Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für Fitness, Gesundheit und Ernährung
Abnehmen Medikamente Alle Themen
Abnehmspritzen

Das Risiko für Sehverlust ist bei Wegovy fast fünfmal höher als bei Ozempic

Der Wirkstoff Semaglutid wird in der Regel einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt.
Der Wirkstoff Semaglutid wird in der Regel einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt. Foto: Getty Images
Artikel teilen

18. März 2026, 13:00 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Der Wirkstoff Semaglutid, welcher in „Abnehmspritzen“ steckt, kann Sehverlust verursachen. Auslöser ist eine seltene Augenerkrankung namens NAION, die im schlimmsten Fall zur Erblindung führen kann. Eine aktuelle Studie schließt wichtige Forschungslücken: Welche Faktoren beeinflussen das Risiko – das Präparat, die Dosis, das Geschlecht?

Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!

Gefährliche Nebenwirkung bei global genutztem Medikament

Der Wirkstoff Semaglutid ist sowohl für die Behandlung von Diabetes als auch für Adipositas zugelassen. Mittlerweile wird er von Millionen Menschen gespritzt und beunruhigenderweise floriert auch der Schwarzmarkt für „Abnehmspritzen“. Dabei ist seit 2024 bekannt, dass Semaglutid mit der Augenerkrankung ischämische Optikusneuropathie, kurz NAION, verbunden ist. Damit ist eine Durchblutungsstörung des Sehnervs gemeint, welche zu plötzlichen und teils dauerhaften Sehverlusten führt. Inzwischen findet man den Hinweis darauf als „sehr seltene“ Nebenwirkung in den Beipackzetteln der bekannten Hersteller Ozempic und Wegovy.1,2

Klinische Studien sind für solch seltene Nebenwirkungen oft zu klein, um sie zuverlässig zu erkennen. Das Ziel der aktuellen Studie war deshalb, erstmals weltweit und bevölkerungsbezogen zu prüfen, ob sich bei Semaglutid je nach Präparat und Geschlecht unterschiedliche Muster zeigen. Verglichen wurden die Semaglutid-Präparate Ozempic, Wegovy und Rybelsus sowie als Vergleich unter anderem Tirzepatid, Metformin und Insulin.3

Frühere Studien fokussierten sich auf den Faktor Diabetes

Vorangegangene Forschung lieferte bereits Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Semaglutid und NAION. Eine 2024 veröffentlichte Analyse fand bei Typ-2-Diabetikern unter Semaglutid ein um 8,9 Prozent erhöhtes NAION-Risiko gegenüber 1,8 Prozent unter anderen Diabetes-Medikamenten. Bei übergewichtigen oder adipösen Patienten lag es bei 6,7 Prozent gegenüber 0,8 Prozent unter anderen Medikamenten zur Gewichtsreduktion.4

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2025 untersuchte ausschließlich Typ-2-Diabetiker. Unter den Diabetikern, die mit Semaglutid behandelt wurden, entwickelten 35 Personen (0,04 Prozent) eine NAION, verglichen mit 19 Patienten (0,02 Prozent) in der Kontrollgruppe. Das entspricht einem Anstieg des relativen Risikos um stolze 76 Prozent, wobei die absoluten Werte zeigen, dass Sehverlust sehr selten auftritt.

Über 3 Millionen Patientendaten

Die aktuelle Analyse stützt sich auf Spontanmeldungen aus einem System der US-amerikanischen Lebens- und Arzneimittelüberwachungsbehörde. Dieses sammelt Verdachtsmeldungen zu Nebenwirkungen von Arzneimitteln. Die Wissenschaftler untersuchten Berichte aus dem Zeitraum von Dezember 2017 bis Dezember 2024. Insgesamt umfasste die Datenbasis 30.668.520 Meldungen. Eingeschlossen wurden Berichte, in denen ein GLP-1-Rezeptoragonist (so heißt die Wirkstoffklasse der „Abnehmspritzen“) als primär verdächtiges Medikament genannt wurde und gleichzeitig eine NAION gemeldet war.

Der Wirkstoff Semaglutid wurde sowohl als Gesamtgruppe als auch nach Marken, die ihn enthalten, ausgewertet:

  • Ozempic als wöchentlich injizierbares Präparat für Typ-2-Diabetes mit bis zu 2,0 Milligramm
  • Wegovy als wöchentlich injizierbares Präparat gegen Adipositas mit bis zu 2,4 Milligramm
  • Rybelsus als tägliches orales Präparat für Typ-2-Diabetes.

Das Vergleichsmedikament Tirzepatid wurde ebenfalls als Gesamtgruppe und nach Marken untersucht.

Die Autoren prüften, ob ION unter bestimmten Medikamenten in den Meldedaten auffällig oft vorkam. Dafür nutzten sie statistische Kennzahlen, die solche Warnsignale sichtbar machen. Zusätzlich rechneten sie den Einfluss von Alter und Geschlecht heraus, um zu sehen, ob die Unterschiede auch dann bestehen bleiben.

Risiko steigt vor allem bei Wegovy

Die Auswertung zeigt ein klares Warnsignal für Semaglutid – allerdings nicht für alle Präparate in gleichem Maß. Besonders auffällig war Wegovy. Obwohl zu Ozempic deutlich mehr Meldungen im System vorlagen, fiel das Signal für eine ischämische Optikusneuropathie, also eine Durchblutungsstörung des Sehnervs, bei Wegovy deutlich stärker aus.

Konkret wurden unter Wegovy 28 Fälle gemeldet. Daraus ergab sich ein ROR (Reporting Odds Ratio) von 74,89. Der ROR ist eine statistische Kennzahl, die zeigt, ob eine bestimmte Nebenwirkung bei einem Medikament in Meldedaten auffällig oft berichtet wird. Sie ist also ein Warnsignal, aber kein Beweis für Ursache und Wirkung. Bei Ozempic waren es 47 Fälle mit einer ROR von 18,81. Für Semaglutid insgesamt kamen die Autoren auf 85 gemeldete Fälle und eine ROR von 21,37. Die Odds für gemeldete ION-Fälle lagen bei Wegovy im Vergleich zu Ozempic 4,74-fach höher. Mit Rybelsus wurde in dieser Analyse kein Fall gemeldet. Auch bei den Vergleichsmedikamenten zeigte sich kein entsprechendes Signal: weder bei Tirzepatid, noch bei Mounjaro, Zepbound, Metformin oder Insulin.

Männer häufiger betroffen

Auffällig waren auch die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. In der nach Geschlecht getrennten Auswertung war das Signal bei Wegovy für Männer am stärksten. In der zusätzlichen statistischen Analyse, bei der Alter und Geschlecht berücksichtigt wurden, zeigte sich: Bei Männern lagen sie im Vergleich zu Frauen 3,33-fach höher.

Wichtig ist dabei: Die Studie zeigt kein tatsächliches Erkrankungsrisiko und beweist keine Ursache-Wirkung-Beziehung. Sie zeigt vielmehr, dass in den Meldedaten bestimmte Auffälligkeiten besonders oft zusammen mit Wegovy berichtet wurden – und zwar deutlich häufiger als bei anderen untersuchten Präparaten.

Bedeutung der Ergebnisse

Die Ergebnisse sind vor allem deshalb relevant, weil sie auf ein mögliches Sicherheitsproblem bei Semaglutid hinweisen, das sich je nach Präparat und möglicherweise auch je nach Geschlecht unterscheidet. Besonders auffällig ist, dass Wegovy in den Meldedaten ein deutlich stärkeres Signal zeigte als Ozempic, obwohl insgesamt viel mehr Meldungen zu Ozempic vorlagen. Das spricht in den Augen der Autoren für einen möglichen Zusammenhang mit Formulierung und Dosis.

Praktisch bedeutet das: Die Studie beweist nicht, dass Semaglutid ION verursacht, sie liefert aber ein Warnsignal, das ernst genommen werden sollte. Für Ärzte könnte das bedeuten, bei plötzlichen Sehstörungen unter Semaglutid besonders aufmerksam zu sein. Patienten müssen wissen, dass plötzliches verschwommenes Sehen, Gesichtsfeldausfälle oder ein akuter Sehverlust rasch augenärztlich abgeklärt werden sollten.

Für die Forschung sind die Daten bedeutsam, weil sie erstmals eine formulierungsspezifische und geschlechtsspezifische Analyse zu diesem Thema liefern. Die Autoren interpretieren das Muster so, dass höhere Dosen und injizierbare Formen möglicherweise eine Rolle spielen könnten. Als mögliche Erklärungen nennen sie unter anderem Flüssigkeitsverlust, Blutdruckabfälle, nächtliche Blutdrucksenkungen und Kreislaufinstabilität, die die Durchblutung des Sehnervs beeinträchtigen könnten. Diese Mechanismen bleiben jedoch hypothetisch und wurden in der vorliegenden Studie nicht direkt geprüft.

Experte im Interview: Ozempic abgesetzt? „Viele erreichen ihr Ausgangsgewicht innerhalb eines Jahres wieder“

Mehr zum Thema

Was hinter der Augenkrankheit NAION steckt

NAION ist eine relativ seltene und ernste Erkrankung, die zehn von 100.000 Menschen betrifft, heißt es in einer Mitteilung des Mass General Brigham.5 Dennoch ist sie nach dem Glaukom die zweithäufigste Ursache für Sehnervenblindheit und die häufigste Ursache für plötzliche Erblindung. Mediziner vermuten, dass NAION durch eine verminderte Durchblutung des Sehnervenkopfes entsteht, die zu einem dauerhaften Sehverlust auf einem Auge führt. Die Erblindung entwickelt sich über mehrere Tage und ist schmerzlos. Leider ist das Schicksal damit besiegelt. Gegenwärtig gibt es keine wirksame Behandlung von NAION.

NAOIN steht für nicht-arterische ischämische Optikusneuropathie, von AOIN spricht man bei der arterischen Variante. Bei beiden Formen handelt es sich um einen Papilleninfarkt, die als einziges konstantes Symptom einen schmerzlosen akuten Sehverlust mit sich bringt. Diese kann bis zur Erblindung gehen. Gegenwärtig gibt es keine wirksame Behandlung, die zur vollständigen Heilung der ischämische Optikusneuropathie führt. Im Fall von NAION kommt es jedoch vor, dass sich Patienten wieder davon erholen und sich das Sehvermögen von allein bessert.6

Ozempic-Nutzer rät von Abnehmen mit Spritze ab

In seinem Podcast und bei FITBOOK berichtet Serdar Deniz von seiner Abnehm-Reise und in dem Zusammenhang auch von seiner Erfahrung mit Ozempic. Auch er kann von Nebenwirkungen wie Übelkeit berichten. Viel schlimmer fand er aber die Erkenntnis, dass er nach den ersten Abnehmerfolgen nicht nur immer weiter spritzen musste, sondern sogar noch mehr. „Für mich war es erschreckend, zu sehen, dass ich die Dosis erhöhen muss, um weiter abzunehmen“, beschrieb der 36-Jährige. Deshalb entschloss er sich, das Medikament abzusetzen: „Nein, ich werde kein Ozempic mehr nehmen. Zum einen, weil mein Diabetes gut behandelt bzw. eingestellt ist und ich somit medizinisch keinen Indikator mehr habe für das Mittel.“ Andererseits sei es ihm zu riskant, die Dosierung immer wieder erhöhen zu müssen, um weiter erfolgreich abzunehmen. Der 36-Jährige fürchtet Schäden durch das Medikament, die man bislang noch gar nicht kenne.

Quellen

  1. Patienteninfo Service. Wegovy® Injektionslösung im Fertigpen. (aufgerufen am 17.03.2026) ↩︎
  2. Patienteninfo Service. Ozempic® 1 mg Injektionslösung im Fertigpen. (aufgerufen am 17.03.2026) ↩︎
  3. Lakhani, M., Al-Ani, A., Popovic, M. et al. (2026). schemic optic neuropathy with semaglutide: global observational analysis of sex- and formulation-specific riskBritish Journal of Ophthalmology ↩︎
  4. Hathaway, J.T., Madhura, P.S, Hathaway, D.B., et al. (2024): "Risk of Nonarteritic Anterior Ischemic Optic Neuropathy in Patients Prescribed Semaglutide" JAMA Ophthalmology. ↩︎
  5. Mass General Brigham (2024). Popular Prescription Weight Loss Drugs Linked to Uncommon Blinding Condition (aufgerufen am 4. Juli 2024) ↩︎
  6. Chen, J.J. Ischämische Optikusneuropathie. MSD Manuak (aufgerufen am 4.7.2024) ↩︎

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.