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App auf Rezept erhältlich

Hilfe für Adipositas-Patienten – was kann „Zanadio“ aus DHDL?

DHDL Zanadio
Dr. Tobias Lorenz, Dr. Nora Mehl und Henrik Emmert (v.l.) präsentieren bei „DHDL“ ihre App „Zanadio“Foto: TVNOW / Bernd-Michael Maurer

Rund 19 Millionen Deutsche sind stark übergewichtig, was schwere körperliche und mentale Folgen nach sich ziehen kann. Ein Hamburger Start-up hat es sich zum Ziel gesetzt, den Betroffenen auf wissenschaftlich fundierte Weise beim Abnehmen zu helfen. Seine App „Zanadio“, die die drei Gründer bei „Die Höhle der Löwen“ vorgestellt haben, soll sogar von den Krankenkassen übernommen werden. Wie sinnvoll ist die Erfindung aus Sicht eines Ernährungsexperten?

In der neunten Folge der aktuellen „Die Höhle der Löwen“-Staffel stellt sich das Start-up aidhere mit seiner App „Zanadio“ dem Urteil der Löwen. Die Anwendung soll Menschen mit Adipositas dabei helfen, ihre Ernährung umzustellen und Bewegung in ihren Alltag zu integrieren. Das Besondere: Die App wurde als Medizinprodukt zugelassen und kann von Ärzten verschrieben werden.

Für wen wurde die App entwickelt und wie funktioniert „Zanadio“?

Die 34-jährige Nora Mehl ist Doktor der Psychologie und hat ihre Approbation über das Thema Adipositas geschrieben. Dabei handelt es sich um starkes Übergewicht, das sich durch einen Body-Mass-Index (BMI) von über 30 auszeichnet. Gemeinsam mit ihren Mitgründern Dr. Tobias Lorenz (39) und Henrik Emmert (38) hat sie 2019 das Start-up aidhere gegründet und „Zanadio“ entwickelt – eine „App auf Rezept“, wie sie in DHDL erklären.

„Wir wollen Leuten mit starkem Übergewicht helfen, die gerne gesünder leben möchten, es aber alleine nicht hinbekommen“, erklärt Henrik Emmert die Idee. Sie störte, dass die Diät-Industrie den vielen Übergewichtigen in Deutschland nur „Teile der Wahrheit“ verkaufen und entwickelten einen medizinischen Ansatz. Die App ist als medizinisches Produkt zugelassen und kann von Ärzt*innen verschrieben werden.

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„Sie ist individuell auf unsere Teilnehmer zugeschnitten. Wir finden eine Ernährung, die zu unseren Teilnehmern passt. Wir bringen Bewegung ins Leben unserer Teilnehmer und vor allem helfen wir ihnen, ihr Verhalten langfristig zu ändern“, erklärt Gründerin Nora Mehl. In der „Akademie“ bekomme der Nutzer durch Artikel, Audio- und Videobeiträge Informationen über einen gesunden Lebensstil. Im „Tagebuch“ könne er seine tägliche Ernährung und Bewegung überwachen. Wie das aussehen könnte, erklärt sie Investor Ralf Dümmel, der wissen möchte, ob die App ihm Currywurst mit Pommes erlauben würde: „Da gäbe es die Möglichkeit, die Currywurst zu essen, aber statt der Pommes ein Brötchen dazuzunehmen.“ Ein Brötchen enthalte deutlich weniger Kohlenhydrate und Fett als Pommes mit Mayonnaise.

Diese Funktionen enthalten andere Abnehm-Apps allerdings auch. Einzigartig mache „Zanadio“ erst die dritte Behandlungssparte: Bei der „Beratung“ würden Teilnehmer*innen die Möglichkeit erhalten, per Video oder Textnachricht mit Experten aus den Bereichen Ernährung, Sport und Verhaltenstherapie zu chatten. „Den Experten zur Seite gestellt ist wiederum eine künstliche Intelligenz, die die Daten der Nutzer auswertet und die Behandlungspfade für die einzelnen Nutzer weiter optimiert“, erklärt Dr. Tobias Lorenz zu „Zanadio in DHDL.

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Ernährungsexperte zum Konzept von „Zanadio“

Dr. Mathias Riedl ist Ernährungsmediziner, Betreiber der Ernährungs-App myfooddoctor und Ärztlicher Leiter des Medicum Hamburg. Er urteilt: „Im Prinzip ist der Ansatz richtig. Man könnte den Leuten bei schwerem Übergewicht damit tatsächlich helfen. Aber es gibt viele Hürden.“ Man müsse sich beispielsweise genug Zeit für eine solche Anwendung nehmen und nicht einfach seine Ernährung im Tagebuch notieren und denken, alles werde gut. Dr. Riedl mahnt: „Man muss sich fragen: Habe ich die Zeit, um mich intensiv um mich selbst zu kümmern und will ich wirklich etwas ändern?“ Diese Fragen müssten im Vorfeld mit einem Mediziner geklärt werden.

»App kann den Therapeuten nicht ersetzen

Eine Beratung in der App, bei der die Experten einen nicht persönlich kennen oder untersuchen können, sei nicht dasselbe. „Das Face-to-Face-Gespräch mit einem Therapeuten, der sich intensiv mit einem auseinandersetzt, das kann man nicht ersetzen.“

»Viele Mediziner*innen haben Hemmungen, eine App zu verschreiben

Zudem sei es bereits schwierig, die App überhaupt verschrieben zu bekommen. Man müsse seinen Arzt gezielt darauf ansprechen, da viele Mediziner*innen so etwas gar nicht kennen würden und große Hemmungen hätten, eine App zu verschreiben. Außerdem bemängelt der Ernährungsmediziner: „„Zanadio“ ist ungemein hochpreisig. Da es die Krankenkasse übernimmt, müsste es den Kunden nicht interessieren; aber sie ist trotzdem zu teuer.“

Insgesamt sieht Riedl Abnehm-Apps zwiespältig: „Grundsätzlich hilft jede Beschäftigung mit der eigenen Ernährung, eine Veränderung herbeizuführen. Die App ist sozusagen wie ein Blick auf den Tacho. Wenn ich durch die Stadt fahre, werde ich sagen: ‚Ich halte mich an die Geschwindigkeit und es läuft alles gut.‘ Dann kriege ich aber trotzdem ein Ticket. Wenn ich aber regelmäßig auf den Tacho gucke und mir vor Augen führe, was ich mache, sehe ich: ‚Oh 70, das hätte ich nicht gedacht.’“

»Fokus auf das Kalorienzählen ist das Problem

Das Problem sei, dass sich viele verfügbaren Apps rein auf das Kalorienzählen konzentrieren würden. „Wenn ich nur Kalorien zähle, dann fange ich an zu sparen und wenn ich Kalorien spare, dann werde ich nicht satt, weil ich das weglasse, was mich satt macht.“ Fett würde beispielsweise satt machen, habe aber viele Kalorien, wie das Currywurst-Beispiel aus der Sendung zeigt. Riedls Urteil: Diese kostenlosen Apps sind nice und wer sie adjuvant einsetzt, kann durchaus etwas dabei rausholen.“

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Nutzer-Stimmen zu „Zanadio“

Im App Store ist die App bereits erhältlich und wurde bislang von 88 Nutzern im Durchschnitt mit 4,0 von 5 möglichen Sternen bewertet. Personen, die nur einen oder zwei Sterne vergeben haben, bemängeln vor allem technische Aspekte. Die App sei „noch nicht ausgereift“ und „unübersichtlich“. Besonders das Eingeben der täglichen Mahlzeiten sei sehr umständlich. Eine Funktion, den Barcode zu scannen und so die Nährwertangaben sofort in der App zu haben, gäbe es nicht. Ein User merkt zudem an, dass bei der Beratung irgendein Experte antworten würde, nicht unbedingt der, mit dem man das Gespräch auch begonnen habe.

Programmteilnehmer*innen, die fünf Sterne vergeben haben, loben vor allem die Freundlichkeit der Experten und ihr konstruktives Feedback. Viele berichten außerdem davon, dass sie motivierter seien, ihren Lebensstil zu ändern und bewusster essen würden. „Hier geht’s nicht darum, schnell viel abzunehmen, sondern langfristig eine essenbezogene Verhaltensänderung herbeizuführen“, lautet ein Kommentar.

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Was kostet die App für Selbstzahler?

Das Programm richtet sich an Personen, deren BMI über 30 liege – die also stark übergewichtig sind. Ab dieser Stufe sei das Gewicht auch medizinisch relevant. Deshalb könnte die App der Zielgruppe auch vom Arzt als Medizinprodukt verschrieben werden. In diesen Fällen übernähmen die Krankenkassen die Behandlung mit der App. Aber was, wenn auch jemand mit niedrigerem BMI davon profitieren möchte? Der müsste sehr tief in die Tasche greifen! Für Selbstzahler kostet das Programm 199 Euro – pro Monat. Ausgelegt ist es nach Aussage der Gründer*innen für etwa sechs bis zwölf Monate. „Da kann ich mir ja eine Armada von Ernährungsberatern, Fitnesstrainern und so weiter leisten“, urteilt Georg Kofler über „Zanadio“ in DHDL.

Deal oder kein Deal?

Lorenz, Mehl und Emmert von „Zanadio“ wünschen sich von den Löwen bei DHDL Unterstützung bei Marketing und Vertrieb der App sowie eine Finanzspritze in Höhe von 500.000 Euro. Dafür bieten sie acht Prozent ihrer Firmenanteile an. Georg Kofler springt als Erster ab: „Ich glaube, das wirkt NICHT. Die mentalen Trägheitsgesetze sind so ausgeprägt, vor allem bei stark übergewichtigen Leuten – das ist ja ein Prozess, der ganz viel Willenskraft erfordert.“ Viele Leute seien dazu einfach nicht in der Lage. Er teilt die Meinung des FITBOOK-Experten: „Die müssen psychisch betreut werden – von Menschen, nicht von Apps.“ Auch das Gegenargument der Gründer, eine Psychotherapie finde etwa einmal pro Woche statt, die App sei eine kontinuierliche Begleitung, überzeugt ihn nicht.

Ralf Dümmel hat nur Lob für „Zanadio“ übrig, aber geschäftlich ist die App für ihn nicht interessant. Auch Nico Rosberg und Carsten Maschmeyer haben Bedenken bezüglich der Wirtschaftlichkeit der Idee. „Ihr versucht hier einen neuen Markt aufzubauen, den gibt es noch gar nicht“, fasst Rosberg zusammen. „Da ist immer Riesenpotenzial, aber wenn man zu früh ist, ist das auch ein Riesenrisiko.“ Das sei ihm zu groß.

Maschmeyer sieht, wie Dr. Matthias Riedl, zudem den Prozess, Ärzte für das Produkt zu gewinnen, als sehr schwierig an: „Ärzte sind vom Selbstverständnis her keine Verkäufer.“ Die Unsicherheit, ob „Zanadio“ tatsächlich erfolgreich sein könnte, lässt auch ihn abspringen. „Ärzte kriegst du einfach nicht dazu, dass sie gute Produkte auch anbieten“, ergänzt Dagmar Wöhrl. „Das heißt, Sie müssen immens viel in Marketing stecken, das nicht bei den Ärzten ansetzt. Der Kunde muss selbst hingehen und sagen: ‚Es gibt eine App und ich möchte dafür ein Rezept haben.‘ Dafür langen Ihnen die 500.000 Euro nicht.“ Das sei für sie kein Geschäftsmodell. Letztendlich bietet keiner der Löwen „Zanadio“ einen Deal an, obwohl die meisten von der Idee begeistert sind.

Die komplette DHDL-Folge mit „Zanadio“ können Sie bei TVNOW anschauen.