7. September 2026, 13:45 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Haare ausreißen, um innere Anspannung zu lösen – was für Außenstehende kaum nachvollziehbar klingt, ist für Betroffene der Trichotillomanie Alltag. Die psychische Störung führt dazu, dass Menschen sich wiederholt Kopf-, Wimpern- oder andere Körperhaare ausreißen – oft, ohne es zu bemerken. Prominente wie Amy Schumer und Olivia Munn haben öffentlich über ihre Erfahrungen gesprochen und geben Einblick in ein Leiden, über das bislang kaum gesprochen wird.
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Symptome
Die Trichotillomanie ist eine psychische Erkrankung, die noch viele Rätsel aufgibt. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Wörtern für Haar („trich“), rupfen („tillo“) und Trieb beziehungsweise Manie zusammen. Erstmals beschrieben wurde die Störung bereits 1887 durch den französischen Dermatologen François Henri Hallopeau.
Wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind, lässt sich nicht genau sagen. Wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Aktuell wird häufig von etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung ausgegangen. Menschen mit Trichotillomanie verspüren wiederholt den Drang, sich Haare auszureißen, und schaffen es trotz entsprechender Versuche häufig nicht, das Verhalten zu stoppen. Die Erkrankung gehört zu den sogenannten körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen.1
Welche Haare reißen sich Betroffene aus?
Am häufigsten sind die Kopfhaare betroffen, gefolgt von Augenbrauen und Wimpern. Grundsätzlich kann das Ausreißen aber jede behaarte Körperstelle betreffen. Manche Menschen reißen sich nur bestimmte Arten von Haaren aus, beispielsweise graue, abstehende oder besonders dicke. Manche reißen nur einzelne Haare aus, andere ganze Haarbüschel.2
In schwereren Fällen machen Betroffene das täglich und teilweise über Stunden hinweg. Das kann sogar so weit gehen, dass die betroffenen Stellen bluten. Das Haareausreißen kann bewusst erfolgen, teilweise geschieht es aber auch nahezu automatisch – beispielsweise beim Fernsehen, Lesen oder Arbeiten am Computer.
Welche Folgen kann Trichotillomanie haben?
Auffällig wird die Störung häufig, wenn kahle Stellen entstehen. Betroffene leiden zudem unter Scham. Manche versuchen, die kahlen Stellen mit Frisuren, Haarteilen oder anderen Hilfsmitteln zu verbergen, oder meiden aus Scham soziale Situationen. Wird über Jahre immer wieder an denselben Stellen gerissen, können die Haarfollikel geschädigt werden, sodass die Haare dort möglicherweise nicht mehr nachwachsen.
In speziellen Fällen kommt zur Trichotillomanie noch die Trichophagie hinzu. Dann kauen Betroffene auf ihren ausgerissenen Haaren herum und verschlucken sie sogar. Das kann in seltenen Fällen zur Bildung von Haarknäueln im Magen-Darm-Trakt und sogar zum Darmverschluss führen. Weitere mögliche körperliche Folgen sind Hautreizungen und offene Stellen. Wer regelmäßig auf den ausgerissenen Haaren kaut, kann zudem seine Zähne schädigen.
Trichotillomanie beginnt häufig bereits in der Kindheit oder frühen Jugend, typischerweise etwa zwischen dem 11. und 15. Lebensjahr. Sie kann anschließend einen chronischen Verlauf nehmen. Begleitend können unter anderem Depressionen, Angst- oder andere Zwangsstörungen auftreten.
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Ursachen
Eine einzelne Ursache für Trichotillomanie ist bislang nicht bekannt. Vermutlich kommen mehrere Faktoren zusammen. Neben einer möglichen familiären oder genetischen Veranlagung können auch psychische und situative Faktoren eine Rolle spielen.
Lange Zeit wurde vor allem angenommen, dass innere Anspannung oder negative Gefühle das Haareausreißen auslösen und das Reißen anschließend für Erleichterung sorgt. Tatsächlich berichten Betroffene von Stress, Nervosität, Angst, Traurigkeit oder innerer Anspannung im Kontext des Verhaltens. Allerdings tritt das Haareausreißen nicht ausschließlich in solchen Situationen auf. Auch Langeweile oder Situationen mit geringer Beschäftigung können eine Rolle spielen.
Trichotillomanie wird deshalb heute auch anders eingeordnet als früher. In der ICD-10 zählte sie noch zu den Störungen der Impulskontrolle. In der ICD-11 gehört sie zu den körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen innerhalb der Zwangsstörungen und verwandten Störungen.
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Was löst das Haareausreißen wirklich aus?
Welche Rolle Gefühle, Langeweile und der Drang zum Haareausreißen tatsächlich im Alltag spielen, haben Forscher der Universität Heidelberg in einer 2026 veröffentlichten Studie genauer untersucht. Dafür begleiteten sie 61 Erwachsene mit diagnostizierter Trichotillomanie zehn Tage lang. Die Teilnehmer wurden siebenmal täglich per Smartphone unter anderem dazu befragt, wie sie sich gerade fühlten, wie stark ihr Drang zum Haareausreißen war und ob sie seit der vorherigen Befragung Haare ausgerissen hatten.3
Insgesamt kamen während der zehn Tage 3948 Befragungen und 1217 gemeldete Episoden des Haareausreißens zusammen. Für die zeitlichen Analysen berücksichtigten die Forscher 2557 Befragungen mit 702 Episoden, bei denen eine vorherige und eine folgende Befragung höchstens vier Stunden auseinanderlagen.
Langeweile spielte eine überraschend große Rolle
Dabei zeigte sich: Der stärkste Hinweis darauf, dass es anschließend zum Haareausreißen kam, war ein bereits vorhandener starker Drang. Auch Langeweile sagte spätere Episoden voraus. Wer bereits Haare ausgerissen hatte, tat dies zudem mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit bei einer späteren Erhebung erneut. Negative Gefühle dagegen sagten spätere Episoden nicht voraus.
Ganz bedeutungslos waren Gefühle allerdings nicht. Negative Gefühle und Grübeln traten im selben Moment häufiger zusammen mit einem stärkeren Drang zum Haareausreißen auf. Müdigkeit wiederum sagte einen später stärkeren Drang voraus. Die Ergebnisse deuten damit darauf hin, dass zwischen dem Drang zum Reißen und dem tatsächlichen Haareausreißen unterschieden werden muss.
Die Forscher stellen deshalb die Vorstellung infrage, dass das Haareausreißen grundsätzlich vor allem dazu dient, negative Gefühle oder innere Anspannung zu regulieren. Je nach Person und Situation könnten unterschiedliche emotionale, körperliche und äußere Faktoren zusammenspielen. Besonders Langeweile könnte dabei eine größere Rolle spielen als bislang angenommen.
Was bei der Studie zu beachten ist
Die Untersuchung hat allerdings Einschränkungen. Mit 61 Personen war die Teilnehmerzahl relativ klein, mehr als 90 Prozent waren Frauen. Zudem konnten zwischen den einzelnen Befragungen bis zu vier Stunden liegen. Kurzfristige Veränderungen des Drangs oder der Stimmung könnten deshalb unbemerkt geblieben sein.
Die Forscher erfassten außerdem nicht, ob sich die Teilnehmer beispielsweise zu Hause oder bei der Arbeit befanden oder was sie gerade machten. Die Ergebnisse liefern damit wichtige Hinweise darauf, was kurzfristig mit dem Haareausreißen zusammenhängt, können aber nicht erklären, wodurch Trichotillomanie grundsätzlich entsteht.
Behandlungsmöglichkeiten
Bei Trichotillomanie kommt primär eine psychotherapeutische Behandlung infrage. Als besonders wichtige Behandlung gilt die kognitive Verhaltenstherapie.
Was ist das Habit-Reversal-Training?
Ein zentraler Ansatz ist das sogenannte Habit-Reversal-Training, auf Deutsch Gewohnheitsumkehr-Training. Dabei lernen Betroffene zunächst, das häufig automatisierte Verhalten bewusster wahrzunehmen. Sie beobachten, in welchen Situationen der Drang auftritt und welche Gedanken, Gefühle oder Tätigkeiten damit verbunden sind. Ein Impuls- oder Selbstbeobachtungstagebuch kann dabei helfen, persönliche Muster zu erkennen.
Anschließend üben Betroffene eine sogenannte konkurrierende Reaktion ein – also eine Handlung, die das Haareausreißen in diesem Moment verhindert. Sie können etwa die Faust ballen, etwas in der Hand halten oder sich auf die Hände setzen. Auch Veränderungen der Umgebung können helfen, etwa indem man Gegenstände zur Beschäftigung der Hände an Orten bereitlegt, an denen besonders häufig Haare ausgerissen werden.
Welche Strategien sinnvoll sind, hängt auch von den persönlichen Auslösern ab. Spielt beispielsweise Stress eine Rolle, können zusätzlich Entspannungsverfahren oder andere Methoden zur Stressbewältigung eingesetzt werden.
Wie wirksam ist die Verhaltenstherapie?
Eine niederländische Studie konnte aufzeigen, dass eine Verhaltenstherapie hilft, die Symptome zu lindern. An der Untersuchung nahmen 43 Patienten teil, die in drei Gruppen aufgeteilt wurden. Die erste Gruppe besuchte sechs Verhaltenstherapiesitzungen, die zweite Gruppe erhielt zwölf Wochen lang das Medikament Fluoxetin, einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Die dritte Gruppe blieb auf der Warteliste.4 64 Prozent der Teilnehmer in der Verhaltenstherapiegruppe erlebten einen signifikanten Rückgang der Symptome. Fluoxetin bewirkte dies nur bei neun Prozent der zweiten Gruppe. In der Wartegruppe waren es 20 Prozent.
Auch neuere Daten sprechen für das Habit-Reversal-Training. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung wertete die Behandlung von 543 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Trichotillomanie aus, die das Training per Videotherapie erhielten. Nach etwa 14 bis 16 Wochen waren die Symptome im Median um rund ein Drittel zurückgegangen. Da es sich um Daten aus der Versorgungspraxis und nicht um eine randomisierte Studie mit Kontrollgruppe handelte, lässt sich daraus allerdings nicht sicher ableiten, wie groß der Behandlungseffekt allein durch das Training war.
Gibt es Medikamente gegen Trichotillomanie?
Ein speziell für Trichotillomanie zugelassenes Medikament gibt es bislang nicht. Verschiedene Wirkstoffe werden jedoch untersucht oder in bestimmten Fällen eingesetzt. Medikamente können außerdem eine Rolle spielen, wenn gleichzeitig weitere psychische Erkrankungen bestehen.
Betroffene sollten sich spätestens dann professionelle Hilfe suchen, wenn sie das Haareausreißen nicht mehr kontrollieren können, körperliche Schäden entstehen oder die Erkrankung den Alltag und das soziale Leben beeinträchtigt.