14. September 2026, 4:10 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens mit Veränderungen konfrontiert – ein Leben ohne Anpassungen gibt es nicht. An diesen Erfahrungen wächst man und entwickelt sich weiter. Es ist völlig normal, dass dabei auch schwierige Phasen auftreten, die stark auf das Gemüt schlagen können. In der Regel lassen sich auch diese bewältigen. Wenn Sie jedoch bemerken, dass Sie sich zunehmend und dauerhaft ängstlich oder niedergeschlagen fühlen und sich aus Ihrem sozialen Umfeld zurückziehen, kann dies auf eine Anpassungsstörung hinweisen.
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Wie kommt es zu einer Anpassungsstörung?
Die Auslöser für eine Anpassungsstörung können sehr vielfältig sein. Das Spektrum reicht von einem einmaligen Erlebnis über mehrere belastende Situationen bis hin zu anhaltenden Umständen. Was am Ende tatsächlich der Auslöser ist, ist sehr individuell – sogar vermeintlich positive Ereignisse können dazugehören. Trotzdem gibt es bestimmte Erfahrungen, die besonders häufig eine Rolle spielen.
Beispiele für häufige Auslöser:
- Trennungen
- Todesfälle
- Verlust des Arbeitsplatzes
- Mobbing
- schwere Krankheiten
- finanzielle Probleme
- Schulwechsel
- Umzüge
- Heiraten
- Geburt eines Kindes
Vorübergehend und häufig
Anpassungsstörungen sind keine Seltenheit – Experten gehen davon aus, dass ein relevanter Teil der Bevölkerung im Laufe des Lebens betroffen ist, auch wenn die Datenlage noch nicht in allen Bereichen eindeutig ist. Bis zu 30 Prozent der Patientinnen und Patienten in psychiatrischer Behandlung erhalten diese Diagnose.1 Die gute Nachricht lautet: Anpassungsstörungen sind in der Regel vorübergehend. Typischerweise setzen die Symptome innerhalb eines Monats nach dem belastenden Ereignis ein und klingen meist nach spätestens sechs Monaten wieder ab.
Symptome
Wie auch bei den Auslösern können die Symptome sehr unterschiedlich ausfallen. In der Regel zeigen sie sich innerhalb der ersten drei Monate nach dem belastenden Ereignis und klingen bis zum sechsten Monat wieder ab. Besonders häufig berichten Betroffene von anhaltender Niedergeschlagenheit, innerer Unruhe und starker Grübelneigung. Auch Schlafstörungen, Erschöpfung, Reizbarkeit oder ein Rückzug aus dem sozialen Umfeld treten oft hinzu. Manche entwickeln zusätzlich körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Herzrasen oder Magenprobleme, ohne dass sich eine organische Ursache findet.2
Typische Symptome einer Anpassungsstörung sind:
- anhaltende Traurigkeit oder depressive Verstimmung
- Ängste und starke Sorgen
- innere Unruhe und Nervosität
- Schlafstörungen
- Erschöpfung und Antriebslosigkeit
- Reizbarkeit oder Stimmungsschwankungen
- sozialer Rückzug
- körperliche Beschwerden wie Kopf-, Magen- oder Herzprobleme
Woran unterscheidet sich eine Anpassungsstörung von einer Depression?
Genau diese Symptome machen die Diagnose nicht immer einfach. Eine Anpassungsstörung kann einer Depression oder Angststörung stark ähneln.
„Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist, dass die Anpassungsstörung mit einer Fehlanpassung an veränderte Umstände oder eine veränderte Lebenssituation einhergeht“, erklärt Diplom-Psychologin Sandra Jankowski gegenüber FITBOOK. Die vorhandenen Bewältigungsstrategien reichten dann vorübergehend nicht aus, um mit der neuen Situation umzugehen.
Entscheidend sei deshalb vor allem der Zusammenhang mit einem konkreten belastenden Ereignis oder einer veränderten Lebenssituation. „Bei der Vergabe der Diagnose ist vor allem der zeitliche Bezug der Symptome zu den auslösenden Bedingungen ein ausschlaggebendes Kriterium“, so Jankowski.
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Diagnose
Für die Diagnose führt der behandelnde Arzt oder Psychotherapeut ein ausführliches Gespräch. Dabei geht es nicht nur um die Beschwerden selbst, sondern auch darum, wann sie begonnen haben und ob sie in Zusammenhang mit einer konkreten Belastung oder Lebensveränderung stehen.
Gerade die Abgrenzung zu Depressionen und Angststörungen kann schwierig sein, weil sich viele Symptome überschneiden. Deshalb müssen Fachleute prüfen, welches Krankheitsbild die Beschwerden am besten erklärt.
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Warum die Anpassungsstörung vergleichsweise wenig erforscht ist
Obwohl die Anpassungsstörung in der Praxis häufig diagnostiziert wird, ist sie wissenschaftlich deutlich weniger untersucht als etwa Depressionen oder Angststörungen.
Ein Grund dafür seien lange Zeit ungenaue Diagnosekriterien gewesen, erklärt Jankowski: „Forschung kann nur erfolgen, wenn es klar abgrenzbare Kriterien gibt.“ Mit der ICD-11 seien die diagnostischen Standards verbessert worden. Nun müsse die Forschung allerdings noch nachziehen. Entsprechende Studien seien häufig zeit- und kostenaufwendig.
Für Betroffene ist diese Forschungslücke relevant, weil es im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen weniger wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse darüber gibt, welche Behandlungen für welche Patientengruppen am besten wirken.
Behandlung
Eine Anpassungsstörung kann sich wieder zurückbilden. Trotzdem kann professionelle Unterstützung helfen, die Beschwerden zu lindern und besser mit der belastenden Situation umzugehen.
Psychotherapie
Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt unter anderem von der Schwere der Beschwerden ab. Nach Einschätzung von Sandra Jankowski hat sich insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie bewährt. Dazu könne auch ein sogenanntes Problemlösetraining gehören.
Dabei lernen Betroffene, belastende Gedanken einzuordnen, Probleme strukturiert anzugehen und neue Bewältigungsstrategien für den Alltag zu entwickeln.
Was Betroffene selbst tun können
Auch im Alltag können einige Maßnahmen helfen. Besonders wichtig sei es, sich nicht zunehmend zurückzuziehen, sagt Jankowski. Stattdessen könne es helfen, mit Freunden oder der Familie über die Situation zu sprechen.
Sie empfiehlt außerdem, aktuelle Probleme, Anforderungen und Belastungen aufzuschreiben und diese möglichst systematisch anzugehen – gegebenenfalls gemeinsam mit einer nahestehenden Person.
Auch eine feste Tagesstruktur könne entlasten. Darin sollten ausreichend Pausen, Bewegung und positive Erlebnisse Platz finden. Entspannungstechniken können zusätzlich dazu beitragen, innere Unruhe zu reduzieren.
Bei stärkeren oder anhaltenden Beschwerden sollten Betroffene professionelle Hilfe suchen. Je nach Ausprägung können zusätzlich zur Psychotherapie auch Medikamente erwogen werden.