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Asiatisches Heilmittel

Wirkung von Ginseng – wie gesund ist die Wurzel?

Ginseng ist keine erfundene Heilpflanze, sondern ein tatsächliches Heilmittel für die Gesundheit.
Im 19. Jahrhundert war Ginseng sogar wertvoller als Gold Foto: Getty Images
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Martin Lewicki
Freier Autor

20. Oktober 2025, 16:03 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten

Die asiatische Wurzel Ginseng scheint ein Allheilmittel zu sein: Sie soll das Immunsystem stärken, bei geistiger und körperlicher Beanspruchung unterstützen und sogar potenzsteigernd wirken. Doch was davon stimmt wirklich? FITBOOK hat mit einem Experten gesprochen und klärt die Mythen auf.

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Das Besondere an Ginseng

Zeitweise soll Ginseng sogar wertvoller als Gold gewesen sein. Der Grund dafür liegt in der jahrelangen Reifezeit. So benötigt eine hochwertige Pflanze mindestens sechs Jahre, um ihre Wirkstoffe optimal auszubilden. Generell gilt: Je älter die Ginseng-Wurzel, desto stärker soll die Wirkung sein und umso höher ist auch der Preis.

Man unterscheidet zwischen dem koreanischen Ginseng (Panax Ginseng C. A. Meyer), dem sibirischen Ginseng, dem chinesischen Ginseng und dem amerikanischen Ginseng. Die beste Wirkung wird dem koreanischen Panax Ginseng nachgesagt. Leitet man das Wort „Panax“ aus dem Griechischen ab, so bedeutet es „allheilend“.

Herkunft der Wurzel

Alle Sorten sind relativ lichtempfindlich, weshalb sie meist in schattigen und feuchten Wäldern sowie Gebirgsregionen wachsen. Durch die starke Popularität der Wunderwurzel wird sie mittlerweile auch auf Plantagen angebaut, die vorrangig im asiatischen Raum zu finden sind und aufwendig beschattet werden müssen. Obwohl noch selten, wird auch in Deutschland Ginseng kultiviert.

Die Wurzel wächst nicht nur sehr langsam, sie entzieht dem Boden auch viele wertvolle Nährstoffe. So muss sich der Boden nach der Ernte etwa zehn Jahre lang erholen, bevor an derselben Stelle erneut Ginseng angebaut werden kann. Das erklärt den immer noch recht hohen Preis für hochwertigen Ginseng.

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Auf die Ginsenoside kommt es an

Die Wurzel enthält sogenannte Ginsenoside. Das sind jene speziellen Inhaltsstoffe, die eine positive Wirkung auf Menschen haben sollen. Viele von ihnen wurden bereits extrahiert und wissenschaftlich erforscht. Das Besondere dabei ist, dass sie teilweise eine gegensätzliche Wirkung aufweisen. So erhöht beispielsweise ein Ginsenosid den Blutdruck und wirkt leistungsfördernd, während ein anderes den Blutdruck senkt und entspannend wirkt. Das erklärt auch das breite Anwendungsspektrum von Ginseng: Es wird nicht nur bei Abgeschlagenheit und Müdigkeit empfohlen, sondern auch bei Angespanntheit und innerer Unruhe.

Je älter die Wurzeln sind, desto höher ihr Gehalt an Ginsenosiden. Mindestens 1,5 Prozent Ginsenoside sollte das Präparat enthalten, um seine Wirkung entfalten zu können. Prinzipiell gilt: Je höher der Anteil, desto besser der Wirkungsgrad.

Welche Wirkungen hat die Wurzel?

Ginseng braucht eine gewisse Zeit, um seine Wirkung zu entfalten. Deswegen sollte man es über mehrere Wochen bis hin zu drei Monaten einnehmen. Im Allgemeinen soll Ginseng harmonisierend wirken, indem er den Organismus ins Gleichgewicht bringt. Somit ist eine Wirkung meistens nur dann zu spüren, wenn ein Defizit vorhanden ist, also bei einem Leistungsabfall, bei Müdigkeit sowie bei Potenzproblemen. Bei gesunden Menschen ist hingegen ein positiver Effekt weniger gut wahrnehmbar.

Was die Wissenschaft zu Ginseng sagt

Mittlerweile gibt es unzählige Studien zu Ginseng und seiner Wirkung. Es gilt als eines der am meisten untersuchten Arzneimittel. Diese kleine Auswahl soll nur einige der positiven Eigenschaften auf den Körper verdeutlichen:

Ginseng und erektile Dysfunktion

Eine Studie untersuchte Patienten mit einer erektilen Dysfunktion. Einem Teil der Probanden verabreichte man drei Mal täglich über mehrere Wochen 900 Milligramm Ginseng, der andere Teil erhielt ein Placebo. Laut den Forschern berichteten 60 Prozent der Ginsengkonsumenten, und damit doppelt so viele wie in der Placebogruppe, von einer positiven Wirkung auf die Libido.1

Eine südkoreanische Studie mit 119 Männern mit leichter bis mittelschwerer erektiler Dysfunktion kam zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Über acht Wochen hinweg nahmen die Teilnehmer täglich Kapseln mit einem standardisierten Ginsengbeerenextrakt ein oder ein Placebo.

Das Resultat – Die Männer aus der Ginsenggruppe berichteten von einer deutlich verbesserten sexuellen Funktion, darunter stärkere Erektionen und mehr Kontrolle über die Ejakulation. Auch das sexuelle Verlangen stieg spürbar an, ohne dass nennenswerte Nebenwirkungen auftraten. Die Forscher sehen darin einen möglichen Hinweis darauf, dass Ginsengbeeren tatsächlich eine natürliche Unterstützung bei Potenzproblemen bieten könnten auch wenn größere, länger angelegte Studien diesen Effekt erst noch bestätigen müssen.2

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Ginseng und HIV

In einer weiteren Untersuchung aus dem Jahr 2001 wurde nachgewiesen, dass die Beigabe von Ginseng zusätzlich zu einem HIV-Medikament bei einigen HIV-Infizierten dabei half, das Immunsystem zu stärken und vor Resistenzen gegen das verabreichte Medikament zu schützen. Allerdings handelte es sich hier um eine relativ kleine Gruppe von insgesamt 18 Probanden, die in die Studie eingeschlossen wurden.3

Ginseng und Krebs

Im Jahr 2012 stellte die Mayo-Klinik aus den USA eine Studie mit 340 Krebspatienten vor, die an dem sogenannten Cancer-related-Fatigue-Syndrom litten. Laut den Forschern betrifft das etwa 90 Prozent der Krebspatienten, die sich einer Therapie unterziehen oder danach an dieser Art der starken Müdigkeit und Antriebslosigkeit.4

Ein Teil der 340 Probanden erhielt mehrere Wochen lang ein Präparat mit 2.000 Milligramm der Wurzel, während ein anderer Teil ein Placebo einnahm. „Nach acht Wochen haben wir eine 20-Punkte-Verbesserung der Müdigkeit bei Krebspatienten festgestellt, die auf einer standardisierten 100-Punkte-Ermüdungsskala gemessen wurde“, sagte eine der verantwortlichen Forscherinnen Dr. Debra L. Barton. Nebenwirkungen seien keine festgestellt worden. „Wenn wir den Körper während einer Therapie mithilfe von Ginseng besser unterstützen, können wir womöglich die schwere Langzeitermüdung verhindern“, konstatierte Dr. Barton. 

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Das sagt ein Ginseng-Experte im FITBOOK-Interview

Das Problem mit Ginseng-Studien ist, dass oft unterschiedliche Wurzel-Arten verwendet werden und somit auch der Ginsenosid-Anteil stark schwankt. Dennoch kann Ginseng als eine Art natürlicher Energiebooster angesehen werden. Einer, der es wissen muss, ist Dr. med. Thomas Rampp. Er ist Leiter Institut für Naturheilkunde, Traditionelle Chinesische und Indische Medizin an den Kliniken Essen-Mitte und beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema Ginseng. FITBOOK befragte ihn zu der Wunderwurzel.

Wie sind Sie zum ersten Mal mit Ginseng in Berührung gekommen?

Dr. med. Thomas Rampp: „Als Kind habe ich beobachtet, wie meine Oma immer ,Doppelherz – Ginseng Aktiv Tonikum‘ getrunken hat. Sie hat darauf geschworen, war bis zuletzt aktiv und wurde 98 Jahre alt. Später lernte ich dann Ginseng bei meiner Ausbildung in China kennen und schätzen.“

Dr. med. Thomas Rampp
Dr. med. Thomas Rampp ist Leiter des Instituts für Naturheilkunde, Traditionelle Chinesische und Indische Medizin an den Evang. Kliniken Essen-Mitte. Seine Forschungsthemen umfassen weite Spektren der Naturheilkunde, u.a. die Selbsthilfe-Strategien aus der Pflanzen-, und Wasserheilkunde. Foto: Udo Geisler

Was macht Ginseng so besonders?

Rampp: „Ginseng gehört zu den sogenannten Adaptogenen. Das sind Arzneimittel, die den Organismus gegenüber physikalischen, chemischen und biologischen nicht-infektiösen ,Stressoren‘ widerstandsfähig machen. Das heißt, solche Stoffe verbessern die Anpassungsfähigkeit des Organismus an negativ veränderte innere und äußere Bedingungen.“

Wodurch unterscheiden sich die verschiedenen Ginseng-Arten und zu welchem Ginseng würden Sie raten?

Rampp: „Therapeutisch sollten Extrakte aus der Spezies Panax Ginseng C. A. MEYER verwendet werden, da andere Ginsengarten geringere Wirkstoffmengen enthalten und nicht oder weniger gut wissenschaftlich untersucht sind. Roter und weißer Ginseng unterscheiden sich nicht in der Wirksamkeit. Die meisten Studien wurden mit weißem Ginseng durchgeführt. Zur besseren Konservierung können weiße Ginsengwurzeln mit Wasserdampf behandelt werden, dabei verfestigt sich die Wurzelepidermis hornartig und wird rot. Roter Ginseng ist also nicht qualitativ besser!“

In welcher Form wirkt Ginseng am besten?

Rampp: „Viele Menschen lieben den Geschmack des Ginsengs. Diejenigen sollten dann Pastillen oder flüssige Zubereitungen einnehmen. Erforderlich ist eine Ginsenosid-Tagesmindestmenge von zehn Milligramm. Tee, Fluidextrakt oder Fertigarzneimittel sind dann gleich gut wirksam.“

Wie viel Ginseng sollte man täglich einnehmen und über welchen Zeitraum?

Rampp: „Ein bis zwei Gramm der Droge, die mindestens 1,5 Prozent Ginsenoside enthalten, sollten es pro Tag sein. Die Anwendungsdauer geht je nach Indikation von wenigen Tagen bis zu drei Monaten, danach sollte eine zwei- bis dreimonatige Pause gemacht werden, da Langzeitstudien bisher fehlen und die Wirkung oft mehrere Wochen nach dem Absetzen bestehen bleibt.“

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Sind die Behauptungen wissenschaftlich belegt, dass Ginseng gegen Müdigkeit, ein schwaches Immunsystem, depressive Verstimmungen sowie bei Potenzproblemen und geistiger Beanspruchung hilft?

Rampp: „Eine erhöhte Belastbarkeit (adaptogene Wirkung) konnte in verschiedenen Stressmodellen bei diversen Tierarten nachgewiesen werden. Bei Menschen kommt es zur Verbesserung der maximalen anaeroben Leistungsfähigkeit sowie zur Verbesserung des Koordinationsvermögens und der Gedächtnisleistung.

Konventionelle Mediziner treffen immer wieder die Aussage, dass die Zahl der Studien zu klein und die Qualität schlecht sei. Dabei lagen allein bis zur Verabschiedung der Monografie (größere wissenschaftliche Einzeldarstellung, Anmerk. d. Red.) von Ginseng im Jahre 1991 bereits über 500 Untersuchungen zu Ginseng vor, also deutlich mehr als zu den meisten konventionellen Arzneimitteln. Aber da tobt wie so oft der Glaubenskrieg in der Medizin. Das Marktvolumen aller Ginsengprodukte wird auf rund zwei Milliarden US-Dollar geschätzt. Wenn alles nur Placebos wären, dann würden die Menschen sicher nicht seit Tausenden von Jahren ihr Geld zum Fenster hinausschmeißen.“

Gegen welche Beschwerden verschreiben Sie Ginseng am häufigsten?

Rampp: „Gegen das Cancer-related-Fatigue-Syndrom (chronische Müdigkeit, Erschöpfung und mangelnde Energie bei Krebspatienten; Anmerk. d. Red.), in der Genesungszeit nach Operationen und Bestrahlungen, zur allgemeinen Steigerung der Leistungsfähigkeit und bei Infektanfälligkeit, besonders bei hoher Stressbelastung.“

Fazit zu Ginseng

Laut jüngeren Erkenntnissen kann die Wurzel tatsächlich zur Gesundheit und geistiger Leistungsfähigkeit beitragen, ein Wundermittel ist Ginseng aber nicht. So konstatieren die Autoren Orlando und Liliane E. Petrini nach Auswertung diverser Studien in ihrem wissenschaftlichen Artikel „Ginseng: die Panacea oder ein Mittel für gezielte Behandlung?“: „Echter Ginseng ist sicher nicht das von Marketing und Werbung in den höchsten Tönen angepriesene Allheilmittel, jedoch konnte eine Reihe von Wirkungen klar nachgewiesen werden. Aufgrund seiner immunmodulierenden Eigenschaften und seiner günstigen Wirkung auf kognitive Funktionen könnte echter Ginseng sicher eine interessante Option im medizinischen Arsenal sein, sei es in Verbindung mit Stressbehandlung oder um nachlassende kognitive Funktionen zu unterstützen.“

Quellen

  1. Bumsik, Hong., Young, Hwan Ji., Jun, Hyuk, Hong. et al. (2002). A Double-Blind Crossover Study Evaluating the Efficacy of Korean Red Ginseng in Patients With Erectile Dysfunction: A Preliminary Report. American Urological Association. ↩︎
  2. Choi, Y., Park, C., Jang, J., et al. (2013). Effects of Korean ginseng berry extract on sexual function in men with erectile dysfunction: a multicenter, placebo-controlled, double-blind clinical study. Springer Nature. ↩︎
  3. Young, Keol, Cho., Heungsup, Sung., Hee, Jung, Lee. et al. (2001). Long-term intake of Korean red ginseng in HIV-1-infected patients: development of resistance mutation to zidovudine is delayed. International Immunopharmacology. ↩︎
  4. Debra, L, Barton., Breanna, Linquist., Charles, Loprinzi. et al. (2012). Ginseng Fights Fatigue in Cancer Patients, Mayo Clinic-Led Study Finds. Mayo Clinic. ↩︎

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