8. Oktober 2025, 14:49 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Mehr als 300.000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen Herzinfarkt – eine der häufigsten Todesursachen überhaupt.1 Trotzdem hält sich der Glaube, solche Ereignisse kämen plötzlich und ohne Vorwarnung. Doch eine neue internationale Großstudie zeigt: In über 99 Prozent der Fälle gehen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzschwäche klar messbare Risikofaktoren voraus – allen voran Bluthochdruck, erhöhte Cholesterin- und Blutzuckerwerte sowie Rauchen. Die meisten dieser Risiken wären frühzeitig erkennbar – und behandelbar. FITBOOK erklärt, was die aktuelle Analyse belegt und warum echte Prävention weit früher beginnen muss, als oft angenommen.
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Plötzlich Herzinfarkt oder Schlaganfall?
In den vergangenen Jahren häuften sich Berichte über Menschen, die scheinbar aus dem Nichts einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten – ohne die typischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder hohe Cholesterinwerte. Solche Fälle wecken den Eindruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnten völlig überraschend auftreten. Doch wie oft stimmt das wirklich?
Um dieser Frage systematisch nachzugehen, haben Forschungsteams aus Südkorea und den USA zwei große Bevölkerungsstudien ausgewertet.2 Sie wollten wissen: Wie häufig sind bei Patientinnen und Patienten mit einer schweren Herz-Kreislauf-Erkrankung bereits im Vorfeld messbare Risikofaktoren nachweisbar – auch wenn sie unterhalb der üblichen Diagnosegrenzen liegen?
Im Fokus standen vier bekannte Risiken:
- Erhöhter Blutdruck
- Erhöhte Cholesterinwerte
- Erhöhter Blutzucker oder bekannter Diabetes
- Rauchen (aktuell oder in der Vergangenheit)
Wichtig dabei: Es ging nicht nur um klinisch festgestellte Krankheiten, sondern auch um leicht erhöhte Werte, die oft noch als „nicht behandlungsbedürftig“ gelten – aber bereits mit einem erhöhten Risiko für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sind.
Daten von mehr als 9 Millionen Personen ausgewertet
Die Daten stammten aus zwei umfangreichen Langzeitstudien:
KNHIS (Korean National Health Insurance Service)
- Über 9,3 Millionen Erwachsene aus Südkorea
- Beobachtungszeitraum: 2009 bis 2022
- National repräsentative Gesundheitsdaten
MESA (Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis)
- 6.803 Erwachsene aus den USA
- Beobachtungszeitraum: 2000 bis 2019
- Fokus auf ethnisch vielfältige Stichprobe
Untersucht wurde, ob Personen, die während des Beobachtungszeitraums erstmals an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung erkrankten – also an einem Herzinfarkt, einer Herzschwäche oder einem Schlaganfall –, bereits zuvor mindestens einer der vier Risikofaktoren ausgesetzt waren.
Dabei galten bereits folgende Kriterien als Risikofaktor:
- Blutdruck: systolisch ab 120 mmHg oder diastolisch ab 80 mmHg oder Einnahme blutdrucksenkender Medikamente
- Gesamtcholesterin: ab 200 Milligramm pro Deziliter oder lipidsenkende Therapie
- Nüchternblutzucker: ab 100 Milligramm pro Deziliter, bekannte Diabetesdiagnose oder Einnahme blutzuckersenkender Medikamente
- Rauchen: aktuelle oder frühere Tabaknutzung
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Herz-Kreislauf-Erkrankung mit mindestens einem Risikofaktor verbunden
Die zentrale Erkenntnis: Nahezu alle Personen, die während der Studie eine schwere Herz-Kreislauf-Erkrankung entwickelten, hatten zuvor mindestens einen klassischen Risikofaktor.
Konkret bedeutet das:
In der südkoreanischen Kohorte (KNHIS):
- 99,7 Prozent der Personen mit Herzinfarkt
- 99,4 Prozent der Personen mit Herzschwäche
- 99,3 Prozent der Personen mit Schlaganfall
… hatten mindestens einen der vier Risikofaktoren.
In der US-amerikanischen Kohorte (MESA):
- 99,6 Prozent bei Herzinfarkt
- 99,5 Prozent bei Herzschwäche
- 99,5 Prozent bei Schlaganfall
Zwei oder mehr Risikofaktoren?
Auch hier war das Bild eindeutig: Je nach Erkrankung und Kohorte hatten zwischen 93,2 und 97,2 Prozent der Betroffenen gleich mehrere Risikofaktoren im Vorfeld.
Am häufigsten: Bluthochdruck
Der häufigste Risikofaktor war mit deutlichem Abstand Bluthochdruck: Mehr als 93 Prozent der Personen, die ein schweres Herz-Kreislauf-Ereignis erlitten, hatten bereits zuvor erhöhte Blutdruckwerte – unabhängig vom Land oder der Studiengruppe.
Auch bei jüngeren Frauen klarer Zusammenhang
Selbst in Gruppen mit normalerweise geringerem Risiko – etwa bei Frauen unter 60 Jahren – zeigten sich die gleichen Muster: Mehr als 95 Prozent dieser Frauen hatten mindestens einen der vier Risikofaktoren vor ihrer Erkrankung.
Das widerlegt die verbreitete Annahme, dass gerade in dieser Bevölkerungsgruppe Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufig „unerwartet“ auftreten würden.
Was bedeuten diese Ergebnisse für den Alltag?
Die Studie macht deutlich: Schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen fast nie ohne erkennbare Vorzeichen. Die meisten Fälle lassen sich auf etablierte Risikofaktoren zurückführen – und die gute Nachricht ist: Diese Risiken sind oft behandelbar oder sogar vermeidbar.
Konkret heißt das:
- Für Einzelpersonen: Wer regelmäßig Blutdruck, Blutzucker und Cholesterinwerte kontrollieren lässt und auf Rauchen verzichtet, kann sein Risiko massiv senken.
- Für das Gesundheitswesen: Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von präventiven Maßnahmen, besonders in Form sogenannter „primordialer Prävention“ – also Strategien, die verhindern, dass Risikofaktoren überhaupt erst entstehen.
- Für die Forschung: Die Daten sprechen gegen die These, dass immer mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen ohne erkennbare Ursachen auftreten. Laut den Autorinnen und Autoren könnten in früheren Studien Risikofaktoren übersehen oder unterschätzt worden sein, weil sie unterhalb der diagnostischen Schwellen lagen.
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Wie aussagekräftig ist die Studie?
Die Studie gilt als sehr robust. Dafür sprechen:
- zwei unabhängige große Kohorten mit Langzeitbeobachtung
- mehr als neun Millionen ausgewertete Datensätze
- klare, einheitliche Definitionen für alle Risikofaktoren
- kein Hinweis auf finanzielle Interessenkonflikte
Ein möglicher Schwachpunkt: Der Großteil der Daten stammt aus Südkorea. Das könnte die Übertragbarkeit auf andere Länder mit abweichenden Lebensstilen, Ernährungsgewohnheiten oder medizinischer Versorgung etwas einschränken – auch wenn die Übereinstimmung mit den US-Daten diesen Effekt abfedert.
Fazit
Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herzschwächen sind fast immer vorhersehbar – wenn man rechtzeitig hinschaut. In über 99 Prozent der Fälle lagen bereits zuvor Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhter Blutzucker, zu hohe Cholesterinwerte oder Rauchen vor.
Die entscheidende Erkenntnis: Diese Risikofaktoren lassen sich frühzeitig erkennen – und behandeln. Wer regelmäßig zur Vorsorge geht, schützt sich wirksam vor lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen – häufig sogar Jahre, bevor erste Symptome auftreten.