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Häufiges Virus womöglich entscheidend

MS-Schub kündigt sich womöglich Monate vorher im Blut an

Bei Multiple Sklerose kann jeder Schub bleibende neue Beschwerden verursachen
Bei Multiple Sklerose kann jeder Schub bleibende neue Beschwerden verursachen Foto: Getty Images
Mara Pollokat
Mara Pallokat

25. September 2026, 18:08 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten

Fast jeder Mensch trägt das Epstein-Barr-Virus (EBV) in sich. Meist bleibt es nach einer Infektion lebenslang unbemerkt im Körper. Neue Forschungsergebnisse legen nun nahe, dass das Virus bei Menschen mit Multipler Sklerose (MS) kurz vor einem Krankheitsschub wieder aktiv werden könnte und dabei Prozesse in Gang setzt, die Entzündungen fördern. Das berichten Forschende in einer aktuellen Studie im Fachjournal „Nature Medicine“.1

Neue Hinweise auf die Verbindung zwischen Epstein-Barr-Virus und MS

Dass zwischen EBV und Multiple Sklerose ein Zusammenhang besteht, gilt inzwischen als sehr wahrscheinlich. Bereits frühere Untersuchungen zeigten, dass eine Infektion mit dem Virus das Risiko für MS deutlich erhöht.2 Warum das Virus jedoch offenbar nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen zur Erkrankung beiträgt, war bislang unklar.

Die aktuelle Studie liefert jetzt einen möglichen Erklärungsansatz: Bei Menschen mit schubförmig verlaufender MS fanden die Forschenden Hinweise darauf, dass das Epstein-Barr-Virus bis zu drei Monate vor einem Rückfall wieder aktiv wird. Gleichzeitig wurden Veränderungen in Immunzellen beobachtet, die mit bekannten genetischen Risikofaktoren für MS zusammenhängen.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Dabei greift das Immunsystem irrtümlich die schützende Myelinschicht der Nervenfasern an. Die Folge sind Entzündungen und Störungen der Signalweiterleitung zwischen Gehirn und Körper.

Gerade zu Beginn verläuft die Erkrankung häufig in Schüben. Typische Beschwerden sind:

  • Sehstörungen
  • starke Erschöpfung (Fatigue)
  • Gleichgewichtsprobleme
  • Taubheitsgefühle
  • Muskelschwäche

Die Symptome können neu auftreten oder sich vorübergehend verschlimmern.

Das Virus schlummert lebenslang im Körper

Das Epstein-Barr-Virus gehört zur Familie der Herpesviren. Es wird vor allem über Speichel übertragen und ist der häufigste Auslöser des sogenannten Pfeifferschen Drüsenfiebers.

Nach einer Infektion verschwindet EBV jedoch nicht vollständig aus dem Körper. Stattdessen verbleibt das Virus lebenslang in bestimmten Immunzellen, primär in sogenannten B‑Zellen. Dort befindet es sich meist in einer Art Ruhemodus. Unter bestimmten Bedingungen, etwa bei Stress oder Veränderungen des Immunsystems, kann es jedoch erneut aktiv werden.

Blutproben von MS-Patienten untersucht

Für die Untersuchung analysierten Forschende insgesamt 240 Blutproben von 114 Menschen mit Multipler Sklerose sowie 21 gesunden Kontrollpersonen. Die Teilnehmer stammten aus der langjährigen CLIMB-Kohorte des Brigham and Women’s Hospital in Boston. Das Besondere: Da die Proben über Jahre hinweg gesammelt wurden, lagen von den MS-Betroffenen Blutabnahmen aus verschiedenen Krankheitsphasen vor – darunter auch Proben, die bis zu 90 Tage vor einem Schub entnommen wurden. So konnten die Wissenschaftler Veränderungen im Immunsystem zeitlich nachvollziehen. Mithilfe moderner molekularbiologischer Methoden analysierten sie Hunderttausende Immunzellen und suchten nach Mustern, die einem Schub vorausgehen.

Virus-Reaktivierung vor MS-Schub

Die auffälligsten Veränderungen zeigten sich in B-Zellen – jenen Immunzellen, in denen sich das Epstein-Barr-Virus bevorzugt versteckt. Bereits Wochen bis Monate vor einem Schub zeigten diese Zellen Anzeichen einer Virus-Reaktivierung. Gleichzeitig wurden Risikogene aktiviert, die bekanntermaßen das MS-Risiko erhöhen. Die viralen Signale gaben zudem den Anstoß für eine Reaktion weiterer Immunzellen (wie Monozyten), was eine entzündliche Kettenreaktion im Blut in Gang setzte.

Bedeutet das, dass EBV MS-Schübe auslöst?

Nicht zwingend. Die Studie zeigt zunächst nur einen zeitlichen Zusammenhang. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, ist nicht bewiesen, dass die Virus-Reaktivierung die direkte Ursache ist. Zudem vermehrt sich das Virus meist nicht vollständig, sondern sendet eher frühe Alarmsignale aus. Bei Menschen mit entsprechender genetischer Veranlagung könnten diese Signale jedoch ausreichen, um das Immunsystem ‚aufzuwecken‘ und einen Schub zu begünstigen.

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Könnten künftige Bluttests Schübe vorhersagen?

Die Forschenden sehen hierin eine der spannendsten möglichen Anwendungen ihrer Ergebnisse. Sollten die Beobachtungen in größeren Studien bestätigt werden, könnten bestimmte Marker für eine EBV-Reaktivierung künftig helfen, Patienten mit erhöhtem Schubrisiko frühzeitig zu erkennen.

Bislang werden Krankheitsschübe häufig erst sichtbar, wenn bereits Entzündungen im Nervensystem bestehen. Ein Bluttest könnte deutlich früher Hinweise liefern. Noch ist dies jedoch Zukunftsmusik und muss in weiteren Studien überprüft werden.

Neue Ansatzpunkte für Therapien

Auch therapeutisch könnten die Erkenntnisse relevant sein. Gegenwärtige MS-Medikamente unterdrücken meist größere Teile des Immunsystems. Die Studienautoren hoffen, dass sich künftig gezieltere Behandlungen entwickeln lassen, die direkt gegen EBV oder die beteiligten Immunzellen gerichtet sind. Ob daraus tatsächlich neue Medikamente entstehen, ist allerdings noch offen. Bis zu einer möglichen Anwendung in der Praxis werden voraussichtlich noch Jahre weiterer Forschung nötig sein.

Quellen

  1. King, D. A., Saxena, S., Caefer, D. et al. (2026). EBV reactivation priming of the peripheral immune system in multiple sclerosis relapse. Nature Medicine. ↩︎
  2. Thomas, O.G., Bronge, M., Tengvall, K. et al. (2023). Cross-reactive EBNA1 immunity targets alpha-crystallin B and is associated with multiple sclerosis. Science Advances. ↩︎

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