Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für Fitness, Gesundheit und Ernährung
Hitze Medikamente Alle Themen
Stören die Temperaturregulation

Bei bestimmten Medikamenten drohen bei Hitze gefährliche Nebenwirkungen

verschiedene Medikamente können bei Hitze gefährlich werden
Bestimmte Medikamente stören die Temperaturregulation des Körpers. Das kann zu Hitzschlag, Verwirrtheit und Kreislaufkollaps führen – dringend ein Fall für den Notruf 112. Foto: Getty Images/Westend61
Artikel teilen
Anna Echtermeyer
Redakteurin

1. Juli 2025, 19:15 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Wer bei Hitze selbst Medikamente nimmt oder Angehörige betreut, hat eine Gefahr möglicherweise nicht auf dem Schirm: Einige häufig verschriebene Mittel hindern den Körper am Schwitzen – und stören dadurch die natürliche Kühlung des Körpers. Das birgt erhebliche gesundheitliche Risiken.

Normalerweise reagiert unser Körper auf Hitze, indem sich die Blutgefäße weiten und Schweiß produziert wird. Durch Verdunstung entsteht ein Kühlungseffekt, der die Körperkerntemperatur stabil hält. Bestimmte Medikamente stören jedoch diese thermoregulatorischen Prozesse – und damit die Fähigkeit des Körpers, sich bei hohen Temperaturen durch Schwitzen abzukühlen. Im schlimmsten Fall kann das gefährlich werden. FITBOOK gibt einen Überblick über Medikamente, die bei Hitze gefährliche Nebenwirkungen entfalten können.

Im Fokus: harntreibende Medikamente, Antipsychotika und Anticholinergika

Wer bestimmte Medikamente nimmt, kann bei Hitze in Lebensgefahr geraten – oft, ohne es zu merken. Besonders ältere Menschen sind betroffen. Mehrere Studien bestätigen die Auswirkungen bestimmter Medikamente auf das Gesundheitsrisiko bei Hitze. 2020 untersuchte eine großangelegte Studie den Zusammenhang zwischen Hitzewellen, bestimmten Medikamenten und hitzebedingten Krankenhausaufenthalten bei älteren Patienten mit chronischen Erkrankungen.

Die Ergebnisse zeigten, dass harntreibende Medikamente (Diuretika), die v.a. bei Herzschwäche, aber auch zur Blutdruckbehandlung verordnet werden, das Risiko eines Krankenhausaufenthaltes erhöhen, wenn sie bei Hitze eingenommen werden.1 „Gerade bei älteren Patienten kann es augrund der Einnahme dieser Medikamente dann bei sehr hohen Temperaturen zu einem höheren Flüssigkeit- und Elektrolyteverlust kommen, da diese häufig bei der Hitze nicht genügend trinken“, bestätigt der Kardiologe Christopher Schneeweis auf FITBOOK-Nachfrage.

Die Studie zeigte weiter: Neben Diuretika können auch Antipsychotika und sogenannte Anticholinergika bei Hitze Probleme machen. Anticholinergika hemmen die Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin und werden zur Behandlung von verschiedenen Erkrankungen wie Asthma, COPD, Reizdarmsyndrom, Parkinson, überaktiver Blase, Übelkeit, Erbrechen und Schwindel eingesetzt. Auch viele Psychopharmaka, Antidepressiva und viele Benzodiazepine (Schlafmittel) zählen zu den anticholinergenen Arzneimitteln.

Risiko eines Hitzschlags erhöht

Die bislang umfassendste Übersichtsarbeit zum Thema wurde 2024 in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht und bestätigte, dass bestimmte Medikamente das Risiko für einen Hitzschlag (Hyperthermie) erhöhen können.2 Zu einem Hitzschlag kann es kommen, wenn die Mechanismen der körpereigenen Wärmeregulierung überlastet sind. In Folge steigt die Körperkerntemperatur sehr stark an, typischerweise über 40 Grad Celsius.

Ein mäßiger, kurzfristiger Anstieg der Körpertemperatur ist zwar in der Regel nicht problematisch – schafft es der Körper aber nicht mehr, die Wärme wegzutransportieren, kommt es zu einem Wärmestau, in dessen Folge die Körpertemperatur auf 40 Grad und höher steigt. „Als Erstes kippt das Gerinnungs- und das Durchblutungssystem ab. Dann verklumpt das Blut. Die kleinen Klumpen verstopfen die kleinen Gefäße. Nieren, aber auch Leber und Herz können nicht mehr gut arbeiten“, erklärte Neurologe Prof. Frank Erbguth an anderer Stelle. Im schlimmsten Fall droht ein Multiorganversagen.

Symptome eines Hitzschlags und Handlungsempfehlungen: Plötzliche Müdigkeit, Kopfschmerzen, ein diffuses Schwindelgefühl und – wenn es schlimmer wird – Übelkeit, Erbrechen und Bewusstlosigkeit sind Anzeichen eines Hitzschlags. Zeigt jemand die geschilderten Anzeichen, sollten Umstehende umgehend den Notruf 112 wählen. Ein Hitzschlag kann zum Koma führen und schlimmstenfalls tödlich enden.

Wirkung von 27 gängigen Medikamenten auf Körperkerntemperatur bei Hitze analysiert

Prinzipiell gilt natürlich: Jeder kann einen Hitzschlag erleiden, der extremer Hitze und Schwüle ausgesetzt war und nicht schwitzen konnte, beispielsweise in ungelüfteten Räumen oder auch in isolierender Kleidung. Unter anderem durch die Einnahme bestimmter Medikamente steigt aber das Risiko. Die Forscher der erwähnten Arbeit analysierten 35 randomisierte Studien mit insgesamt 353 Probanden, fast ausschließlich junge Männer, und verglichen den Einfluss von insgesamt 27 verschreibungspflichtigen und rezeptfreien Medikamenten auf deren Körperkerntemperatur während 30 bis 210 Minuten Hitzebelastung durch Sport: darunter Beta-Blocker, Adrenalin, Anti-Parkinson-Medikamente, Antidepressiva, Antipsychiotika, Allergiemittel, Gefäßerweiterer, Entwässerungstabletten sowie Mittel gegen Übelkeit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft diese Medikamente als potenziell hitzeschädlich ein.3

Auch diese Studie kam zu dem Schluss, dass eine besonders starke Wirkung auf die Körperkerntemperatur von stark anticholinergen Medikamenten ausgeht. Atropin etwa – einer von vielen Wirkstoffen dieser Medikamentengruppe – führte bei einer Umgebungstemperatur von 30 Grad Celsius zu einer Erhöhung der Körperkerntemperatur um 0,42 Grad und einer um 2,9 Grad erhöhten Hauttemperatur. Die Betroffenen konnten nur noch wenig Schweiß absondern – die Kühlfunktion des Körpers war gestört. Atropin wird in der Notfallmedizin bei langsamem Herzschlag eingesetzt, kann vor einer Narkose verabreicht werden, um die Herzfrequenz zu erhöhen und wird in der Augenheilkunde zur Pupillenerweiterung verwendet.

Adrenalin, Parkinson-Medikamente, Betablocker

Neben Atropin führten auch bestimmte anderen Medikamente zu einem signifikanten Anstieg der Körperkerntemperatur während Hitzestress und reduzierter Schweißproduktion: darunter Adrenalin sowie die Parkinson-Medikamente Bromocriptin, Levodopa und Carbidopa. Selektive Betablocker, z. B. Propranolol, verursachen einen Anstieg der Kerntemperatur bei gleichzeitig gesenkter Hauttemperatur. Einen Einfluss auf die Schweißrate gab es nicht.

Keinen oder nur einen sehr geringen Effekt auf die Körperkerntemperatur und das Schwitzen wies die Analyse nach für

  • Antidepressiva, darunter Bupropion, Citalopram, Paroxetin und Reboxetin
  • das Antipsychiotika Haloperidol
  • das Beruhigungsmittel Meprobamat
  • das Antihistaminikum Fexofenadin
  • die Gefäßerweiterer Prazosin, Clonidin und Nifedipin
  • sowie die Anti-Übelkeitsmittel Ondansetron und Granisetron

Keine signifikante Wirkung zeigten die Diuretika (Wassertabletten) Acetazolamid, Hydrochlorothiazid und Furosemid.

Auch wenn diese Untersuchung methodisch solide ist, ist sie nicht aussagekräftig für alte Menschen und chronisch Kranke, die Hitze im Alltag überwiegend passiv ausgesetzt sind (in der Studie wurde die Hitzeexposition durch Sport erzeugt).

Auch Multimedikation wurden nicht untersucht, wie sie im Alter verbreitet ist. Zudem erfasste die Studie mit Kerntemperatur und Schweißrate nur physiologische Effekte, nicht aber mögliche Verhaltensänderungen durch Medikamente (z. B. reduzierte Trinkmenge oder verringerte Hitzevermeidung).

Auch interessant: Kombi von Aspirin und Betablocker kann Risiko für Herzattacke um 75 Prozent erhöhen 

Gesundheitsinstitutionen warnen vor diesen Medikamenten bei Hitze

Gesundheitsinstitutionen wie die WHO warnen ausdrücklich davor, dass ältere Menschen eine besonders vulnerable Gruppe bei Hitze sind – vor allem dann, wenn sie Medikamente einnehmen, die das Schwitzen hemmen oder den Kreislauf beeinflussen. Als besondere Risikogruppen werden ältere Menschen – insbesondere Frauen – genannt, die „chronisch krank, sozial isoliert und im obersten Stockwerk wohnend sind“. Die WHO nennt konkret diese Medikamentengruppen, von deren Einnahme bei Hitze gefährliche Nebenwirkungen ausgehen können:

  • Anticholinergika
  • Antipsychotika
  • Antihistaminika
  • Antiparkinsonmittel
  • Antidepressiva
  • Anxiolytika und Muskelrelaxantien
  • Antiadrenergika und Betablocker
  • Sympathomimetika
  • Antihypertensiva und Diuretika
  • Antiepileptika

Neben der Thermoregulation können diese Medikamentengruppen den Wasserhaushalt gefährlich beeinflussen – es besteht Dehydrationsgefahr und der Herz-Kreislauf-Stoffwechsel ist gefährdet. Blutdrucksenker wie etwa Betablocker gelten als gefährlich bei Hitze, weil sie die Wärmeabgabe des Körpers behindern, das Schwitzen verzögern, und den Kreislauf instabil machen, indem sie den Blutdruck zu stark senken.

Mehr zum Thema

RKI nennt auch Schmerzmittel und SGLT2-Inhibitoren

Das Robert Koch-Institut führt in seinem „Journal of Health Monitoring“ unter den Wirkstoffgruppen, die bei Hitze gefährliche Nebenwirkungen entfalten können, auch Schmerzmittel auf wie Ibuprofen oder Diclofenac sowie SGLT2-Inhibitoren, die bei Diabetes sowie Herz- und Niereninsuffizienz verschrieben werden. Bei Schmerzmitteln droht demnach bei Hitze untere anderem die Gefahr des Nierenversagens; bei den SGLT2-Inhibitoren könne ein gefährlicher Flüssigkeitsmangel im Körper entstehen.4

Einnahme der Medikamente nicht eigenmächtig pausieren

Sie befürchten, dass Ihre Medikamente bei hohen Temperaturen problematisch sein könnten? Das betrifft etwa Menschen, die harntreibende Medikamente aufgrund einer Herzschwäche oder auch zur Blutdruckbehandlung nehmen. „Eine Reduktion oder Pausieren der Medikamente sollte nur nach Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen“, sagt Kardiologe Schneeweis zu FITBOOK.

Quellen

  1. Layton B. J., Li W., Yuan J. et al. (2020): Heatwaves, medications, and heat-related hospitalization in older Medicare beneficiaries with chronic conditions. Plos One. ↩︎
  2. Hospers L., Dillon G. A., McLachlan A. J. et al. (2024): The effect of prescription and over-the-counter medications on core temperature in adults during heat stress: a systematic review and meta-analysis. The Lancet. ↩︎
  3. WHO Regional Office for Europe: Public health advice on preventing health effects of heat (2011 aufgerufen am 01.07.2025) ↩︎
  4. Robert Koch-Institut: Hitze in Deutschland: Gesundheitliche Risiken und Maßnahmen
    zur Prävention
    (2023, aufgerufen am 01.07.2025)
    ↩︎

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.