28. Oktober 2025, 4:07 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Ein Kreuzbandriss ist schmerzhaft, die Behandlung mitunter komplex und die Erholung braucht Zeit. Das ist besonders für Sportler ein Thema, die ein höheres Risiko haben, sich zu verletzen, und zugleich schnell wieder zum Training zurückkehren wollen. Frauen sind häufiger von Kreuzbandrissen betroffen als Männer. Der Grund: Unterschiedliche Anatomien und hormonelle Vorgänge im Körper bringen auch unterschiedliche Verletzungsrisiken mit sich. Deswegen spielt das Geschlecht tatsächlich eine Rolle.
Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!
Ein unglückliches Aufkommen beim Fußball oder ein Sturz beim Skifahren, und schon kann es passiert sein – das Kreuzband ist gerissen. Häufig ist das vordere Kreuzband betroffen, viel seltener das hintere. Das vordere Kreuzband ist eines von vier großen Bändern, die das Knie stabilisieren. Reißt das Kreuzband, wird dies oft von einem Knack- oder Knallgeräusch begleitet, kurz danach schwillt das Knie an und schmerzt bei Bewegung. Zudem fühlt sich das Knie bei Bewegung instabil an. Die Erstbehandlung besteht aus Ruhe für das Knie, einem Druckverband sowie der Einnahme entzündungshemmender Schmerzmittel. Längerfristig erfolgt oft eine Therapie, um die Kniemuskulatur zu stärken und so das Fehlen des Kreuzbandes auszugleichen. Alternativ kann in einer Operation das beschädigte Kreuzband ersetzt werden.1
Frauen häufiger betroffen als Männer
Frauen sind deutlich häufiger von Kreuzbandrissen betroffen als Männer. Bei der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie ist von einem „mindestens zweimal“ höheren Risiko die Rede, andere Quellen gehen von einem vierfach erhöhten Risiko aus.2,3 Internationale Studien kamen sogar zu dem Schluss, dass Sportlerinnen achtmal so oft Kreuzbandrisse erleiden wie Sportler.4
Was der Q-Winkel mit Kreuzbandrissen zu tun hat
Mit Beginn der Pubertät verändert sich der Körper der Frau durch die Sexualhormone auf eine Weise, die ihn anfälliger für bestimmte Verletzungen macht, darunter Kreuzbandrisse. Eine besondere Rolle kommt dem Q-Winkel zu. Dabei handelt es sich um das Knie-zu-Hüfte-Verhältnis, also den Winkel, den das Bein von der Hüfte zum Knie hat. Dieser ist bei Frauen größer als bei Männern, was bei ihnen eine leichte X-Bein-Stellung verursacht.
Dr. Stacy Sims, Sportphysiologin und Ernährungswissenschaftlerin aus den USA, erläuterte in einem Podcast, was im Frauenkörper passiert: „Der Schwerpunkt verlagert sich von der Brust runter in den Bauchbereich, weil sich ihre Hüfte verbreitert. Die Schultern weiten sich ebenfalls und das verändert den Winkel der Knie im Verhältnis zu den Hüften.“
Der Q-Winkel wird mit dem erhöhten Risiko von Frauen für Kreuzbandrisse in Verbindung gebracht. Männer, die weniger breite Hüften und einen kleineren Winkel haben, stehen aufrechter, ihre Beine verlaufen von der Hüfte zum Boden „gerader“. Da der Körperschwerpunkt zudem höher ist, wird etwa bei einem Sprung die Kraft, die bei der Landung auf die Knie einwirkt, gleichmäßig verteilt. Das bedeutet ein geringeres Risiko für Verletzungen. „Durch die breiteren Hüften verlaufen die Beine der Frau dagegen in einem Winkel zum Knie, die einwirkenden Kräfte verteilen sich deshalb nicht so gleichmäßig wie bei Männern. Außerdem haben Frauen durch ihren Körperbau eine Quadrizeps-Dominanz“, erklärte Sims. Das bedeutet, dass sie ihre Oberschenkelmuskeln (Quadrizeps) bei Beinbewegungen übermäßig stark benutzen. Die Folge: Bei gewissen Bewegungen wie z. B. Sprüngen ist die Krafteinwirkung auf das Knie deshalb größer. Die X-Bein-Stellung bei Frauen sorgt zudem dafür, dass sich das Knie eher nach innen bewegt, was auch eine höhere Belastung für das Knie und seine Bänder bedeutet.
Die Rolle des Q-Winkels für sportliche Performance sowie Verletzungsrisiken ist zunehmend Gegenstand von Forschung, wenn auch bei Weitem noch nicht vollständig verstanden. Es gibt aber wissenschaftliche Hinweise dafür, dass ein größerer Q-Winkel das Risiko für Kreuzbandrisse sowie Fußgelenkverletzungen erhöht.5,6
Hormonelle Gründe für häufigere Kreuzbandrisse bei Frauen
In der Forschung wird auch der hormonelle Einfluss auf das Risiko für Kreuzbandrisse diskutiert. Studien liefern Hinweise darauf, dass sich Frauen in bestimmten Phasen ihres Menstruationszyklus eher verletzen als in anderen. Entsprechende Studien wurden mit sportlich aktiven Frauen oder Profisportlerinnen durchgeführt, die Übertragbarkeit auf weniger sportliche Frauen ist daher eingeschränkt. Auch gibt es bisher keine Eindeutigkeit in Bezug auf die spezifische Zyklusphase, die mit einem höheren Verletzungsrisiko einhergeht. Eine Studie aus England kam zu dem Schluss, dass es speziell in der späten Follikelphase, kurz vor dem Eisprung, häufiger zu Verletzungen kommt.7 Eine andere Untersuchung identifizierte dagegen die Lutealphase als die riskante Menstruationsphase.8
Vielleicht kann eine neue Studie mehr Licht ins Dunkle bringen. Da Frauenfußball immer populärer wird und das Thema Kreuzbandrisse bei Frauen dadurch mehr Aufmerksamkeit bzw. Bedeutung für den internationalen Fußballverband gewinnt, hat die FIFA nun eine Studie in Auftrag gegeben. Das Ziel: herausfinden, ob hormonelle Schwankungen während des Menstruationszyklus zu einem alarmierenden Anstieg von karrierebedrohenden Knieverletzungen im Frauenfußball beitragen könnten.9
Geschlechtsspezifische Verletzungsrisiken rein biologisch nicht ausreichend erklärbar?
Eine Review bestehender Forschungsarbeiten kam 2021 zu dem Schluss, dass neben den körperlichen Unterschieden auch gesellschaftliche Faktoren eine Rolle bei den Unterschieden im Verletzungsrisiko spielen könnten.10 Dazu zählten u. a. folgende:
- Mädchen würden oft weniger zum Risikosport oder Krafttraining ermutigt.
- Trainingsumgebungen wie Fitnessstudios seien für viele Frauen mit Unsicherheiten besetzt.
- Trainer, oft männlich, setzten bei Mädchen tendenziell andere Schwerpunkte als Verletzungsprävention oder Krafttraining.
- Verletzungsprävention sei häufig weniger strukturiert und werde seltener konsequent umgesetzt.
- In der Reha zeigten sich ebenfalls Unterschiede: Frauen kehrten seltener in den Sport zurück und hätten höhere Raten für Folgeoperationen.
Was ist der Q-Winkel – und wie beeinflusst er Sport bei Frauen und Männern?
Typische Symptome eines Kreuzbandrisses, OP und Therapie
Was tun, um Verletzungen vorzubeugen?
Um es gar nicht erst zu Kreuzbandrissen kommen zu lassen, scheint es vorteilhaft zu sein, das Training auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Körperbau anzupassen. Dr. Stacy Sims betont, dass Krafttraining dafür der Schlüssel sei. Denn genügend Kraft sei die beste Vorbeugung, vor allem mit Blick auf das Kraftverhältnis zwischen der vorderen und hinteren Oberschenkelmuskulatur. Da Frauen aufgrund der Quadrizeps-Dominanz tendenziell stärkere vordere Muskeln und schwächere hintere Muskeln haben, rät Sims zur Kräftigung der Oberschenkelrückseite. Idealerweise sollten Frauen auch ihre Gesäßmuskeln und Waden trainieren, also die gesamte Unterkörperrückseite. Das balanciere den Körper aus, wirke den nachteiligen Effekten des größeren Q-Winkels entgegen und sorge so für eine gleichmäßigere Verteilung der Kräfte bei Belastungen wie z. B. Sprüngen und Stößen. Diese Strategien hätten sich im Reha-Training nach Kreuzbandrissen bewährt und könnten entsprechend auch eine bedeutende Rolle in der Prävention spielen.11,12
Außerdem empfiehlt die Expertin, seitliche Bewegungen, z. B. Schritte oder auch Hüpfer und Sprünge, bei denen man mit nur einem Bein landet, sowie schnelle Richtungswechsel – wie sie u. a. beim Basketball oder Fußball üblich sind – zu trainieren und die benötigten Muskeln zu stärken. Bewegungen also, die häufig Verletzungen wie Kreuzbandrisse verursachen.
Womöglich könnte zukünftig, insofern die Forschung die hormonellen Effekte der Menstruationsphasen auf das Verletzungsrisiko besser entschlüsselt hat, zyklusbasiertes Training ein Element der Kreuzbandriss-Prävention sein.
Mögliche Langzeitfolgen von Kreuzbandrissen
Die Prävention von Kreuzbandrissen ist nicht nur zur Vermeidung akuter Verletzungen und sportlicher Ausfälle, die im Profisport sogar über die Karriere entscheiden können, wichtig. Auch langfristig lohnt es sich für die Gesundheit, Knieverletzungen vorzubeugen.
Kreuzbandrisse können später im Leben zur Entstehung von Arthrose führen.13,14 Eine Studie kam zu dem Schluss, dass 50 Prozent der untersuchten Personen, die Kreuzbandrisse oder einen Meniskusriss erlitten hatten, zehn bis 20 Jahre nach der Verletzung Arthrose entwickelt hatten. Eine rekonstruktive Operation nach der Verletzung konnte darauf offenbar keinen schützenden Einfluss nehmen. Betroffene von Kreuzbandrissen machen demnach einen großen Anteil der gesamten Arthrosepopulation aus.15