Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für Fitness, Gesundheit und Ernährung
Herzgesundheit Krebs Alle Themen
Forschung

Dieses unterschätzte Organ könnte vor Krebs schützen

thymus krebs: Krebszelle
Eine kleine, unterschätzte Drüse im Brustbein kann offenbar vor verfrühtem Tod – etwa aufgrund von Krebs – schützen Foto: Getty Images
Artikel teilen

20. März 2026, 13:18 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Vielen erscheint das Organ etwa so sinnvoll wie der Blinddarm: der Thymus.Doch völlig nutzlos ist diese Drüse im Brustbein natürlich nicht. Als Teil des Immunsystems erfüllt sie im Kinder- und Jugendalter sogar eine sehr wichtige Funktion. Doch danach stellt der Thymus seine Aktivität ein und schrumpft. Deshalb gilt es ab dann bei Erwachsenen als eher überflüssig und nutzlos. Aber das scheint ein Irrtum zu sein – was der Thymus leistet und wie Sie ihn aktiv halten.

Führender Deutscher Onkologe Dr. med. Rainer Lipp kritisiert Krebstherapien in stationärer Versorgung
Auf fachliche Richtigkeit geprüft von Dr. med. Rainer Lipp Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und internistische Onkologie, Geschäftsführer der Stiftung Deutsche Onkologie

Kurz erklärt: Die Funktion des Thymus

thymus krebs: Thymus
Der Thymus bzw. die Thymusdrüse liegt im Brustbein und ist wichtig für die Entwicklung des Immunsystems. Foto: Getty Images

Beim Thymus (auch Thymusdrüse oder Bries) handelt es sich um ein kleines Organ, das im Brustkorb hinter dem Brustbein liegt. Die Drüse ist ein wichtiger Teil des Immunsystems. Dieses reift im Knochenmark und im Thymus heran. Im Thymus erlernen die T-Zellen, fremde von körpereigenen Antigenen zu unterscheiden und entsprechend auf fremde Zellen zu reagieren. Dies ist wichtig, damit der Körper Bakterien und Viren bekämpfen kann, ohne dabei körpereigene Zellen anzugreifen. Mit anderen Worten: Der Thymus spielt eine bedeutende Rolle für den Aufbau eines gesunden Immunsystems und dafür, die Entstehung von Autoimmunkrankheiten zu verhindern.

Das kleine Organ hinter dem Brustbein ist bereits vor der Geburt aktiv, ab der Geschlechtsreife nimmt seine Funktion jedoch ab. Der Thymus schrumpft und das Gewebe ändert sich. Nun übernehmen Milz und Lymphknoten seine Funktionen.1

Warum wird das Organ entfernt?

In Deutschland entscheiden sich Ärzte und Patienten etwa für die Entfernung des Thymus, wenn dieser von Tumoren befallen ist. Auch bei gutartigen Tumoren kann dieser Entschluss fallen, um bösartigen Veränderungen vorzubeugen. Zudem kann die operative Entfernung der Thymusdrüse (Thymektomie) Teil der Behandlung der Autoimmunkrankheit Myasthenia gravis (MG) sein.2,3

Auch interessant: Symptome und Behandlung der Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis 

US-Studie: Entfernter Thymus erhöht Krebsrisiko

In den USA verhält es sich bezüglich einer Thymektomie ähnlich.4 In ihrer Studie 2023 beschreiben die Forscher des Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School die Häufigkeit wie folgt: „Die routinemäßige Entfernung des Thymus wird in verschiedenen chirurgischen Verfahren durchgeführt.“ Aufgrund dieser Grundlage wollten sie nun herausfinden, ob der Thymus tatsächlich für Erwachsene so nutzlos ist, wie vielfach angenommen wird. Oder ob „der erwachsene Thymus für die Aufrechterhaltung der Immunkompetenz und der allgemeinen Gesundheit erforderlich“ sei.5

Für die Studie werteten die Wissenschaftler Daten von 1146 Patienten mit Thymektomie und 6021 vergleichbaren Patienten ohne Entfernung der Drüse aus. Ergebnis: Innerhalb von fünf Jahren war die Sterblichkeit in der Thymektomie-Gruppe deutlich höher (8,1 versus 2,8 Prozent). Auch das Krebsrisiko war erhöht (7,4 versus 3,7 Prozent).

In einer Untergruppe zeigte sich zudem, dass Patienten ohne Thymus weniger neue T-Lymphozyten bildeten und höhere Werte entzündungsfördernder Zytokine im Blut aufwiesen. Das deutet darauf hin, dass die Thymusdrüse auch im Erwachsenenalter für die Immunfunktion wichtig sein könnte.

Anti-Krebs-Funktion des Thymus erst 2025 entschlüsselt

Wissenschaftler der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entdeckten 2025 in Thymus-Gewebeproben von Säuglingen einzigartige Immunzellen. Demnach entstehen im Thymus spezielle natürliche Killerzellen, also Abwehrzellen, die kranke oder entartete Zellen direkt angreifen. Das Besondere an ihnen: Im Vergleich zu Killerzellen aus Knochenmark und Lymphknoten werden sie von Krebszellen nicht gehemmt, da sie keinen hemmenden Rezeptor auf ihrer Oberfläche tragen (NKG2A-Rezeptor). Auf diese Weise können sie Tumore effizient angreifen und zerstören. Der Befund ist ein wichtiger Meilenstein in der Krebsforschung.6

Aktuelle Studie: Gesunder Thymus schützt vor Krebs und Herzerkrankungen

Ein Team unter der Leitung von Forschern der Harvard Medical School führte zwei Untersuchungen durch, die zeigten, dass Erwachsene mit gesundem Thymus offednbar nicht nur länger leben, sondern auch seltener an Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erkranken als Erwachsene mit geschädigtem Thymus.7,8 Daten lieferten 25.031 Erwachsene aus einer nationalen Lungenkrebs-Screening-Studie und 2.581 Teilnehmer der Framingham-Herzstudie – einer großen, langjährigen Bevölkerungskohorte im Allgemeinen gesunder Erwachsener.

Mittels eines Deep-Learning-Modells analysierte das Forschungsteam Größe, Form und Zusammensetzung des Thymus in CT-Scans der Teilnehmer. Auf dieser Basis entwickelten sie einen „Thymusgesundheits-Score“. Personen mit einem hohen Score hatten ein um etwa 50 Prozent geringeres Risiko für vorzeitigen Tod, ein um 63 Prozent geringeres Risiko für einen herzbedingten Tod und ein um 36 Prozent geringeres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, verglichen mit Personen mit einem niedrigen Thymusgesundheits-Score. Diese Zusammenhänge blieben signifikant, wenn sie das Alter und andere Gesundheitsfaktoren berücksichtigten.

Das Team vermutet, dass die Thymusgesundheit den Zustand des Immunsystems widerspiegeln könnte. Möglicherweise sei das Immunsystem weniger in der Lage, auf neue Bedrohungen wie Krebs zu reagieren, wenn die Thymusgesundheit und damit die Vielfalt der T-Zellen nachlassen.

Sagt der Score vorher, wie gut Krebstherapie wirkt?

In der zweiten Studie analysierten die Forscher CT-Scans und Behandlungsergebnisse von über 1218 Krebspatienten, die mit Immuntherapie behandelt wurden. Patienten mit höherem Thymus-Score hatten ein um etwa 37 Prozent geringeres Risiko für ein Fortschreiten der Krebserkrankung und ein um 44 Prozent geringeres Sterberisiko als Patienten mit geringerem Score, selbst nach Berücksichtigung anderer Patienten-, Tumor- und Behandlungsfaktoren.

„Der Thymus wurde jahrzehntelang vernachlässigt und könnte ein fehlendes Puzzleteil sein, um zu erklären, warum Menschen unterschiedlich altern und warum Krebsbehandlungen bei manchen Patienten versagen“, so Hugo Aerts, korrespondierender Autor und Professor für Strahlenonkologie, in einer Pressemitteilung.9

Mehr zum Thema

Thymus bleibt unterschiedlich lang aktiv – auf diese Faktoren kommt es an

Wie schnell und in welchem Umfang die Thymusdrüse abbaut, scheint auch mit dem Lebensstil zusammenzuhängen. Die Analyse zeigte, dass chronische Entzündungen, Rauchen und Übergewicht mit einer eingeschränkten Thymusfunktion verbunden sind. Das spricht dafür, dass Lebensstilfaktoren und systemische Entzündungsprozesse die Immunabwehr über die gesamte Lebensspanne beeinflussen können. In der Framingham-Kohorte ging eine verminderte Thymusfunktion außerdem mit Merkmalen des metabolischen Syndroms einher, darunter Bluthochdruck sowie erhöhte Blutzucker- und Triglyceridwerte. Zudem fanden sich höhere Spiegel entzündungsfördernder Proteine im Blut und ein erhöhtes Risiko für Gebrechlichkeit und Behinderung.

Thymus für Erwachsene also wichtiger als gedacht?

Bereits 2023 erklärte David Scadden vom Massachusetts General Hospital, der an der oben erwähnten US-Studie arbeitete, in einer Mitteilung der „The Harvard Gazette“: „Diese Studie zeigt, wie wichtig die Thymusdrüse für die Erhaltung der Gesundheit von Erwachsenen ist. Der Hauptgrund, warum der Thymus einen Einfluss auf die allgemeine Gesundheit hat, scheint darin zu bestehen, dass er vor der Entwicklung von Krebs schützt.“

Und auch Hugo Aerts ist sich sicher: „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Gesundheit des Thymus viel mehr Aufmerksamkeit verdient und möglicherweise neue Wege eröffnet, um zu verstehen, wie wir unser Immunsystem im Alter schützen können.“

Quellen

  1. Mai, M. Thymus. NetDoktor (aufgerufen 20.03.2026) ↩︎
  2. Primo Medico. Thymektomie. (aufgerufen 20.03.2026) ↩︎
  3. Leben mit MG. Operative Entfernung der Thymusdrüse (Thymektomie). (aufgerufen 20.03.2026) ↩︎
  4. Health University of Utah. What to expect during thymectomy. (aufgerufen 20.03.2026) ↩︎
  5. Scadden D.T., Kooshesh, K.A., Foy, B.H. et al. (2023). Health Consequences of Thymus Removal in Adults. The New England Journal of Medicine. ↩︎
  6. Reiß, J., Ghosh, S., Scheid, M. et al. (2025). A human NK cell progenitor that originates in the thymus and generates KIR+NKG2A− NK cells. Science Advances. ↩︎
  7. Bernatz, S., Prudente, V., Pai, S. et al. (2026). Thymic health consequences in adults. Nature. ↩︎
  8. Bernatz, S., Prudente, V., Pai, S. et al. (2026). Thymic health and immunotherapy outcomes in patients with cancer. Nature. ↩︎
  9. Harvard Medical School. Thymus May Be Critical for Longevity and Cancer Immunotherapy Response. (aufgerufen am 20.03.2026) ↩︎

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.