14. Oktober 2025, 10:18 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Viele Menschen nehmen regelmäßig Medikamente ein, doch was viele nicht wissen: Einige dieser Arzneimittel können noch Jahre nach der letzten Einnahme messbare Spuren im Körper hinterlassen – insbesondere im Darmmikrobiom. Eine neue Langzeitstudie aus Estland zeigt: Nicht nur Antibiotika, sondern auch häufig verschriebene Medikamente wie Antidepressiva, Blutdrucksenker oder Beruhigungsmittel können das mikrobielle Gleichgewicht im Darm nachhaltig verändern. Diese bislang unterschätzten Langzeiteffekte könnten weitreichende Folgen haben – für die Bewertung von Gesundheitsdaten, für Diagnosen und Therapien sowie für die Forschung rund um die Darmflora. FITBOOK-Redakteurin Julia Freiberger erklärt, was die neue Studie im Detail zeigt – und warum die Medikamentenhistorie künftig eine größere Rolle spielen sollte.
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Die Studie: Daten, Design und Methode
Das Forschungsteam um Oliver Aasmets und Elin Org von der Universität Tartu nutzte Daten aus der Estonian Microbiome Cohort (EstMB) – einer großangelegten Bevölkerungsstudie, die mithilfe der Estnischen Biobank durchgeführt wurde.
Insgesamt wurden 2509 Erwachsene zwischen 23 und 89 Jahren untersucht. Sie alle hatten Stuhlproben abgegeben, die im Labor mittels einer Methode namens Shotgun-Metagenomik analysiert wurden. Dabei handelt es sich um eine besonders präzise Form der genetischen Untersuchung: Nicht nur einzelne Bakterienarten werden erfasst, sondern das gesamte Erbgut aller Mikroorganismen im Stuhl. Auf diese Weise kann sehr genau bestimmt werden, welche Arten im Darm vorhanden sind, wie häufig sie vorkommen und wie sich die Zusammensetzung zwischen verschiedenen Menschen unterscheidet.
Zusätzlich lagen zu allen Teilnehmern vollständige elektronische Gesundheitsdaten vor – u. a. Informationen zu Krankheiten, Lebensstil, Körpermaßen sowie zu allen verschreibungspflichtigen Medikamenten, die sie in den fünf Jahren vor der Probenentnahme erhalten hatten. Diese umfassende Datengrundlage ermöglichte es den Forschern, systematisch zu untersuchen, ob Medikamente einen langfristigen Einfluss auf das Mikrobiom haben – und falls ja, wie stark dieser ausfällt.
Eine Untergruppe von 328 Teilnehmern hatte nach etwa viereinhalb Jahren eine zweite Stuhlprobe abgegeben. Diese zweite Probenentnahme war besonders wertvoll, um Veränderungen im Mikrobiom über die Zeit zu messen – etwa nach dem Beginn oder Absetzen einer Medikation.1
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Vier zentrale Forschungsfragen
Die Untersuchung gliederte sich in vier Hauptbereiche:
- Wie wirkt sich die aktuelle Einnahme eines Medikaments auf das Mikrobiom aus?
- Gibt es langfristige Effekte – also messbare Veränderungen auch dann, wenn das Medikament schon vor Jahren abgesetzt wurde?
- Verstärken sich die Effekte, wenn ein Medikament über einen längeren Zeitraum oder mehrfach eingenommen wurde?
- Welche Veränderungen treten im Mikrobiom auf, wenn ein Medikament begonnen oder abgesetzt wird?
Für jede dieser Fragen führten die Wissenschaftler umfangreiche statistische Analysen durch – unter anderem Regressionsmodelle, Streuungsanalysen und Modellvergleiche, stets unter Berücksichtigung möglicher Störfaktoren wie Alter, Geschlecht, Körpergewicht, Krankheiten, Lebensstil und der Einnahme anderer Medikamente.
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Medikamente wirken länger als gedacht
Die Resultate sprechen eine klare Sprache:
- Von den 186 analysierten Medikamenten zeigten 167 – also rund 90 Prozent – einen signifikanten Einfluss auf das Darmmikrobiom.
- In 78 Fällen – etwa 42 Prozent – war dieser Effekt auch dann noch messbar, wenn das Medikament vor über drei Jahren zuletzt eingenommen worden war.
Besonders bei diesen Medikamenten war dies der Fall:
- Antibiotika (z. B. Makrolide, Penicilline)
- Antidepressiva
- Benzodiazepine (z. B. Diazepam, Alprazolam)
- Beta-Blocker
- Protonenpumpenhemmer (PPIs)
Ein zentrales Maß in der Mikrobiomforschung ist die sogenannte Alpha-Diversität – also die Vielfalt der im Darm lebenden Mikroorganismen. Diese Vielfalt war bei vielen früheren Medikamentenanwendern deutlich verringert, selbst wenn die Einnahme mehr als vier Jahre zurücklag.
Außerdem zeigte sich ein additiver Effekt: Je häufiger ein bestimmtes Medikament in der Vergangenheit verschrieben worden war, desto stärker war die beobachtbare Veränderung im Mikrobiom. Dieser Zusammenhang wurde zum Beispiel bei Blutdruckmitteln, Glukokortikoiden und Beruhigungsmitteln deutlich.
Zweite Messung bestätigt Langzeiteffekte
Die Teilnehmer mit zwei Proben lieferten zusätzliche Hinweise: Wenn zwischen den beiden Zeitpunkten ein Medikament neu eingenommen wurde, veränderte sich auch das Mikrobiom – oft in dieselbe Richtung, wie sie bereits bei der ersten Gruppe festgestellt wurde. Umgekehrt zeigte sich auch, dass das Absetzen eines Medikaments zu einer gegenteiligen Entwicklung führen konnte.
Einige Medikamente, etwa das Beruhigungsmittel Alprazolam, hatten stärkere Effekte auf das Mikrobiom als einige Antibiotika. Selbst innerhalb der gleichen Wirkstoffgruppe – etwa bei Protonenpumpenhemmern oder Benzodiazepinen – gab es deutliche Unterschiede in der Wirkung. Das legt nahe, dass Medikamente mit ähnlichem Zweck durchaus unterschiedlich stark in das bakterielle Gleichgewicht des Darms eingreifen können.
Was bedeutet das für Medizin und Forschung?
Die Studie hat mehrere weitreichende Implikationen:
Langzeitwirkungen müssen in Studien berücksichtigt werden
Bisher wurde bei Mikrobiomstudien meist nur nach der aktuellen Medikamenteneinnahme gefragt. Die neuen Daten zeigen aber: Auch Medikamente, die Jahre zuvor eingenommen wurden, können das Mikrobiom noch beeinflussen – und damit möglicherweise auch die Ergebnisse von Studien verfälschen.
Nicht nur Antibiotika sind relevant
Dass Antibiotika Bakterien abtöten, ist bekannt. Überraschend ist jedoch, dass auch viele andere Medikamente – etwa Antidepressiva oder Blutdrucksenker – die Zusammensetzung der Darmflora verändern können. Manche wirken dabei ähnlich wie Antibiotika.
Therapieentscheidungen könnten angepasst werden
Da sich zeigte, dass Medikamente unterschiedlich stark auf das Mikrobiom wirken, könnte diese Information künftig in die Wahl eines Präparats einfließen. Wenn zwei Mittel gleich gut helfen, aber eines das Mikrobiom weniger beeinträchtigt, könnte dieses bevorzugt werden.
Unterschiede zwischen Bevölkerungen verstehen
Da Medikamentengewohnheiten von Land zu Land verschieden sind, könnten sie ein Grund dafür sein, warum sich die Mikrobiomprofile zwischen Ländern unterscheiden – ebenso wie zwischen Altersgruppen, die tendenziell mehr Medikamente einnehmen.
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Stärken und Schwächen der Studie
Stärken:
- Große Datenbasis mit über 2000 Teilnehmern
- Zwei Messzeitpunkte bei über 300 Personen
- Verknüpfung genetischer Daten mit Gesundheitsakten
- Detaillierte Erfassung von Medikamenten über fünf Jahre
- Statistisch fundierte Auswertung mit Kontrolle von Störfaktoren
Einschränkungen:
- Nur verschreibungspflichtige Medikamente wurden berücksichtigt – frei verkäufliche Mittel, wie Schmerzmittel blieben außen vor
- Es wurde angenommen, dass verordnete Medikamente auch eingenommen wurden – was nicht immer der Fall sein muss
- Die Teilnehmer stammten fast ausschließlich aus Estland – das schränkt die Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungen ein
- Der Anteil weiblicher Teilnehmer lag bei etwa siebzig Prozent – das kann das Gesamtbild verzerren
- Keine Analyse weiterer Lebensstilfaktoren wie z. B. der Ernährung, die ebenfalls Auswirkungen auf die Darmflora haben können
Fazit
Die Studie aus Estland zeigt: Viele Medikamente wirken länger, als man denkt – nicht im Blut, sondern im Darm. Selbst Jahre nach der letzten Einnahme lassen sich Veränderungen im Mikrobiom nachweisen, die mit bestimmten Wirkstoffen in Verbindung stehen.
Das gilt nicht nur für Antibiotika, sondern auch für Medikamente, die gar nicht direkt gegen Bakterien gerichtet sind – wie Antidepressiva, Beruhigungsmittel oder Blutdrucksenker. Für Forschung und Medizin ist das ein klarer Hinweis: Wer das Mikrobiom beurteilt, muss die Medikamentengeschichte mitdenken.
Nur so lassen sich wirklich verlässliche Aussagen über die Rolle des Mikrobioms bei Gesundheit und Krankheit treffen – und fundierte Entscheidungen über Diagnostik und Therapie treffen.