20. Oktober 2025, 13:29 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Ein fester Händedruck als Gesundheitsindikator? Eine Langzeitstudie liefert spannende Daten zur Rolle der Muskelkraft bei Übergewicht. Sie zeigen: Das Risiko, dass sich Übergewicht zu ernsthaften Erkrankungen entwickelt, ist bei Menschen mit höherer Griffkraft statistisch deutlich geringer. Lässt sich daraus wirklich etwas über das persönliche Krankheitsrisiko ableiten?
Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!
Was wurde untersucht?
In der Medizin dient der Body-Mass-Index (BMI) als gängiges Maß zur Beurteilung von Übergewicht. Er stellt das Körpergewicht in Relation zur Körpergröße, unterscheidet aber nicht zwischen Fett- und Muskelmasse. Dadurch kann der BMI ein verzerrtes Bild liefern – zum Beispiel bei sportlichen Personen oder älteren Menschen mit hohem Körperfettanteil.
Um diese Lücke zu schließen, verwenden Forscher zunehmend den Begriff „präklinische Adipositas“. Er beschreibt einen Zustand mit erhöhtem Körperfett oder ungünstigen Körpermaßen – etwa Taillenumfang oder Taille-Hüfte-Verhältnis – ohne bereits eingetretene Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Probleme.
Die Studie untersuchte, ob sich die Griffkraft – als Maß für die Muskelkraft – mit späteren Krankheitsverläufen in Verbindung bringen lässt.
So wurde die Studie durchgeführt
Die Forscher nutzten Daten der britischen UK Biobank, einer großen Gesundheitsdatenbank. Sie werteten die Angaben von 93.275 Menschen aus, bei denen zu Beginn der Untersuchung präklinische Adipositas vorlag.1
Zu Beginn maßen sie bei allen Teilnehmern die Griffkraft beider Hände mit einem genormten Messgerät. Aus dem Durchschnittswert beider Hände bildeten sie drei Gruppen: niedrige, mittlere und hohe Griffkraft – getrennt nach Geschlecht.
Anschließend beobachteten sie die Teilnehmer über einen Zeitraum von durchschnittlich 13,4 Jahren. Dabei interessierten sie sich vor allem für drei mögliche Entwicklungen:
- vom gesunden Zustand zur ersten Funktionsstörung,
- von einer zu mehreren Funktionsstörungen,
- und von mehreren Funktionsstörungen bis zum Tod.
Um diese Entwicklung statistisch auszuwerten, setzten die Forscher ein sogenanntes Multistate-Modell ein. Dieses Modell erlaubt es, stufenweise Übergänge im Krankheitsverlauf darzustellen.
In einer Teilgruppe bestimmten die Forscher außerdem die Muskelmasse mithilfe bildgebender Verfahren:
- Die MRT (Magnetresonanztomographie) ermöglicht die genaue Darstellung des Muskelvolumens im Körper.
- Die DXA (Dual-Röntgen-Absorptiometrie) wird zur Bestimmung von Fett- und Muskelanteilen eingesetzt und stammt ursprünglich aus der Knochendichtemessung.
Darüber hinaus bezogen die Forscher Informationen über Lebensstil, körperliche Aktivität, Blutwerte, Medikamenteneinnahme und Ernährung in ihre Analysen ein.
Auch interessant: Der Einfluss von HIIT auf Ausdauer und Körperfett von Frauen
BMI wertlos? Was wirklich über Ihr Sterberisiko entscheidet
Bestimmtes Speiseöl kann laut Studie vor Bauchfett schützen
Griffkraft stand in Zusammenhang mit dem Fortschreiten von Erkrankungen
Im Verlauf der Studie zeigte sich: Personen mit höherer Griffkraft hatten seltener gesundheitliche Verschlechterungen oder Todesfälle als Personen mit schwächerer Griffkraft. Diese Beobachtung galt für alle drei untersuchten Phasen. Konkrete Ergebnisse:
- Eine Zunahme der Griffkraft um 11,6 Kilogramm war mit einem um 14 Prozent geringeren Risiko verbunden, von einem gesunden Zustand zur ersten Funktionsstörung überzugehen.
- Menschen in der höchsten Griffkraftgruppe hatten ein um 20 Prozent geringeres Risiko, erste Einschränkungen zu entwickeln, als Personen in der niedrigsten Gruppe.
- Beim Übergang von mehrfachen Störungen zum Tod lag das Risiko bei den Stärkeren um 23 Prozent niedriger.
Auch bei der Teilgruppe mit MRT- und DXA-Messungen zeigte sich: Höhere Muskelmasse im Verhältnis zum Körpergewicht ging ebenfalls mit einem geringeren Krankheitsrisiko einher.
Diese Zusammenhänge traten unabhängig von Alter, Geschlecht, Schlafdauer, Bewegung, Ernährung oder anderen bekannten Risikofaktoren auf.
Wie lassen sich die Ergebnisse einordnen?
Die Forscher stellten einen Zusammenhang zwischen Griffkraft und dem weiteren Gesundheitsverlauf bei Menschen mit präklinischer Adipositas fest. Sie werteten Beobachtungsdaten aus – das bedeutet: Die Studie beschreibt, was bei vielen Menschen passiert ist, ohne die Ursache zu erklären.
Daher ist unklar, ob eine höhere Griffkraft tatsächlich das Risiko senkt oder ob andere Faktoren – zum Beispiel allgemein bessere Fitness oder ein gesünderer Lebensstil – dabei eine Rolle spielen.
Griffkraft lässt sich einfach messen und könnte Hinweise auf den körperlichen Zustand geben. Ob sie als fester Bestandteil in der medizinischen Vorsorge eingesetzt werden sollte, ist bislang offen.
Welche Einschränkungen bestehen?
- Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie – hier wurde keine Ursache-Wirkung bewiesen.
- Die Forscher haben die Griffkraft nur zu Beginn gemessen. Wie sie sich über die Jahre verändert hat, ist nicht bekannt.
- Die beobachteten Erkrankungen können viele Ursachen haben, nicht nur Körperfett oder Muskelschwäche.
- Die Definition von präklinischer Adipositas stützt sich auf Körpermaße wie Taillenumfang, nicht auf direkte Messungen des Fettgewebes.
- Personen mit normalem BMI, aber hoher Fettverteilung im Bauchraum, wurden nicht einbezogen.
- Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lassen sich keine Aussagen über Ursache und Wirkung treffen.
Fazit
Die Studie beschreibt einen statistischen Zusammenhang zwischen höherer Griffkraft und einem geringeren Risiko für spätere Erkrankungen und Todesfälle bei Menschen mit präklinischer Adipositas. Griffkraft kann in diesem Zusammenhang als ein möglicher Hinweis auf den allgemeinen Gesundheitszustand betrachtet werden. Ob sie als Bestandteil der Gesundheitsvorsorge eingesetzt werden sollte, lässt sich aus den Daten nicht ableiten.