29. Dezember 2025, 20:23 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
GLP-1-Medikamente wie Semaglutid und Tirzepatid gelten als medizinischer Durchbruch – doch ihr gängiger Beiname „Abnehmspritze“ blendet Risiken aus. Von Darmverschluss über Gallenprobleme bis zu seltenen Sehschäden: Stoffwechselexperte Prof. Norbert Stefan ordnet im FITBOOK-Interview die aktuelle Studienlage ein, sagt klar, wer wirklich profitiert – und warnt eindringlich vor leichtfertigem Einsatz bei Gesunden.
Wer derzeit am meisten von GLP-1-Therapien profitiert – und welche weiteren Patientengruppen künftig erheblich davon profitieren könnten –, erläuterte Prof. Dr. med. Norbert Stefan im ersten Teil des FITBOOK-Interviews. Der Endokrinologe und Diabetologe zählt zu den besten Kennern der klinischen Studienlage und Wirkmechanismen GLP-1-basierter Medikamente. Mit seiner Arbeitsgruppe an der Universität Tübingen gehört er international zu den führenden Experten für die Erforschung kardiometabolischer Risiken und moderner Therapieansätze. In Teil 2 geht es nun um die Risiken, die alle Patienten kennen sollten, bevor sie mit der Behandlung beginnen. Bei einigen Patienten ist sogar besondere Vorsicht geboten.
»Völlegefühl, Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung
FITBOOK: Herr Stefan, was sind die häufigsten Nebenwirkungen GLP-1-basierter Medikamente?
Prof. Dr. med. Norbert Stefan: „Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen den Magen-Darm-Trakt. Dazu zählen ein Völlegefühl, aber auch Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung. Die Beschwerden treten vor allem bei zu schneller Dosiserhöhung auf. Es ist daher wichtig, sich an die empfohlenen Dosierungsschemata zu halten und die Dosis langsam zu steigern. Auch ein erhöhter Flüssigkeitshaushalt ist wichtig, denn bei zu wenig Flüssigkeitszufuhr kann bei einer GLP-1-Therapie die Verstopfung verstärkt auftreten. In seltenen Fällen kann es sogar zu einem Darmverschluss kommen. Studien aus den USA zeigen hier ein leicht erhöhtes Risiko im Vergleich zu anderen Medikamenten zur Gewichtsreduktion.“
»Bildung von Gallensteinen und Pankreatitis unter GLP-1-Therapie begünstigt
Welche Patienten sollten sehr vorsichtig sein mit diesen Medikamenten oder ganz darauf verzichten?
„Wir sehen Hinweise darauf, dass GLP-1-basierte Präparate das Risiko für Pankreatitis – also eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse – leicht erhöhen können. Bei entsprechenden Vorerkrankungen sollte man sehr vorsichtig sein oder ganz auf eine GLP-1-Therapie verzichten. Auch die Bildung von Gallensteinen scheint unter der GLP-1-Therapie leicht begünstigt zu werden. In sehr seltenen Fällen kann das zu Gallenblasenentzündungen führen – das betrifft aber nur eine kleine Patientengruppe.“
»Vorsicht bei bereits bestehenden Augenerkrankungen
Für Aufregung sorgte letztens eine Studie über einen möglichen Anstieg von Sehverlust bei Semaglutid-Patienten (FITBOOK berichtete). Wie schätzen Sie diese Gefahr ein?
„Es geht um eine Erkrankung namens NAION (nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie, A. d. R.), die das Sehvermögen stark beeinträchtigen kann. Es liegen inzwischen mehrere retrospektive Studien, vor allem aus den USA, vor, die ein leicht erhöhtes Risiko unter GLP-1-Therapie nahelegen. Zwar betrifft das nur einen sehr kleinen Teil der Patienten – etwa vier von zehntausend (0,04 Prozent) –, die über zwei Jahre mit GLP-1-Präparaten behandelt wurden im Vergleich zu zwei von zehntausend (0,02 Prozent), welche diese Therapie nicht erhielten –, aber es reicht aus, um in den Fachinformationen der Hersteller entsprechende Warnhinweise aufzunehmen. Vor allem bei bereits bestehenden Augenerkrankungen sollte vor Beginn der Therapie eine augenärztliche Abklärung erfolgen.“
Prof. Dr. med. Norbert Stefan ist Endokrinologe und Diabetologe und Inhaber des Lehrstuhls für klinisch-experimentelle Diabetologie am Universitätsklinikum Tübingen. Außerdem leitet er die Abteilung „Pathophysiologie des Prädiabetes“ am Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrums München. Er hat mit Herstellern von GLP-1-basierten Präparaten, meist im Rahmen von wissenschaftlichen Vortragsveranstaltungen, zusammengearbeitet.
»In Einzelfällen depressive Verstimmungen, keine klare Evidenz für erhöhtes Depressionsrisiko oder Suizidalität«
Auch Berichte über depressive Verstimmungen oder psychische Nebenwirkungen gibt es im Kontext von GLP-1-Therapien viele. Müssen GLP-1-Anwender damit rechnen?
„Das ist ein sensibler, aber wichtiger Punkt. Wir wissen aus der Adipositaschirurgie, dass starke Gewichtsabnahmen – etwa nach Magenverkleinerungen – bei einigen Menschen depressive Symptome oder emotionale Krisen auslösen können. Essen fungiert bei vielen Menschen als eine Form von emotionaler Selbstregulation oder Belohnung. Wird diese Möglichkeit durch starke Appetitreduktion plötzlich entzogen, kann das bei bestimmten Patienten psychisch belastend wirken. Auch bei GLP-1-Medikamenten beobachten wir in Einzelfällen depressive Verstimmungen. Es gibt allerdings bislang zum Glück keine klare Evidenz für ein signifikant erhöhtes Risiko für Depression oder Suizidalität.“
»Das ist das größte Missverständnis um die Abnehmspritze
»Größte Wirkung durch GLP-1-Medikamente bei diesen Patienten
»Sorge um überproportionalen Muskelabbau durch GLP-1 bisher nicht bestätigt
Wie steht es um den Verlust der Muskelmasse während der GLP-1-Therapie? Was müssen Anwender wissen bzw. beachten?
„Grundsätzlich verlieren Menschen bei jeder Form der Gewichtsreduktion – sei es durch Diät, bariatrische Operation oder GLP-1-Therapie – neben Fett auch Muskelmasse. Entscheidend ist jedoch, dass die Muskelkraft erhalten bleibt. Das zeigen Studien auch sehr deutlich. Die Sorge war zunächst, dass GLP-1-Medikamente einen überproportionalen Muskelabbau verursachen könnten. Diese Sorge hat sich bisher nicht bestätigt. Vielmehr entsprechen die Verluste der Muskelmasse dem, was man auch bei anderen Gewichtsreduktionen sieht. Besonders wichtig ist, dass Patienten während der Therapie aktiv bleiben und gezielt Krafttraining machen – das schützt die Muskulatur.“
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»GLP-1-Medikamente wie ein Lifestyleprodukt einsetzen? Nicht vertretbar
In den USA gibt es den Trend, dass sich auch gesunde und sportliche Menschen GLP-1-basierte Medikamente in extrem kleinen Dosen spritzen. Verfechter von Microdosing argumentieren, dadurch präventiv fit zu bleiben. Was halten Sie davon? Ist da etwas dran?
„Das ist eine sehr kritische Entwicklung. Die Studienlage zeigt ganz klar: Die positiven Effekte auf Herz-Kreislauf und Stoffwechsel treten hauptsächlich bei Menschen mit Vorerkrankungen auf – etwa bei Typ-2-Diabetes, Übergewicht und kardiovaskulären Risikofaktoren – oder Übergewicht und bereits durchgemachtem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Bei Gesunden ohne Vorerkrankung gibt es bislang keine Hinweise, dass durch eine reguläre Dosis oder Mikrodosierung relevante gesundheitliche Vorteile entstehen – weder bei der Verhinderung eines Herzinfarkts noch zur Prävention von Alzheimer oder Diabetes. Zudem gelten die beschriebenen Nebenwirkungen auch für niedrige Dosen. Deshalb halte ich es aus medizinischer Sicht für nicht vertretbar, GLP-1-Medikamente wie ein Lifestyle-Produkt einzusetzen. Es bleiben verschreibungspflichtige Arzneimittel, die unter ärztlicher Kontrolle angewendet werden müssen.“