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Für wen ist eine dritte Corona-Impfung sinnvoll?

Corona dritte Impfung: Eine Frau zieht eine Spritze mit Corona-Impstoff auf
Der zweite Corona-Winter steht bevor. Die Frage, die viele beschäftigt: Wie können wir uns weiter möglichst gut vor einer Covid-19-Infektion schützen?Foto: Getty Images

Die Zahlen steigen deutschlandweit wieder. Es sieht alles nach einem zweiten langen Pandemie-Winter aus. Neben erneuten Anpassungen der Corona-Regeln stehen auch Auffrischungsimpfungen im Raum. Doch für wen sind diese eigentlich sinnvoll?

Generell kann die Schutzwirkung bei allen Geimpften durch eine weitere Impfung verstärkt werden. Deshalb haben sich der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Vertreter der Ärzteverbände jetzt auf der Gesundheitsministerkonferenz in Lindau am Bodensee auf eine einheitliche Linie in Sachen Auffrischungsimpfungen verständigt. Alle sollen ein Angebot zur dritten Corona-Impfung erhalten.

Wer sollte sich eine dritte Impfung geben lassen und warum?

Aus immunologischer Sicht kann sechs Monate nach der zweiten Impfung gegen Corona mit einem dritten Piks aufgefrischt werden. Die Booster-Impfungen sollen nun auch in der Regel ein halbes Jahr nach der zweiten Imfpung angeboten werden. Das bestätigte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums dem „ARD-Hauptstadtstudio“.

Dabei ist für bestimmte Menschen die Auffrischung besonders ratsam. Das sind:

Personen mit Immunschwäche

Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem, etwa in Folge einer Chemotherapie oder eines angeborenen Immundefekts, reagieren teils gar nicht oder nicht richtig auf die Impfung. Bei ihnen sollte man sogar schon 28 Tage nach der zweiten Impfung erneut impfen, rät Immunologe Prof. Carsten Watzl. „Denn dann ist das ja gar keine Auffrischung, sondern dient in erster Linie dazu, erst überhaupt einmal einen Impfschutz herzustellen“, begründet der Generalsekretär der „Deutschen Gesellschaft für Immunologie.“ Ob und wie die Impfung angeschlagen hat, darüber kann ein Antikörpertest gewisse Klarheit bringen.

Hochbetagte Menschen

Bei hochbetagten Menschen ist der durch die Impfung aufgebaute Immunschutz gegen das Virus im Vergleich zu Jüngeren häufig nicht so hoch und lässt mit der Zeit nach, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI). Folge: Es würden vermehrt Impfdurchbrüche auftreten und es komme auch häufiger zu schweren Krankheitsverläufen unter den Älteren. Bei dieser Gruppe nimmt Watzl vor allem diejenigen, die in Pflegeeinrichtungen leben, in den Blick. „Da dies die Personen mit dem höchsten Risiko für einen schweren Verlauf sind, ist es wichtig, sie besonders gut zu schützen.“

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Wie lautet die Stiko-Empfehlung zur dritten Corona-Impfung?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt folgenden Personen und Gruppen die dritte Impfung gegen Corona:

  • Menschen ab 70 Jahren
  • Bewohnern und Betreuten in Pflegeeinrichtungen für alte Menschen (wegen erhöhten Ausbruchspotenzials hier auch für Menschen unter 70)
  • Pflegepersonal mit direkten Kontakt zu alten Menschen oder anderen Personen mit erhöhtem Risiko für schwere Covid-19-Verläufe
  • Personen in medizinischen Einrichtungen mit Patientenkontakt
  • Menschen mit geschwächtem Immunsystem

Ihnen soll in der Regel frühestens sechs Monate nach der Grundimmunisierung eine Auffrischungsimpfung angeboten werden, so das RKI. Wer etwa Ende April das letzte Mal gegen Corona geimpft wurde, könnte sich jetzt darum bemühen. Zur Auffrischung werden nur mRNA-Impfstoffe (BioNTech/Pfizer, Moderna) genutzt.

Wer sonst noch eine Auffrischung bekommen kann

Booster-Impfungen können auch Menschen ab 60 Jahren nach ärztlicher Beratung angeboten werden, das haben die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beschlossen. Auch wer mit einem sogenannten Vektorimpfstoff von AstraZeneca oder Johnson & Johnson geimpft wurde, kann sich eine Auffrischung mit einem mRNA-Impfstoff holen.

Wer mit dem Vakzin von Johnson & Johnson geimpft wurde, muss laut RKI auch kein halbes Jahr warten mit der Auffrischung – sie könne diesen Personen schon nach vier Wochen angeboten werden.

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Und alle anderen?

Die Impfverordnung sieht die Möglichkeit für Auffrischungsimpfungen grundsätzlich für alle vor, für die es zugelassene Impfstoffe gibt. Lediglich die von der Stiko jeweils empfohlenen Impfabstände sind einzuhalten – das schreibt die Impfverordnung vor. Von den schon genannten Ausnahmen abgesehen sind das meist sechs Monate.

Jens Spahn (CDU) hatte im „rbb-Inforadio“ auch bereits klargestellt, dass für alle anderen eine Auffrischung auch möglich sei. „Wir haben Impfstoff mehr als genug.“ Es kann jedoch vorkommen, dass Ärzte darauf verweisen, dass sie zunächst vor allem die gefährdeten Personengruppen auffrischen. Hier ist also Geduld und Verständnis gefragt.

Wie und wo kommt man an die Booster-Impfung?

Die erste Anlaufstelle ist der Hausarzt oder die Hausärztin. Wer dort nicht weiterkommt oder keine feste hausärztliche Praxis hat, kann zum Beispiel bei der kostenlosen Hotline 116 117 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung anrufen und nach Terminen fragen.

Eine weitere Anlaufstelle ist das vom Bundesgesundheitsministerium betriebene Portal zusammengegencorona.de. Dort gibt es zum Beispiel eine interaktive Deutschlandkarte, in der man Links, Telefonnummern sowie konkrete Impfangebote findet.

Ist es schlimm, zu lange mit der Auffrischung zu warten?

Zu dieser Frage erklärte Carsten Watzl: Die rund sechs Monate Abstand nach der zweiten Impfung seien für Personen ohne Immunschwäche ein Richtwert. Aus immunologischer Sicht sei alles zwischen vier und acht Monaten „wohl okay“.

Ob man sich infiziere, hänge aber nicht nur davon ab, wie gut der Immunschutz sei, so der Experte, sondern auch davon, wie stark man dem Virus ausgesetzt sei. „Daher geht aktuell das Infektionsrisiko auch nach oben, wenn die Inzidenzen steigen.“

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Dennoch: Priorität auf weltweite Erstimpfungen legen

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern, allen voran den USA, sollen Booster-Impfungen den weiteren Kampf gegen das Coronavirus unterstützen. Doch auch wenn einiges für eine dritte Corona-Impfung spricht – eine Gruppe von US-Wissenschaftlern sprach sich erst im September gegen eine allgemeine Welle von Auffrischungsimpfungen aus. Der Grund: Um das Ende der Pandemie zu beschleunigen, sei es wichtiger, dass weltweit so viele Menschen wie möglich die Erstimpfung gegen Corona erhalten.

In einem ausführlichen Bericht im Fachmagazin „The Lancet“ hatten sich renommierte Forscher rund um Soumya Swaminathan, Chef-Wissenschaftlerin der Weltgesundheitorganisation (WHO), eingehend mit der Thematik „Booster-Impfungen“ beschäftigt. Sie erklären: „Der (weltweit; Anm. d. Red.) limitierte Nachschub an Impfstoffen wird die meisten Leben retten, wenn er Menschen zur Verfügung gestellt wird, die ein großes Risiko für einen ernsthaften Krankheitsverlauf und bisher noch keine Impfung erhalten haben.“1

Damit meinen die Experten nicht nur die Menschen, die vielleicht bisher noch zögern, sich impfen zu lassen, sondern vor allem die Bevölkerungen in Ländern mit bisher sehr geringer Impfquote. So haben in den ärmsten Ländern nämlich gerade mal ein Prozent die erste Corona-Impfung bekommen.2

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Laut Studien keine allgemeine Notwendigkeit für dritte Corona-Impfung

Die Forscher erklären in ihrem Paper zudem, dass die derzeit verfügbaren Impfstoffe sicher, wirksam und lebensrettend seien. Zudem deute die Datenlage nicht darauf hin, dass eine weit verbreitete Auffrischungsimpfung nötig sei. Mit anderen Worten: Die Impfstoffe sind nach aktuellem Stand auch über einen längeren Zeitraum noch sicher genug und schützen zudem hinreichend vor Delta. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie der „Centers for Disease Control and Prevention (CDC)“, in der die Daten von 32.000 US-Amerikanern von Juli und August 2021 ausgewertet wurden. Das Ergebnis stimmt hoffnungsvoll. So ist Moderna zu 95 Prozent wirksam gegen Delta, BioNTech/Pfizer zu 80 Prozent und Johnson & Johnson zu 60 Prozent. Wirksam bedeutet, dass sie davor schützen, bei einer Infektion so schwer zu erkranken, dass ein Krankenhausaufenthalt notwendig wird.3

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Dritte Impfung? Daten von BioNTech/Pfizer

BioNTech/Pfizer legten bereits vor einiger Zeit erste eigene Forschungsergebnisse vor – und sprachen sich damit anders als die genannten Wissenschaftler klar für eine dritte Corona-Impfung aus.4

Antikörperspiegel kann durch dritte Corona-Impfung elf Mal höher ausfallen

Um die Frage zu beantworten, ob und wie sinnvoll eine dritte Corona-Impfun sein könnte, untersuchten BioNTech/Pfizer den Effekt der Auffrischung gegen verschiedene Corona-Varianten.5

Angesichts der sich rasant ausbreitenden und inzwischen auch in Deutschland vorherrschenden Delta-Variante, stand vor allem diese Mutation im Fokus der Forscher. Laut BioNTech/Pfizer erhöht eine dritte Impfung im Vergleich zur Doppelimpfung die Anzahl der Antikörper um das Fünffache in der Altersgruppe der 18- bis 55-Jährigen. Wer zwischen 65 und 85 Jahre alt ist, hat sogar bis zu elffach stärkere Antikörpertiter. Beim Wildtyp erhöht sich der Schutz nach der dritten Impfung um das Fünf- bis Achtfache gegenüber der zweiten, bei der Beta-Variante sogar um das 15- bis 21-Fache. Letztere ist in Deutschland bislang jedoch kaum verbreitet.

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Verträglichkeit von Drittimpfungen – Zahlen aus Israel

Erste Zahlen zu bereits verabreichten Drittimpfungen kamen aus Israel, weil man dort anderen Ländern diesbezüglich wie schon bei den Erst- und Zweitimpfungen einen Schritt voraus war. Laut Angaben der israelischen Krankenkasse „Chalet“ wurden bis September bereits mehr als 240.000 ihrer Mitglieder ein drittes Mal mit dem mRNA-Impfstoff Comirnaty von BioNTech/Pfizer geimpft. Eine Umfrage der Krankenkasse mit 4500 Befragten sowie erste Ergebnisse der laufenden Booster-Studie mit Comirnaty deuten daraufhin, dass eine dritte Dosis ähnlich gut vertragen wird wie die Grundimmunisierung.6

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Fazit: Weltweite Erstimpfungen vor genereller Drittimpfung

Es zeigt sich also, dass die Daten und Experten eine immer klarere Sprache sprechen, wenn es um den dritten Corona-Piks geht: Die Auffrischung ist grundsätzlich sinnvoll, aber bevorzugt für Risikogruppen. Denn solange nicht die gesamte Weltbevölkerung die Möglichkeit hat, eine Erstimpfung zu erhalten, bekommen wir die Pandemie auch nicht endgültig in den Griff. Diesbezüglich helfen die Booster-Impfungen der Bevölkerung reicher Staaten dann auch nur bedingt.

mit Material von dpa

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