1. Juli 2025, 19:15 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Wer bei Hitze selbst Medikamente nimmt oder Angehörige betreut, hat eine Gefahr möglicherweise nicht auf dem Schirm: Einige häufig verschriebene Mittel hindern den Körper am Schwitzen – und stören dadurch die natürliche Kühlung des Körpers. Das birgt erhebliche gesundheitliche Risiken.
Normalerweise reagiert unser Körper auf Hitze, indem sich die Blutgefäße weiten und Schweiß produziert wird. Durch Verdunstung entsteht ein Kühlungseffekt, der die Körperkerntemperatur stabil hält. Bestimmte Medikamente stören jedoch diese thermoregulatorischen Prozesse – und damit die Fähigkeit des Körpers, sich bei hohen Temperaturen durch Schwitzen abzukühlen. Im schlimmsten Fall kann das gefährlich werden. FITBOOK gibt einen Überblick über Medikamente, die bei Hitze gefährliche Nebenwirkungen entfalten können.
Übersicht
- Im Fokus: harntreibende Medikamente, Antipsychotika und Anticholinergika
- Risiko eines Hitzschlags erhöht
- Wirkung von 27 gängigen Medikamenten auf Körperkerntemperatur bei Hitze analysiert
- Adrenalin, Parkinson-Medikamente, Betablocker
- Gesundheitsinstitutionen warnen vor diesen Medikamenten bei Hitze
- RKI nennt auch Schmerzmittel und SGLT2-Inhibitoren
- Einnahme der Medikamente nicht eigenmächtig pausieren
- Quellen
Im Fokus: harntreibende Medikamente, Antipsychotika und Anticholinergika
Wer bestimmte Medikamente nimmt, kann bei Hitze in Lebensgefahr geraten – oft, ohne es zu merken. Besonders ältere Menschen sind betroffen. Mehrere Studien bestätigen die Auswirkungen bestimmter Medikamente auf das Gesundheitsrisiko bei Hitze. 2020 untersuchte eine großangelegte Studie den Zusammenhang zwischen Hitzewellen, bestimmten Medikamenten und hitzebedingten Krankenhausaufenthalten bei älteren Patienten mit chronischen Erkrankungen.
Die Ergebnisse zeigten, dass harntreibende Medikamente (Diuretika), die v.a. bei Herzschwäche, aber auch zur Blutdruckbehandlung verordnet werden, das Risiko eines Krankenhausaufenthaltes erhöhen, wenn sie bei Hitze eingenommen werden.1 „Gerade bei älteren Patienten kann es augrund der Einnahme dieser Medikamente dann bei sehr hohen Temperaturen zu einem höheren Flüssigkeit- und Elektrolyteverlust kommen, da diese häufig bei der Hitze nicht genügend trinken“, bestätigt der Kardiologe Christopher Schneeweis auf FITBOOK-Nachfrage.
Die Studie zeigte weiter: Neben Diuretika können auch Antipsychotika und sogenannte Anticholinergika bei Hitze Probleme machen. Anticholinergika hemmen die Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin und werden zur Behandlung von verschiedenen Erkrankungen wie Asthma, COPD, Reizdarmsyndrom, Parkinson, überaktiver Blase, Übelkeit, Erbrechen und Schwindel eingesetzt. Auch viele Psychopharmaka, Antidepressiva und viele Benzodiazepine (Schlafmittel) zählen zu den anticholinergenen Arzneimitteln.
Risiko eines Hitzschlags erhöht
Die bislang umfassendste Übersichtsarbeit zum Thema wurde 2024 in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht und bestätigte, dass bestimmte Medikamente das Risiko für einen Hitzschlag (Hyperthermie) erhöhen können.2 Zu einem Hitzschlag kann es kommen, wenn die Mechanismen der körpereigenen Wärmeregulierung überlastet sind. In Folge steigt die Körperkerntemperatur sehr stark an, typischerweise über 40 Grad Celsius.
Ein mäßiger, kurzfristiger Anstieg der Körpertemperatur ist zwar in der Regel nicht problematisch – schafft es der Körper aber nicht mehr, die Wärme wegzutransportieren, kommt es zu einem Wärmestau, in dessen Folge die Körpertemperatur auf 40 Grad und höher steigt. „Als Erstes kippt das Gerinnungs- und das Durchblutungssystem ab. Dann verklumpt das Blut. Die kleinen Klumpen verstopfen die kleinen Gefäße. Nieren, aber auch Leber und Herz können nicht mehr gut arbeiten“, erklärte Neurologe Prof. Frank Erbguth an anderer Stelle. Im schlimmsten Fall droht ein Multiorganversagen.
Symptome eines Hitzschlags und Handlungsempfehlungen: Plötzliche Müdigkeit, Kopfschmerzen, ein diffuses Schwindelgefühl und – wenn es schlimmer wird – Übelkeit, Erbrechen und Bewusstlosigkeit sind Anzeichen eines Hitzschlags. Zeigt jemand die geschilderten Anzeichen, sollten Umstehende umgehend den Notruf 112 wählen. Ein Hitzschlag kann zum Koma führen und schlimmstenfalls tödlich enden.
Wirkung von 27 gängigen Medikamenten auf Körperkerntemperatur bei Hitze analysiert
Prinzipiell gilt natürlich: Jeder kann einen Hitzschlag erleiden, der extremer Hitze und Schwüle ausgesetzt war und nicht schwitzen konnte, beispielsweise in ungelüfteten Räumen oder auch in isolierender Kleidung. Unter anderem durch die Einnahme bestimmter Medikamente steigt aber das Risiko. Die Forscher der erwähnten Arbeit analysierten 35 randomisierte Studien mit insgesamt 353 Probanden, fast ausschließlich junge Männer, und verglichen den Einfluss von insgesamt 27 verschreibungspflichtigen und rezeptfreien Medikamenten auf deren Körperkerntemperatur während 30 bis 210 Minuten Hitzebelastung durch Sport: darunter Beta-Blocker, Adrenalin, Anti-Parkinson-Medikamente, Antidepressiva, Antipsychiotika, Allergiemittel, Gefäßerweiterer, Entwässerungstabletten sowie Mittel gegen Übelkeit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft diese Medikamente als potenziell hitzeschädlich ein.3
Auch diese Studie kam zu dem Schluss, dass eine besonders starke Wirkung auf die Körperkerntemperatur von stark anticholinergen Medikamenten ausgeht. Atropin etwa – einer von vielen Wirkstoffen dieser Medikamentengruppe – führte bei einer Umgebungstemperatur von 30 Grad Celsius zu einer Erhöhung der Körperkerntemperatur um 0,42 Grad und einer um 2,9 Grad erhöhten Hauttemperatur. Die Betroffenen konnten nur noch wenig Schweiß absondern – die Kühlfunktion des Körpers war gestört. Atropin wird in der Notfallmedizin bei langsamem Herzschlag eingesetzt, kann vor einer Narkose verabreicht werden, um die Herzfrequenz zu erhöhen und wird in der Augenheilkunde zur Pupillenerweiterung verwendet.
Adrenalin, Parkinson-Medikamente, Betablocker
Neben Atropin führten auch bestimmte anderen Medikamente zu einem signifikanten Anstieg der Körperkerntemperatur während Hitzestress und reduzierter Schweißproduktion: darunter Adrenalin sowie die Parkinson-Medikamente Bromocriptin, Levodopa und Carbidopa. Selektive Betablocker, z. B. Propranolol, verursachen einen Anstieg der Kerntemperatur bei gleichzeitig gesenkter Hauttemperatur. Einen Einfluss auf die Schweißrate gab es nicht.
Keinen oder nur einen sehr geringen Effekt auf die Körperkerntemperatur und das Schwitzen wies die Analyse nach für
- Antidepressiva, darunter Bupropion, Citalopram, Paroxetin und Reboxetin
- das Antipsychiotika Haloperidol
- das Beruhigungsmittel Meprobamat
- das Antihistaminikum Fexofenadin
- die Gefäßerweiterer Prazosin, Clonidin und Nifedipin
- sowie die Anti-Übelkeitsmittel Ondansetron und Granisetron
Keine signifikante Wirkung zeigten die Diuretika (Wassertabletten) Acetazolamid, Hydrochlorothiazid und Furosemid.
Auch wenn diese Untersuchung methodisch solide ist, ist sie nicht aussagekräftig für alte Menschen und chronisch Kranke, die Hitze im Alltag überwiegend passiv ausgesetzt sind (in der Studie wurde die Hitzeexposition durch Sport erzeugt).
Auch Multimedikation wurden nicht untersucht, wie sie im Alter verbreitet ist. Zudem erfasste die Studie mit Kerntemperatur und Schweißrate nur physiologische Effekte, nicht aber mögliche Verhaltensänderungen durch Medikamente (z. B. reduzierte Trinkmenge oder verringerte Hitzevermeidung).
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Gesundheitsinstitutionen warnen vor diesen Medikamenten bei Hitze
Gesundheitsinstitutionen wie die WHO warnen ausdrücklich davor, dass ältere Menschen eine besonders vulnerable Gruppe bei Hitze sind – vor allem dann, wenn sie Medikamente einnehmen, die das Schwitzen hemmen oder den Kreislauf beeinflussen. Als besondere Risikogruppen werden ältere Menschen – insbesondere Frauen – genannt, die „chronisch krank, sozial isoliert und im obersten Stockwerk wohnend sind“. Die WHO nennt konkret diese Medikamentengruppen, von deren Einnahme bei Hitze gefährliche Nebenwirkungen ausgehen können:
- Anticholinergika
- Antipsychotika
- Antihistaminika
- Antiparkinsonmittel
- Antidepressiva
- Anxiolytika und Muskelrelaxantien
- Antiadrenergika und Betablocker
- Sympathomimetika
- Antihypertensiva und Diuretika
- Antiepileptika
Neben der Thermoregulation können diese Medikamentengruppen den Wasserhaushalt gefährlich beeinflussen – es besteht Dehydrationsgefahr und der Herz-Kreislauf-Stoffwechsel ist gefährdet. Blutdrucksenker wie etwa Betablocker gelten als gefährlich bei Hitze, weil sie die Wärmeabgabe des Körpers behindern, das Schwitzen verzögern, und den Kreislauf instabil machen, indem sie den Blutdruck zu stark senken.
Hitze kann Wirkung von Medikamenten auf den Körper verändern
Diese gängigen Medikamente können zu Dehydrierung führen
RKI nennt auch Schmerzmittel und SGLT2-Inhibitoren
Das Robert Koch-Institut führt in seinem „Journal of Health Monitoring“ unter den Wirkstoffgruppen, die bei Hitze gefährliche Nebenwirkungen entfalten können, auch Schmerzmittel auf wie Ibuprofen oder Diclofenac sowie SGLT2-Inhibitoren, die bei Diabetes sowie Herz- und Niereninsuffizienz verschrieben werden. Bei Schmerzmitteln droht demnach bei Hitze untere anderem die Gefahr des Nierenversagens; bei den SGLT2-Inhibitoren könne ein gefährlicher Flüssigkeitsmangel im Körper entstehen.4
Einnahme der Medikamente nicht eigenmächtig pausieren
Sie befürchten, dass Ihre Medikamente bei hohen Temperaturen problematisch sein könnten? Das betrifft etwa Menschen, die harntreibende Medikamente aufgrund einer Herzschwäche oder auch zur Blutdruckbehandlung nehmen. „Eine Reduktion oder Pausieren der Medikamente sollte nur nach Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen“, sagt Kardiologe Schneeweis zu FITBOOK.