15. Juni 2026, 17:01 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Alzheimer und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gelten als zwei der größten Gesundheitsprobleme im Alter. Dass beide eng miteinander verknüpft sind, ist seit Jahren bekannt. Daten aus zwei großen Patientenkohorten zeigen überraschend: Viele Menschen haben gleichzeitig sowohl niedrigen Blutdruck als auch Alzheimer. Wurde Hypotonie in der Alzheimer-Forschung bisher unterschätzt?
Studie: Alzheimer-Risiko bei niedrigem Blutdruck am größten
Forscher der Michigan Technological University, des National Institutes of Health und der American Heart Association haben die zehn am häufigsten vorkommenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit dem Alzheimer-Risiko abgeglichen. Im Ergebnis zeigten fast alle eine signifikante Verbindung zu einem erhöhten Alzheimer-Risiko. Überraschend für die Forscher: In der weißen Bevölkerung zeigte niedriger Blutdruck eine deutlich stärkere Verbindung zu Alzheimer auf als Bluthochdruck. Das renommierte „Journal of the American Heart Association“ berichtete.1
Die großangelegte Querschnittsstudie, stützt sich auf Datensätze von 789.144 Personen, die aus der britischen UK Biobank und dem US-amerikanischen All of Us Research Program stammen. Dabei handelt es sich um zwei der weltweit größten Gesundheitsdatenbanken. Die Daten der Teilnehmer wurden zwischen 2006 und 2010 sowie im Jahr 2015 gesammelt. Den Zusammenhang zwischen Alzheimer und Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersuchten die Forscher um Prof. Weihua Zhou, einem Experten für medizinische Informatik, mit statistischen Modellen. Die Diagnosen stammten aus elektronischen Patientenakten. Im Fall der UK-Biobank-Daten gab es je Krankheit mindestens 10.000 Fälle.
Alzheimer: Um diese 10 Herz-Kreislauf-Erkrankungen geht es
Diese zehn Herz-Kreislauf-Erkrankungen glichen die Forscher mit dem Alzheimer-Risiko ab:
- Hypertonie (Bluthochdruck)
- Hypotonie (niedriger Blutdruck)
- Angina pectoris (Brustenge)
- Akuter Myokardinfarkt (Herzinfarkt)
- Lungenembolie
- Herzrhythmusstörungen (z. B. Vorhofflimmern)
- Herzinsuffizienz (Herzschwäche)
- Chronisch rheumatische Herzkrankheit
- Chronisch ischämische Herzkrankheit
- Hirninfarkt (ischämischer Schlaganfall)
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Um möglichst verlässliche Ergebnisse zu erhalten, berücksichtigte das Forschungsteam zahlreiche Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, ethnische Herkunft, Lebensstilfaktoren (etwa Rauchen und körperliche Aktivität) sowie Begleiterkrankungen wie Diabetes. Auch eine genetische Analyse wurde gemacht, um die Rolle bestimmter Genvarianten sowohl bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen als auch bei neurologischen Erkrankungen zu untersuchen.
Die Teilnehmer mit Alzheimer waren in beiden Studien generell älter als die Kontrollgruppen.
Die wichtigsten Ergebnisse: Alzheimer-Risiko bei Hypotonie fast verdreifacht
Fast alle dieser Erkrankungen – mit Ausnahme des akuten Myokardinfarkts und der chronisch rheumatischen Herzkrankheit – zeigten in der Analyse eine signifikante Verbindung zu einem erhöhten Alzheimer-Risiko. Niedriger Blutdruck war in beiden untersuchten Datenbanken der stärkste und konsistenteste Risikofaktor. In der britischen UK Biobank war das Alzheimer-Risiko für Patienten mit Hypotonie nahezu dreimal so hoch wie bei der Kontrollgruppe (Faktor 2,74). In der US-amerikanischen „All of Us“-Kohorte war das Risiko doppelt so hoch (Faktor 1,97). An dieser Stelle ist eine wichtige Einschränkung zu machen: Die Forscher betonen, dass diese starken Werte vor allem bei der weißen Bevölkerung auftraten. Bei schwarzen und hispanischen Probanden war Bluthochdruck (Hypertonie) der dominierende Risikofaktor für Alzheimer.
Wann ist es niedriger Blutdruck?
Von einer Hypotonie spricht man, wenn die Werte bei Frauen unter 100/60 mmHg und bei Männern unter 110/70 mmHg sinken.
Zum Vergleich: Der optimale Blutdruck eines gesunden Erwachsenen liegt bei etwa 120/80 mmHg.
Weitere Ergebnisse
In der US-Kohorte hatte der Hirninfarkt mit einem Faktor von 1,85 eine stärkere Verbindung zu Alzheimer als Bluthochdruck, lag aber weiterhin hinter dem niedrigen Blutdruck. Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen waren über beide Kohorten mit einem rund 1,5-fach erhöhten Alzheimer-Risiko assoziiert.
Auch Herzinsuffizienz und chronisch ischämische Herzkrankheit waren signifikant mit Alzheimer assoziiert. Jedoch lagen die Effekte unter denen von Blutdruckveränderungen oder Schlaganfällen.
Nicht für alle Herz-Kreislauf-Erkrankungen fanden die Forscher einen Zusammenhang mit Alzheimer. Für den akuten Herzinfarkt und für chronisch rheumatische Herzerkrankungen ließ sich über verschiedene Bevölkerungsgruppen hinweg kein signifikanter direkter Zusammenhang nachweisen.
Nach Einschätzung der Wissenschaftler könnte ein Herzinfarkt die geistige Gesundheit zwar indirekt beeinflussen. Etwa durch Folgeschäden an den Blutgefäßen oder eine eingeschränkte Durchblutung des Gehirns. Eine direkte Verbindung zu den biologischen Prozessen, die Alzheimer verursachen, konnten sie jedoch nicht feststellen.
Was die Untersuchung der Gene zeigte
Die Forscher fanden insgesamt 164 einzigartige Paare von Gen-Varianten, die sowohl bei Alzheimer als auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen in unmittelbarer Nähe zueinander liegen. Die stärksten Überschneidungen gab es zwischen Alzheimer und Angina pectoris, der Dicke der Herzmuskelwand sowie der koronaren Herzkrankheit. Diese Befunde legen nahe, dass Herz und Gehirn über gemeinsame Signalwege kommunizieren, beispielsweise über Entzündungsprozesse oder die Regulation der Gefäßfunktion.
Bedeutung der Studie – das sagen die Autoren
„Sowohl chronische als auch orthostatische Hypotonie wurden mit zerebraler Hypoperfusion [Minderdurchblutung des Gehirns, d. Red.], oxidativem Stress und Tau-Pathologie in Verbindung gebracht – Mechanismen, die das Fortschreiten von Alzheimer verschlimmern oder beschleunigen könnten“, heißt es in der Studie. Ergänzend dazu betonen die Forscher in ihrem Fazit die klinische Relevanz dieser bisher vernachlässigten Gefahr: „Diese Ergebnisse […] deuten darauf hin, dass bestimmte Herz-Kreislauf-Subtypen, insbesondere die Hypotonie, eine bisher unterschätzte Rolle beim kognitiven Abbau spielen könnten.“
Die These der Studienautoren: Ein zu niedriger Blutdruck könnte die ausreichende Versorgung des Gehirns gefährden. Eine verminderte Hirndurchblutung kann zu Sauerstoffmangel, oxidativem Stress und möglicherweise zu Veränderungen beitragen, die mit Alzheimer in Verbindung stehen. Gleichzeitig könnte Alzheimer selbst über Störungen des autonomen Nervensystems die Blutdruckregulation beeinflussen. Die Beziehung könnte also in beide Richtungen verlaufen.
Die Studie liefert eine wichtige sozialmedizinische Erklärung für die Abweichungen bei schwarzen und hispanischen Probanden. So vermuten die Forscher, dass bei schwarzen und hispanischen Bevölkerungsgruppen sozioökonomische Barrieren und ein erschwerter Zugang zu Blutdruckbehandlungen dazu führen, dass Bluthochdruck dort eine zerstörerischere Rolle für die Hirngesundheit spielt als in der weißen Bevölkerung.
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Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen
Die Studie gehört zu den bislang größten Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Alzheimer. Besonders aussagekräftig ist, dass die Forschenden verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen einzeln betrachtet haben und die Ergebnisse in zwei sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ähnlich ausfielen.
Studie zeigt Zusammenhang, keine Kausalität
Die Forscher konnten zwar feststellen, dass viele Menschen gleichzeitig sowohl niedrigen Blutdruck als auch Alzheimer hatten, aber sie konnten nicht bestimmen, ob der niedrige Blutdruck zuerst da war oder ob die Alzheimer-Erkrankung die Blutdruckregulation gestört hat. Die Autoren betonen selbst, dass ihre Daten die zeitliche Reihenfolge nicht klären können. Da viele Betroffene mehrere Herz-Kreislauf-Erkrankungen gleichzeitig haben, lässt sich der Einfluss einzelner Faktoren – etwa eines niedrigen Blutdrucks – nur schwer vollständig isolieren.
Insgesamt liefert die Studie wichtige Hinweise, die nun in weiteren Untersuchungen überprüft werden müssen. Dabei soll geklärt werden, ob die Behandlung von niedrigem Blutdruck tatsächlich das Alzheimer-Risiko beeinflussen kann. Folglich müsste die Kontrolle des Blutdrucks – und zwar in beide Richtungen – eine zentrale Säule der Alzheimer-Vorsorge sein.
Anzeichen und Ursachen für niedrigen Blutdruck (Hypotonie)
Betroffene bemerken niedrigen Blutdruck oft durch eine Reihe körperlicher Beschwerden, die vor allem aus einer verminderten Durchblutung resultieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- starke Müdigkeit
- Schwindel bis Schwarzwerden vor den Augen (insbesondere beim Wechseln der Lage, z. B. vom Liegen zum Aufstehen)
- Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme
- Frieren an Händen und Füßen
- Auch Atemnot, ein Engegefühl oder Stechen im Brustkorb sowie Herzrasen können vorkommen
Grundlegend sinkt der Blutdruck immer dann, wenn das Füllvolumen des Blutes im Verhältnis zur Weite der Arterien zu gering ist, also nicht genug Blut durch den Körper gepumpt wird. Veranlagung ist der häufigste Grund für niedrigen Blutdruck. Hier die Gründe für Hypotonie:
- Veranlagung (besonders häufig bei jungen Frauen)
- Folgeerscheinung anderer Erkrankungen (z. B. Herzinsuffizienz oder Schilddrüsenunterfunktion)
- Folgeerscheinung etwa durch zu geringe Wasserzufuhr, starkes Erbrechen, Durchfall oder hohes Fieber
- und ein plötzlicher Blutdruckabfall beim Aufstehen, weil das Blut in die Beine versackt und dadurch kurzzeitig weniger Blut zum Herzen zurückfließt.
Hier erfahren Sie, ob ein zu niedriger Blutdruck gefährlich ist und was man gegen die Symptome tun kann.