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Prof. Stefan Schneider im Interview

Gehirnforscher erklärt: „Mach Sport und du wirst glücklich, funktioniert nicht“

Wie hängen Sport und Gehirn zusammen
Prof. Dr. Dr. Stefan Schneider erforscht den Einfluss von Bewegung auf das Gehirn und sprach mit FITBOOK über den spannenden Forschungsstand. Foto: Getty Images, DSHS; Collage FITBOOK
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Melanie Hoffmann
Ernährungs-, Fitness- und Schlafexpertin

6. Februar 2026, 21:12 Uhr | Lesezeit: 16 Minuten

Sport soll glücklich machen, Stress reduzieren und unser Gehirn fit halten. Bewegung gilt als Schlüssel für ein gesundes Leben – vom Kindesalter bis ins hohe Alter. Doch was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir uns bewegen? Und warum kann Sport sogar zusätzlichen Stress verursachen? Im Interview erklärt Gehirnforscher Prof. Dr. Dr. Stefan Schneider, warum Bewegung weit mehr ist als Training, weshalb unser Gehirn ohne neue Erfahrungen verkümmert – und was wir falsch machen, wenn wir Sport zur Pflicht erklären.

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FITBOOK: Kann es ohne Sport kein gesundes Leben geben?
Prof. Dr. Dr. Stefan Schneider: „Ich kenne viele Menschen, die übergewichtig sind und ein glückliches Leben führen. Ein Dogmatismus in die Richtung ‚treibe Sport und dann wirst du glücklich und dein Gehirn entwickelt sich und du wirst schlau‘ funktioniert nicht. Sport, Bewegung und körperliche Aktivität – ich verwende bewusst diese Trias, weil für viele Menschen Sport negativ behaftet ist – können helfen, einen Weg zu finden, glücklich und schlau zu werden.“

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»Das Gehirn entwickelt und erhält sich über Erfahrungen

Wie meinen Sie das?
„Lassen Sie uns dafür zurück in die Kindheit gehen. Die kindliche Entwicklung des Gehirns ist an Erfahrungen gebunden. Kinder machen zunächst körperliche Erfahrungen. Das heißt, sie müssen sich bewegen und sich ihre Welten erobern. Wenn wir reisen, passiert dasselbe. Wir bewegen uns in dieser Welt und lernen neue Menschen, neue Umgebungen, neue Sprachen, neue Gerüche kennen. Das hat einen großen Einfluss auf unser Gehirn. Es entstehen neue synaptische Verbindungen, wir lernen. Später in der mittleren Hälfte unseres Lebens sind Sport und Bewegung relevant für die Stressregulation, und im Alter geht es, nicht wie bei den Kindern um die Entwicklung, sondern um den Erhalt des Gehirns. Auch hierfür braucht es Input. Den besten Input liefert ein aktives Leben. Aber dafür müssen wir körperlich fit sein.“

Es ist also auch im Alter wichtig, neue Erfahrungen zu machen?
„Unser Gehirn ist wie ein Muskel. Wenn wir es nicht nutzen, dann ist das wie bei einem eingegipsten Muskel, den wir nicht nutzen. Er verkümmert. Das ist es, was bei Einsamkeit – besonders – im Alter passiert. Das Gehirn bekommt keine Reize und keinen neuen Input und wird sich früher oder später verabschieden. Sport, Bewegung und körperliche Aktivität schaffen die Grundlage dafür, an der Gesellschaft zu partizipieren und sich in der Gesellschaft zu bewegen, und das ist der entscheidende Punkt. Es geht also weniger um den Sport an sich, als darum, dass er ein Vehikel ist, über das wir mit der Umwelt in Austausch treten.“

»Das Problem ist die mangelnde Kompensation von Stress

Sie haben den Faktor Stress angesprochen. Stress ist evolutionär bedingt ja lebensnotwendig und hat uns in den Zustand versetzt, uns schnell bewegen und fliehen oder kämpfen zu können. Ist Sport bzw. Bewegung also eigentlich alles, was wir gegen Stress benötigen?
„Tatsächlich glaube ich, dass nicht Stress das Problem der heutigen Gesellschaft ist, sondern die mangelnde Kompensation durch Bewegung. Die Menschen sind über viele Generationen geworden, was sie heute sind. Bewegung ist die rudimentäre Antwort unseres Körpers auf Stress. Die Flucht- und Kampfhormone, also Adrenalin und Noradrenalin, garantierten das Überleben: fliehen oder kämpfen. Wir fliehen oder wir kämpfen. In einer Gesellschaft, in der das nicht mehr möglich ist, also in der man etwa dem Meeting nicht entfliehen kann, ist gezielt eingesetzte Bewegung im Alltag, ein gutes Mittel, um Stress abzubauen. Das ist auch auf neurophysiologischer Ebene nachweisbar.“

Kann Bewegung auch präventiv wirken, also etwa vor chronischem Stress schützen?
„Den positiven Effekt von Bewegung auf die mentale Leistung sehen wir nur, wenn die Bewegung Spaß macht. Es ist nicht von Vorteil, verpflichtend täglich eine Stunde zu laufen, obwohl einem das nicht liegt und an einem vollen Tag weiteren Stress verursacht. Man muss eine Bewegungsform finden, die einem guttut, die man wie eine Art ‚Me-Time‘ genießen kann. Es gibt die klassische Trias Stress, Depression und Burn-out. Wir sehen, dass dies eine sich aufbauende Kurve ist. Ich glaube, je früher wir in diese Entwicklung eingreifen, desto größer ist der Effekt. Manche Menschen sind weniger gefährdet, weil sie gelernt haben, den Stress nicht in sich hineinzufressen, sondern über Sport und Bewegung zu kanalisieren. Die Belohnung ist dann ein befreiendes Gefühl, das viele nach dem Sport kennen.“

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Wie Bewegung schlau machen kann

In Ihrem Buch schreiben Sie, von mir hier etwas vereinfacht ausgedrückt, dass Sport schlau machen kann. Wie meinen Sie das?
„Im Grunde geht es dabei wieder um den stressregulierenden Effekt von Sport. Ein gutes Beispiel dafür ist die Kindheit. Kinder haben einen hohen Bewegungsdrang, auch noch im Schulalter. Der hängt, wie zuvor erwähnt, damit zusammen, dass sie über Bewegung die Welt erkunden. Doch auf einmal kommt die Schule und dann geht es um Mathe, Deutsch usw. und das oftmals mehrstündig nacheinander. Die Kinder sitzen drei oder vier Stunden, und da kann etwas weniger Kognitives – das kann Schulsport sein, aber auch Kunst oder Musik – entspannen. Das lässt sich auch neurophysiologisch abbilden. Wir haben viele Studien in Schulen gemacht und gesehen, dass körperliche Aktivität die durch den Unterricht kognitiv überladenen Bereiche des Gehirns sprichwörtlich abschaltet und, ganz ähnlich wie ein Computer, den man mal herunterfährt, wenn nichts mehr geht, danach wieder alles fluppt. Arne Dietrich hat das zu Beginn der 2000er Jahre als transiente Hypofrontalität bezeichnet. Wir kennen das alle. Nach einer Bewegungseinheit fällt es viel leichter, sich wieder bewusst hinzusetzen, sich zu konzentrieren und zu lernen. Und das meine ich damit, wenn ich sage, dass Bewegung schlau machen kann.“

„Lernen, auf den eigenen Körper zu hören“

Kann man Bewegung auch als Strategie vor Meetings oder Klausuren nutzen, um bessere Leistungen bringen zu können?
„Ich glaube, man muss lernen, auf den eigenen Körper zu hören. Denn auch hier gilt, dass Sport nicht zusätzlich stressen darf. Was hilft, ist Stressregulierung, und hier muss jeder für sich ausprobieren und verstehen, was ihm oder ihr hilft. Für manche ist es vielleicht ein Gebet oder eine Meditation, andere benötigen ein kurzes Gespräch mit Freunden. Und für manche ist es der Sport. Sport kann ein Mittel sein, den Stress zu regulieren. Aber eine dogmatische Herangehensweise, also zu sagen, man muss unbedingt diese eine Sache machen, ist nicht zielführend. Man sollte es ausprobieren und sich ehrlich fragen: ‚Was hat das mit mir gemacht?‘ Es kann zudem situationsabhängig sein. Sport kann in der einen Situation hilfreich sein, in der anderen aber eben genau nicht. Wobei Sport aber helfen kann, den eigenen Körper besser spüren, verstehen und steuern zu können. Und das kann dann auch wieder positive Auswirkungen auf Stressregulation haben.“

Psychischer Kipppunkt – Sport als Hilfe oder Stressfaktor?

Wissenschaftlich belegt sind Zusammenhänge zwischen Bewegung bzw. Bewegungsmangel und psychischen Beschwerden. Doch kann auch hier das Motto „Sport hilft“ zu dogmatisch werden und zusätzlich Stress oder Schuldgefühle auslösen, wenn man dem nicht gerecht werden kann?
„Ich denke, ein Therapeut muss sehr individuell schauen, was den Betroffenen guttut und was nicht. Das hat auch viel mit der Historie einer Person zu tun. Einer musischen Person hilft es vermutlich, Musik zu hören oder zu musizieren. Ist es jemand, der sportlich sozialisiert ist, dann ist wahrscheinlich Sport ein gutes Mittel. Was schwierig ist, ist, von Menschen, die an einem Kipppunkt stehen, eine Veränderung zu verlangen. Wenn jemand früh erkennt, dass er sich auf einen Kipppunkt zubewegt, und es schafft, langfristig aus eigenem Antrieb schrittweise etwas zu verändern, um dem Kipppunkt zu entkommen, kann das gut funktionieren. Was schwierig ist, ist, Menschen, die sich schon an diesem Punkt befinden, von außen eine Veränderung auferlegen zu wollen. Das ist ihnen dann häufig nicht mehr möglich und verursacht zusätzlichen Stress. Ein ‚Du musst jetzt das tun‘ hilft gar nicht, sondern herauszufinden: ‚Das will ich und das tut mir jetzt gut.‘“

Wird Sport für die Psyche also überbewertet?
„Nein, es kann bei der Prävention von psychischen Erkrankungen eine Rolle spielen. Ich finde es unter anderem deshalb wichtig, dass Eltern ihren Kindern die Bedeutung von Sport vermitteln und ihnen eine breite sportliche Ausbildung ermöglichen. Das kann die Schule nicht mehr unbedingt leisten. Genauso wichtig ist aber auch eine künstlerische und musische Ausbildung. Im besten Falle bietet das Kindern im weiteren Leben – in der Rush-Hour des Lebens und auch im Alter – Rückzugsorte. Eltern sind es gewohnt, finanzielle Rücklagen für ihre Kinder zu bilden, als Investition in ihre Zukunft. Eine breite sportliche Ausbildung ist ebenfalls ein Invest in ein glückliches, zufriedenes und vor allen Dingen selbstbestimmtes Leben im Alter.“

»Sport macht glücklich – wenn es schmerzt

In Ihrem Buch bringen Sie auch Sport mit Glück zusammen, beschreiben in dem Zusammenhang aber auch – auf den ersten Blick vielleicht etwas paradoxerweise –, dass Sport auch schmerzen sollte. Was meinen Sie damit?
„Ein Kollege hat mal gesagt: ‚Joggen, ist wie mit dem Kopf gegen die Wand hauen. Es fühlt sich so schön an, wenn der Schmerz nachlässt.’ Wir leben in einer Zeit, die immer mehr entkörperlicht wird. Wir erleben kaum mehr, dass Schmerz oder Leid stattfinden. Wenn wir Schmerzen haben, nehmen wir sofort ein Medikament. Wir haben immer sofort ein Gegenmittel. Schmerz und Leid sind in der Gesellschaft zwar noch relevant, aber verpönt. Und im Sport kommen wir dann doch noch an unsere körperlichen Grenzen und können das auch einordnen. Wir lernen darüber, wieder unseren Körper, auch auf unangenehme Weise, zu spüren, mal einen Schmerz auszuhalten. Das hat viel mit Resilienz zu tun, über die heute alle sprechen. Unbequemes aushalten und dranbleiben, auch wenn es weh tut. Auch im übertragenen Sinne.“

Und dabei werden Glückshormone ausgeschüttet?
„Das passiert erst sehr spät, etwa bei Extremsportlern. Bei ihnen werden Glückshormone, Endorphine und Endocannabinoide, ausgeschüttet. Evolutionsbiologisch hatte das Sinn. Wenn ich auf der Flucht vor dem Säbelzahntiger nicht mehr kann, wäre das lethal. Die beiden genannten Hormone wirken schmerzstillend. Das erlaubt mir, weiterzulaufen und eben nicht gefressen zu werden. Viele sprechen heute im Sport davon, dass dabei Glückshormone ausgeschüttet werden. Das ist zwar so, aber eben erst in einem relevanten Ausmaß, wenn wir unter Extrembelastung stehen. Bei Hobbysportlern besteht das ‚Glück‘ eher darin, sich überwunden zu haben, stolz zu sein, an Grenzen gegangen zu sein, den inneren Schweinehund überwunden zu haben. Oder eben, sehr konkret darin, dass der Schmerz nachlässt.“

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„Die heilige Dreifaltigkeit des Sports ist Kraft, Ausdauer und Koordination“

Gibt es ein Training, das für die Gesundheit und speziell die Gehirngesundheit die größten Vorteile bringt, z. B. Krafttraining oder Ausdauertraining? Oder sollte es eine Kombination sein?
„Die heilige Dreifaltigkeit des Sports ist Kraft, Ausdauer und Koordination. Das ist eine der Grundlagen der Trainingswissenschaft. Jede Trainingseinheit sollte Kraft, Ausdauer und Koordination beinhalten, egal, ob im Hochleistungs- oder Gesundheitsbereich. Das sind die Elemente, die unser Körper benötigt. Viele Jahre wurde der Ausdauersport propagiert – zur Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems. Das hing aber damit zusammen, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein großes Thema waren. Mittlerweile sind wir da angelangt, dass wir wissen, dass die Kombination aus Kraft und Ausdauer und im besten Fall auch Koordination am besten ist. Weder das eine noch das andere hat einen explizit positiven Effekt auf die mentale Gesundheit. Da kommt wieder der Punkt ins Spiel, dass mir der Sport Spaß machen muss. Ein Ausdauersportler wird Krafttraining wahrscheinlich nicht mögen, und umgekehrt auch. Wenn sie sich in ihrer jeweiligen Sportart aber wohlfühlen, wird das – zumindest mental – positive Wirkung haben. Natürlich muss sich jeder fragen, was die individuellen Ziele des Sporttreibens sind. Wenn es darum geht, muskulöser zu werden, macht Krafttraining mehr Sinn. Aber wenn es um den Faktor Gesundheitsprävention geht, würde ich die oben genannte Trias von Kraft, Ausdauer und Koordination empfehlen.“

Für das Alter kommt es auf sportliche Vielfalt an

Wie verhält es sich, wenn man auf ein glückliches und möglichst fittes hohes Alter hinarbeiten möchte?
„Wenn Sie sich auf ein gesundes und glückliches Leben im Alter vorbereiten wollen, dann würde ich sagen: Auf keinen Fall Fokussierung auf eine Sportart oder eine Disziplin. Dann ist die Vielfalt besser. Nehmen Sie einen alten Menschen, der stolpert und stürzt. Um dem vorzubeugen, benötigt die Person ihre Armstreckmuskulatur, um sich abzufangen. Hier hilft das gute Herz-Kreislauf-System nicht so viel – wobei dies natürlich die Grundlage genereller Fitness ist. Man muss sich immer fragen: Was benötige ich für den Alltag? Was möchte ich erreichen? Möchte ich meinen Körper stählen? Möchte ich fit werden oder möchte ich etwas für meine mentale Gesundheit tun? Oder beides?“

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Sportsozialisation wichtiger als Veranlagung

Sie haben zuvor von sportlicher Vorliebe und Spaß gesprochen. Wie entwickelt sich Ihrer Meinung nach eine solche Vorliebe? Ist es das auf Veranlagung zurückzuführende Talent? Können Eltern ihre Kinder in bestimmte Richtungen führen?
„Ich glaube, es ist die Sportsozialisation. Wir wissen heute, dass eine frühe Spezialisierung nicht unbedingt dazu führt, dass man ein richtig guter Sportler wird. Dazu gibt es viele Studien. Die Arbeitsgruppe von Achim von Conzelmann aus Bern konnte beispielsweise zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, olympisches Gold zu gewinnen oder als Profi erfolgreich zu sein, nicht damit zusammenhängt, sich in einer Sportart früh zu spezialisieren. Ausnahme ist vielleicht eine Sportart wie Turnen, in der man nur sehr jung erfolgreich ist. Eine breite sportliche Sozialisation spielt eine große Rolle eine erfolgreiche Karriere im Leistungssport ebenso wie für ein gesundes und glückliches Leben im Alter.“

Wie sollte die sportliche Sozialisation am besten aussehen?
„Ich habe zu meinen Kindern gesagt: Wir probieren alles aus. Beim Fußball hat mein Sohn zum Beispiel gesagt, dass er das doof findet, während meine Tochter es mochte. Und das war okay. Beide mochten Schwimmen, aber nicht Laufen. Wir waren Boxen, Turnen und Skaten. Und sind jeden Morgen gemeinsam mit dem Rad zur Schule gefahren. Wichtig erscheint mir, dass sich Eltern engagieren. Ich sage immer gerne: Wenn sie sich einen Hund zulegen, müssen sie mit ihm dreimal am Tag raus. Das können Sie Pi mal Daumen auch auf ihre Kinder anwenden.“

Sport in Kindheit und Alter – muss die Gesellschaft mehr Verantwortung übernehmen?

Egal ob in der Kindheit oder im Alter: Bewegung ist so wichtig. Müsste da nicht auch gesellschaftlich mehr gefördert werden?
„Da sprechen Sie wahrlich ein ganz zentrales Thema an, mit dem wir uns derzeit in der Wissenschaft beschäftigen. Dass Sport und Bewegung gesund sind, ist mittlerweile angekommen. Es wird immer wieder gefordert, dass Menschen ihr Verhalten ändern müssen, sich mehr bewegen und sich anders ernähren müssen. Aber was niemand auf dem Schirm hat – und Sie hier ansprechen: Auch die Verhältnisse müssen sich ändern. Das heißt, es müssen Bewegungsräume geschaffen werden. Eine Sportinfrastruktur muss geschaffen und gepflegt werden. Ein gutes Beispiel ist Asien: Da sind die Sportstätten immer für alle zugänglich. Es gibt keine Zäune darum herum und – Überraschung – sie werden genutzt. Egal, ob Kinder, Menschen im mittleren Alter oder Senioren – die Menschen gehen abends dorthin und machen Sport. Wir benötigen mehr Kinderspielplätze und mehr Sportplätze, auf denen auch ein 83-Jähriger, der Klimmzüge versucht, nicht komisch beäugt wird. Bewegung muss überall und bei jedem akzeptiert werden. Das ist eine wichtige Aufgabe für die Politik.“

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„Kinder treiben Sport, wenn ihre Eltern Sport treiben“

Was empfinden Sie speziell in Bezug auf Kinder als wichtig? Und wie müsste man Eltern und Familien unterstützen, die es selbst nicht leisten können, die Kinder an Bewegung heranzuführen?
„Bei den Kindern ist es häufig so, dass das Thema Bewegung gerne in die Schule abgeschoben wird. Aber es gibt viele Studien, die zeigen, dass Kinder dann Sport treiben, wenn ihre Eltern Sport treiben. Die Eltern haben hier die Vorbildfunktion. Aber Sie haben recht mit der Frage: Was ist mit den sozial Schwächeren? Was ist mit Eltern, die keine Zeit haben, weil sie zwei Jobs haben, und Familien, die an einem Ort leben, an dem die sportliche Infrastruktur fehlt? Ich glaube, hier können wir die Vereine sowie den Verbund Verein-Schule stärken. Seit knapp zehn Jahren gibt es den offenen Ganztag, und das haben viele Vereine genutzt, um ihre Angebote in die Schulen zu bringen. Natürlich auch, weil die Kinder angesichts der Ganztagsschule nicht mehr so viel in die Vereine kommen. Aber ich halte diese Vermischung auch generell für vorteilhaft. Wichtig ist, dass die Lösungen, die es schon gibt, auch besser kommuniziert werden und bei den Menschen ankommen, die sie benötigen.“

Warum ist bei all den Vorteilen von Bewegung der „innere Schweinehund“ so groß?

Bewegung und Sport haben im Grunde nur Vorteile für uns Menschen – warum fällt es uns dann aber oft so schwer, uns zu genügend zu bewegen? Das ist doch paradox, oder?
„Tatsächlich ist Vermeidung körperlicher Aktivität – das, was wir heute als Sport bezeichnen – verhaltensbiologisch tief in uns verankert. Der Neandertaler hätte einen Teufel getan und im freien Spiel einem Ball hinterhergejagt. Nahrung und damit Energie waren limitiert, und die wenige Energie, die sie hatten, mussten sie für das tägliche Leben verwenden, nämlich für das Jagen oder Sammeln oder den Kampf. Energie war äußerst begrenzt, und deswegen würden wir es aus evolutionsbiologischer Sicht ablehnen, uns freiwillig und unnötig zu bewegen. Die Möglichkeit, Zucker und Kohlenhydrate in Fett umzuwandeln, ist ein evolutionsbiologischer Vorteil, der es uns ermöglicht, für Mangelzeiten Energiereserven in Form von Fett anzulegen. Und das steckt eben immer noch in uns. Heute ist die Situation aber andersherum. Wir haben ein Nahrungsüberangebot und dazu ein hyperkalorisches. Nun fehlt nur leider der evolutionsbiologische Drive, das verstoffwechseln zu wollen und dafür, uns bewegen zu wollen. Bewegung ist Kopfsache. Wir müssen uns heute weitestgehend über unsere Triebe hinwegsetzen, und das machen viele Menschen nicht. Peter Bamm hat es mal sehr schön formuliert: ‚Der Sport ist ein sehr vernünftiger Versuch des modernen Zivilisationsmenschen, sich Strapazen künstlich zu verschaffen.’“

Prof. Stefan Schneiders Buch „111 sportliche Impulse, die schlau und glücklich machen“ ist im Oktober 2025 im EMONS Verlag Köln erschienen.

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