16. Juli 2026, 10:04 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Erling Haaland gilt auf dem Platz als Naturgewalt – und auch bei seiner Ernährung setzt der norwegische Fußballstar von Manchester City auf möglichst natürliche Lebensmittel. Rohmilch vom Bauernhof, fettreiche Steaks und Kaffee gehören für den 1,95-Meter-Stürmer zum Alltag. Doch wie sinnvoll ist diese Ernährungsweise wirklich? FITBOOK ordnet Haalands Aussagen gemeinsam mit Uwe Schröder, Ernährungswissenschaftler und Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Sporternährung, wissenschaftlich ein.
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„Kaffee ist in meinen Augen ein Superfood“
Haalands „Day in the Life of a pro footballer“-Video läuft noch keine Minute, da sehen wir ihn auch schon an der heimischen Siebträgermaschine einen Kaffee zaubern.1 Kaffeeliebhabern wird das Herz aufgehen, wenn sie sehen, dass auch ein Weltklasse-Stürmer ein echter Kaffeeenthusiast ist. „Kaffee ist in meinen Augen ein Superfood, wenn man es richtig macht“, betont Haaland. Es hänge allerdings von der Qualität ab, wann man ihn trinke – und natürlich wie. Er selbst genießt seinen Kaffee mit Milch und Ahornsirup, „um das Koffein mit Fett und Zucker zu schützen“, erzählt er. Obendrein wird das Frühstück durch Sauerteigbrot mit Spiegelei vollendet.
Koffein wird nicht „geschützt“
Haalands Aussage bedarf einer Einordnung. Denn Koffein muss im Körper nicht erst durch Fett oder Zucker „geschützt“ werden. Es wird ohnehin schnell und nahezu vollständig aufgenommen. Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit dauert es lediglich zwischen 15 und 30 Minuten, bis die anregende Wirkung des Koffeins einsetzen kann.2 Bei gesunden Erwachsenen liegt die durchschnittliche Halbwertszeit dann bei etwa vier Stunden. Ob Koffein schneller oder langsamer abgebaut wird, hängt vorrangig von Faktoren wie Dosis, Timing, Gewöhnung und individuellem Stoffwechsel ab.
Auch Ernährungswissenschaftler Uwe Schröder sieht Haalands Formulierung kritisch. „Für mich ist die Frage, was mit ,Koffein schützen‘ genau gemeint ist. Schützen wovor und warum?“, sagt er auf FITBOOK-Anfrage. Gemeint sein könnte höchstens, dass Milch und Ahornsirup die Verfügbarkeit des Koffeins etwas verzögern. Der Begriff „schützen“ sei dafür aber nicht korrekt.
Einfluss der zugesetzten Kalorien
Milch und Ahornsirup liefern zusätzliche Kalorien und erhöhen damit den Energiegehalt des Getränks. Das kann theoretisch beeinflussen, wie schnell der Kaffee den Magen verlässt. So zeigt eine Studie zur Magenentleerung grundsätzlich, dass kalorienreichere Getränke langsamer weitergeleitet werden können als kalorienarme. Das wäre aber kein „Schutz“ des Koffeins, sondern höchstens eine mögliche leichte Verzögerung der Aufnahme.3
Koffein werde fast ausschließlich im Dünndarm aufgenommen. Mitentscheidend dafür sei die Geschwindigkeit der Magenentleerung. Durch Milch und Ahornsirup verlasse das Koffein den Magen langsamer und gelange gleichmäßiger ins Blut, so Schröder. „Es gibt nicht den einen großen ,Spike‘, sondern eine kontinuierlichere Verfügbarkeit“, so der Sporternährungs-Experte. Das würde häufig als angenehmer und länger anhaltend wahrgenommen werden.
Wichtig ist aber: „Koffein ist chemisch sehr stabil“, betont Schröder. Es werde im Verdauungstrakt nicht in relevantem Umfang abgebaut oder zerstört. Die eigentliche Verstoffwechselung finde erst nach der Aufnahme ins Blut in der Leber statt, sagt der Experte. Sein Fazit: „Fett/Zucker schützt das Koffein also nicht vor dem Abbau, es verzögert lediglich den Zeitpunkt, zu dem das Koffein im Blut zur Verfügung steht.“
Der Rohmilch-Mythos auf dem Prüfstand
Bei Haalands häuslichem Kaffee kommt keine Supermarktmilch, sondern lieber die Rohmilch vom nächsten Bauernhof aus Manchester in die Tasse. Und Rohmilch werden diverse positive Eigenschaften nachgesagt. Sie solle wertvolle Enzyme und Vitamine enthalten. Die Zahlen für „Milchtankstellen“, also Rohmilchabgaben, steigen in Deutschland ebenfalls an.4 Das zeigt, dass Haaland voll im Trend liegt. Tatsächlich aber ist das Image von Rohmilch im Volksmund überzogen positiv.
Bei vom Norddeutschen Rundfunk in Auftrag gegebenen Laboruntersuchungen ergab sich, dass die Supermarktmilch sogar mehr Vitamin B1, B2, B5, B6 und B12 enthielt.5 Und auch Schröder sieht keinen Zusatznutzen der Rohmilch. Der mögliche Verzögerungseffekt bei der Koffeinaufnahme hänge nicht davon ab, ob die Milch roh oder pasteurisiert sei, sondern vor allem vom Fettgehalt. „Pasteurisierte Vollmilch mit vergleichbarem Fettgehalt würde denselben verzögernden Effekt auf die Koffeinaufnahme haben“, sagt Schröder.
Hinzu kommt, dass Rohmilch im Gegensatz zur pasteurisierten Supermarktmilch ein erhebliches gesundheitliches Risiko birgt. Wenn sie nicht erhitzt wird, können in ihr Krankheitserreger wie Salmonellen, Listerien, Campylobacter oder EHEC überleben, die schwere Magen-Darm-Erkrankungen, Fieber und in seltenen Fällen sogar lebensbedrohliche Komplikationen auslösen können.
Gerade bei Leistungssportlern sieht Schröder deshalb klare Risiken. „Ganz eindeutig überwiegen die Risiken“, sagt er. Für von ihm betreute Sportler sei Rohmilch ein absolutes „No-Go“. Schon ein leichter Durchfall oder ein nur eingeschränktes Wohlbefinden im Magen-Darm-Bereich könne im Hochleistungssport die Leistung beeinträchtigen. Auch wenn die Milch von einem vertrauten Hof stamme, sei ein Kontaminationsrisiko nie ganz ausgeschlossen. Kontrollierte Tierhaltung und kurze Wege könnten das Risiko zwar verringern, „dennoch wäre mir das für einen betreuten Spitzensportler zu heiß“, so Schröder.
Auch ernährungsphysiologisch sieht der Experte keinen überzeugenden Vorteil. Durch Pasteurisierung gingen nur geringe Mengen einzelner wasserlöslicher Vitamine wie B1 und B6 verloren. Protein, Fett und Mineralstoffe blieben faktisch gleich. Aussagen, Rohmilch sei besser verträglich oder fördere durch „gute“ Bakterien die Darmgesundheit, nennt Schröder „Mythen ohne belastbare wissenschaftliche Grundlage“.
Gut für Magen, Haut, Knochen und Muskeln?
Der norwegische Nationalspieler Haaland sagt außerdem über Milch: „Ich denke, Milch ist ebenfalls ein Superfood. Ich glaube, sie ist gut für uns, für unseren Magen, unsere Haut, unsere Knochen und Muskeln.“ Für Muskeln und Knochen liegt Haaland damit richtig, denn zum einen liefert Milch hochwertiges Protein für die Muskeln und gleichzeitig Kalzium für die Knochen. Bei Aussagen zu Magen und Haut muss man etwas vorsichtiger und weniger pauschal sein.
Nicht schlecht für die Haut, aber …
Milch ist nicht grundsätzlich schlecht für die Haut, allerdings wird immer wieder ein möglicher Zusammenhang zwischen Milchprodukten und Akne aufgeworfen.6 Milch kann den Insulin- und IGF-1-Stoffwechsel beeinflussen, was wiederum die Talgproduktion anregen und verstopfte Poren begünstigen könnte. Das heißt aber nicht, dass Milch bei jedem Menschen Hautprobleme auslöst. Für Menschen mit zu Akne neigender Haut kann es sinnvoll sein, den eigenen Milchkonsum zu beobachten – eine pauschale „Milch ist gut für die Haut“-Aussage ist also etwas zu weit gegriffen.
Gerade beim Magen gilt, dass, wenn Sie Milch gut vertragen, Sie sie auch nicht meiden müssen. Pauschal „gut für den Magen“ ist sie aber auch nicht, denn bei einer Laktosetoleranz kann Milch genau das Gegenteil bewirken. Blähungen, Bauchschmerzen oder Durchfall können folgen.
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Wie gesund ist Haalands Fleischliebe?
Naja, und was auch bei einem Wikinger ebenfalls naheliegt: dass Fleisch auf dem Tisch landet. So Haaland: „Ich mag fettige Steaks am liebsten, Rib-Eye, eines meiner Favoriten sind Short Ribs.“ Und wenn er gerade dabei ist, bei seinem Bauern des Vertrauens lokalen Honig und Rohmilch zu holen, dann gehört auch Fleisch dazu: „Fleisch in der einen Hand, Milch in der anderen – ich bin super glücklich.“
Aus sporternährungswissenschaftlicher Sicht ist Haalands Fleisch-Faible nicht völlig abwegig. „Das Eiweiß ist hochwertig, unabhängig vom Fettgehalt“, erklärt Schröder. Rindfleisch liefere zudem für Sportler relevante Mikronährstoffe wie Eisen, Vitamin B12, Zink und Selen sowie Kreatin, Carnosin und Taurin. Für Muskelaufbau zählt aber nicht einfach nur „viel Fleisch“. Entscheidend seien Proteinmenge, Proteinqualität, insbesondere der Leucin-Gehalt, das Timing der Aufnahme und vor allem der passende Trainingsreiz.
Hochleistungssportler benötigen laut Schröder etwa doppelt so viel Protein wie Menschen mit eher sitzendem Lebensstil. Gleichzeitig könnten sie wegen ihres hohen Energieverbrauchs auch deutlich mehr essen. Für jemanden wie Haaland, der groß, schwer und extrem muskulös ist, seien relevante Fettmengen deshalb eher einzuordnen als bei einem Freizeitsportler.
Spannend ist dabei der sogenannte Matrix-Effekt. Schröder erklärt, dass Protein in seiner natürlichen Lebensmittelmatrix, also etwa in Vollmilch statt Magermilch oder im ganzen Ei statt nur im Eiklar, einen stärkeren aufbauenden Effekt haben könne als isoliertes Protein. Dieser Effekt sei messbar und im Hochleistungssport durchaus relevant, im Freizeitsport aber eher zweitrangig.
Trotzdem ist Rib-Eye nicht automatisch Fitness-Food. Gerade sehr fettreiche Cuts wie Rib-Eye oder Short Ribs gehören zu den fett- und damit auch gesättigtfettreichen Fleischstücken. Ein sehr hoher, regelmäßiger Verzehr könne den empfohlenen Rahmen für gesättigte Fettsäuren überschreiten, warnt Schröder. Zwar dürfte Haalands persönliches Risiko durch seinen enormen Energieumsatz und seine Muskelmasse geringer sein als bei Normalverbrauchern. Ein Freibrief ist das aber nicht.
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Wenn Social Media den Speiseplan prägt
Haaland ist damit ein Spiegelbild eines wachsenden Trends auch in Deutschland. Seit einiger Zeit, lässt sich nun bereits beobachten, dass immer mehr, insbesondere junge Menschen, weg von verarbeiteten Lebensmitteln hin zu den rohen und simplen Lebensmitteln aus „Mutternatur“ greifen. In Deutschland wurde dieser Trend populär durch die sogenannte „Gottesnahrung“, die durch diverse Influencer regelrecht propagiert wird. Dabei landen typischerweise Steak, Kartoffeln und weiteres Gemüse auf einem Holzbrett. Wer sich Haalands „Food“-Highlight auf Instagram anschaut, der bekommt hier Déjà-vus, denn genau das ist auch Haalands Stil.
Doch auch ein Haaland greift mal zu Tacos: „Tacos gehören zu meinen Lieblingsgerichten.“7 Und bisweilen wird auch mal der Cappuccino aus dem Vollautomaten, und nicht immer nur die Rohmilch vom Bauern nebenan getrunken.