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Große Datenanalyse zeigt

Der Familienstand beeinflusst offenbar das Krebsrisiko

Der Trauschein ist laut einer großen US-Datenanalyse ein Symptom für gesundheitliche Unterschiede
Der Trauschein ist laut einer großen US-Datenanalyse ein Symptom für gesundheitliche Unterschiede Foto: Getty Images/Science Photo Libra
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Julia Freiberger
Ernährungsexpertin

14. April 2026, 13:13 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Ob verheiratet oder ohne Trauschein – unser offizieller Familienstand ist oft eng mit unserer Gesundheit verknüpft. Zwar wissen wir, dass eine Partnerschaft den Lebensstil positiv beeinflussen kann. Doch warum ist das Krebsrisiko bei Menschen, die nie verheiratet waren, so viel höher? Eine riesige aktuelle Studie liefert hier spannende neue Erkenntnisse: Der Trauschein ist dabei weniger die Ursache, sondern eher ein Symptom für soziale und gesundheitliche Unterschiede, die wir oft unterschätzen.

Menschen, die nie verheiratet waren, erkranken deutlich häufiger an Krebs

Partnerschaften haben bekanntermaßen Einfluss auf unseren Lebensstil und unser Wohbefinden.1,2 Paulo S. Pinheiro, der an der University of Miami das Krebsrisiko in verschiedenen Bevölkerungsgruppen erforscht, wertete Daten von über 4,2 Millionen Krebsfällen aus zwölf US-Bundesstaaten aus, um den Zusammenhang zwischen dem Familienstand und dem Risiko für verschiedene Krebsarten über unterschiedliche Bevölkerungsgruppen hinweg zu untersuchen. Ergebnis: Menschen, die nie verheiratet waren, erkranken über fast alle Krebsarten hinweg deutlich häufiger an Krebs als Personen, die verheiratet sind oder es einmal waren!3

So gingen die Forscher vor

Frühere Studien zu diesem Thema basieren teils auf Daten aus den 1970er- und 1980er-Jahren oder auf kleineren Gruppen.4, 5 Sie sind deshalb nur eingeschränkt auf heutige Lebensrealitäten übertragbar. Die neue Analyse nutzt aktuelle Daten von 2015 bis 2022 und gehört zu den bislang umfassendsten Untersuchungen zu diesem Thema. Untersucht wurden Erwachsene ab 30 Jahren. Die Forscher verglichen zwei Gruppen:

  • Menschen, die nie verheiratet waren
  • und solche, die verheiratet sind oder es früher einmal waren. Dazu zählen auch Geschiedene und Verwitwete.
  • Menschen in festen Partnerschaften ohne Trauschein wurden als „nie verheiratet“ eingeordnet.

Nun wurde berechnet, wie häufig Krebs in beiden Gruppen neu auftrat. Dabei wurde das Alter berücksichtigt, da es das Krebsrisiko stark beeinflusst. Zusätzlich wurden Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen einbezogen. Außerdem wurde analysiert, ob sich die Unterschiede je nach Krebsart und Krankheitsstadium zeigen.

Auch interessant: Dieses unterschätzte Organ könnte vor Krebs schützen

Bestimmte Krebsarten bei Unverheirateten besonders häufig

Nicht bei allen Krebsarten ist der Unterschied gleich groß. Bei manchen fällt er besonders deutlich aus. Das betrifft vor allem Lungenkrebs, Speiseröhrenkrebs, Leberkrebs und Darmkrebs. Auch Gebärmutterhalskrebs kommt bei unverheirateten Frauen deutlich häufiger vor. Bei diesen Krebsarten erkranken unverheiratete Menschen oft deutlich häufiger – teilweise mehr als doppelt so häufig wie Verheiratete. In einzelnen Fällen ist der Unterschied sogar noch größer. Beim Analkrebs zum Beispiel tritt die Erkrankung bei unverheirateten Männern um ein Vielfaches häufiger auf.

Auffällig ist zudem: Besonders groß sind die Unterschiede bei Krebsarten, die durch Infektionen mit Viren wie HPV entstehen können – dazu gehören zum Beispiel Anal- und Gebärmutterhalskrebs. Bei anderen Krebsarten hingegen ist der Unterschied deutlich kleiner. Das gilt etwa für Brustkrebs, Prostatakrebs oder Schilddrüsenkrebs.

Risiko fast 70 bzw. 85 Prozent höher – besonders deutlich wird die Schere ab 55 Jahren

Unverheiratete Männer bekommen häufiger Krebs als Männer, die verheiratet sind oder es einmal waren. Ihr Risiko liegt um 68 Prozent höher. Bei Frauen ist der Unterschied noch größer: Ihr Krebsrisiko lag ohne Trauschein 85 Prozent höher.

Besonders deutlich wird die Schere ab 55 Jahren: In dieser Altersgruppe ist das Risiko für nie Verheiratete fast doppelt so hoch. Erst bei Menschen über 75 Jahren nähert sich das Risiko wieder etwas an.

Auch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zeigen sich Unterschiede. Nie verheiratete schwarze Männer haben die höchsten Krebsraten. Gleichzeitig zeigt sich aber auch ein anderes Bild: Verheiratete schwarze Männer haben teilweise sogar ein niedrigeres Krebsrisiko als verheiratete weiße Männer.

Warum ist das Krebsrisiko bei Unverheirateten so viel höher?

Die Studie zeigt einen Zusammenhang, aber keine direkte Ursache. Das bedeutet: Sie beweist nicht, dass eine Ehe selbst vor Krebs schützt. Doch warum erkranken Unverheiratete so viel häufiger an Krebs als Menschen mit Trauschein? Die Studie liefert Hinweise darauf, welche Faktoren eine Rolle spielen könnten.

Ein wichtiger Punkt laut den Forschern ist der Lebensstil. Verheiratete rauchen und trinken im Schnitt weniger und achten häufiger auf ihre Gesundheit. Auch Vorsorgeuntersuchungen werden von diesen Menschen oft regelmäßiger wahrgenommen – etwa Krebs-Screenings, bei denen Erkrankungen früh erkannt werden können.

Hinzu kommt die Unterstützung im Alltag. Ein Partner kann Veränderungen früher bemerken, zu Arztbesuchen motivieren oder generell dazu beitragen, gesundheitliche Probleme ernster zu nehmen. Das kann gerade bei Krankheiten wie Krebs einen Unterschied machen.

Dass die Unterschiede besonders auffallen bei Krebsarten, die stark durch Verhalten beeinflusst werden, passt zu der Annahme, dass Alltagsgewohnheiten eine wichtige Rolle spielen könnten.

Die Forscher vermuten auch einen „Selektionseffekt“ bei Jüngeren (30- bis 54-Jährige) – damit ist gemeint, dass gesündere Menschen eher heiraten. Bei Älteren (über 55) wird eher der schützende Effekt der Ehe durch soziale Unterstützung und Lebensstil vermutet.

Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle: Wer in einer stabilen Beziehung lebt, hat oft mehr Rückhalt und ist weniger allein. Das kann sich langfristig auf die Gesundheit auswirken.

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Schwächen und Stärken der Studie

Die Studie gilt als sehr aussagekräftig. Sie basiert auf einer großen Datenmenge und zeigt über viele Gruppen hinweg ähnliche Ergebnisse. Es gibt aber ein paar Einschränkungen, die das Ergebnis beeinflusst haben könnten.

Der Familienstand wird hier nur als offizielle Kategorie erfasst. Dadurch werden sehr unterschiedliche Lebenssituationen zusammengefasst. In der Gruppe „verheiratet gewesen“ sind sowohl aktuell Verheiratete als auch Geschiedene oder Verwitwete enthalten. Gleichzeitig gelten Menschen in festen Beziehungen ohne Trauschein als „nie verheiratet“.

Auch wichtige persönliche Faktoren fehlen komplett. Die Studie enthält somit keine direkten Informationen zu Einkommen, Bildung, Kinderzahl oder zum Lebensstil – also etwa Rauchen, Alkohol oder Ernährung. Genau diese Faktoren können das Krebsrisiko aber stark beeinflussen.

Ein weiterer Punkt: Der Familienstand wurde nur zu einem einzigen Zeitpunkt festgestellt, nämlich bei der Diagnose. Wie sich Beziehungen im Laufe des Lebens verändert haben, bleibt unklar.

Die Forscher selbst weisen darauf hin, dass es sogenannte „Auswahl-Effekte“ geben kann. Das bedeutet: Menschen, die heiraten, unterscheiden sich oft schon vorher von denen, die es nicht tun – zum Beispiel in Bezug auf Gesundheit, Einkommen oder Lebensstil. Das kann dazu führen, dass ein Teil der Unterschiede nicht durch die Ehe entsteht, sondern bereits vorher vorhanden war.

Auch die Finanzierung wird offengelegt: Die Studie wurde von einem Krebsforschungszentrum der University of Miami unterstützt, hatte laut Autoren aber keinen Einfluss auf Durchführung oder Ergebnisse.

Fazit

Die Studie zeigt, dass sich das Krebsrisiko je nach Familienstand unterscheidet – und zwar über viele Krebsarten und Bevölkerungsgruppen hinweg. Gleichzeitig bleibt offen, wie viel davon tatsächlich auf den Familienstand selbst zurückgeht und wie viel auf andere Faktoren wie Lebensstil oder Vorsorge. Damit liefern die Daten vor allem einen Hinweis darauf, dass solche sozialen Unterschiede beim Krebsrisiko eine Rolle spielen könnten – ohne eine klare Ursache festzulegen.

Quellen

  1. Wang, Y., Jiao, Y., Nie, J. et al. (2020). Sex differences in the association between marital status and the risk of cardiovascular, cancer, and all-cause mortality: a systematic review and meta-analysis of 7,881,040 individuals. Glob Health Res Policy. ↩︎
  2. Rendall, MS., Weden, MM. et al. (2011). The protective effect of marriage for survival: a review and update. Demography. ↩︎
  3. Paulo, S, Pinheiro., Amber, N, Balda. et al. (2026). Marriage and Cancer Risk: A Contemporary Population-Based Study Across Demographic Groups and Cancer Types. Cancer Research Communications. ↩︎
  4. Swanson, GM., Belle, SH. et al. (1985). Marital status and cancer incidence: differences in the black and white populations. Cancer Res.  ↩︎
  5. Kato, I., Tominaga, S. et al. (1989). An epidemiological study on marital status and cancer incidence. Jpn J Cancer Res. ↩︎

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