1. Februar 2026, 9:33 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Dass die Gene einen Einfluss auf unsere individuelle Lebensdauer haben, ist unstrittig. Bislang ging die Forschung davon aus, dass der Anteil bei 20 bis 25 Prozent lag. Die verbleibenden 75 bis 80 Prozent wären dann eine Mischung aus Lebensstil, Umweltfaktoren und zufälligen biologischen Prozessen. Eine im Januar 2026 im Fachjournal Science veröffentlichte Studie hat diese Frage erneut untersucht. Das Ergebnis: Der Einfluss der Gene scheint viel größer als wir bisher dachten.
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Was wurde in der Studie untersucht?
Für ihre Untersuchung wertete ein internationales Forscherteam umfangreiche Daten großer Zwillingskohorten in Dänemark und Schweden aus. Besonderes Gewicht hatte dabei eine schwedische Zwillingsstudie. Sie bezog auch eineiige Zwillinge ein, die getrennt voneinander in unterschiedlichen Familien aufgewachsen waren. Ergänzend analysierte das Team Daten von Geschwistern extrem langlebiger Personen aus den USA.
Ziel der Studie war es, frühere Schätzungen des genetischen Einflusses auf die Lebensdauer kritisch zu überprüfen und mögliche systematische Verzerrungen zu identifizieren.1
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Die Ergebnisse
Die zentrale Erkenntnis der Studie lautet: Der genetische Beitrag zur menschlichen Lebensdauer wurde in vielen früheren Arbeiten unterschätzt. Der Grund dafür liegt hauptsächlich in den untersuchten historischen Geburtsjahrgängen. In diesen starben viele Menschen früh an Ursachen wie Infektionskrankheiten, Unfällen oder Gewalt.
Solche Todesfälle stehen nur in begrenztem Zusammenhang mit dem biologischen Alterungsprozess. Statistisch betrachtet wirken diese sogenannten nicht altersbedingten Todesursachen wie Störfaktoren. Sie führen dazu, dass selbst genetisch identische Menschen teils sehr unterschiedlich alt werden, und lassen den Einfluss der Gene auf die Lebensdauer statistisch kleiner erscheinen, als er tatsächlich ist.
Die Forscher berücksichtigten diesen Effekt mithilfe mathematischer Modelle, die zwischen altersabhängiger Sterblichkeit und anderen Todesursachen unterscheiden. In früheren Zwillingsstudien wurde der genetische Anteil an der Lebensdauer meist auf rund 20 bis 25 Prozent geschätzt. Wird der verzerrende Einfluss nicht altersbedingter Todesursachen jedoch modellbasiert korrigiert, ergibt sich ein deutlich anderes Bild: In den ausgewerteten Zwillings- und Geschwisterstudien steigt der geschätzte genetische Anteil an der Lebensdauer auf etwa 50 bis 55 Prozent und liegt damit ungefähr doppelt so hoch wie in vielen früheren Berechnungen.
Dieses Ergebnis zeigte sich konsistent über verschiedene Länder, Geburtsjahrgänge und Modellannahmen hinweg.
Betrachtet man nur Todesursachen, die mit dem biologischen Alterungsprozess zusammenhängen, lassen sich rund 50 Prozent der Unterschiede im erreichten Lebensalter statistisch auf genetische Unterschiede zurückführen. Zwischen Männern und Frauen zeigten sich dabei keine relevanten Unterschiede. In jüngeren Generationen nahm der messbare genetische Einfluss zu, parallel zum Rückgang nicht altersbedingter Todesursachen.
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Die Bedeutung der Studie
Die Ergebnisse stellen die bisherigen Annahmen zum Einfluss der Gene auf unsere Lebensdauer deutlich infrage und könnten zu einer Neubewertung in der Wissenschaft führen.
Der genetische Einfluss auf die Lebensdauer ist damit ähnlich groß wie bei vielen anderen komplexen körperlichen Merkmalen, etwa der Körpergröße oder dem Blutdruck. Gleichzeitig bleibt etwa die Hälfte der Unterschiede durch nicht-genetische Faktoren erklärbar, etwa durch Umweltbedingungen, Lebensverhältnisse, medizinische Versorgung und zufällige biologische Prozesse.
Die Autoren betonen ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse auf mathematischen Modellen und klassischen Zwillingsmethoden beruhen. Die Studie erlaubt keine Aussagen darüber, welche einzelnen Gene an der Lebensdauer beteiligt sind oder wie stark sie im Einzelfall wirken. Dass sich die Ergebnisse jedoch über mehrere unabhängige Datensätze hinweg bestätigen, spricht für die Robustheit der korrigierten Schätzungen.
Unser Einfluss auf die Lebensdauer bleibt dennoch groß
„Die Studie könnte bei manchen zunächst den Eindruck erwecken, es lohne sich kaum, auf einen gesunden Lebensstil zu achten. Warum sich gesund ernähren, regelmäßig bewegen oder allgemein um die eigene Gesundheit kümmern, wenn am Ende doch die Gene entscheiden? Dieser Schluss greift jedoch zu kurz. Auch wenn der Einfluss des Erbguts offenbar deutlich größer ist als lange angenommen, bleibt ein erheblicher Teil der Lebensdauer durch das eigene Verhalten beeinflussbar. Dieser Anteil liegt zwar nicht bei 50 Prozent, da auch Faktoren eine Rolle spielen, die sich nur begrenzt steuern lassen, etwa Umweltbedingungen oder Lebensumstände. Seriöse Schätzungen gehen eher von etwa 20 bis 30, möglicherweise auch von bis zu 35 Prozent aus. Doch selbst das ist erheblich. Denn wer würde nicht im Lotto spielen, wenn die Gewinnchance bei bis zu 30 Prozent läge?“
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