7. Mai 2026, 10:17 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Beobachtungsstudien zeigen, dass Menschen, die mehr Joghurt essen, tendenziell ein geringeres Risiko für Bluthochdruck haben. Ein Blick auf die gesamte Studienlage liefert ein differenzierteres Bild: Joghurt ist wahrscheinlich kein eigenständiger Blutdrucksenker, sondern ein Marker für eine insgesamt gesündere Ernährung – mit höchstens kleinen direkten Effekten.
Joghurtessen und Blutdruck – was Beobachtungsstudien zeigen
Eine Analyse der Tufts University auf Basis der Framingham Heart Study untersuchte über 14 Jahre, wie Joghurtkonsum mit der Entwicklung von Bluthochdruck zusammenhängt. Dabei zeigte sich: Menschen, die regelmäßig Joghurt aßen – rund einen Becher Joghurt (ca. 170 Gramm) alle drei Tage – hatten ein um 31 Prozent geringeres Risiko, im Laufe der Zeit eine Hypertonie zu entwickeln. Die Arbeit wurde im „British Journal of Nutrition“ veröffentlicht.1
Eine weitere Studie unter Leitung von Alexandra Wade von der University of South Australia nahm gezielt Menschen mit bereits erhöhtem Blutdruck in den Blick. Ergebnis: Bei Hypertonikern war ein höherer Joghurtkonsum mit etwas niedrigeren systolischen Blutdruckwerten verbunden. Bei Personen mit normalem Blutdruck ließ sich dieser Zusammenhang dagegen nicht beobachten.2 Etwas unspezifisch: Die Teilnehmer wurden lediglich gefragt, wie oft sie „Joghurt und Milchdesserts“ konsumieren.
Warum kein Effekt bei Normaldruck-Personen? Die wissenschaftliche Erklärung dafür ist der sogenannte „Floor-Effekt“: Ein gesundes Gefäßsystem ist bereits optimal reguliert – der Blutdruck kann nicht unter ein gewisses gesundes Level „fallen“.
Während diese Studien immerhin einen Zusammenhang nahelegen, dass Joghurt langfristig die Entstehung von Bluthochdruck verhindern könnte und der Effekt besonders bei Menschen mit bereits bestehender Hypertonie zum Tragen kommt, bleibt eine entscheidende Frage offen: Kann Joghurt den Blutdruck auch aktiv und messbar senken, wenn man ihn gezielt als „Therapie“ einsetzt?
Meta-Studie: Kann Joghurt den Blutdruck auch messbar senken?
Diesen Realitätscheck liefert etwa eine Meta-Analyse, für die Forscher 14 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 702 Teilnehmern ausgewertet haben. Die Mengen Joghurt, die hier im Mittel zwei Monate lang gegessen wurden, betrugen täglich zwischen 100 und 450 Gramm, was etwa ein bis zwei Standardbechern entspricht. Ergebnis: Der Blutdruck sinkt mit dem Joghurtessen tatsächlich – und zwar bei Hypertonikern fast doppelt so stark wie bei Menschen mit Normalwerten.3
Teilnehmer dieser Studien konsumierten nicht nur Joghurt, sondern auch andere fermentierte Milchprodukte wie Sauermilch oder spezielle Probiotika-Getränke. Meist war es aber Joghurt, der gegessen wurde.
So sank der systolische Blutdruck bei kontrollierten Interventionsstudien im Durchschnitt um 3,10 mmHg und der diastolische um 1,09 mmHg. Bei Hypertonikern waren es rund 4 mmHg (systolisch). Das klingt wenig – aber die Forscher bringen eine dauerhafte Senkung des systolischen Blutdrucks um nur 2 mmHg wird mit einer 10 Prozent geringeren Schlaganfall-Mortalität zusammen.
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Joghurt-Esser leben insgesamt gesünder
Keine Frage, das ist beeindruckend. Tatsächlich muss man diese Ergebnisse aber differenziert betrachten. Joghurt ist sehr wahrscheinlich nicht die alleinige Ursache dieses beobachteten und gemessenen Effekts. Wahrscheinlicher ist, dass Menschen, die gerne Joghurt essen, insgesamt einen gesünderen Lebensstil pflegen. Die Forschenden sehen Joghurt nicht als isolierten Wirkfaktor, sondern als Teil eines insgesamt gesunden Ernährungsmusters.
In der Studie von Alexandra Wade aßen die Probanden mit hohem Joghurtkonsum bspw. insgesamt mehr gesunde Lebensmittel. Und der Einfluss der Ernährung auf den Blutdruck ist in der Forschung unbestritten. Ebenso die Tatsache, dass schon kleine Veränderungen des Lebensstils helfen können, ihn zu senken (kein Tabak, kein Alkohol, ausreichend Bewegung). A propos Bewegung: Die Joghurt-Liebhaber in Wades Studie waren tendenziell auch körperlich aktiver, rauchten weniger und verfügten über eine höhere Bildung als Joghurt-Verschmäher.2 Eine Übersicht mit Lebensmitteln, die man bei Bluthochdruck nicht essen sollte.
Obwohl die Wissenschaftler versuchen, diese Faktoren statistisch herauszurechnen, bleibt Joghurt oft ein Marker für ein gesundes Ernährungsmuster. Allerdings weisen z. B. die Autoren der Meta-Studie darauf hin, dass kleine Studien mit extrem positiven Ergebnissen eher veröffentlicht wurden, und auch das könnte das Ergebnis mit erklären.
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Aber kann Joghurt denn gar nichts? Doch.
Doch, Joghurt ist super. Es gibt mehrere Gründe, warum Joghurt in der Forschung eine Sonderrolle einnimmt.
Durch die Fermentation der Milch entstehen spezielle Peptide (Eiweißbausteine), die blutdrucksenkende Peptide freisetzen und so die Gefäße entspannen. Joghurt wird zudem als nährstoffreiches Lebensmittel beschrieben, das neben hochwertigem Protein auch wichtige Mineralstoffe wie Kalzium, Magnesium und Kalium liefert, die essenziell für die Blutdruckregulation sind.
Im Gegensatz zu normaler Milch kann Joghurt mit lebenden Bakterienkulturen probiotische Vorteile für die Verdauung bieten. Bestimmte Bakterienstämme können zudem die Zusammensetzung der Darmflora positiv beeinflussen.
Er wird daher als wichtiger Bestandteil bewährter Ernährungsmuster wie der DASH-Diät empfohlen, um die Herzgesundheit aktiv zu unterstützen.
Fazit – und zu diesem Joghurt raten Ernährungswissenschaftler
Mit einem täglichen Becher Joghurt kann man hohen Blutdruck leider nicht behandeln. Entscheidend für den Blutdruck ist nicht ein einzelnes Lebensmittel, sondern das Gesamtbild der Ernährung und des Lebensstils. Joghurt kann dabei ein sinnvoller Bestandteil sein – aber keine Abkürzung.
Wenn man Joghurt als gesunden Ersatz für weniger gesunde Snacks nutzt, sollte man unbedingt auf beigefügten Zucker verzichten. Die Wissenschaftler der Tufts University raten klar zu Naturjoghurt (ohne Zuckerzusatz) und fettarmen Varianten, um die gesundheitlichen Vorteile optimal zu nutzen, ohne unnötige Kalorien aufzunehmen.
Das kann man tun, um den Blutdruck zu senken
Was man außer gesunder Ernährung und der Einnahme von Medikamenten noch tun kann, um den Blutdruck zu senken: regelmäßig Sport bzw. Bewegung, das Gewicht im Normalbereich halten, Stress reduzieren. Und: Den Blutdruck regelmäßig messen oder messen lassen! Bluthochdruck hat, wer bei Oberarm-Messungen in einer Arztpraxis an verschiedenen Tagen Werte von 140 zu 90 mmHG oder höher angezeigt bekommt (einen Ratgeber zum Blutdruckmessen finden Sie hier).