23. Juni 2026, 17:12 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Altern Menschen heute biologisch schneller als frühere Generationen? Könnte das erklären, warum bestimmte Krebsarten immer häufiger schon vor dem 55. Lebensjahr auftreten? Eine aktuelle Studie liefert erste Antworten und wirft gleichzeitig neue Fragen auf.
Krebs gilt oft als Alterskrankheit. Mit den Jahren steigt das Risiko automatisch, da sich mit der Zeit Zellschäden ansammeln, die eine Tumorbildung auslösen können. In den letzten Jahrzehnten beobachten Mediziner und Forscher jedoch, dass die Krebsfälle bei den unter 55-Jährigen zunehmen. Darm-, Lungen- und Gebärmutterkrebs.
Die Gründe dafür sind bislang nicht vollständig geklärt. Wissenschaftler der Washington University School of Medicine in St. Louis haben jedoch eine Vermutung. Könnte es sein, dass Menschen der heutigen Generation biologisch schneller altern? Also, dass ihr Körper „älter“ ist, als die Alterszahl vermuten lässt? Die Ergebnisse ihrer Studie wurden aktuell in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlicht.1
Biologisches und chronologisches Alter können sich stark unterscheiden
Auch wenn die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen noch überschaubar sind, kann ihr Schein trügen. Denn der Blick ins „Innere“ muss keineswegs mit der Zahl auf den Ballons übereinstimmen. Entzündungen, die Fähigkeit zur Zellreparatur, das Immunsystem, Organe, Stoffwechselvorgänge oder Veränderungen der DNA-Regulation verraten, wie es tatsächlich um einen bestellt ist. Forscher sprechen daher vom biologischen Alter. Die bislang gute Nachricht: Mit einem gesunden Lebensstil lässt sich dieser Prozess ausbremsen. Wie wir altern und wie schnell dieser Prozess verläuft, wird zu einem großen Teil von unserem Lebensstil beeinflusst. Die restlichen 30 Prozent werden durch unsere Gene bestimmt. Doch die aktuelle Studie zeigt: Das erhöhte Krebsrisiko durch beschleunigtes Altern besteht sogar unabhängig von genetischen Anlagen.
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Gesundheitsdaten von rund 165.000 Menschen ausgewertet
Um herauszufinden, ob jüngere Generationen schneller altern, analysierte das Forscherteam Daten von 154.169 Erwachsenen unter 55 Jahren aus der UK Biobank sowie von weiteren 10.262 Probanden unter 55 Jahren aus dem „All of Us“-Forschungsprogramm (USA). Mithilfe statistischer Modelle, der sogenannten „Aging Clocks“ (Alterungsuhren), ermittelten sie den Grad der biologischen Alterung bzw. die Diskrepanz zu den gelebten Lebensjahren.
Anhand umfassender Informationen zu Alter, Geschlecht, medizinischen Diagnosen (auch Krebs), Blutwerten und anderen biologischen Messwerten sowie Gesundheits- und Lebensstilinformationen ermittelten sie das biologische Alter. Die Forscher schauten sich auch an, wie viele Krebsdiagnosen zu welchen Krebsarten vorlagen.
Jüngere Generationen altern biologisch schneller
Jüngere Generationen altern rasant, wenn auch nicht äußerlich sichtbar, so die unbequeme Wahrheit. Dieser Prozess findet auf zwei Ebenen statt: die sogenannte systemische Alterung im gesamten Körper und die sogenannte organspezifische Alterung in einzelnen Organen. Personen aus Großbritannien, die zwischen 1965 und 1974 geboren wurden, wiesen eine um 23 Prozent höhere systemische Alterung auf als die zwischen 1950 und 1954 Geborenen.
Dabei gibt es einen spannenden Unterschied zwischen den Geschlechtern: Während Männer in der britischen Studie oft ein höheres Basis-Level an biologischer Alterung zeigten, war der Anstieg über die Generationen hinweg bei Frauen deutlich steiler. In den USA zeigte sich ein ähnliches Muster. Teilnehmer, die zwischen 1990 und 1999 geboren wurden, wiesen eine um 92 Prozent höhere systemische Alterung auf als diejenigen, die zwischen 1965 und 1969 geboren wurden.
Diese Beschleunigung ging mit einem um durchschnittlich acht Prozent erhöhten Risiko für Tumorbildung, insbesondere Lungen-, Magen-Darm- und Gebärmutterkrebs, einher. Bei weiter fortgeschrittenem Prozess betrug das Risiko sogar bis zu 15 Prozent. Bei der detaillierten Untersuchung organspezifischer Alterungsprozesse fiel auf: Die Alterung des Immunsystems kann frühen Lungenkrebs begünstigen, während die Alterung des Fettgewebes die Wahrscheinlichkeit für frühen Darmkrebs erhöht.
Krebsrisiko bei unter 55-Jährigen offenbar mit diesem Faktor verbunden
Bestimmtes Pestizid mit Darmkrebs unter 50 Jahren in Verbindung gebracht
Was lässt uns so schnell altern?
Die genauen Gründe bleiben rätselhaft. „Wir haben derzeit noch keine endgültige Antwort auf die Frage, was den Anstieg von Krebserkrankungen im jüngeren Alter weltweit verursacht. Studien wie diese helfen uns jedoch, das Gesamtbild zu verstehen, und zeigen, dass Krebs nicht nur durch Veränderungen in einzelnen Zellen, sondern auch durch umfassendere Veränderungen im gesamten Körper beeinflusst werden kann“, erklärt Dr. David Scott in einer Universitätsmitteilung.2
Dass moderne Umwelteinflüsse dabei eine wesentliche Rolle spielen, ist zu vermuten. Dazu gehören vor allem Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, einseitige Ernährung oder Bewegungsmangel. Das sind jedoch nur einige von vielen Faktoren in einer sich rasant verändernden Welt. Das Forscherteam möchte in weiteren Studien entschlüsseln, wie genau Umwelt-, Lebensstil- und gesellschaftliche Veränderungen dauerhafte biologische Spuren hinterlassen.
Was die Studie belegen kann und was nicht
Mit rund 165.000 untersuchten Personen besitzt die Studie eine hohe statistische Aussagekraft. Sie kann jedoch nicht beweisen, dass beschleunigtes biologisches Altern direkt Krebs verursacht. Die Studie liefert jedoch Hinweise, dass nicht nur das Lebensalter, sondern vor allem der biologische Zustand des Körpers eine Rolle spielt. Daher könnten bestimmte Altersmarker in naher Zukunft möglicherweise dabei helfen, jüngere Menschen mit erhöhtem Risiko früher zu erkennen und Präventionsmaßnahmen gezielter einzusetzen.