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Experten gegen generelle Booster

Für wen ist eine dritte Corona-Impfung im Herbst sinnvoll?

Dritte Corona-Impfung: Junge Frau bekommt eine Spritze vom Arzt
Experten raten von einer dritten Corona-Impfung für alle ab. Zunächst sollten weltweit möglichst viele Menschen die Erstimpfung erhalten.Foto: Getty Images

Schon länger steht im Raum, dass vielleicht eine dritte Corona-Impfung sinnvoll sein könnte. Besonders angesichts der hochansteckenden Delta-Variante machen sich viele Menschen Sorgen und so manch einer wünscht sich die Auffrischungsimpfung herbei. Doch ein Team von Experten hat sich jetzt gegen generelle „Booster-Impfungen“ ausgesprochen.

Auch wenn BioNTech/Pfizer bereits Daten lieferten, die für eine dritte Corona-Impfung sprechen – eine Gruppe von US-Wissenschaftlern sieht erst mal keinen Grund für eine allgemeine Welle von Auffrischungsimpfungen. Der Grund: Um das Ende der Pandemie zu beschleunigen, sei es wichtiger, dass weltweit so viele Menschen wie möglich die Erstimpfung gegen Corona erhalten.

Priorität auf weltweite Erstimpfungen legen

In einem ausführlichen Bericht im Fachmagazin „The Lancet“ haben sich renommierte Forscher rund um Soumya Swaminathan, Chef-Wissenschaftlerin der Weltgesundheitorganisation (WHO), eingehend mit der Thematik „Booster-Impfungen“ beschäftigt. Sie erklären: „Der limitierte Nachschub an Impfstoffen wird die meisten Leben retten, wenn er Menschen zur Verfügung gestellt wird, die ein großes Risiko für einen ernsthaften Krankheitsverlauf und bisher noch keine Impfung erhalten haben.“1 Damit meinen die Experten nicht nur die Menschen, die vielleicht bisher noch zögern, sich impfen zu lassen, sondern vor allem die Bevölkerungen in Ländern mit bisher sehr geringer Impfquote. So haben in den ärmsten Ländern nämlich gerade mal ein Prozent die erste Corona-Impfung bekommen.2 „Die WHO hat bereits einen Aufschub der Auffrischungsimpfungen gefordert, bis mehr Menschen auf der ganzen Welt die Möglichkeit einer ersten Impfung bekommen haben.“

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Keine allgemeine Notwendigkeit für eine dritte Corona-Impfung laut Studien

Außerdem erklärten die Forscher in ihrem Paper, dass die derzeit verfügbaren Impfstoffe sicher, wirksam und lebensrettend seien. Zudem deute die Datenlage nicht darauf hin, dass eine weit verbreitete Auffrischungsimpfung nötig sei. Mit anderen Worten: Die Impfstoffe sind nach aktuellem Stand auch über einen längeren Zeitraum noch sicher genug und schützen zudem hinreichend vor Delta. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie der Centers for Disease Control and Prevention (CDC), in der die Daten von 32.000 US-Amerikanern von Juli und August 2021 ausgewertet wurden. Das Ergebnis stimmt hoffnungsvoll. So ist Moderna zu 95 Prozent wirksam gegen Delta, BioNTech/Pfizer zu 80 Prozent und Johnson & Johnson zu 60 Prozent. Wirksam bedeutet, dass sie davor schützen, bei einer Infektion so schwer zu erkranken, dass ein Krankenhausaufenthalt notwendig wird.3

Natürlich können die Wissenschaftler nicht ausschließen, dass die Daten irgendwann doch eine generelle dritte Corona-Impfung dringlich machen. Entweder, weil vielleicht die Schutzwirkung doch nachlässt oder neue Virusvarianten auftreten. Darüber hinaus sei es durchaus sinnvoll, alte Menschen oder Leute mit Immunschwäche ein weiteres Mal zu impfen.

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BioNTech/Pfizer für dritte Corona-Impfung aus

BioNTech/Pfizer legten bereits vor einiger Zeit erste eigene Forschungsergebnisse vor und sprechen für eine dritte Corona-Impfung aus. Dagegen stehen Daten von Moderna und Johnson & Johnson, die dies für ihre Impfstoffe unterstützen oder dem widersprechen, noch aus.4

Antikörperspiegel kann durch dritte Corona-Impfung elf Mal höher ausfallen

BioNTech/Pfizer stellten kürzlich erste Ergebnisse zu der Frage vor, ob und wie sinnvoll eine dritte Corona-Impfung werden könnte. Die Impfstoffhersteller untersuchten den Effekt der Auffrischung gegen verschiedene Corona-Varianten.5

Angesichts der sich rasant ausbreitenden und inzwischen auch in Deutschland vorherrschenden Delta-Variante, stand vor allem diese Mutation im Fokus der Forscher. Laut BioNTech/Pfizer erhöht eine dritte Impfung im Vergleich zur Doppelimpfung die Anzahl der Antikörper um das Fünffache in der Altersgruppe der 18- bis 55-Jährigen. Wer zwischen 65 und 85 Jahre alt ist, hat sogar bis zu elffach stärkere Antikörpertiter. Beim Wildtyp erhöht sich der Schutz nach der dritten Impfung um das Fünf- bis Achtfache gegenüber der zweiten, bei der Beta-Variante sogar um das 15- bis 21-Fache. Letztere ist in Deutschland bislang jedoch kaum verbreitet.

Empfehlung von dritter Corona-Impfung wegen sinkender Immunantwort

Die Frage, die aktuell diskutiert wird, ist vor allem, ob eine dritte Corona-Impfung überhaupt notwendig wird, wenn die Schutzwirkung nach der zweifachen Dosis bereits hoch ist. Nach aktuellem Kenntnisstand schützt die vollständige, also doppelte Impfung von BioNTech/Pfizer zu 96 Prozent gegen Delta. Allerdings nimmt die Schutzwirkung mit der Zeit ab. Nach sechs Monaten liegt sie bei 84 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Krankheitsverlaufs nach der Infektion mit der Delta-Variante ist also im Vergleich zu Ungeimpften weiter geringer. Entsprechend sind sich die Experten uneinig, ob bereits jetzt eine dritte Impfung notwendig wird. Ebenso fraglich sind der Zeitpunkt und die Zielgruppe.

BioNTech/Pfilzer sind „der Ansicht, dass es auf Basis der uns bisher vorliegenden Daten wahrscheinlich ist, dass eine dritte Dosis innerhalb von sechs bis zwölf Monaten nach der vollständigen Corona-Impfung erforderlich sein wird.“ Die Unternehmen glauben, dass der Schutz gegen einen schweren Verlauf sechs Monate hoch bleibe, sie erwarten jedoch einen „Rückgang der Wirksamkeit gegenüber symptomatischen Verläufen im Laufe der Zeit und das weitere Auftreten neuer Virusvarianten“. Um den höchstmöglichen Schutz aufrechtzuerhalten, empfehlen sie entsprechend die Auffrischungsimpfung. Der Zulassungsantrag wurde bereits an die zuständigen Behörden geschickt.

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Gesundheitsbehörden zurückhaltend

Der Notwendigkeit einer baldigen Auffrischungsimpfung widersprechen bislang die zuständigen Gesundheitsbehörden in den USA. Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und Food and Drug Administration (FDA) erklärten in einem gemeinsamen Pressestatment Anfang Juli, dass vollständig geimpfte Personen vor schwerer Krankheit und Tod durch das Coronavirus geschützt seien.6

Seitens der Europäische Arzneimittel-Agentur, kurz EMA, hieß es Mitte Juli zum Thema Auffrischungs-Impfung: „Es ist aktuell noch zu früh zu bestätigen, ob und wann eine Auffrischungsdosis für Covid-19-Impfungen notwendig wird.“ Ähnlich zurückhaltend zeigt sich auch die Ständige Impfkommission (Stiko). Der Vorsitzende Thomas Mertens sagte kürzlich: „Die Daten dazu, wer wann erneut geimpft werden sollte, sind noch etwas unsicher.“7

Wenn die dritte Corona-Impfung kommt, dann wohl vor allem für Risikogruppen. Leif Sander, der Infektionsimmunologe der Berliner Charité, erklärte der Deutschen Presse-Agentur: „Ich gehe davon aus, dass wir bei älteren Menschen, die zu Beginn dieses Jahres ihre Erst- und Zweiimpfung erhalten haben, eine nachlassende Immunantwort sehen werden.“ Für die Jüngeren und Gesunden sei eine Auffrischungsimpfung hingegen vorerst kein Thema.

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Israel liefert erste Zahlen zu Drittimpfungen

Wie bei den Erst- und Zweitimpfungen ist Israel auch bei der dritten Corona-Impfung einen Schritt voraus. Laut Angaben der israelischen Krankenkasse „Chalet“ wurden bereits mehr als 240.000 ihrer Mitglieder ein drittes Mal mit dem mRNA-Impfstoff Comirnaty von BiNTech/Pfizer geimpft. Eine Umfrage der Krankenkasse mit 4500 Befragten sowie erste Ergebnisse der laufenden Booster-Studie mit Comirnaty deuten daraufhin, dass eine dritte Dosis ähnlich gut vertragen wird wie die Grundimmunisierung.8

Fazit: Weltweite Erstimpfungen vor genereller Drittimpfung

Die Möglichkeit einer dritten Corona-Impfung wird sicher kommen – auch wenn noch nicht genau feststeht, wann, in welchem Umfang und für wen genau. Es ist aber davon auszugehen, dass es zunächst nur Risikogruppen betreffen wird. So plant die niedersächsische Gesundheitsministerin Daniela Behrens, dass erste Auffrischungsimpfungen in Alten- und Pflegeheimen womöglich bereits im Oktober starten werden.

Auch wenn einzelne Gruppen sich vielleicht bald einen dritten – oder im Falle von J&J den zweiten – Piks abholen können, Vorrang sollte laut Experten die Erstversorgung der gesamten Weltbevölkerung haben.

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