5. September 2025, 13:16 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Viele greifen zu Light-Getränken oder zuckerfreien Snacks, um Kalorien zu sparen. Eine neue Untersuchung aus Brasilien mit über 12.000 Erwachsenen zeigt jedoch: Das Gedächtnis und die kognitive Leistung schwächelten stärker bei Personen, die viele Süßstoffe zu sich nahmen, als bei solchen mit sehr niedrigem Konsum. Doch nicht jeder Süßstoff war gleichermaßen betroffen.
Kalorienarme und kalorienfreie Süßstoffe werden häufig in Light-Getränken und stark verarbeiteten Lebensmitteln als Zuckeralternativen verwendet. Zugleich mehren sich Hinweise auf mögliche Gesundheitsrisiken. So erhöht bspw. das Süßungsmittel Erythrit das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt (FITBOOK berichtete). Doch wie sieht es mit der Hirnleistung aus? Die brasilianische Studie untersuchte hierzu sieben Süßstoffe:
Diese Süßstoffe findet man hauptsächlich in Produkten wie aromatisiertem Wasser, Light-Versionen von Limonaden und Energydrinks, Joghurt und kalorienarmen Desserts. Einige werden auch als eigenständige Süßungsmittel, z. B. in Pulver oder Tablettenform, verwendet.
Probanden wurden 8 Jahre lang beobachtet
Die Beobachtungsstudie untersuchte insgesamt 12.772 Beamte aus ganz Brasilien ab 35 Jahren – das Durchschnittsalter belief sich auf 52. Die Datenerhebung erfolgte zu Beginn, Mitte und Ende des Studienzeitraums, und die Teilnehmer wurden im Schnitt acht Jahre lang beobachtet. Die Probanden füllten einen Verzehrhäufigkeitsfragebogen aus, damit die Wissenschaftler erkennen konnten, was sie im vergangenen Jahr gegessen und getrunken hatten. Auf dieser Basis berechneten die Studienautoren die tägliche Süßstoffzufuhr.1
Um die Gedächtnisleistung, Sprach- und Denkfähigkeiten im Laufe der Zeit zu verfolgen, wurden die Teilnehmer kognitiven Tests unterzogen, welche verbale Flüssigkeit (wie schnell passende Wörter genannt werden können), Arbeitsgedächtnis, Wortgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit überprüften.
Einteilung der Probanden nach Süßstoffkonsum
Der durchschnittliche Süßstoffkonsum aller Teilnehmer lag bei ca. 92 Milligramm pro Tag. Zur besseren Unterscheidung teilten die Wissenschaftler die Probanden je nach Konsumverhalten in drei unterschiedliche Gruppen:
- geringer Süßstoffkonsum (durchschnittlich 20 Milligramm pro Tag; Kontrollgruppe)
- mittlerer Süßstoffkonsum
- höchster Süßstoffkonsum (durchschnittlich 191 Milligramm pro Tag)
Zur Veranschaulichung: Ein Liter Coca-Cola enthält 130 Milligramm Aspartam. Auf individueller Ebene wurde das Süßungsmittel Sorbit am meisten verzehrt, mit 64 Milligramm pro Tag.
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Süßstoffe ließen Gedächtnis und kognitive Leistung um 62 Prozent schneller altern
Nach Berücksichtigung von möglichen Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellten die Forscher fest, dass die Denk- und Gedächtnisleistung der Personen mit dem höchsten Konsum insgesamt um 62 Prozent schneller nachließ als die der Personen, mit dem geringsten Süßstoffkonsum. Anders ausgedrückt: Das entspricht einer stärkeren Alterung von etwa 1,6 Jahren. Bei den Personen der mittleren Gruppe erfolgte der kognitive Rückgang zu 35 Prozent schneller, verglichen mit der Kontrolle. Das entspricht einer Alterung von etwa 1,3 Jahren.
Alter und Diabetes entscheidend
Personen unter 60 Jahren, die die höchsten Mengen an Süßstoffen konsumierten, wiesen einen schnelleren Rückgang der verbalen Flüssigkeit und der allgemeinen kognitiven Fähigkeiten auf als Personen der Kontrollgruppe. Dahingegen konnten die Forscher keine Zusammenhänge bei Personen über 60 Jahre feststellen. Außerdem war der kognitive Abbau bei Teilnehmern mit Diabetes stärker ausgeprägt als bei Nicht-Diabetikern.
Wurden die Süßstoffe einzeln betrachtet, zeigten Aspartam, Saccharin, Acesulfam-K, Erythrit, Sorbit und Xylit einen schnelleren Rückgang der allgemeinen kognitiven Fähigkeiten, insbesondere des Gedächtnisses. Zwischen dem Konsum von Tagatose und kognitivem Abbau fanden die Wissenschaftler keinen Zusammenhang.
Studienauorin Claudia Kimie Suemoto betont in einer Pressemitteilung: „Wir fanden zwar Zusammenhänge mit kognitivem Abbau bei Menschen mittleren Alters, sowohl mit als auch ohne Diabetes, doch Menschen mit Diabetes greifen häufiger zu künstlichen Süßstoffen als Zuckerersatz.“ Deshalb bräuchte es Alternativen. „Weitere Forschung ist nötig, um unsere Ergebnisse zu bestätigen und zu untersuchen, ob andere raffinierte Zuckeralternativen wie Apfelmus, Honig, Ahornsirup oder Kokosblütenzucker wirksame Alternativen sein könnten.“2
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Süßstoffe oder Zucker – was ist gesünder?
Bedeutung und Einordnung der Studie
Die Untersuchung zeichnet sich durch das prospektive Design, die hohe Teilnehmeranzahl, wiederholte kognitive Tests und Analysen einzelner Süßstoffe aus. Allerdings vermag das beobachtende Design keine Kausalität belegen. Da die Probanden ihre übliche Ernährung des vergangenen Jahres angeben mussten, sind Verzerrungen der Ergebnisse durch Erinnerungsfehler möglich. Zudem wurden sieben häufige, aber eben nicht alle existierenden Süßstoffe untersucht. Die Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen ist durch die spezifische Kohorte (brasilianische staatliche Mitarbeiter) begrenzt.
Tierexperiment lieferte Hinweise
Eine Tierstudie aus 2022 lieferte bereits Hinweise auf die Wirkung von Süßstoffen auf das Gedächtnis: Forscher der University of Southern California fütterten Ratten vier Wochen lang mit Stevia, Acesulfam-K oder Saccharin – in mengenmäßig menschenrelevanten Dosen. Dabei kam es zu deutlichen Gedächtnisdefiziten in Objekt- und Labyrinthtests. Beobachtet wurden zudem weniger Geschmacksrezeptoren auf der Zunge, veränderte Mechanismen des Glukosetransports im Darm sowie Auffälligkeiten in Hirnregionen für Gedächtnis und belohnungsmotiviertes Verhalten. Mehr noch: Ratten, die in der Jugend kalorienarme Süßstoffe erhielten, konsumierten als Erwachsene mehr Zucker, wenn dieser leicht verfügbar war.3
Fazit
Die Ergebnisse sprechen für bewussten Umgang mit Light-Produkten, beweisen aber keine Kausalität. Autorin Suemoto fässt zusammen: „Kalorienarme und kalorienfreie Süßstoffe werden oft als gesunde Alternative zu Zucker angesehen. Unsere Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass bestimmte Süßstoffe im Laufe der Zeit negative Auswirkungen auf die Gehirngesundheit haben können.“