13. Juni 2026, 8:04 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Kopfbälle sind ein fester Bestandteil des Fußballs. Doch eine neue Untersuchung aus den Niederlanden zeigt: Selbst im Amateurbereich können sie direkt nach einem Match messbare Spuren im Blut hinterlassen. Besonders auffällig waren Veränderungen bei zwei Markern, die mit Nervengewebe und Hirnzellen in Verbindung stehen. Was ein Kopfball im Gehirn auslöst – und was das für die Gesundheit bedeutet.
Über Amateurspieler bisher wenig bekannt
Dass Profifußballer ein erhöhtes Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz durch Kopfbälle haben, ist bekannt. Doch wie sieht es im Amateurbereich aus? Niederländische Wissenschaftler untersuchten, ob Kopfbälle auch im Amateurfußball unmittelbar mit messbaren Veränderungen im Blut verbunden sind, die auf eine Belastung oder Schädigung von Nervengewebe hinweisen können.1
Studienautor Marsh Königs erklärte in einer Pressemitteilung, über Amateurfußball sei bisher wenig bekannt gewesen, obwohl die meisten Fußballer auf diesem Niveau spielen. „Zum ersten Mal konnten wir die direkten Auswirkungen von Kopfbällen im Amateurfußball messen.“2
So lief die Studie ab
Die Forscher begleiteten Amateurfußballer zu echten Spielen und nahmen ihnen vor und nach dem Match Blut ab. So konnten sie prüfen, ob Kopfbälle direkt mit messbaren Veränderungen im Blut zusammenhängen.
Die Datenerhebung fand von August bis Dezember 2024 statt. Insgesamt wurden 389 Fußballspieler auf ihre Eignung geprüft. In die Auswertung gingen 302 männliche Amateurspieler ein, die jeweils an einem von elf organisierten Spielen teilnahmen. Das mittlere Alter lag bei 24,6 Jahren. Eingeschlossen wurden Männer über 18 Jahre ohne bekannte neurologische Erkrankung.
Vor dem Spiel, unmittelbar nach dem Spiel und erneut 24 bis 48 Stunden später wurden Blutproben genommen. Per Videoanalyse wurde erfasst, wie oft jeder Spieler köpfte und ob es sich um besonders intensive Kopfbälle handelte. Als „high-impact“ galten Kopfbälle nach Ballflugbahnen von mehr als 20 Metern. Zusätzlich berücksichtigte das Team die Spielbelastung über Positions- und Herzfrequenzdaten, damit die Ergebnisse nicht durch körperliche Anstrengung verfälscht werden.
Gemessen wurden die Blutmarker p-tau217 (Alzheimer-Marker), BD-tau, NfL, GFAP, S100B und NSE. Vereinfacht gesagt: Diese Blutmarker können Hinweise auf Belastungen von Nervenzellen, Nervenfasern oder Stützzellen des Gehirns geben.
Zwei Marker stiegen durch Kopfbälle an
Von den 302 untersuchten Spielern hatten 216 Spieler, also 72 Prozent, während ihres Spiels mindestens einen Kopfball. Im Durchschnitt lag die Belastung bei zwei Kopfbällen pro Spieler und Spiel. Fast die Hälfte der Spieler hatte mindestens einen intensiveren „high-impact“-Kopfballkontakt.
Direkt nach dem Spiel zeigten Spieler mit Kopfbällen einen signifikant stärkeren Anstieg des Blutmarkers S100B als Spieler ohne Kopfbälle. S100B ist ein Eiweiß, das unter anderem von Stützzellen des Gehirns gebildet wird. Erhöhte Werte im Blut können ein Hinweis darauf sein, dass Hirngewebe vorübergehend belastet wurde. Der Marker wird z. B. auch im Zusammenhang mit Schädel-Hirn-Traumata untersucht.
Besonders wichtig: Die Studie fand Hinweise auf eine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Je mehr Kopfbälle ein Spieler machte, desto stärker stiegen S100B und auch p-tau217 an. Besonders intensive Kopfbälle waren mit stärkeren Anstiegen verbunden.
Die beobachteten Markeranstiege normalisierten sich allerdings innerhalb von 24 bis 48 Stunden. Für die anderen untersuchten Marker fanden die Autoren keine signifikanten Zusammenhänge.
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Was bedeutet das für Amateurspieler?
Für Amateurfußballer ist die Studie vor allem deshalb relevant, weil sie echte Spiele untersuchte. Auch auf Amateurniveau sind Kopfbälle nicht unbedingt „neutral“ für das Gehirn. Sie können kurzfristig messbare Veränderungen im Blut auslösen, die zeigen, dass Nerven- und Stützzellen im Gehirn belastet wurden.
Wichtig ist auch: Die Studie zeigt akute Veränderungen, aber keine dauerhafte Hirnschädigung. Sie zeigt auch nicht, dass ein einzelnes Spiel oder wenige Kopfbälle Demenz verursachen. Genau vor dieser Überinterpretation warnen sowohl die Studienautoren als auch externe Experten.
Jort Vijverberg vom Alzheimer Center Amsterdam teilt in der Pressemitteilung mit: „Wir wissen nicht, was diese Studie über bleibende Hirnschäden aussagt.“ Zugleich nutzte er ein anschauliches Bild: „In dieser Studie untersuchen wir im Wesentlichen die ‚Staubwolken‘ der Schädigungen. Wenn sich der Staub gelegt hat, bedeutet das nicht, dass die Schädigungen verschwunden sind.“ Vijverberg warnt dennoch: „Diese akuten Auswirkungen könnten zu langfristigen Schäden führen, wenn sie wiederholt auftreten. Ob dies zu Demenz beiträgt, bleibt ungewiss, doch die Ergebnisse sind wichtig für die Gestaltung künftiger Richtlinien zum Kopfballspiel im Fußball.“
Kleine Studie gibt Hinweise auf Langzeitfolgen
Dass langfristige Folgen im Amateurbereich durchaus möglich sind, darauf weist eine Pilotstudie aus 2025 hin. Bei dieser machten sechs männliche Fußballspieler zehn Kopfbälle im Labor. Sechs gleichaltrige Männer aus kontaktarmen Sportarten dienten als Kontrollgruppe. Mit einer speziellen MRT-Methode, die feine Veränderungen in der weißen Hirnsubstanz sichtbar machen kann, fanden die Autoren Veränderungen bis zu sechs Monate nach den Kopfbällen. Die weiße Hirnsubstanz besteht aus Nervenverbindungen, über die verschiedene Hirnareale miteinander kommunizieren. Besonders deutlich waren die Zusammenhänge zwischen Stärke des Kopfaufpralls und Hirnstrukturveränderungen. Das beweist keine Demenz als Folge, zeigt aber: Einige Effekte könnten länger anhalten, als Blutmarker allein vermuten lassen.3
Einordnung und Fazit
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Kopfbälle auch bei Amateurspielern die Hirnzellen vorübergehend belasten. Entscheidend ist aber: Die Studie beweist nicht, dass Kopfbälle Demenz auslösen oder ein einzelnes Spiel bleibende Schäden verursacht. Die Blutwerte normalisierten sich nach 48 Stunden wieder. Allerdings zeigte die Pilotstudie auch, dass zehn Kopfbälle ausreichen, um Veränderungen in der weißen Hirnsubstanz noch bis zu sechs Monate später nachweisen zu können.
Beide Studien legen nahe: Kopfbälle sollten nicht dramatisiert, aber auch nicht verharmlost werden. Besonders bei jungen Spielern und bei Fußballern mit vielen Kopfbällen über Jahre könnten neue begrenzende Richtlinien und eine saubere Technik sinnvoll sein.