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Norwegische Langzeitstudie

Kindheitstraumata erhöhen womöglich Risiko für Multiple Sklerose

Laut Forschern könnte Multiple Sklerose die Folge von traumatischen Erlebnissen in der Kindheit und Jugend sein
Laut Forschern könnte Multiple Sklerose die Folge von traumatischen Erlebnissen in der Kindheit und Jugend sein.Foto: Getty Images

Dass die Kindheit eine äußerst sensible Entwicklungsphase in unserem Leben ist, dürfte mittlerweile den meisten Menschen bekannt sein. Nun hat eine große norwegische Studie herausgefunden, dass traumatische Erlebnisse in der Kindheit das Risiko für die chronische Nervenerkrankung Multiple Sklerose erhöhen könnten.

Die Multiple Sklerose (MS) gehört zu den vielschichtigsten Krankheiten. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem schädigt und zu etwa 70 Prozent Frauen betrifft. Chronische Entzündungen im Gehirn und Rückenmark führen dazu, dass Reize nicht richtig verarbeitet werden können. Die Symptome reichen von starker Müdigkeit bis hin zu Lähmungserscheinungen. Vor allem aber ist die Krankheit nicht heilbar. Umso erschreckender, dass traumatische Erlebnisse in der Kindheit womöglich das Risiko für eine spätere Multiple Sklerose erhöhen könnten. Das zumindest fand nun eine groß angelegte norwegische Studie heraus.

Missbrauch und Vernachlässigung sind extreme Arten von Stress

Bereits im Jahr 2009 hat eine Studie des US-amerikanischen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (Centers for Disease Control and Prevention, CDC) ergeben, dass je stärker Menschen in ihrer Kindheit Missbrauch erlebt hatten, umso wahrscheinlicher sie Jahrzehnte später wegen einer von 21 Autoimmunkrankheiten ins Krankenhaus kamen.1 Norwegische Forscher liefern nun neue Erkenntnisse dazu, insbesondere für den Zusammenhang zwischen Missbrauch und Multipler Sklerose.2

„Missbrauch, Vernachlässigung und Familienprobleme sind extreme Arten von Stress“, erklären die Wissenschaftler unter der Leitung von Hauptautorin Karine Eid vom Universitätskrankenhaus Haukeland in Norwegen. Laut den Forschern sei bekannt, dass chronischer Stress sowie schwierige Lebensereignisse bei Menschen mit MS zu Schüben bei den Symptomen führen. Doch bislang sei nicht eindeutig geklärt, ob traumatische Erfahrungen in der Kindheit Jahre später das Risiko für eine Multiple Sklerose erhöhen könnten.

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Studien-Teilnehmer wurden von 1999 bis 2018 beobachtet

Um die Zusammenhänge zwischen der Erkrankung und einem Kindheitstrauma zu erforschen, verknüpften die Wissenschaftler Daten aus einer landesweiten norwegischen Familienstudie. Darin wurden die Teilnehmer zwischen 1999 und 2018 beobachtet, wovon etwa 90.000 Schwangere waren. Ob die Frauen Kindesmissbrauch vor dem 18. Lebensjahr erlitten, wurde anhand von selbst ausgefüllten Fragebögen ermittelt. MS-Diagnosen hat man aus den Daten des nationalen Gesundheitsregisters herangezogen.

Bei der Verknüpfung der Daten fand man heraus, dass insbesondere Frauen, die vor dem 18. Lebensjahr emotionalen und sexuellen Missbrauch erlebt hatten, ein erhöhtes Risiko aufwiesen, im späteren Leben an MS zu erkranken. Von den 300 Studienteilnehmerinnen, die an MS litten, berichtete fast jede vierte Frau von Kindesmissbrauch.

Der Zusammenhang zwischen einem Kindheitstrauma und MS war am stärksten bei jenen Frauen, die sexuellen Missbrauch erlebten. Das Risiko war bei ihnen um 65 Prozent erhöht. Frauen, die mehreren Arten von Traumata ausgesetzt waren, hatten sogar ein um 66 bis 93 Prozent erhöhtes Risiko.

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Gründe für den Zusammenhang zwischen MS und Kindheitstrauma

Die Forscher der Studie glauben, dass ein Trauma die Stressreaktion des Körpers überstimulieren oder das Immunsystem stören kann. Dadurch werde der Körper in einen Zustand von dauerhaftem Stress versetzt, was zu chronischen Entzündungen und eben Autoimmunerkrankungen wie MS führen könne.

Doch es ist nicht ganz so einfach, direkte Schlussfolgerungen aus diesen Studienergebnissen zu ziehen. Denn es gibt verschiedene Faktoren, die zu einer Multiplen Sklerose führen können.

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Faktoren, die eine Multiple Sklerose begünstigen

  • genetische Veranlagung
  • Mangel an Sonnenlicht
  • Luftverschmutzung
  • Ernährung mit stark verarbeiteten Lebensmitteln
  • häufige Virusinfektionen

„Einige der nachhaltigsten umweltbedingten Risikofaktoren für MS, darunter niedriger Vitamin-D-Spiegel, geringe Sonneneinstrahlung, Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus und Fettleibigkeit, scheinen kritische Perioden der Anfälligkeit für MS in der Kindheit und insbesondere im Jugendalter zu sein“, kommentieren die Forscher ihre Studienergebnisse.

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Detaillierte Missbrauchsdaten fehlen

Kritisch anzumerken ist, dass die Studie keine Daten enthält, wie lange die Traumata in der Kindheit andauerten, in welchem Alter sie stattfanden und ob es sich um Einzelerlebnisse oder mehrfachen Missbrauch handelte. „Missbrauch als einmaliger Vorfall könnte andere Auswirkungen haben als wiederholter Missbrauch“, so die Forscher.

Nichtsdestotrotz zeigt diese Studie, dass Kindheit und Jugendalter äußerst sensible Entwicklungszeiträume sind. Traumatische Erfahrungen und emotionalen Stress gilt es in diesen Lebensphasen so gut wie möglich zu vermeiden. Denn diese könnten im Erwachsenenalter das Risiko für chronische Krankheiten wie Multiple Sklerose erhöhen.

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Quellen

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