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Studien zu Multiple Sklerose

Unerwartete Warnzeichen treten rund 5 Jahre vor einer MS-Erkrankung auf

Es gibt einige Frühwarnzeichen von MS
MS kann mit Fortschreiten der Erkrankung zu Symptomen wie motorischen Störungen, Zittern und Schmerzen führen. Die Beschwerden erfolgen typischerweise in Schüben. Foto: Getty Images
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Melanie Hoffmann
Ernährungs-, Fitness- und Schlafexpertin

17. Oktober 2025, 9:03 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Die bislang unheilbare Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose greift das zentrale Nervensystem an. Die Diagnosestellung – wenn auch in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert – gestaltet sich nach wie vor schwierig. Forscher haben in den vergangenen Jahren neue, unerwartete Symptome identifiziert, die Jahre vor dem Ausbruch von MS auftreten und Indikatoren für eine bevorstehende Erkrankung darstellen können. FITBOOK fasst die Erkenntnisse für Sie zusammen.

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Zusammenhang zwischen frühen Symptomen und Krankheitsdiagnosen untersucht

Man nennt Multiple Sklerose auch „die Krankheit mit den 1000 Gesichtern“, da sie mit einer großen Anzahl verschiedener möglicher Anzeichen und Beschwerden einhergehen kann. Auch wie häufig, in welcher Form und in welcher Schwere Betroffene Krankheitsschübe erleiden, kann von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein. Das macht die Behandlung, besonders aber auch die Diagnose, herausfordernd. Ein Indikator dafür, dass ein erhöhtes MS-Risiko besteht, ist die familiäre Vorgeschichte. Sind z. B. bereits die Eltern betroffen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind erkranken kann – aber nicht muss. Offenbar gibt es einige – zuvor nicht mit der Nervenkrankheit in Verbindung gebrachte – Frühwarnzeichen, die darauf hindeuten, dass ein erster Ausbruch von MS bevorsteht. Laut den Verantwortlichen zweier Studien können diese sogar fünf bis zehn Jahre vor der eigentlichen Erkrankung und Diagnosestellung auftreten.

Wissenschaftler der Sorbonne-Universität in Paris werteten Gesundheitsdaten von rund 120.000 Personen aus Großbritannien und Frankreich aus, die im „The Health Improvement Network“ gesammelt worden waren.1 Dabei interessierte sie, welche frühen Symptome mit späteren Krankheitsdiagnosen in Verbindung stehen könnten. Zu diesem Zweck analysierten und verglichen die Forscher die Daten von:

  • 20.174 MS-Patienten
  • 54.790 Menschen, die nicht an Multipler Sklerose erkrankt waren,
  • 30.477 Morbus-Crohn-Betroffene, und
  • 7337 Personen, bei denen Lupus diagnostiziert worden war

Die Gesundheitsdaten der Personen mit den genannten Autoimmunerkrankungen glichen die Studienverantwortlichen mit einer medizinischen Checkliste ab. Diese enthielt 113 Krankheiten und Symptome. Die Forscher interessierte, ob die erkrankten Personen in einem Zeitraum von bis zu fünf Jahren vor ihrer Diagnose an dort vermerkten Beschwerden gelitten hatten. Auch die Daten der Kontrollgruppe – also Personen ohne Autoimmunerkrankung – prüften die Wissenschaftler. Hatten sie womöglich ähnliche Symptome und Beschwerden gehabt? Dann hatten sie bei ihnen natürlich offensichtlich nicht mit einer später entwickelten Autoimmunerkrankung in Verbindung gestanden.

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Folgende Frühsymptome wiesen MS-Patienten bereits Jahre zuvor auf

Durch ihre Analyse konnten die Wissenschaftler fünf gesundheitliche Beschwerden bzw. Symptome oder Erkrankungen identifizieren, die mit einer späteren MS-Diagnose im Zusammenhang zu stehen scheinen.

Bei diesen handelt es sich um:

Besonders Verstopfung und sexuelle Störungen könnten mit späterer MS-Diagnose in Verbindung stehen

Die rund 20.000 in der Studie berücksichtigten MS-Patienten litten in den fünf Jahren vor ihrer Diagnose mit einer 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit an Verstopfung. Mit einer 47 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit erlebten sie sexuelle Störungen, während Harnwegsinfektionen mit einer 38-prozentigen Wahrscheinlichkeit aufgetreten waren. Mit 22 Prozent folgte die Depression als mögliches Frühwarnzeichen für eine spätere MS-Erkrankung und mit 21 Prozent schließlich noch die Blasenentzündungen.

14 Prozent der MS-Patienten hatten fünf Jahre, bevor sie die Diagnose Multiple Sklerose erhielten, bereits Antidepressiva verschrieben bekommen. Bei den untersuchten Menschen ohne MS waren es in demselben Zeitraum zehn Prozent. Fünf Jahre nach der MS-Diagnose nahmen 37 Prozent der Betroffenen Antidepressiva. Bei den Personen ohne die Autoimmunerkrankung waren es 19 Prozent.2

Einordnung der Studienerkenntnisse

Mit den Erkenntnissen aus der Datenanalyse erhofften die französischen Forscher, das Verständnis rund um die Entstehung von Multipler Sklerose bzw. Beschwerden, die vor dem ersten Auftreten eines offiziell von Ärzten anerkannten Krankheitsschubs auftreten, zu erweitern.

Allerdings schränkten sie auch ein, dass das Auftreten der genannten Symptome nicht immer als Frühwarnzeichen von MS gewertet werden kann. „Natürlich wird nicht jeder, der diese Symptome hat, später an MS erkranken“, betonte Studienautorin Celine Louapre in der Universitätsmitteilung. Dafür seien sie zu unspezifisch, könnten durch diverse Lifestyle-Faktoren bedingt sein oder mit anderen Erkrankungen in Zusammenhang stehen. „Wir hoffen, dass diese frühen Anzeichen uns helfen werden, die biologischen Mechanismen zu verstehen, die im Körper ablaufen, bevor die eigentlichen Symptome der Krankheit auftreten.“

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Studie zum „MS-Prodrom“

Untermauert werden die Studienerkenntnisse von 2023 von einer neueren Studie aus diesem Jahr. Auch in ihr hatten sich Forscher – in diesem Fall aus England – mit dem „MS-Prodrom“ befasst.3 Als „MS-Prodrom“ wird oftmals die Phase vor der MS-Diagnose (Vorläuferstadium) bezeichnet, in der Patienten rückblickend verschiedene, zum Teil, diffuse Beschwerden identifizieren und die immer noch zu wenig verstanden wird. Daher hatte auch diese Studie hatte zum Ziel, mögliche Frühsymptome genauer zu untersuchen.

Analyse von Gesundheitsdaten

Bei der Studie handelt es sich um eine retrospektive Analyse von Gesundheitsdaten aus dem Clinical Practice Research Datalink (CPRD). Aus den Daten identifizierte man 15.029 MS-Patienten, die zwischen 1990 und 2022 eine MS-Diagnose erhalten hatten. Jedem Krankheitsfall wurden im Mittel fünf altersgematchte Kontrollpersonen ohne MS zugeordnet. Das ergab insgesamt 81.027 Kontrollen. Für alle Teilnehmenden lagen mindestens fünf Jahre rückwirkende Gesundheitsdaten vor, bei manchen sogar zehn Jahre oder mehr.

Im nächsten Schritt analysierten die Forscher dokumentierte Symptome in den Zeiträumen null bis zwei, zwei bis fünf und fünf bis zehn Jahre vor der MS-Diagnose. Die Symptome wurden in fünf Kategorien eingeteilt: neurologisch, autonom (z. B. Blasenstörungen), kognitiv, psychisch und Schmerzsymptome.

Folgende Frühsymptome traten am häufigsten auf

Bestimmte Symptome traten Jahre vor der MS-Diagnose bei Betroffenen wesentlich häufiger auf als bei Kontrollen – am stärksten neurologische Beschwerden wie Taubheit oder Gleichgewichtsstörungen. Konkret ergaben sich folgende Häufigkeiten und Risiko-Verhältnisse (Odds Ratio; OR):

  • Neurologische Symptome: Bei rund 44 Prozent der späteren MS-Erkrankten traten bereits Jahre vor der Diagnose neurologische Beschwerden wie Taubheit oder Gleichgewichtsstörungen auf. In der Vergleichsgruppe ohne MS waren es nur etwa 8 Prozent. Damit war das Auftreten solcher Symptome bei künftigen MS-Patienten fast achtmal so häufig.
  • Schmerzsymptome: Etwa 43 Prozent der späteren MS-Betroffenen berichteten über Schmerzen, während das bei rund 21 Prozent der Vergleichspersonen der Fall war. Schmerzen kamen somit ungefähr doppelt so häufig vor.
  • Autonome Symptome: Beschwerden wie Blasenstörungen traten bei knapp 38 Prozent der späteren MS-Erkrankten auf, aber nur bei etwa 21 Prozent der Kontrollen – also ebenfalls fast doppelt so häufig.
  • Psychiatrische Symptome: Rund 34 Prozent der späteren MS-Patienten zeigten psychische Auffälligkeiten wie Depressionen oder Angstzustände, im Vergleich zu 18 Prozent in der Kontrollgruppe. Das Risiko war damit etwa um das Anderthalbfache erhöht.
  • Kognitive Symptome: Gedächtnis- oder Konzentrationsprobleme wurden bei rund 1 Prozent der späteren MS-Erkrankten beobachtet, gegenüber 0,3 Prozent in der Kontrollgruppe. Diese Beschwerden traten also etwa zweieinhalbmal häufiger auf.

Rund 44 Prozent der untersuchten MS-Patienten hatten also vor ihrer Diagnose bereits neurologische Symptome. Das Risiko für diese Beschwerden war bei ihnen im Vergleich zu den untersuchten Personen ohne MS-Diagnose durchschnittlich um das knapp Achtfache erhöht. 43 Prozent der MS-Patienten hatten schon früh Schmerzsymptome, da aber auch 21 Prozent der Kontrollpersonen – offenbar unabhängig von späterer MS – solche Beschwerden hatten, war das Risiko für Schmerzsymptome für MS-Erkrankte letztendlich „nur“ um das Zweifache erhöht.

MS kommt nicht plötzlich

Beide Studien liefern wertvolle Erkenntnisse zu den Jahren vor dem offiziellen Ausbrechen von Multiple Sklerose. Die für ihre Schübe bekannte Erkrankung taucht nicht plötzlich auf, sondern scheint sich schon rund fünf Jahre vorher mit mehr oder weniger deutlichen Beschwerden zu melden. Schwierig ist, dass diese sehr unterschiedlich ausfallen können: von Verstopfung über allgemeine Schmerzen sowie Depression bis hin zu Blasenbeschwerden. Beschwerden, die zudem auch auf viele andere Ursachen zurückzuführen sein könnten.

Deutlich wird aber, dass noch weitere Forschung zu der MS-Vorläuferphase notwendig ist und man bei diversen Symptomen (z. B. psychisch, neurologisch, Schmerzen) auch die Möglichkeit einer bevorstehenden MS in Betracht ziehen sollte.

Quellen

  1. Guinebretiere, O., Nedelec, T., Gantzer, L. et al. (2023). Association Between Diseases and Symptoms Diagnosed in Primary Care and the Subsequent Specific Risk of Multiple Sclerosis. Neurology. ↩︎
  2. American Academy of Neurology. Depression, Constipation, and urinary tract infections may precede MS diagnosis. (aufgerufen am 15.10.2025) ↩︎
  3. Tank, P., Jacobs, B.M., Bestwick, J., Dobson, R. (2025). Pre-Diagnostic Features of Multiple Sclerosis in a Diverse UK Cohort: A Nested Case–Control Study. Annals of Clinical and Translational Neurology. ↩︎

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