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Stoffwechselspezialist im FITBOOK-Interview

»Größte Wirkung durch GLP-1-Medikamente bei diesen Patienten

GLP-1 wird per Spritze injiziert – in der Regel einmal pro Woche
GLP-1 wird per Spritze injiziert – in der Regel einmal pro Woche Foto: Getty Images
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Anna Echtermeyer
Redakteurin

19. Dezember 2025, 12:41 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Sie gelten als die Wundermittel unserer Zeit: GLP-1-Medikamente wie Semaglutid und Tirzepatid versprechen nicht nur Gewichtsverlust, sondern auch bessere Blutzuckerwerte, weniger Entzündungen, Nierenschutz und sogar Vorteile fürs Herz. Doch was davon ist bislang auch wirklich bewiesen? Welche Patienten die größten Profiteure von GLP-1-basierten Therapien sind und welche neuen Patientengruppen hoffen können – ein international anerkannter Stoffwechselexperte klärt auf bei FITBOOK.

Kaum ein deutscher Forscher kennt die klinische Studienlage und Mechanismen GLP-1-basierter Medikamente so gut wie Prof. Dr. med. Norbert Stefan. An der Uni Tübingen erforscht der Endokrinologe und Diabetologe gemeinsam mit anderen seit vielen Jahren, wie Fettleber, Typ-2-Diabetes, Entzündungsgeschehen und kardiometabolische Risiken zusammenhängen. Seine Arbeitsgruppe gehört weltweit zu den führenden Zentren, die verstehen wollen, wie moderne Therapien diese Prozesse bremsen können. Im ersten Teil des FITBOOK-Interviews sprechen wir über Patienten, die am stärksten von Semaglutid und Co. profitieren – und welche neuen Patientengruppen hoffen dürfen.

»Nutzen von GLP-1 zu 80 Prozent in Behandlung von Diabetes

FITBOOK: Herr Stefan, wenn wir einmal alle Schlagzeilen und Hypes ausblenden: Was leisten GLP-1-Therapien aus Ihrer Sicht wissenschaftlich wirklich – und warum gelten sie für Menschen mit schweren Stoffwechselerkrankungen inzwischen als medizinischer Durchbruch?
Prof. Dr. med. Norbert Stefan: „GLP-1-basierte Medikamente wurden für die Therapie des Typ-2-Diabetes entwickelt und da sehe ich ihren Nutzen immer noch zu achtzig Prozent. Wir verfügen mittlerweile über rund 20 Jahre Erfahrung – zunächst mit älteren Präparaten, heute mit moderneren Wirkstoffen wie Semaglutid oder Tirzepatid. Der Hauptnutzen liegt in einer verbesserten Blutzuckerkontrolle bei meist übergewichtigen Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes – oft schon in der ersten Woche der Therapie, noch bevor eine Gewichtsreduktion einsetzt.

„Diese Präparate verlangsamen unter anderem die Magenentleerung und fördern die Insulinproduktion, wodurch Glukosespitzen reduziert werden. Sie wirken effektiv, insbesondere bei Patienten, die mit oralen Antidiabetika nicht mehr ausreichend eingestellt werden können und vor der Entscheidung stehen, eine Insulintherapie zu beginnen. In diesen Fällen bieten GLP-1-Analoga eine wertvolle Alternative mit deutlich geringerer Hypoglykämie-Rate.“

»Vorteile für Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Welche Vorteile über die reine Diabetesbehandlung hinaus sind aus Ihrer Sicht inzwischen ausreichend gut durch Studien belegt?
„Neben der Blutzuckerregulation zeigen GLP-1-Analoga auch kardiovaskuläre Vorteile. Die SELECT-Studie zu Semaglutid hat beispielsweise belegt, dass übergewichtige Patientinnen und Patienten mit bereits bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen von einer Therapie mit Semaglutid hinsichtlich des Überlebens und der Reduktion erneuter Ereignisse profitieren. Bemerkenswert ist, dass der positive Effekt auch unabhängig vom Ausgangsgewicht und vom Gewichtsverlust beobachtet wurde – ein Hinweis auf gewichtsunabhängige, wahrscheinlich antientzündliche, Wirkmechanismen. Ähnliche Ergebnisse wurden auch für die Wirkstoffe Dulaglutid und Tirzepatid gefunden.“

»Ein weiterer, vielversprechender Anwendungsbereich

„Ein weiterer, vielversprechender Anwendungsbereich ist der Schutz der Nierenfunktion. Auch wenn diese Medikamente in diesem Zusammenhang noch nicht zugelassen sind, zeigen Studien bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und chronischer Nierenerkrankung bereits kardiovaskuläre und renale Vorteile.“

Prof. Dr. med. Norbert Stefan ist Endokrinologe und Diabetologe und Inhaber des Lehrstuhls für klinisch-experimentelle Diabetologie am Universitätsklinikum Tübingen. Außerdem leitet er die Abteilung „Pathophysiologie des Prädiabetes“ am Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrums München. Er hat mit Herstellern von GLP-1-basierten Präparaten, meist im Rahmen von wissenschaftlichen Vortragsveranstaltungen, zusammengearbeitet.

„Daten zeigen, dass die Medikamente Leberentzündungen und Fibrose verbessern können“

Welche weiteren medizinischen Einsatzgebiete werden derzeit diskutiert oder erforscht?
„Ein viel beachteter neuer Anwendungsbereich ist die Behandlung der Fettleberhepatitis MASH (Metabolische Dysfunktion-assoziierte Steatohepatitis, d. Red.) mit Fibrose Stadium 2 und 3. In den USA ist Semaglutid diesbezüglich bereits zugelassen, in Europa läuft das Zulassungsverfahren noch. Die bisherigen Daten zeigen, dass die Medikamente sowohl die Leberentzündung als auch die Fibrose verbessern können.

Außerdem gibt es erste Hinweise auf mögliche Vorteile bei Herzinsuffizienz. Und es wird untersucht, ob diese Medikamente auch präventiv gegen neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer wirken könnten. Aber hier ist die Studienlage derzeit noch nicht aussagekräftig.“

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»Bislang gibt es keinen Hinweis, dass GLP-1-Therapien das Krebsrisiko senken

Wie ist der Stand zur viel diskutierten Frage eines potenziellen Schutzes vor Krebserkrankungen?
„In randomisierten, kontrollierten Studien – also der höchsten Evidenzklasse – hat sich bislang kein Hinweis ergeben, dass GLP-1-Medikamente das Krebsrisiko senken. Aber ebenso wichtig: Es gibt auch kein erhöhtes Risiko durch GLP-1-Therapien. Das ist angesichts früherer Diskussionen etwa um Bauchspeicheldrüsenkrebs eine aus meiner Sicht sehr beruhigende Erkenntnis.“

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Wer am stärksten von GLP-1-Medikamenten profitiert

Wer profitiert am meisten von diesen Medikamenten – und gibt es auch Patientengruppen, bei denen die Wirkung begrenzt ist?
„Die stärkste Wirkung sehen wir bei übergewichtigen Patienten mit Typ-2-Diabetes, insbesondere wenn sie bereits an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden oder kurz vor einer Insulintherapie stehen. Aber esgibt auch sogenannten Non-Responder.“

»Bei 15 bis 20 Prozent der Patienten wirken GLP-1 gar nicht

Bei Non-Respondern wirkt die Therapie überhaupt nicht?
„Non-Responder sind Menschen, bei denen weder eine relevante Gewichtsabnahme noch eine gute Blutzuckerkontrolle erreicht wird. Diese machen schätzungsweise etwa 15 bis 20 Prozent aus. Besonders häufig sehen wir das bei Patienten, deren Insulinproduktion bereits stark eingeschränkt ist.“

In Teil 2 des Interviews erläutert der Stoffwechselspezialist Norbert Stefan die unerwünschten Wirkungen GLP-1-basierter Therapien. Diese reichen von häufiger Übelkeit bis zu seltenen, aber ernsthaften Risiken oder seltenen Störungen.

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