Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für Fitness, Gesundheit und Ernährung
Herzgesundheit Longevity Alle Themen
Chefarzt appelliert

Deutschland stirbt nicht mehr plötzlich – wir sterben leise! Diese „Pille“ würde es verhindern

Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Chefarzt Thomas Kälicke sagt: „Unsere Medizin greift oft erst ein, wenn Erkrankungen manifest sind.“ Sein Lösungsvorschlag: frühzeitig Sport. Foto: Westend61, privat / Collage: FITBOOK
Artikel teilen
Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie

17. April 2026, 10:30 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Wir sterben nicht mehr plötzlich. Wir sterben langsam. Das sagt einer, der täglich sieht, was passiert, wenn Prävention zu spät kommt: Prof. Dr. med. Thomas Kälicke, Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie an den GFO Kliniken Bonn, Longevity-Experte und Bestseller-Autor. Er ist überzeugt davon, dass wir die falschen Kämpfe führen – denn die wirksamste „Pille“ gegen die größten Krankmacher unserer Zeit gibt es nicht in der Apotheke – sie liegt vor der Haustür.

Früher starben Menschen akut, heute sterben wir langsam

Die Lebenserwartung in Deutschland hat sich in den vergangenen 150 Jahren mehr als verdoppelt.1 Ein medizinischer Triumph – mit einem blinden Fleck. Früher starben Menschen akut – an Infektionen, Verletzungen, Arbeitsunfällen. Heute sterben wir langsam. An chronischen Erkrankungen.* Das Problem ist nicht mehr das plötzliche Unglück. Das Problem sind stille Killer. Ich nenne sie in meinem Buch „LNGVTY: Länger – besser – leben das tödliche Sextett.

Wissenschaftler haben berechnet, dass allein im Jahr 2017 rund 11,6 Millionen Lebensjahre durch Erkrankungen verloren gingen.2 Rein rechnerisch hätte jeder Betroffene im Schnitt elf bis zwölf Jahre länger leben können. Elf bis zwölf Jahre!

Wir greifen erst ein, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist

Und genau hier liegt das Kernproblem unseres Gesundheitssystems: Wir beginnen oft erst dann zu behandeln, wenn die Krankheit bereits da ist. Wir sind exzellent darin, einen Herzinfarkt im Katheterlabor zu versorgen. Wir setzen Stents, reparieren Gefäße, stabilisieren Patienten. Doch meist greifen wir erst ein, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Was wir brauchen, ist eine Medizin, die früher ansetzt.

Auch interessant: Prof. Thomas Kälicke: „Nach diesen 7 Regeln lebe ich seit 20 Jahren“

Das tödliche Sextett entwickelt sich still und leise

Denn das tödliche Sextett entsteht nicht über Nacht. Es entwickelt sich meist still und leise über Jahrzehnte und umfasst:

  • Stoffwechselstörungen wie Fettleber und Insulinresistenz
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Krebs
  • Neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz
  • Muskel-, Knochen- und Knorpelabbau
  • Störungen des Mikrobioms

Wenn diese Erkrankungen im hohen Alter auf einen Organismus treffen, der durch Immunoseneszenz und zelluläre Alterung geschwächt ist, entsteht häufig eine sogenannte „No-Win-Situation“: Wir kommen zu spät! Doch es gibt einen Hebel – und der ist erstaunlich simpel.

Die eine Tablette, die jeder nehmen würde

Ich bin mir sicher: Wenn es eine Tablette gäbe, die gegen alle Instrumente des tödlichen Sextetts wirkt und unser Leben signifikant verlängern könnte – wir würden sie alle einnehmen.

Die gute Nachricht: Diese Tablette existiert. Sie heißt Sport. Und sie wirkt – nachweislich – gegen alle sechs stillen Killer.

1. Sport gegen Stoffwechselstörungen

Bewegung greift direkt in unseren Energiestoffwechsel ein. Unter körperlicher Belastung verbrennen wir Glukose, mobilisieren Fettreserven und verbessern die Insulinsensitivität. Unsere metabolische Flexibilität – also die Fähigkeit, zwischen Fett- und Kohlenhydratverbrennung zu wechseln – steigt kontinuierlich. Regelmäßiges Training kann Insulinresistenz reduzieren und einer Fettleber entgegenwirken. Stoffwechselstörungen sind häufig der Startpunkt für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Wer hier früh ansetzt, unterbricht eine gefährliche Kaskade.

2. Sport stärkt Herz und Gefäße

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland. Sport stärkt den Herzmuskel, verbessert die Gefäßelastizität und reguliert den Blutdruck. Durch die erhöhte Durchblutung werden Gefäße funktionell „trainiert“. Kleine Schäden können schneller repariert werden.

Viele Patienten mit Bluthochdruck können unter regelmäßigem Ausdauertraining ihre Medikation reduzieren – manche sogar ganz absetzen (selbstverständlich ärztlich begleitet). Bewegung wirkt hier wie ein multifunktionales Herzmedikament – nur ohne Beipackzettel.

3. Bewegung reduziert das Krebsrisiko

Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums senkt regelmäßige körperliche Aktivität das Risiko für zahlreiche Krebserkrankungen.3 Besonders gut belegt ist der Effekt bei Darmkrebs. Frauen reduzieren durch Sport zudem ihr Risiko für Brust- und Gebärmutterhalskrebs. Hinweise bestehen auch für Nieren-, Blasen-, Magen- und Speiseröhrenkrebs.

Die Mechanismen sind komplex: Stärkung der körpereigenen Abwehrmechanismen, Senkung chronischer Entzündungen, Reduktion von viszeralem Fett, Verbesserung der Insulinsensitivität und hormonelle Regulation. Sport ist kein Garant – aber ein signifikanter Schutzfaktor.

4. Sport schützt vor Demenz

Zahlreiche Studien zeigen: Regelmäßige Bewegung reduziert das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz (FITBOOK berichtete).

Ein zentraler Mechanismus ist die gesteigerte Bildung von BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor). Dieser Wachstumsfaktor fördert die Neubildung und Stabilisierung von Synapsen und ist besonders im Hippocampus, der Großhirnrinde und im Vorderhirn aktiv – also in jenen Regionen, die für Gedächtnis und abstraktes Denken entscheidend sind.

Die gute Nachricht: Unter Bewegung steigt die BDNF-Produktion messbar an und fördert neuronale Plastizität. Man könnte sagen: Sport ist Dünger fürs Gehirn.

Auch interessant: Demenz – bei welchen Anzeichen man zum Arzt sollte

5. Muskeln, Knochen und Knorpel

Mit zunehmendem Alter verlieren wir ohne Training kontinuierlich Muskelmasse. Dieser Prozess – Sarkopenie – erhöht das Sturzrisiko dramatisch. Ein osteoporosebedingter Oberschenkelhalsbruch ist kein harmloses Ereignis: 20 bis 30 Prozent der Betroffenen versterben innerhalb eines Jahres. Krafttraining wirkt dem direkt entgegen!

Selbst im hohen Alter lässt sich Muskelkraft signifikant steigern. Starke Muskeln stabilisieren Gelenke, schützen Knochen und erhalten Selbstständigkeit. In der Praxis sehe ich leider häufig das Gegenteil: Muskelabbau als Eintrittskarte in Pflegebedürftigkeit. Dabei ist er vermeidbar.

6. Sport verändert unser Mikrobiom

Unser Darm beherbergt bis zu 70 Prozent unserer Immunzellen. Er ist ein zentrales Steuerorgan unseres Immunsystems. Studien zeigen, dass Sport die Zusammensetzung des Mikrobioms verändert und die Bildung kurzkettiger Fettsäuren erhöht – unabhängig von der Ernährung (FITBOOK berichtete). Diese Fettsäuren wirken entzündungshemmend, stärken die Darmschleimhaut, verbessern die Energieausbeute und fördern die Sättigungsregulation. Bewegung ist somit auch Immuntraining. Ein gesunder Darm bedeutet ein widerstandsfähiger Organismus.

Auch interessant: Ayurveda-Expertin: »Wer seinen Darm umprogrammiert, isst gesünder und nimmt ab!

Mehr zum Thema

Prävention statt Reparaturmedizin

Unsere Medizin ist hervorragend darin, Schäden zu reparieren. Doch sie greift oft erst ein, wenn Erkrankungen manifest sind. Das tödliche Sextett entsteht jedoch lange vor seiner Endstrecke.

Wenn wir die gesunde Lebenszeit verlängern wollen – nicht nur die Lebensspanne –, müssen wir früher handeln. Sport ist dabei keine Lifestyle-Empfehlung. Er ist eine biologische Notwendigkeit.

Fazit: Die Tablette liegt nicht in der Apotheke

Natürlich bleibt ein Restrisiko im Leben. Man kann trotz Training vom LKW auf dem Zebrastreifen erfasst werden. Absolute Garantien gibt es nicht.

Aber innerhalb der biologischen Spielregeln unseres Körpers ist Bewegung die wirksamste, breiteste und am besten untersuchte Maßnahme gegen die großen Killer unserer Zeit.

Eine Tablette gegen Stoffwechselstörungen, Herzinfarkt, Krebs, Demenz, Muskel-, Knochen- und Knorpelschwund und Mikrobiom-Störungen?

Wir haben sie längst! Sie heißt Sport.

Und sie wartet nicht im Medizinschrank. Sondern vor Ihrer Haustür.

Über den Autor: Prof. Dr. med. Thomas Kälicke ist Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie mit zusätzlichen Qualifikationen in spezieller Unfallchirurgie, Handchirurgie und physikalischer Therapie. Anfang 2011 wurde er im Alter von 38 Jahren Chefarzt an den GFO Kliniken Bonn. Seit 2025 ist er zudem Chefarzt der Allgemeinchirurgie am CURA Krankenhaus in Bad Honnef. Neben seiner klinischen Tätigkeit berät und begleitet er seit vielen Jahren Menschen, die ihren Lebensstil verändern und langfristig gesund bleiben möchten. Als gefragter Redner vermittelt er wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zur Longevity verständlich und praxisnah.

*Im Jahr 2023 verstarben in Deutschland rund 1,03 Millionen Menschen. Demgegenüber standen lediglich 2839 Verkehrstote – aber 348.300 Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und etwa 250.000 durch Krebs.

Quellen

  1. Statistisches Bundesamt: Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland (aufgerufen am 15.04.2026) ↩︎
  2. Robert Koch-Institut: Neue Berechnungen zu verlorenen Lebensjahren in Deutschland (2021, aufgerufen am 15.04.2026) ↩︎
  3. Deutsches Krebsforschungszentrum in der Helmholtz-Gesellschaft: Bewegung senkt das Krebsrisiko (2024, aufgerufen am 15.04.2026) ↩︎

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.