5. Juni 2026, 17:05 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Kann ein Bluttest Jahre vor einer Krebsdiagnose Hinweise auf ein erhöhtes Risiko liefern? Dieser Frage gingen Forscher in einer großen internationalen Studie nach. Dafür analysierten sie Blutproben und Gesundheitsdaten von mehr als 48.000 Menschen. Dabei stießen sie auf ein auffälliges Muster im Blut, das mit einer späteren Lungenkrebsdiagnose zusammenhing. Die Ergebnisse könnten künftig dabei helfen, Risikopersonen früher zu erkennen – und sogar neue Möglichkeiten für die Vorbeugung der Krankheit eröffnen.
Kann das Blut Jahre vorher vor Lungenkrebs warnen?
Für die Studie werteten Forscher Daten von 48.099 Teilnehmern der britischen UK Biobank aus.1 Bei allen lagen Blutproben vor, in denen fast 3000 verschiedene Eiweiße untersucht worden waren. Während der Nachbeobachtung erkrankten 375 Teilnehmer an Lungenkrebs.
Die Wissenschaftler wollten herausfinden, ob sich im Blut bereits Jahre vor einer Diagnose Hinweise auf ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko finden lassen. Tatsächlich identifizierten sie eine Kombination aus 14 Eiweißen im Blut, die noch mehr als fünf Jahre vor einer späteren Lungenkrebsdiagnose auf ein erhöhtes Risiko hinweisen konnte.
Warum die Forscher auf Entzündungen aufmerksam wurden
Die aktuelle Untersuchung baut auf früheren Forschungsergebnissen auf. Bereits zuvor hatten Wissenschaftler Hinweise gefunden, dass Feinstaub Entzündungen in der Lunge auslösen kann.2 Dabei spielt der Entzündungsbotenstoff Interleukin-1β (IL-1β) eine wichtige Rolle.
Was ist Interleukin-1β?
Interleukin-1β (IL-1β) ist ein körpereigener Botenstoff, der bei Entzündungen freigesetzt wird. Er hilft dem Immunsystem dabei, auf Verletzungen, Schadstoffe oder Krankheitserreger zu reagieren. Wird IL-1β jedoch dauerhaft oder in größeren Mengen ausgeschüttet, kann es chronische Entzündungen fördern. Genau deshalb untersuchen Wissenschaftler seit Jahren, ob der Stoff auch bei der Entstehung verschiedener Krankheiten – darunter Lungenkrebs – eine Rolle spielt.3
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt dieser Zusammenhang durch die große CANTOS-Studie.4 In dieser Studie erhielten Teilnehmer das Medikament Canakinumab, einen IL-1β-Blocker. Eingesetzt wurde es eigentlich zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, doch es zeigte sich auch, dass die Teilnehmer, die das Medikament einnahmen, seltener an Lungenkrebs erkrankten. Die Forscher vermuteten deshalb, dass sich die biologischen Veränderungen, die zur Krebsentstehung beitragen, möglicherweise schon Jahre vorher im Blut erkennen lassen.
Krebs-Hinweise im Blut
Die Forscher nutzten moderne Computeranalysen, um in den Blutproben nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Dabei wollten sie herausfinden, welche Eiweiße bei Menschen, die später an Lungenkrebs erkrankten, häufiger vorkamen als bei Teilnehmern ohne Krebsdiagnose.
Aus fast 3000 untersuchten Proteinen kristallisierte sich schließlich eine Kombination aus 14 Eiweißen heraus. Ergänzt wurde das Modell durch vier bekannte Risikofaktoren:
- Alter
- Raucherstatus
- lebenslange Rauchbelastung
- und eine frühere COPD-Erkrankung
COPD ist eine chronische Lungenerkrankung, bei der die Atemwege dauerhaft verengt sind und die häufig durch Rauchen verursacht wird.5
Um zu prüfen, ob dieses Muster nicht nur in der UK Biobank sichtbar war, verglichen die Forscher ihre Ergebnisse anschließend mit acht weiteren internationalen Datensätzen. Insgesamt flossen dabei Daten von 2.198 späteren Lungenkrebsfällen und 53.641 Kontrollpersonen ein.
So gingen die Forscher vor
Die Auswertung der Blutproben war nur ein Teil der Studie. Zusätzlich untersuchten die Forscher Lungengewebe, einzelne Lungenzellen und spezielle Mausmodelle, um die biologischen Ursachen der Blutmarker besser zu verstehen.
Dabei rückten vor allem Entzündungen, Feinstaubbelastung und bestimmte genetische Veränderungen in den Fokus. Die Wissenschaftler prüften, ob diese Faktoren die Eiweißmuster im Blut beeinflussen und ein Umfeld in der Lunge fördern könnten, das die Entstehung von Krebs begünstigt.
14 Blutmarker lieferten frühe Hinweise auf Lungenkrebs
Die Forscher fanden eine Kombination aus 14 Eiweißen im Blut, die mit einem erhöhten Risiko für späteren Lungenkrebs zusammenhing. Der Zusammenhang zeigte sich nicht nur in der UK Biobank, sondern auch in den zum Vergleich herangezogenen internationalen Studien.
Der neue Ansatz war genauer als bestehende Modelle
Das neue Vorhersagemodell erkannte rund 78 Prozent der späteren Lungenkrebsfälle. Das beste etablierte Vergleichsmodell kam auf rund 62 Prozent. Die Kombination aus Blutwerten und bekannten Risikofaktoren sagte das spätere Risiko damit genauer voraus als bisherige Modelle.
Die Warnsignale waren schon Jahre vorher sichtbar
Einige der Eiweiße stiegen bereits etwa zwei Jahre vor einer Diagnose deutlich an. Insgesamt konnten die Veränderungen teilweise mehr als fünf Jahre vor einer späteren Erkrankung auf ein erhöhtes Risiko hinweisen.
Rauchen und Feinstaub spiegelten sich in den Blutwerten wider
Aktuelle Raucher wiesen höhere Werte auf als ehemalige oder lebenslange Nichtraucher. Auch eine stärkere Belastung durch Feinstaub stand mit auffälligen Blutwerten in Zusammenhang.
Wer profitierte besonders von einer vorbeugenden Behandlung?
Die Forscher werteten außerdem Daten der bereits abgeschlossenen CANTOS-Studie erneut aus. Dort war ursprünglich untersucht worden, ob das Medikament Canakinumab Entzündungen hemmen kann, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.
Dabei zeigte sich: Teilnehmer mit besonders auffälligen Blutwerten entwickelten häufiger Lungenkrebs als Personen mit niedrigeren Werten. Gleichzeitig schienen gerade sie stärker von einer Behandlung mit Canakinumab zu profitieren. In dieser Gruppe sank die Lungenkrebsrate von knapp vier Prozent auf rund zwei Prozent.
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Warum die Ergebnisse so wichtig sein könnten
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass sich ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko möglicherweise bereits viele Jahre vor einer Diagnose im Blut erkennen lässt. Dabei handelt es sich offenbar nicht um Signale eines bereits vorhandenen Tumors, sondern um Hinweise auf biologische Prozesse in der Lunge, die die Krebsentstehung fördern können.
Vereinfacht gesagt fanden die Wissenschaftler keine direkten Krebsmarker, sondern Spuren eines entzündlichen Umfelds in der Lunge. Dieses scheint durch Faktoren wie Rauchen, Luftverschmutzung und bestimmte genetische Veränderungen beeinflusst zu werden.
Für die Praxis könnte das langfristig wichtig sein. Bislang ist es schwierig, Menschen mit besonders hohem Risiko zuverlässig zu identifizieren. Ein Bluttest könnte künftig helfen, genau diese Personen früher zu erkennen und gezielter zu überwachen.
Warum Entzündungen eine Schlüsselrolle spielen könnten
Die Studie liefert außerdem neue Erkenntnisse darüber, wie Lungenkrebs entsteht. Die Forscher beobachteten, dass verschiedene Arten von Lungenzellen während der frühen Krebsentwicklung einen ähnlichen Übergangszustand durchlaufen. Dabei verändern sich die Zellen vorübergehend und werden anfälliger für krebsfördernde Einflüsse.
Darüber hinaus stützen die Ergebnisse die Annahme, dass Entzündungen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Lungenkrebs spielen. Das könnte langfristig neue Möglichkeiten für vorbeugende Behandlungen eröffnen.
Feinstaub rückt stärker in den Fokus
Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass Lungenkrebs nicht ausschließlich als Folge des Rauchens betrachtet werden sollte. Zwar bleibt Rauchen der wichtigste Risikofaktor, doch die Studie liefert deutliche Hinweise darauf, dass auch Feinstaubbelastung eine eigenständige Rolle bei der Krebsentstehung spielen kann. Die Forscher beobachteten, dass Luftverschmutzung mit höheren Werten der Blutmarker verbunden war und biologische Prozesse förderte, die mit der frühen Krebsentwicklung in Zusammenhang stehen.
Das erhöhte Risiko betrifft nicht nur Raucher
Bemerkenswert ist zudem, dass die Blutmarker nicht nur bei Rauchern auffällig waren. Auch bei Menschen, die nie geraucht hatten, standen mehrere der untersuchten Blutmarker mit einem späteren Lungenkrebsrisiko in Zusammenhang. Das unterstreicht die mögliche Bedeutung von Umweltfaktoren neben dem Rauchen.
Lungenkrebs könnte an mehreren Stellen seinen Ursprung haben
Auch die Entstehung von Lungenkrebs scheint komplexer zu sein als lange angenommen. Die Forscher konnten zeigen, dass verschiedene Arten von Lungenzellen zu Krebs führen können. Dabei durchlaufen die Zellen offenbar einen gemeinsamen Übergangszustand, bevor sich Krebs entwickelt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass nicht nur ein einzelner Zelltyp als Ursprung der Erkrankung infrage kommt.
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Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse?
Zu den größten Stärken der Studie zählen die große Teilnehmerzahl, die internationale Überprüfung der Ergebnisse und die Kombination aus Bevölkerungsdaten, Laborforschung und klinischen Studiendaten.
Diese Einschränkungen gibt es
Trotzdem gibt es Einschränkungen. Die Kombination aus 14 Blutmarkern ist derzeit kein Diagnoseverfahren. Sie kann keinen Lungenkrebs nachweisen, sondern lediglich auf ein erhöhtes Risiko hinweisen.
Zudem waren die Werte nicht ausschließlich bei Menschen erhöht, die später an Lungenkrebs erkrankten. Auch bei anderen Lungenerkrankungen wie COPD oder idiopathischer Lungenfibrose – einer chronischen Vernarbung des Lungengewebes – wurden erhöhte Werte beobachtet.
Die Ergebnisse zur Wirkung von Canakinumab stammen außerdem aus einer nachträglichen Analyse bereits vorhandener Studiendaten. Die Studie war ursprünglich nicht dafür ausgelegt, den Nutzen der Blutmarker als Auswahlkriterium für eine Behandlung zu untersuchen. Deshalb müssen die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigt werden.
Auch die Schätzung der Feinstaubbelastung hatte Grenzen. Sie basierte auf Wohnortdaten und konnte individuelle Belastungen beispielsweise am Arbeitsplatz nicht vollständig erfassen.
Interessenkonflikte
Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass mehrere an der Studie beteiligte Wissenschaftler an Patentanmeldungen beteiligt sind, die die Nutzung solcher Blutmarker zur Vorhersage des Lungenkrebsrisikos betreffen.
Das Wichtigste auf einen Blick
Forscher identifizierten eine Kombination aus 14 Blutmarkern, die auf ein erhöhtes Risiko für späteren Lungenkrebs hinweisen kann. Die Veränderungen waren teilweise bereits mehr als fünf Jahre vor einer Diagnose nachweisbar.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Blutmarker vor allem ein entzündliches und krebsförderndes Umfeld in der Lunge widerspiegeln. Rauchen, Luftverschmutzung und der Entzündungsbotenstoff IL-1β scheinen dabei wichtige Rollen zu spielen.
Noch ist daraus kein Bluttest für den medizinischen Alltag entstanden. Die Studie zeigt jedoch einen vielversprechenden Ansatz, um Menschen mit erhöhtem Risiko künftig früher zu erkennen und Präventionsmaßnahmen gezielter einzusetzen.