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MS kann Jahre vor dem ersten Schub im Blut erkannt werden

Frühtest für Multiple Sklerose
In Zukunft könnte bei Risikopatienten von Multipler Sklerose ein Bluttest zur Früherkennung beitragen Foto: Getty Images/Westend61
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28. Oktober 2025, 16:02 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Dabei greifen Abwehrzellen die schützende Myelinschicht der Nerven an – mit Folgen für Signalübertragung und Bewegung. Zu den ersten Symptomen zählen Sehstörungen, Empfindungsstörungen und Muskelschwächen. Inzwischen zeigen Studien: Die Krankheit beginnt deutlich früher, als bislang angenommen. Bereits Jahre vor dem ersten Schub lässt sie sich im Blut nachweisen.

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Erste Veränderungen im Nervensystem bis zu 7 Jahre vor dem Auftreten von MS-Symptomen

Weltweit sind über 2,8 Millionen Menschen von der schwerwiegenden Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose betroffen. In Deutschland sind es rund 250.000, 70 bis 80 Prozent der Erkrankten sind Frauen.1 MS ist nicht heilbar – der Verlauf der schwerwiegenden Autoimmunkrankheit lässt sich jedoch mithilfe von Medikamenten und weiteren Maßnahmen günstig beeinflussen. Eine Untersuchung der University of California in San Francisco zeigt nun, dass die ersten biologischen Veränderungen im Nervensystem bis zu sieben Jahre vor dem Auftreten klinischer Symptome beginnen.2

Um den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem die krankhaften Prozesse tatsächlich einsetzen, untersuchten die Forscher Blutproben von Menschen, die später an MS erkrankten – entnommen zu einem Zeitpunkt, als sie noch keinerlei Symptome zeigten. So wollten sie frühe Veränderungen im Blut erkennen, die bereits auf beginnende Nervenschäden hindeuten.

Im Fokus der Forscher stand die Myelinschicht, die die Nervenfasern wie eine Isolierung umgibt und für die schnelle Signalübertragung im Gehirn sorgt. Wird sie beschädigt, verlangsamt sich der Informationsfluss zwischen Nervenzellen – ein zentraler Mechanismus bei MS.

Forscher bestimmten bei späteren MS-Patienten Zeitpunkt des Starts krankhafter Prozesse im Blut

Mithilfe eines modernen Hochdurchsatzverfahrens der Proteomik – Proteomik ist die wissenschaftliche Untersuchung aller Proteine in einer Zelle oder einem Organismus zu einem bestimmten Zeitpunkt – analysierte das Team mehr als 7.000 Proteine im Blut, um Unterschiede zwischen später Erkrankten und gesunden Kontrollpersonen zu erkennen. Dabei entdeckten sie mehrere auffällige Proteine, deren Konzentrationen schon Jahre vor dem Krankheitsausbruch anstiegen – darunter Moleküle, die mit Myelinschädigung, Entzündung und Immunaktivierung in Verbindung stehen.

Besonders deutlich waren Veränderungen bei Proteinen, die auf eine Störung des Interleukin-3- und NF-κB-Signalwegs hinweisen – zwei zentrale Systeme, die Entzündungen im Nervensystem steuern.

Anstieg bestimmter Proteine markiert stillen Beginn von MS

Die Ergebnisse machen deutlich:

  • Die Schädigung der Myelinschicht beginnt im Durchschnitt sieben Jahre vor den ersten Symptomen.
  • Etwa ein Jahr später folgen erste Axonschäden, also Verletzungen der Nervenfasern selbst.
  • Astrozyten, stützende Zellen des Gehirns, verändern sich erst mit dem Auftreten klinischer Beschwerden.
  • Menschen mit einer bereits bekannten Autoantikörper-Signatur zeigten besonders früh eine starke Immunaktivität.

Die Ergebnisse zeigen: MS beginnt im Körper viele Jahre bevor sie sich bemerkbar macht.
Das neue Wissen eröffnet Chancen für frühere Diagnosen und präventive Therapien, etwa bei Menschen mit familiärer Vorbelastung. Wenn Ärzte früh eingreifen – etwa mit Medikamenten, die die Immunaktivität bremsen oder das Myelin schützen –, kann der Krankheitsverlauf verlangsamt werden.

Auf Grundlage dieser Daten entwickelte das Forschungsteam ein Biomarker-Panel, das künftig helfen könnte, Menschen mit erhöhtem MS-Risiko frühzeitig zu erkennen – lange bevor erste Symptome auftreten.

Auch interessant: Unerwartete Warnzeichen treten rund 5 Jahre vor einer MS-Erkrankung auf

Frühere Studie bestätigt: Autoantikörper als frühe Warnsignale im Blut

Auch Ergebnisse einer Studie aus dem University-of-California-Verbund, veröffentlicht 2024 in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“, stützen die neuen Erkenntnisse.3 Forscher zeigten damals, dass sich bei Menschen, die später an MS erkrankten, bereits Jahre zuvor spezifische Autoantikörper im Blut nachweisen ließen. Dies ist ein weiteres deutliches Zeichen dafür, dass die Erkrankung lange vor den ersten Symptomen beginnt.

Dafür untersuchten Forscher der University of California Blutproben von 250 MS-Patienten, die sie unter zehn Millionen US-Soldaten rekrutierten. Die Serum-Analysen stammten aus dem Zeitraum, als die Soldatinnen und Soldaten für den Militärdienst rekrutiert wurden. Im Durchschnitt wurden die Blutproben fünf Jahre vor den ersten MS-Symptomen entnommen. Eine weitere Blutprobe wurde ein Jahr nach dem ersten MS-Schub entnommen.

Die Ergebnisse der Blutproben hat man mit denen einer Kontrollgruppe verglichen. Hierzu wählten die Wissenschaftler Probanden aus, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und ethnischer Herkunft den MS-Patienten entsprachen. Auch ihre Blutanalysen fanden in denselben Zeiträumen bzw. Jahren statt. Außerdem überprüften die Forscher die Serum-Ergebnisse anhand der Daten aus einer anderen MS-Studie, die ebenfalls an der „University of California“ stattfand. Die Daten stammen von 103 Patienten, die zu Beginn ihrer MS-Erkrankung untersucht wurden.

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Forscher können MS anhand einer „Autoantikörper-Signatur“ erkennen

Mithilfe eines molekularen Profilings von Autoantikörpern und der Analyse von neuronalen Schäden wurden die Blut-Daten der insgesamt 500 Studienteilnehmer ausgewertet. So konnten etwaige Schäden an den Nervenzellen festgestellt werden. Die Analyse ergab, dass Patienten, die Jahre nach der ersten Blutuntersuchung an MS erkrankten, höhere Werte für die Aktivität der Autoantikörper hatten als gesunde Patienten. Die Ergebnisse sind ein Hinweis darauf, dass die Schädigung der Nervenzellen vermutlich schon lange vor dem Auftreten der ersten Symptome beginnt. In vergangenen Studien wurden bisher überraschende Frühsymptome identifiziert.

Zudem fanden die Wissenschaftler heraus, dass viele derjenigen, die später an Multipler Sklerose erkrankten, ein bestimmtes Muster von Autoantikörpern aufwiesen, welches sie als „immunogenes Cluster“ bezeichneten. Dabei blieb dieses Cluster im Laufe der Zeit stabil und ähnelte den Vergleichspersonen, die aus der früheren MS-Studie herangezogen wurden. Die gesunden Probanden wiesen hingegen nicht diese „Autoantikörper-Signatur“ auf. Laut den Forschern ist diese Signatur ein früher Prädiktor für das Auftreten von Multipler Sklerose.

Früherkennung von MS vor allem für Risikopatienten wichtig

„Angesichts seiner Spezifität für MS sowohl vor als auch nach der Diagnose könnte ein serologischer Autoantikörpertest gegen die MSIC-Peptide in einem Überwachungsumfeld für Patienten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, MS zu entwickeln, oder, was entscheidend ist, bei einer ersten klinisch isolierten neurologischen Episode eingesetzt werden“, konstatieren die Wissenschaftler in ihrer Auswertung. Ein Test, der hilft, MS frühzeitig im Blut zu erkennen, wäre somit ein wichtiger Beitrag, zu einer effektiven Behandlung von Risikopatienten.

Tatsächlich könnten insbesondere Menschen von solch einem Test profitieren, die ein erhöhtes Risiko für eine Multiple Sklerose haben. So ist etwa die familiäre Vorbelastung einer der großen Risikofaktoren, wie uns ein Mediziner in einem früheren FITBOOK-Beitrag erklärte. Laut Dr. Patrick Thilmann, Facharzt für Neurologie, gibt es in manchen Fällen eine familiäre Häufung von MS. So liegt ein erhöhtes Risiko bereits vor, wenn nur die Mutter oder nur der Vater an MS erkrankt ist. Sind beide Elternteile betroffen, ist die Wahrscheinlichkeit für die Kinder, auch daran zu erkranken, nochmals höher. Gerade in solchen Fällen könnte man schon frühzeitig das Blut der Kinder untersuchen, ob die in der Studie beschriebene „Autoantikörper-Signatur“ zu erkennen ist.

Betroffene könnten dann zum Beispiel durch eine Anpassung ihrer Lebensgewohnheiten das Eintreten der Krankheit verzögern oder womöglich sogar vermeiden.

Quellen

  1. Charité Universitätsmedizin Berlin: Charité leitet Public-private-Partnership zur Entwicklung einer Diagnoseplattform (aufgerufen am 28.10.2025) ↩︎
  2. Abdelhak, A., Cerono, G., Sheikhzadeh, F. et al. (2025). Myelin injury precedes axonal injury and symptomatic onset in multiple sclerosis. Nat Med. ↩︎
  3. Zamecnik C.R., Sowa G.M., Abdelhak A., et. al. (2024). An autoantibody signature predictive for multiple sclerosis. Nature Medicine. ↩︎

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