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Laut Studie

Bestimmtes Pestizid mit Darmkrebs unter 50 Jahren in Verbindung gebracht

Neue Forschung zeigt Rückstände eines Unkrautvernichters in Tumoren. Welche Rolle Umweltfaktoren spielen könnten.
Neue Forschung zeigt Rückstände eines Unkrautvernichters in Tumoren. Welche Rolle Umweltfaktoren spielen könnten. Foto: Getty Images/Science Photo Libra
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Julia Freiberger
Ernährungsexpertin

24. April 2026, 14:09 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten

Darmkrebs trifft immer häufiger Menschen unter 50 – ein Trend, der lange ein Rätsel war. Jetzt liefert eine große Studie einen brisanten Hinweis: In Tumoren jüngerer Patienten fanden Forscher auffällige Spuren eines bestimmten Unkrautvernichtungsmittels. Der Verdacht: Umweltgifte könnten eine Rolle dabei spielen, dass Krebs früher entsteht als bisher gedacht.

Studie zeigt: Pestizidspuren bei jungen Darmkrebs-Patienten deutlich häufiger

Eine neue Untersuchung bringt Bewegung in die Suche nach den Ursachen für frühen Darmkrebs. Die zentrale Erkenntnis: In den Tumoren von Patienten unter 50 Jahren fanden sich deutlich häufiger Hinweise auf eine Belastung mit dem Unkrautvernichtungsmittel Picloram als bei älteren Erkrankten.1

Deutlicher Unterschied im Risiko

Die Auswertung zeigt dabei einen klaren Unterschied: Menschen mit stärkeren Spuren dieses Stoffes hatten ein 1,56-fach erhöhtes Risiko, früh an Darmkrebs zu erkranken.

Bestätigung durch Daten aus den USA

Auch außerhalb des Labors ergibt sich ein ähnliches Bild. In den USA wurden Daten aus 94 Regionen über einen Zeitraum von 21 Jahren analysiert. Ergebnis: In Gegenden, in denen das Pestizid Picloram intensiver eingesetzt wurde, traten mehr Fälle von Darmkrebs bei jüngeren Menschen auf.

Auch andere Pestizide im Blick

Neben Picloram fanden die Forscher auch bei anderen bekannten Mitteln Hinweise auf einen Zusammenhang – darunter Glyphosat. Ein direkter Beweis ist das nicht. Aber die Übereinstimmung der Ergebnisse macht den Zusammenhang für die Forscher besonders auffällig.

So lief die Untersuchung im Detail ab

Für die erste Analyse nutzte das Forschungsteam Daten aus einer großen internationalen Krebsdatenbank. Dort wurden Tumorproben von 31 Patienten unter 50 Jahren mit denen von 100 Patienten über 70 Jahren verglichen. Um die Ergebnisse abzusichern, folgte eine zweite Phase: eine Meta-Analyse mit neun weiteren Datensätzen. Dadurch standen insgesamt 83 jüngere und 272 ältere Patienten zum Vergleich zur Verfügung.

Abgleich mit realen Umweltdaten

Zusätzlich wurden reale Umweltdaten ausgewertet. Die Forscher analysierten, wie intensiv verschiedene Pestizide in unterschiedlichen Regionen eingesetzt wurden – und setzten diese Daten mit den Krebsraten bei jüngeren Menschen in Beziehung.

Der entscheidende Ansatz: Der Körper „merkt“ sich Belastungen

Die Besonderheit der Studie liegt im Ansatz. Statt sich auf Befragungen zu verlassen, analysierten die Forscher direkt das Tumorgewebe.

Epigenetik als Gedächtnis“

Dabei konzentrierten sie sich auf sogenannte epigenetische Veränderungen. Das sind chemische Markierungen auf der DNA. Sie verändern nicht die Gene selbst, sondern steuern, wie aktiv sie sind. Entscheidend ist: Solche Veränderungen entstehen durch äußere Einflüsse – etwa durch Ernährung, Rauchen oder Umweltgifte.

Man kann sich das wie eine Art Langzeitgedächtnis des Körpers vorstellen. Alles, was auf den Organismus einwirkt, hinterlässt Spuren. Und genau diese Spuren lassen sich später im Gewebe nachweisen. Auf dieser Grundlage berechneten die Forscher sogenannte Methylierungs-Risikowerte. Diese geben an, wie stark eine Person im Laufe ihres Lebens bestimmten Einflüssen ausgesetzt war.

Auch interessant: Dieses unterschätzte Organ könnte vor Krebs schützen

Bekannte Risikofaktoren tauchen wieder auf – aber ein Detail sticht heraus

Die Ergebnisse bestätigen zunächst, was bereits aus anderen Studien bekannt ist.2,3 Jüngere Darmkrebspatienten zeigen häufiger Hinweise auf Risikofaktoren, wie Rauchen oder eine ungünstige Ernährung. Auch ein niedrigerer Bildungsstatus wurde häufiger beobachtet.

Doch der Zusammenhang mit Picloram hebt sich deutlich ab. Er bleibt auch bestehen, wenn andere Einflussfaktoren berücksichtigt werden. Genau das macht den Befund für die Forschung so relevant.

Darmkrebs bei Jüngeren verläuft oft aggressiver

Die Studie zeigt außerdem, dass sich Darmkrebs bei jüngeren Patienten nicht nur früher entwickelt, sondern oft auch anders verläuft. Tumoren treten häufiger im Enddarm oder im linken Teil des Dickdarms auf. Zudem zeigen sie öfter aggressive Eigenschaften. Dazu gehört, dass sie sich schneller ausbreiten oder mehrere Tumoren gleichzeitig auftreten können.

Interessant ist jedoch: Auf genetischer Ebene unterscheiden sich die Tumoren kaum von denen älterer Patienten. Das deutet darauf hin, dass äußere Einflüsse eine wichtige Rolle bei der frühen Entstehung spielen könnten.

Auffällig: Tumoren entwickeln sich offenbar auf unterschiedlichen Wegen

Ein besonders interessantes Detail der Studie betrifft die Art, wie sich Tumoren entwickeln. Bei geringer Pestizidbelastung folgt Darmkrebs häufig dem klassischen Entstehungsweg. Bei hoher Belastung fanden die Forscher Hinweise auf alternative, teilweise aggressivere Entwicklungswege. Das deutet darauf hin, dass Umweltfaktoren möglicherweise nicht nur das Risiko erhöhen, sondern auch beeinflussen, wie sich der Krebs im Körper entwickelt.

Die Studie räumt mit mehreren Darmkrebs-Mythen auf

Darmkrebs ist längst kein reines Altersproblem mehr

Darmkrebs gilt seit Jahrzehnten als typische Erkrankung des höheren Lebensalters. Tatsächlich entstehen rund 90 Prozent der Fälle erst nach dem 50. Lebensjahr.4 Genau dieses Bild gerät jedoch zunehmend ins Wanken. Die aktuellen Daten zeigen klar, dass die Zahl der Erkrankungen bei unter 50-Jährigen weltweit deutlich ansteigt. Damit verliert die Vorstellung vom reinen „Alterskrebs“ zunehmend an Gültigkeit und zwingt die Forschung dazu, neue Ursachen in den Blick zu nehmen.

Früher Krebs ist nicht automatisch genetisch

Ein weiteres verbreitetes Klischee ist, dass Krebserkrankungen in jungen Jahren fast immer genetisch bedingt sind. Die Studie stellt auch diese Annahme infrage. Die genetischen Veränderungen in den Tumoren jüngerer Patienten ähneln stark denen älterer Patienten. Das deutet darauf hin, dass nicht primär eine besondere genetische Veranlagung verantwortlich ist. Stattdessen rücken Umweltfaktoren und Lebensstil stärker in den Fokus, da sie den Anstieg der Fälle besser erklären könnten als Gene allein.

Tumoren bei Jüngeren verhalten sich oft aggressiver

Hinzu kommt, dass Darmkrebs bei jüngeren Patienten oft anders verläuft. Tumoren treten vermehrt im Enddarm oder im linken Teil des Dickdarms auf und zeigen häufig aggressivere Eigenschaften. Sie wachsen schneller, breiten sich früher aus und werden nicht selten erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt.

Jüngere Generationen sind stärker belastet

Ein besonders spannender Punkt ist der Unterschied zwischen den Generationen. Während ältere Menschen in ihrer Kindheit und Jugend kaum mit modernen Umweltchemikalien in Kontakt kamen, sind jüngere Generationen diesen Stoffen oft über Jahrzehnte hinweg ausgesetzt. Diese langfristige Belastung könnte eine entscheidende Rolle spielen und erklären, warum gerade jüngere Menschen zunehmend betroffen sind.

Tumoralter ist nicht gleich Lebensalter

Ein weiterer zentraler Aspekt der Studie betrifft das sogenannte Tumoralter. Lange wurde angenommen, dass das Alter des Patienten auch das Alter des Tumors widerspiegelt. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass Tumoren bei jüngeren Patienten biologisch bereits weit fortgeschritten sein können. Das bedeutet: Ein 40-jähriger Patient kann einen Tumor haben, der sich auf zellulärer Ebene ähnlich entwickelt hat wie bei deutlich älteren Menschen.

Was bedeuten die Ergebnisse?

Die Studie liefert keinen direkten Beweis dafür, dass ein bestimmtes Pestizid Darmkrebs verursacht. Sie zeigt jedoch einen klaren und wiederholt bestätigten Zusammenhang zwischen bestimmten Umweltbelastungen und dem Auftreten von Darmkrebs in jungen Jahren.

Besonders wichtig ist dabei der Ansatz der Forscher. Statt sich auf Erinnerungen oder Befragungen zu verlassen, nutzen sie messbare biologische Spuren im Tumorgewebe. Dadurch lassen sich Einflüsse aus Umwelt und Lebensstil objektiver erfassen als in vielen früheren Studien.

Umweltfaktoren rücken stärker in den Fokus

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass solche Faktoren eine größere Rolle spielen könnten als bisher angenommen – insbesondere beim frühen Auftreten der Krankheit. Da sich die genetischen Veränderungen der Tumoren kaum zwischen jüngeren und älteren Patienten unterscheiden, spricht vieles dafür, dass äußere Einflüsse den Zeitpunkt der Erkrankung beeinflussen könnten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die mögliche Langzeitwirkung. Umweltbelastungen könnten sich über Jahre oder Jahrzehnte im Körper „aufsummieren“ und so zur Entstehung von Krebs beitragen. Gerade bei jüngeren Patienten könnte diese langfristige Exposition entscheidend sein.

Auch für die Forschung ergeben sich daraus neue Ansätze. Wenn sich bestätigt, dass Umweltfaktoren eine zentrale Rolle spielen, könnten Prävention und Früherkennung stärker darauf ausgerichtet werden – etwa durch gezieltere Risikoanalysen oder angepasste Vorsorgeempfehlungen.

Was die Studie zusätzlich nahelegt

Ein besonders spannender Punkt der Studie ist die Frage, wie „alt“ ein Tumor wirklich ist. Dafür nutzten die Forscher die sogenannte SBS1-Signatur – einen Marker, der zeigt, wie oft sich Zellen geteilt haben.

Das Ergebnis: Auch jüngere Patienten können Tumoren haben, die biologisch bereits „alt“ sind. Das deutet darauf hin, dass sich Krebszellen besonders schnell entwickeln könnten – möglicherweise beeinflusst durch Umweltfaktoren.

Offene Fragen zu Wirkung und Langzeitfolgen

Auch der Wirkmechanismus des Pestizids wirft Fragen auf. Picloram wirkt bei Pflanzen wie ein künstliches Wachstumshormon und stört die Zellkontrolle. Für den Menschen gelten akute Effekte als gering, doch zu möglichen Langzeitwirkungen gibt es bisher nur wenige Daten.

Ein weiterer Punkt ist die Langlebigkeit solcher Stoffe. Einige Pestizide bleiben über Jahrzehnte in Böden und Grundwasser nachweisbar. Auch Picloram gilt als relativ stabil in der Umwelt – mit potenziell langfristigen Auswirkungen.

Hinzu kommt, dass Pestizide oft nicht einzeln auftreten. In der Praxis werden mehrere Wirkstoffe kombiniert. Wie diese Mischungen im Körper zusammenwirken, ist bislang kaum erforscht.

Pestizid auch in Deutschland im Einsatz

Picloram ist auch in Deutschland kein unbekannter Wirkstoff.5 Der Stoff ist aktuell in mehreren Pflanzenschutzmitteln zugelassen und wird vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt – etwa im Rapsanbau und auf Weiden. Für private Gärten ist das Mittel dagegen tabu: Es darf nur von geschultem Fachpersonal mit entsprechender Zulassung verwendet werden. Interessant ist vor allem der zeitliche Aspekt. Picloram ist bereits seit den 1960er-Jahren auf dem Markt. Das stützt die Vermutung der Forscher: Während ältere Generationen in ihrer Kindheit kaum mit solchen modernen Herbiziden in Kontakt kamen, sind jüngere Menschen diesen Stoffen oft über Jahrzehnte hinweg ausgesetzt – teilweise von klein auf.

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Grenzen der Studie: Warum Vorsicht wichtig ist

Die Studie zeigt einen klaren Zusammenhang, kann aber keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung beweisen. Die Belastung mit Umweltfaktoren wurde nicht direkt gemessen, sondern über biologische Spuren im Gewebe abgeleitet.

Zudem war die Zahl der jungen Patienten vergleichsweise begrenzt. Auch andere Einflussfaktoren lassen sich nicht vollständig ausschließen, etwa Lebensstil oder weitere Umweltbelastungen. Ein weiterer Punkt: Die Daten zeigen vor allem regionale Zusammenhänge, nicht die tatsächliche individuelle Belastung einzelner Personen.

Daher sind weitere Studien notwendig, um die Ergebnisse zu bestätigen und besser einzuordnen.

Fazit

Die Studie liefert einen wichtigen Hinweis darauf, warum Darmkrebs immer häufiger bei jüngeren Menschen auftritt. Besonders der Zusammenhang mit bestimmten Pestiziden fällt auf. Gleichzeitig zeigt sich, dass Umweltfaktoren möglicherweise nicht nur das Risiko erhöhen, sondern auch beeinflussen, wie sich Krebs entwickelt. Ein klarer Beweis fehlt noch. Doch die Ergebnisse verändern den Blick auf die Krankheit – und könnten langfristig auch die Vorsorge und Prävention neu ausrichten.

Quellen

  1. Maas, S.C.E., Baraibar, I., Lemler, L. et al. (2026). Epigenetic fingerprints link early-onset colon and rectal cancer to pesticide exposure. Nat Med. ↩︎
  2. Zhong, Y., Zhu, Y., Li, Q. et al. (2020). Association between Mediterranean diet adherence and colorectal cancer: a dose-response meta-analysis. Am J Clin Nutr. ↩︎
  3. Doubeni, CA., Laiyemo, AO. et al. (2012). Socioeconomic status and the risk of colorectal cancer: an analysis of more than a half million adults in the National Institutes of Health-AARP Diet and Health Study. Cancer. ↩︎
  4. Lustgarten. New Report: ACS Cancer Facts & Figures 2024 report five-year relative survival rate for pancreatic cancer increased to 13%. (aufgerufen am 24.04.2026) ↩︎
  5. Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. PSM-Zulassungsbericht (Registration Report). (aufgerufen am 24.04.2026). ↩︎

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