30. Juli 2025, 20:11 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Wie gefährlich ist Übergewicht wirklich – und messen wir es überhaupt richtig? Eine neue Langzeitstudie zeigt: Der weit verbreitete Body-Mass-Index (BMI) weist keinen signifikanten Zusammenhang mit der Gesamtsterblichkeit junger Erwachsener auf. Stattdessen gibt der Körperfettanteil deutlich präzisere Hinweise auf das Risiko eines frühzeitigen Todes – insbesondere durch Herzkrankheiten. Diese Erkenntnis könnte die medizinische Praxis grundlegend verändern.
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Was und warum wurde untersucht?
Seit Jahrzehnten gilt der Body-Mass-Index als Standard zur Einschätzung von Übergewicht und damit verbundenen Gesundheitsgefahren. Doch der BMI ist ein sehr einfaches Maß: Er berechnet sich lediglich aus Körpergewicht und Körpergröße – und unterscheidet dabei nicht zwischen Fett und Muskelmasse. Dadurch kann er sportliche Menschen fälschlich als übergewichtig einstufen. Gleichzeitig übersieht er Menschen, die äußerlich schlank wirken, aber dennoch einen hohen Anteil an Körperfett haben. Besonders diese sogenannte „Normalgewicht-Adipositas“ – also ein gesunder BMI bei gleichzeitig hohem Körperfettanteil – ist mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einem vorzeitigen Tod verbunden.
Die aktuelle Studie wollte deshalb klären, welches Maß den Gesundheitszustand besser widerspiegelt: der klassische BMI, der Körperfettanteil oder der Taillenumfang. Besonders im Fokus stand die Frage, ob der Körperfettanteil, der sich heute schnell und einfach per Bioimpedanzanalyse (BIA) messen lässt, die aussagekräftigere Kennzahl für das Sterberisiko ist. Das Ziel: Die gängige Praxis in Arztpraxen auf den Prüfstand stellen – und möglicherweise neu ausrichten.1
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Die Forscher analysierten Gesundheitsdaten von 4252 Männern und Frauen im Alter zwischen 20 und 49 Jahren, die zwischen 1999 und 2004 im Rahmen der US-Studie NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey) erhoben worden waren. Diese Daten wurden mit Sterberegistern verknüpft – und zwar bis Ende 2019. So konnten alle Todesfälle über einen Zeitraum von genau 15 Jahren ausgewertet werden.
Ziel war es, herauszufinden, wie gut drei unterschiedliche Messwerte das Risiko eines vorzeitigen Todes vorhersagen:
- der Body-Mass-Index (BMI)
- der Körperfettanteil (BF%)
- der Taillenumfang (WC, „Waist Circumference“) – ein Maß für Bauchfett
Um den Körperfettanteil zu bestimmen, nutzte man die Bioimpedanzanalyse (BIA). Dabei wird ein schwacher Strom durch den Körper geleitet. Da Fettgewebe Strom anders leitet als Muskel- oder Wassergewebe, lässt sich daraus der Fettanteil des Körpers berechnen.
Messung des Körperfettanteils
Als „ungesund hoch“ galt der Körperfettanteil in der Studie ab folgenden Werten:
- bei Männern ab 27 Prozent
- bei Frauen ab 44 Prozent
Bestimmung des Taillenumfangs
Auch der Taillenumfang wurde bewertet. Dabei galten folgende Grenzwerte als kritisch:
- mehr als 101,6 cm bei Männern (das entspricht 40 Zoll)
- mehr als 88,9 cm bei Frauen (entspricht 35 Zoll)
Zusätzlich wurden bei der Analyse Faktoren wie Alter, ethnische Herkunft und Einkommen berücksichtigt – insbesondere, ob eine Person unterhalb oder oberhalb der offiziellen Armutsgrenze lebte.
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Was kam dabei heraus?
Körperfettanteil als stärkster Indikator identifiziert
Das Ergebnis war eindeutig: Der Körperfettanteil war der zuverlässigste Hinweis auf ein erhöhtes Sterberisiko innerhalb von 15 Jahren. Menschen mit hohem Körperfettanteil hatten ein deutlich höheres Risiko, an einer Herzkrankheit oder generell früh zu sterben.
Klare Zahlen sprechen für sich
Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von 15 Jahren zu sterben, war bei Personen mit hohem Körperfettanteil fast doppelt so hoch wie bei jenen mit niedrigem Anteil – auch nach Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren. Das Risiko, an einer Herzkrankheit zu sterben, war sogar mehr als dreimal so hoch.
Auch der Taillenumfang ist aussagekräftig
Ein zu großer Taillenumfang zeigte ebenfalls einen deutlichen Zusammenhang mit einer erhöhten Sterblichkeit – sowohl allgemein als auch im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Der BMI fällt durch
Der BMI zeigte in keiner der beiden Analysen (unbereinigt und bereinigt) einen signifikanten Zusammenhang mit der Gesamtsterblichkeit. Nur bei der Herzmortalität gab es im unbereinigten Modell einen statistischen Zusammenhang – der jedoch nach Korrektur anderer Faktoren verschwand.
Unterschiedliche Einstufung je nach Messmethode
Nur etwa 60 Prozent der Personen wurden von BMI und Körperfettanteil gleich eingestuft – das heißt: In rund vier von zehn Fällen hängt die Risikobewertung davon ab, welches Maß man verwendet.
Warum ist das wichtig?
Die Studie zeigt deutlich, dass der BMI als alleinige Kennzahl zur Bewertung von Gesundheitsrisiken nicht ausreicht – zumindest nicht bei jüngeren Erwachsenen. Besonders problematisch ist, dass Menschen mit scheinbar „normalem“ BMI, aber hohem Körperfettanteil, unerkannt ein erhöhtes Sterberisiko tragen.
Auch der Taillenumfang – als Hinweis auf schädliches inneres Bauchfett – war ein besserer Risikomarker als der BMI. Allerdings ist er in der Praxis schwieriger zu messen, da er nicht so standardisiert erfasst wird wie Körpergröße oder Gewicht. Der Körperfettanteil hingegen lässt sich heute mit modernen Bioimpedanzgeräten schnell, einfach und zuverlässig bestimmen – oft innerhalb von einer Minute. Diese Technik ist damit praxistauglich – und gleichzeitig deutlich genauer.
Für Ärzte, aber auch für Präventionsprogramme und Gesundheitskampagnen bedeutet das: Wer Risiken frühzeitig erkennen will, sollte den Körperfettanteil stärker in den Mittelpunkt rücken – und nicht nur auf Gewicht und Größe achten.
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Wie verlässlich sind die Ergebnisse?
Die Studie ist wissenschaftlich sehr solide:
- Sie basiert auf einer großen, repräsentativen Bevölkerungsgruppe,
- beobachtete die Teilnehmer über 15 Jahre hinweg,
- und nutzte etablierte statistische Verfahren.
Besonders bemerkenswert: Selbst mit der älteren Messtechnik von vor rund 25 Jahren war der Körperfettanteil bereits ein besserer Prädiktor für Sterblichkeit als der BMI. Heutige Geräte arbeiten noch präziser.
Es gibt aber auch Einschränkungen:
- Die Grenzwerte für „ungesunden“ Körperfettanteil beruhen auf einer aktuellen Metaanalyse, sind aber bisher nicht international einheitlich festgelegt.
- Die Studie bezieht sich ausschließlich auf Menschen zwischen 20 und 49 Jahren – Aussagen über ältere Erwachsene sowie über Jugendliche und Kinder sind daher nicht möglich.
- Faktoren wie Rauchen wurden bewusst nicht einbezogen, da die Forscher die reale Praxis abbilden wollten, in der auch der BMI ohne weitere Kontextfaktoren verwendet wird.
Wichtig: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie – sie zeigt also Zusammenhänge, aber keine direkte Ursache-Wirkung. Dennoch ist die Aussagekraft hoch, da die Daten robust sind und es um einen der klarsten Endpunkte geht: die Sterblichkeit.
Die Ergebnisse stehen auch im Kontext einer internationalen Neuausrichtung
Die Lancet-Kommission zur Adipositas-Diagnostik betont ebenfalls, dass der BMI als alleiniger Messwert nicht mehr ausreicht, wie FITBOOK bereits berichtete. Sie fordert, zusätzliche Parameter wie Körperfettanteil und Taillenumfang einzubeziehen – genau das stützt die hier gezeigte klare Relevanz des Körperfettanteils für das Sterberisiko. Damit liefert die Studie eine wichtige Bestätigung für die geforderte differenzierte Betrachtung von Körperfett in der klinischen Praxis.
Fazit
Der Körperfettanteil ist ein deutlich besserer Indikator für das langfristige Sterberisiko junger Erwachsener als der Body-Mass-Index. Weil moderne Messgeräte heute schnell und einfach anwendbar sind, könnte dieser Wert künftig eine zentrale Rolle in der medizinischen Vorsorge spielen. Wer Gesundheitsrisiken früh erkennen und gezielt vorbeugen will, sollte nicht nur auf die Waage schauen – sondern auf das, was im Körper wirklich zählt: den Fettanteil.