23. Februar 2026, 13:01 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Mehr als 300.000 Menschen sind in Deutschland an Parkinson erkrankt, Tendenz steigend. Den eindeutigen Nachweis liefert ein falsch gefaltetes Protein namens Alpha-Synuclein – doch entsprechende Tests sind aufwendig und bisher nur an wenigen Kliniken verfügbar. Was der Medizin fehlt, ist ein einfacher Biomarker für die Frühdiagnose. Chinesische Forscher haben ihn nun möglicherweise gefunden.
Metalle im Haar von Parkinson-Patienten
Eine Gruppe chinesischer Wissenschaftler, u. a. von der Hebei University, hat eine Basis gelegt für die Nutzung von Haaranalysen als ergänzendes Diagnosetool für Parkinson: Die Autoren untersuchten, ob Metalle im Haar von Parkinson-Patienten als Biomarker für die Erkrankung dienen könnten. Eine Kombination aus Eisen-, Kupfer-, Mangan- und Arsenwerten stach besonders hervor. Als Ursache wird ein veränderter Eisenstoffwechsel im Darm vermutet.
Die Studie umfasste insgesamt 60 Patienten mit Morbus Parkinson und 60 gesunde Kontrollpersonen, Durchschnittsalter 70 Jahre. Sie gilt als hochrelevant: Laut den Autoren liegt die Fehldiagnoserate bei Parkinson selbst bei erfahrenen Klinikern über 20 Prozent. Die Studie wurde in „iScience“ veröffentlicht.1
Frühe Anzeichen leicht mit Altern verwechselt
Die Parkinson-Erkrankung (Morbus Parkinson) ist eine Erkrankung des Gehirns, die insbesondere zu Störungen der Bewegungsabläufe führt. Im Jahr 2023 waren deutschlandweit 300.700 Menschen an Morbus Parkinson erkrankt.2
Bisher beruht die Diagnose der Parkinson-Krankheit primär auf der Krankengeschichte und körperlichen Untersuchungen. Wenn sichtbares Zittern oder deutlich verlangsamte Bewegungen auftreten, ist die Erkrankung meist schon weit fortgeschritten. Als bisher bekannte frühe Symptome gelten unter anderem Schlafstörungen, ein schlurfender Gang, Verstopfung, ein weniger mitschwingender Arm oder ein verändertes Schriftbild (FITBOOK berichtete). Leider sind solche Anzeichen aber dafür prädestiniert, schnell mit dem Altern verwechselt zu werden. Die Medizin benötigt daher dringend objektive Laborwerte, die eine frühe oder sichere Diagnose ermöglichen.
Patienten leiden oft unter Darmproblemen – hier setzten die Forscher an
Da Parkinson-Patienten oft unter Darmproblemen leiden, vermuteten die Forscher, dass Veränderungen im Eisenstoffwechsel des Darms und des Mikrobioms Auswirkungen haben. Praktisch: In den Haaren lassen sich Eisen und andere Metalle (viel besser als im Blut oder Urin) über Wochen bis Monate nachweisen. Für die Forscher war damit ein stabiler biologischer Marker greifbar.
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So lief die Studie ab
Die Forscher nutzten Haarproben von Parkinson-Patienten, um den Metallhaushalt zu analysieren. Für noch breitere Erkenntnisse ergänzten sie die Studie mit Untersuchungen an Mäusen. Gehirnzellen und tiefe Darmgewebsschichten der Tiere zeigten schließlich, warum der an Parkinson erkrankte Körper weniger Eisen aufnimmt.
Für die Humanstudie wurden Haarproben von Parkinson-Patienten (und der Kontrollgruppe) zunächst gewaschen, um Verunreinigungen auszuschließen. Dann maßen die Forscher die Konzentrationen der vier Metalle Eisen, Kupfer, Mangan und Zink sowie des hochgiftigen Halbmetalls Arsen. Die Teilnehmer füllten Fragebögen zu Lebensstil, Rauchen und Ernährung aus, um Umweltfaktoren zu berücksichtigen.
Wichtigstes Ergebnis der Haaranalyse: Eisen- und Kupfermangel
Die Forscher stellten fest, dass Parkinson-Patienten ein ganz spezifisches „Metall-Profil“ in ihren Haaren aufweisen, das sie deutlich von gesunden Personen unterscheidet. Besonders die Kombination der Werte von Eisen, Kupfer, Mangan und Arsen ermöglichte es den Forschern nach eigenen Angaben, die Krankheit mit einer diagnostischen Treffsicherheit von 90 Prozent von gesunden Probanden zu unterscheiden.
Die Konzentrationen von Eisen und Kupfer im Haar der Parkinson-Patienten waren signifikant geringer als bei der gesunden Kontrollgruppe. Im Gegensatz dazu wiesen die Patienten deutlich höhere Mengen an Mangan und Arsen in ihren Haarproben auf. Die Zinkwerte waren in der Parkinson- und Kontrollgruppe fast identisch. Laut den Forschern gab es bezüglich dieses speziellen Metall-Profils keine geschlechtsspezifischen Unterschiede.
Die Metallkonzentrationen im Haar blieben übrigens unbeeinflusst davon, wie lange ein Patient bereits an Parkinson litt oder wie schwer seine Symptome waren.
Interessanter Nebeneffekt der Daten: Parkinson-Patienten waren deutlich seltener Raucher als die gesunden Teilnehmer – ein Phänomen, das laut den Forschern auch andere Studien bereits beobachtet haben.
Die Suche nach dem Warum
Doch warum weichen die Metallwerte im Haar von Parkinson-Patienten so sehr ab von denen gesunder Menschen? Um das besser zu verstehen, analysierten die Forscher den Kot von Mäusen, die nachweislich Parkinson hatten (dafür hatte man ihnen ein Toxin injiziert, das parkinsonähnliche Symptome und Nervenschädigungen hervorruft). Die Forscher sammelten Haarproben der Mäuse nach zwölf Wochen – genau zum Zeitpunkt des Abschlusses eines Haarwachstumszyklus – und analysierten die Metallkonzentrationen. Sie untersuchten zusätzlich die Darmbarriere, die Ausprägung der Gene für die Eisenaufnahme im Dickdarm sowie die Zusammensetzung und Genetik der Darmbakterien (Mikrobiota).
Der Haarzyklus bei Mäusen ist kurz (ca. sieben bis zwölf Wochen) und synchronisiert. Eine große Anzahl von Haarfollikeln durchläuft gleichzeitig dieselbe Phase des Haarwachstums, was es erlaubt, innerhalb weniger Wochen präzise Daten über die Metallablagerung während der Krankheitsentstehung zu sammeln. Der menschliche Haarzyklus ist asynchron und kann Jahre dauern.
Geschädigter Darm und eisenhungrige Bakterien fördern systemischen Eisenmangel bei Parkinson-Mäusen
Genau wie die menschlichen Patienten wiesen die Mäuse eine signifikante Verringerung des Eisengehalts im Haar auf. Aber: Während sich Eisen bei Parkinson im Bewegungszentrum des Gehirns oft anreichert, zeigt die Studie im Haar und der Hirnrinde von erkrankten Mäusen einen deutlichen Mangel – ein Zeichen für eine Fehlverteilung im gesamten Körper.
Auch war die Darmwand der Parkinson-Mäuse so geschädigt, dass die normale Nährstoffaufnahme gestört war. Die Forscher konnten auch zeigen, warum der erkrankte Körper weniger Eisen aufnimmt: Sie wiesen nach, dass spezifische Gene, die normalerweise für die Aufnahme von Eisen im Dickdarm zuständig sind, bei Parkinson-Mäusen herunterreguliert sind.
Zuletzt konnten die Forscher durch die Analyse des Kots der Mäuse zeigen, dass die Bakterien im Parkinson-Darm ihre eigenen Gene zur Eisenaufnahme hochfahren. Das bedeutet, dass die Bakterien aggressiver um das verfügbare Eisen konkurrieren und dem Körper somit weniger davon zur Verfügung steht. Dies erkläre laut den Forschern die systemische Eisenknappheit.
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Einschränkungen der Studie
Es handelt sich um eine regionale Stichprobe ausschließlich aus Baoding, China. Umwelt- und Ernährungsfaktoren könnten das Metall-Profil beeinflusst haben: Tatsächlich konsumierten Parkinson-Patienten häufiger Innereien (Leber, Niere) und Schalentiere (Muscheln, Schnecken), die Arsen enthalten können. Das könnte die erhöhten Arsenwerte direkt erklären. Weitere Einschränkung: Die Untersuchungen an den Mäusen können nicht den Verlauf der menschlichen Erkrankung abbilden. Unterschiede bei Zink und Kupfer zwischen Maus und Mensch unterstreichen diese Limitation, liegen laut den Forschern wohl aber am verwendeten Toxin, mit dem man die Mäuse krank gemacht hatte.
Fazit – kommt jetzt die Haaranalyse zur Frühdiagnose von Parkinson?
Die Haar-Metallmessung könnte künftig als Diagnosehilfe dienen, zeigten die Untersuchungen doch ein klares Metallmuster im Haar von Parkinson-Patienten – insbesondere einen systemischen Eisenmangel. Aber: Ein „Eisenmangel behandeln = Parkinson behandeln“ ist durch diese Daten nicht belegt.
Was die sich in der Mäusestudie abzeichnende Verknüpfung zwischen Darmveränderungen und Eisenmangel angeht: Hier fehlt ein Kausalnachweis noch, das betonen auch die Studienautoren. Ist also der Eisenmangel bei Erkrankten tatsächlich durch eine Kombination aus einem geschädigten Darm und gierigen Darmbakterien verursacht? Und bietet das ggf. Ansatzpunkte für sinnvolle Therapien, etwa, indem man die Darmbarriere und Darmentzündung verbessert oder etwas unternimmt, um die Eisenaufnahme des Körpers im Darm zu verbessern? Die Forscher haben weitere Studien angekündigt.