18. Juni 2026, 20:48 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Ältere Menschen entwickeln seltener Demenz, wenn sie gegen Gürtelrose geimpft sind, das war bereits bekannt – allerdings konnten Forscher das bislang nur für den alten Impfstoff zeigen, einen Lebendimpfstoff namens Zostavax. Eine neue Analyse bestätigt nun: Der potenzielle Demenzschutz gilt auch für den heute nicht nur in Deutschland gängigen Totimpfstoff Shingrix. Allerdings setzt die Wirkung wohl erst rund ein Jahr nach der Impfung ein.
Demenzrisiko nach Impfung gegen Gürtelrose (Shingrix) 24 Prozent niedriger
Es ist eine der hoffnungsvollsten Nachrichten der aktuellen Präventionsmedizin: Eine neue, im Juni 2026 veröffentlichte Untersuchung im Fachmagazin „Annals of Internal Medicine“ bestätigt, dass die moderne Gürtelrose-Impfung mit dem Totimpfstoff (Shingrix) das Risiko für eine Demenzdiagnose massiv senken kann. Die Analyse von über 500.000 Senioren zeigt: Während von 100 nicht geimpften Personen innerhalb von vier Jahren rund 25 an Demenz erkrankten, waren es bei den Geimpften nur knapp 19. Die Geimpften hatten insgesamt ein um 24 Prozent niedrigeres Demenzrisiko als die Ungeimpften.1
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Wissenschaftliche Erkenntnisse von 2025 bestätigt
Kaleen N. Hayes, die an der Brown University School of Public Health in Providence, Rhode Island, die Anwendung und Wirkung von Medikamenten in großen Bevölkerungsgruppen erforscht, liefert mit ihrem Team damit das entscheidende Puzzlestück zu einem wissenschaftlichen Durchbruch aus dem Jahr 2025. Damals zeigte ein Team der Stanford University erstmals, dass bereits der alte Lebendimpfstoff (Zostavax) gegen Gürtelrose das Risiko für die Demenzerkrankung um ein Fünftel (20 Prozent) senkte. Die Studie wurde damals in „Nature“ veröffentlicht.2
Mit den neuen Daten scheint jetzt klar: Auch der heute weltweit gängige Standard-Impfstoff Shingrix, ein Totimpfstoff, bietet diesen Gehirnschutz und macht die Gürtelrose-Vorsorge zu einer der wirksamsten verfügbaren Maßnahmen gegen das Vergessen.
Bei einer Demenz verschlechtern sich fortlaufend die geistigen Fähigkeiten, bis zum völligen Verlust. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es weltweit jedes Jahr fast zehn Millionen Neuerkrankungen.3
Studienteilnehmer waren 66 Jahre aufwärts
Die Studie konzentrierte sich auf eine besonders gefährdete Gruppe: 509.926 ältere Erwachsene ab 66 Jahren, die kürzlich in eine Pflegeeinrichtung aufgenommen worden waren. Die Teilnehmer wurden zwischen 2017 und 2022 beobachtet, mit einem Follow-up von bis zu vier Jahren. Da eine echte randomisierte Studie fehlte, nutzten die Forscher eine sogenannte „Target Trial Emulation“: Dabei werden Beobachtungsdaten so präzise gefiltert und gewichtet, dass sie die Bedingungen einer klinischen Studie so gut wie möglich simulieren.
Die zentralen Ergebnisse
Das Risiko, innerhalb von vier Jahren an Demenz zu erkranken, lag bei den Ungeimpften bei 24,6 Prozent und bei den mit Shingrix Geimpften bei 18,8 Prozent. Die absolute Senkung des Demenzrisikos beträgt somit 5,8 Prozentpunkte. Das klingt wenig – tatsächlich hat die Impfung aber nicht nur das Risiko um ein paar Pünktchen gesenkt, sondern das Gesamtrisiko im Vergleich zur ungeimpften Gruppe um fast ein Viertel (24 Prozent) reduziert. Bedeutet: Das Risiko der gegen Gürtelrose Geimpften beträgt nur noch 76 Prozent des Risikos der Ungeimpften – es ist damit um 24 Prozent niedriger.
Ähnlich wie in der 2025er-Studie war der Effekt bei Männern „abgeschwächt“. Auch Personen, die zuvor bereits den alten Lebendimpfstoff erhalten hatten, profitierten weniger stark von der neuen Shingrix-Impfung.
Die Wissenschaftler erklärten dazu, dass Frauen im Durchschnitt eine intensivere Immunreaktion auf Impfstoffe zeigen als Männer. Besonders bei Lebendimpfstoffen wurde dieser Effekt bereits in anderen Studien beobachtet. Der zweite Grund: Frauen erkranken häufiger an Gürtelrose als Männer. Wenn das die Gürtelrose auslösende Varizella-zoster-Virus tatsächlich ein Treiber für Demenz ist, könnte die Prävention bei der Gruppe mit dem höheren Infektionsrisiko einen größeren Effekt erzielen.
Die Daten belegen, dass die positive Wirkung erst etwa ein Jahr nach der Impfung deutlich sichtbar wird. Dies gilt als klarer Hinweis darauf, dass hier langfristige immunologische Prozesse im Gehirn angestoßen werden.
87 Prozent der Geimpften erhielten ihre Dosis erst nach der Entlassung. Das zeigt, dass die Impfung auch dann noch wirkt, wenn sie im Anschluss an einen gesundheitlichen Einbruch (wie einen Aufenthalt in der Kurzzeitpflege) erfolgt.
Wodurch Gürtelrose verursacht wird: Gürtelrose (Herpes zoster) wird durch eine Reaktivierung des sogenannten Varizella-Zoster-Virus (VZV) verursacht. Es ist derselbe Erreger, der Windpocken auslöst. Einmal infiziert, verbleiben die Viren schlummernd im Körper. Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass ebensolche neurotrope Viren bevorzugt Nervenzellen angreifen.
Wie kamen die Forscher überhaupt auf den Zusammenhang?
Der Weg der Forscher zum Zusammenhang zwischen der Impfung gegen Gürtelrose und geringerem Demenzrisiko gleicht einer wissenschaftlichen Detektivarbeit, die zwei verschiedene Spuren vereint. Die biologische Viren-Hypothese und die Beobachtung unerwarteter Zusatzeffekte von Impfungen.4,5,6,7
Frühere Studien, die Zusammenhänge zwischen Impfungen und seltenerer Demenzdiagnose zeigten, hatten jedoch methodische Schwächen.8,9 Doch all diese Studien litten unter einem Grundproblem. Nämlich der Tatsache, „dass sich geimpfte Menschen anders verhalten als ungeimpfte [bspw. hinsichtlich Ernährung und Bewegung, d. Red.]“, sagte 2025 Pascal Geldsetzer. Der renommierte Forscher und Mediziner forscht in Stanford an Gesundheitsinterventionen für ältere Menschen.10
Geldsetzer gelang dann später mithilfe eines sogenannten „natürlichen Experiments“ der Nachweis eines kausalen Zusammenhangs. Er nutzte dafür die Einführung des Gürtelrose-Impfstoffs in Wales im Jahr 2013, bei der die Impfberechtigung streng an den Geburtsstichtag 2. September 1933 geknüpft war. Da sich Personen, die nur wenige Tage vor oder nach diesem Datum geboren wurden, biologisch und sozial praktisch nicht unterscheiden, konnte er Verzerrungen durch das Gesundheitsverhalten (den sogenannten „Healthy-User-Bias“) ausschalten. Am Ende hatte er eine randomisierte Studie mit einer Kontrollgruppe. Das ist nicht wissenschaftlicher Goldstandard, nähert sich aber der Aussagekraft klinischer Studien an. Die Ergebnisse waren somit aussagekräftig.
Das fanden die Forscher 2025 heraus
Geldsetzers Analyse ergab damals, dass die Impfung mit dem damaligen Lebendimpfstoff Zostavax das Risiko einer Demenzdiagnose über sieben Jahre hinweg um 3,5 Prozentpunkte senkte. Das entspricht einer relativen Risikoreduktion von 20 Prozent (der Zusammenhang wird oben erklärt). Besonders bemerkenswert war dabei, dass dieser Schutzeffekt vor allem bei Frauen deutlich ausgeprägt war, während er bei Männern schwächer ausfiel.
„Dieses enorme Schutzsignal war vorhanden, egal, wie man die Daten betrachtete“
In England hat man den Effekt durch eine Analyse von Todesursachen-Daten bestätigt. Dort verringerte sich die Zahl der demenzbedingten Todesfälle signifikant unter den Impfberechtigten. „Das war ein wirklich bemerkenswerter Befund“, sagte Geldsetzer. „Dieses enorme Schutzsignal war vorhanden, egal, wie man die Daten betrachtete.“
Der Wissenschaftler konnte die Ergebnisse aus Wales anhand von Gesundheitsdaten aus weiteren Ländern reproduzieren, in denen der Impfstoff ähnlich eingeführt wurde. Darunter waren Australien, Neuseeland und Kanada. Geldsetzer: „Wir sehen in jedem Datensatz dieses starke Schutzsignal gegen Demenz.“
Bedeutung beider Studien
Die Ergebnisse aus beiden Studien (2025 und 2026) lassen sich als potenzieller Durchbruch beschreiben. Die Studien liefern die bislang überzeugendsten Hinweise darauf, dass die Gürtelrose-Impfung nicht nur vor dem Virus selbst schützt, sondern auch das Risiko für Demenz erheblich senken kann. Da es bisher kaum wirksame Mittel zur Vorbeugung von Demenz gibt, bietet die Impfung eine enorme Chance. Sie ist vergleichsweise kostengünstig, gut verträglich und bereits breit verfügbar. Die Forscher betonen, dass die Impfung damit weitaus effektiver und kosteneffizienter sein könnte als bestehende pharmazeutische Interventionen.
Die Ergebnisse untermauern die Theorie, dass neurotrope Viren wie das Varizella-zoster-Virus (VZV) aktiv an der Entstehung von Demenz beteiligt sind. Dies könnte die Demenzforschung, die sich lange Zeit fast ausschließlich auf Eiweißablagerungen (Plaques) konzentriert hat, nachhaltig verändern.
Dennoch bleiben Einschränkungen
Trotz der aufwendigen Methode, die eine klinische Studie simulieren soll, weisen die Autoren darauf hin, dass sogenannte negative Kontrollanalysen auf eine gewisse verbleibende Verzerrung hindeuten. Das bedeutet, dass nicht alle Unterschiede zwischen geimpften und ungeimpften Personen vollständig statistisch ausgeglichen werden konnten. Während die Nature-Studie von 2025 die Probanden über sieben Jahre begleitete, beschränkt sich die neue Studie auf einen Zeitraum von maximal vier Jahren. Langzeiteffekte über dieses Zeitfenster hinaus bleiben somit vorerst ungeklärt. Außerdem ist biologisch noch nicht abschließend geklärt, warum Männer weniger profitieren.
Auch wenn die Daten für Shingrix extrem vielversprechend sind, betonen Forscher wie Pascal Geldsetzer weiterhin, dass nur eine echte randomisierte, kontrollierte Studie (RCT) den endgültigen kausalen Beweis liefern kann.
Die Studie wurde primär von GlaxoSmithKline (GSK) finanziert. Da GSK der Hersteller des untersuchten Impfstoffs Shingrix ist, besteht hier ein potenzieller Interessenkonflikt, der in der Wissenschaft stets kritisch betrachtet wird.
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Krankenkasse übernimmt Impfung
In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Impfung gegen Gürtelrose (Herpes zoster) mit dem Totimpfstoff (Shingrix) für alle Personen ab 60 Jahren als Standardimpfung.11 Für den vollständigen Schutz sind zwei Impfdosen im Abstand von zwei bis maximal sechs Monaten notwendig. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen Kosten für beide Impfdosen.
Fazit
Diese Studie liefert überzeugende Hinweise darauf, dass die Herpes-zoster-Impfung nicht nur Gürtelrose verhindern, sondern auch das Risiko für Demenz deutlich senken kann. Insbesondere bei Frauen. Sollten diese Ergebnisse in weiteren Studien bestätigt werden, hätte dies erheblichen Einfluss auf die Impfpolitik und Demenzprävention. Die Impfung könnte damit einen bisher unterschätzten gesundheitlichen Zusatznutzen bieten – ohne Zusatzkosten, aber mit großem Potenzial.