

  1. Farrukh, A. M., Cardona, E. A. Q., Zakraoui, R. S., et al. (2024). Recent Advances and Updates in Rhabdomyolysis: A Comprehensive Review. Juniper Publishers. ↩︎
  2. Yang, BF., Li, D., Liu, CL., et al. (2025). Advances in rhabdomyolysis: A review of pathogenesis, diagnosis, and treatment. National Library of Medicne. ↩︎
  3. Lim, A. (2025). Predicting Acute Kidney Injury in Acute Rhabdomyolysis. MDPI. ↩︎
  4. Huerta-Alardín, A. L., Varon, J., Marik, P. E. (2005). Bench-to-bedside review: Rhabdomyolysis - An overview for clinicians. Research Gate. ↩︎
  5. Bosch, X., Poch, E., Grau, J. (2009). Rhabdomyolysis and Acute Kidney Injury. The New England Journal of Medicine. ↩︎
  6. Rout, P., Chippa, V., Adigun, R. (2025). Rhabdomyolysis. National Library of Medicine. ↩︎

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