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Studie zeigt

Verbreitetes Frauenleiden und psychische Erkrankungen hängen eng zusammen

Uterus
Starke prämenstruelle Beschwerden und psychische Erkrankungen sind eng miteinander verknüpft Foto: SEBASTIAN KAULITZKI
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Anna Echtermeyer
Redakteurin

15. Mai 2026, 13:35 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Schätzungen zufolge leiden 20 bis 30 Prozent aller Frauen unter moderaten oder schweren prämenstruellen Beschwerden. Eine große schwedische Studie zeigt: Diese sind eng mit psychischen Erkrankungen verknüpft. Frauen mit PMS-Diagnose haben deutlich häufiger Depressionen oder ADHS – und umgekehrt. Im Schnitt ist das Risiko in beide Richtungen „nur“ doppelt so hoch. Bei einigen prämenstruellen Krankheiten ist es noch deutlich höher.

PMS und Depressionen, ADHS – verdoppeltes Risiko in beide Richtungen

Für die Studie werteten Forscherinnen Daten von über 3,6 Millionen Frauen aus ganz Schweden aus dem Zeitraum 2001 bis 2022 aus. Zuvor hatten einige Studien bereits ein erhöhtes Risiko für Depressionen nach prämenstruellen Störungen gezeigt und andere hatten herausgefunden, dass Frauen mit psychischen Erkrankungen häufiger über prämenstruelle Beschwerden berichteten. Deshalb wollten die Autorinnen der schwedischen Studie, Jing Zhou und Zeinab Muse, wissen, ob sich beide gegenseitig beeinflussen und wie hoch das jeweilige Risiko ist. Das Ergebnis der Studie, die in der Fachzeitschrift „JAMA Network Open“ veröffentlicht wurde: Betroffene Frauen hatten jeweils ein etwa doppelt so hohes Risiko für die jeweils andere Diagnose.1

Die Untersuchung stützt sich auf klinisch diagnostizierte Fälle von prämenstruellen Störungen (der Sammelbegriff lautet PMD, englisch für Premenstrual Disorders). PMD umfasst sowohl PMS als auch die schwerere und deutlich seltenere Prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDD). Frauen, die für die Studie untersucht wurden, leiden unter extremen Stimmungsschwankungen, Angstzuständen und Reizbarkeit während der Lutealphase. Sie sind dadurch so sehr eingeschränkt, dass sie ihren normalen Alltag nicht mehr wie gewohnt bewältigen können.

Frauen mit ihren Schwestern verglichen

104.972 Frauen mit prämenstruellen Störungen wurden jeweils mit zehn Frauen verglichen, die keine solchen Beschwerden hatten. Diese waren ähnlich alt und aus der gleichen Region. Um herauszufinden, ob die Unterschiede wirklich mit der Erkrankung zusammenhängen – und nicht nur mit Familie oder Veranlagung –, verglich man auch betroffene Frauen mit ihren eigenen Schwestern.

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Von 100 Frauen mit PMD erkranken statistisch 35 an ADHS und 27 an Depressionen

Das wichtigste Ergebnis: Wenn jemand PMD hat, ist die Wahrscheinlichkeit für psychische Probleme deutlich höher – und umgekehrt genauso. Die Zahlen zeigen das: Von den Frauen mit PMD hatte fast jede zweite (rund 48 Prozent) schon vorher eine psychische Erkrankung. Bei Frauen ohne PMD war es nur etwa jede Dritte (rund 30 Prozent). Andersherum kam heraus: Von den Frauen mit PMD bekam später etwa jede Dritte (rund 37 Prozent) eine psychische Erkrankung. Ohne PMD war es nur etwa jede Fünfte (rund 21 Prozent).

Innerhalb aller untersuchten psychischen Erkrankungen gab es „Spitzenreiter“. Besonders stark ausgeprägt war der Zusammenhang zwischen PMD und Depressionen, ADHS, bipolaren Störungen sowie Angststörungen.

Konkret: Frauen mit einer PMD-Diagnose hatten

  • ein um das 2,7-Fache erhöhtes Depressionsrisiko. Heißt: Von 100 Frauen mit PMD erkranken statistisch 27 an einer Depression.
  • ein um das 3,55-fache gesteigertes Risiko für ADHD (ADHS) – das sind statistisch 35 bis 36 von 100 betroffenen Frauen
  • ein 3,3-fach erhöhtes Risiko für bipolare Störungen und Persönlichkeitsstörungen
  • ein 2,51-fach erhöhtes Risiko für Autismus
  • sowie ein 2,43-fach höheres Risiko für eine Angststörung.

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Die Gene sind es nicht allein!

Kann die Verbindung allein durch gemeinsame Gene oder das familiäre Umfeld erklärt werden? Nein! Die Ergebnisse blieben auch im Vergleich mit biologischen Schwestern signifikant, wenngleich die Risiko-Werte leicht abgeschwächt waren (z. B. sank das allgemeine Risiko für eine spätere psychiatrische Störung von einem 2,23-fachen auf ein 1,82-faches Risiko).

Was die Forscherinnen noch herausfanden

  • Bei Frauen unter 35 Jahren war die Wahrscheinlichkeit für psychische Probleme besonders hoch, wenn sie PMD hatten. Und umgekehrt.
  • Der Zusammenhang lag weder am Rauchen noch am Übergewicht (obwohl beide bekannte Risikofaktoren für beide Zustände sind)
  • Frauen mit PMD waren im Schnitt etwas besser gebildet, etwas wohlhabender und etwas häufiger Single – aber die Unterschiede sind eher klein.
  • Von 14 untersuchten psychiatrischen Erkrankungen fanden die Forscherinnen lediglich bei Schizophrenie keine Verbindung zu PMD.

Einen kleinen Haken hat die Studie: Die Forscherinnen konnten nicht bei jeder Frau prüfen, ob die Diagnose nach dem strengsten Standard – dem täglichen Tagebuchschreiben über zwei Monate – gestellt wurde.

Nichtsdestotrotz zeigt die Studie einen starken Zusammenhang zwischen schweren prämenstruellen Störungen und einer breiten Palette psychiatrischer Erkrankungen. Die Studie zeigt nicht, dass das eine das andere verursacht. Vielmehr scheint es, dass beide Probleme oft die gleiche biologische Wurzel haben.

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Warum ist das so – und kann man das verhindern?

Wahrscheinlich ist ein komplexes Zusammenspiel von biologischen, genetischen und umweltbedingten Faktoren die Ursache. Ein wichtiger Erklärungsansatz: Frauen mit PMD weisen eine ungewöhnliche Reaktion auf normale hormonelle Schwankungen (Östrogen und Progesteron) während des Menstruationszyklus auf. Diese Hormone beeinflussen wichtige Neurotransmittersysteme wie Serotonin, Dopamin und GABA, die wiederum eng mit der Entstehung psychischer Erkrankungen verknüpft sind.

Die Studie liefert keine einfache Anleitung zur direkten „Verhinderung“ dieser Assoziation, bietet aber wichtige Ansatzpunkte für den Umgang damit. Weil die Ergebnisse so klar ausfielen, ist auch das Fazit der Autorinnen eindeutig: Sie fordern eine frühzeitige, ganzheitliche Behandlung, die den Zyklus einbezieht, und auf ihn abgestimmt ist.

Sie fordern, das Bewusstsein bei medizinischem Personal zu schärfen, um Begleiterkrankungen früher zu erkennen und zu behandeln. Und sie hoffen, dass ein besseres Verständnis der biologischen Mechanismen (wie den Einfluss von Hormonen auf Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin) in Zukunft zu neuen therapeutischen Zielen und verfeinerten Behandlungsoptionen führen wird.

Was bedeutet das für betroffene Frauen?

Für Frauen, die unter klinisch relevanten prämenstruellen Beschwerden leiden, bedeuten diese Erkenntnisse vor allem, dass Wachsamkeit ratsam ist. Psychische Beschwerden können sich in der Phase vor der Periode massiv verschlimmern, was oft eine Anpassung der Behandlung erfordert. Für Betroffene kann es hilfreich sein, Beschwerden über mehrere Zyklen zu dokumentieren und psychische sowie zyklusabhängige Symptome gemeinsam ärztlich zu besprechen.

Eine genetische Veranlagung oder die hormonelle Sensibilität kann den Zusammenhang zwar kaum verhindern. Aber eine frühzeitige, ganzheitliche Behandlung, die den Zyklus einbezieht, kann die schwerwiegenden Folgen und die funktionellen Einschränkungen im Alltag deutlich abmildern.

Quellen

  1. Zhou J., Muse Z., Bränn E. et al. (2026). Bidirectional Association Between Premenstrual Disorders and Psychiatric Disorders. JAMA Network Open. ↩︎

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