2. Januar 2026, 12:56 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Das obstruktive Schlafapnoesyndrom (OSAS), im Volksmund als Schlafapnoe bekannt, kann die Entstehung verschiedener Folgeerkrankungen begünstigen, darunter Bluthochdruck, Herzinfarkte und Diabetes. Doch neben den Risiken für die körperliche Gesundheit erhöht die Schlafstörung offenbar auch jene für die Psyche. So weisen die Ergebnisse einer neuen Studie aus Kanada auf einen möglichen Zusammenhang zwischen OSAS und Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen hin. FITBOOK geht ausführlich darauf ein.
Studie zum Einfluss der Schlafstörung OSAS auf die Psyche
Es gibt das einfache, durch verengte Atemwege entstehende Schnarchen, und daneben die sogenannte Schlafapnoe. Hierbei handelt es sich um eine ernste und dabei oft unerkannte Schlafstörung, bei der die oberen Atemwege während des Schlafs wiederholt blockieren. Dies führt zu charakteristischen Atemaussetzern, die vor allem Bettpartner Betroffener nachts bemerken dürften. Schlafapnoetiker selbst nehmen die Folgen ihres unterbrochenen Schlafs hingegen meist erst am Folgetag wahr – in Form von Tagesmüdigkeit.
FITBOOK geht in diesem Beitrag näher auf die Symptome, Ursachen und möglichen Folgeerkrankungen der Schlafstörung ein. Viele davon betreffen die körperliche Gesundheit. Denn die wiederholten Atemaussetzer im Schlaf führen zu Sauerstoffmangel, Stressreaktionen und Entzündungen – eine enorme Belastung für Herz, Gefäße, Stoffwechsel und weitere Organe. Doch Schlafapnoe scheint auch die psychische Gesundheit zu beeinträchtigen. Frühere Untersuchungen haben bereits Zusammenhänge zwischen unbehandelter Schlafapnoe und speziell der psychischen Erkrankung Depression gezeigt.1 Große, repräsentative Langzeitstudien, die diese Zusammenhänge belastbar belegen, fehlten jedoch bislang. Diese Forschungslücke versuchte ein Forscherteam aus Ottawa durch die sekundäre Analyse einer umfassenden Langzeitstudie zu schließen.2
Details zur Untersuchung
Untersuchungsgrundlage waren Daten von mehr als 30.000 Teilnehmern der großen, landesweiten Langzeitstudie „Canadian Longitudinal Study on Aging“ (CLSA).3 Die Studie untersucht, wie sich gesundheitliche, psychische, soziale und wirtschaftliche Faktoren im Laufe des Älterwerdens entwickeln. Die CLSA läuft seit 2011 und nimmt Erwachsene im Alter von 45 bis 85 Jahren auf, die zu Beginn der Studie noch keine kognitiven Beeinträchtigungen hatten. Ziel der Kohortenstudie ist es, Veränderungen über mehrere Jahre hinweg zu beobachten.
In der vorliegenden Arbeit wollten die Wissenschaftler herausfinden, ob die Schlafstörung OSAS bei Menschen ab dem 45. Lebensjahr mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für das Auftreten psychischer Erkrankungen zusammenhängt. Zudem sollte ermittelt werden, welche individuellen Faktoren bei Menschen mit einem hohen Schlafapnoe-Risiko die Entstehung psychischer Erkrankungen begünstigen. Im Zentrum der Untersuchung standen dabei drei zentrale Diagnosen aus dem Bereich psychischer Erkrankungen: Angststörungen, sogenannte Stimmungsstörungen (z. B. bipolare Störung) und klinische Depressionen.
Methoden
Die Forscher werteten Daten aus zwei Erhebungszeitpunkten aus. Die erste Datenerhebung fand zwischen 2011 und 2015 statt. Diese umfasste 30.097 Probanden. Eine erste Nachuntersuchung folgte in den Jahren 2015 bis 2018, an der noch 27.765 Personen teilnahmen. Die Daten wurden größtenteils in persönlichen Gesprächen mit geschultem Studienpersonal erhoben. Dabei beantworteten die Teilnehmer Fragen zu ihrer Gesundheit, ihrem Schlaf und ihrem psychischen Befinden. Zusätzlich führten die Forscher einfache medizinische Untersuchungen durch, etwa Blutdruckmessungen sowie das Erfassen von Körpergröße und Gewicht.
Erfassung von OSAS-Risiko und psychischer Gesundheit
Das Risiko für OSA wurde mithilfe des validierten STOP-Fragebogens ermittelt. Ein hohes Risiko lag vor, wenn mindestens zwei der vier Kriterien (Schnarchen, Tagesmüdigkeit, beobachtete Atemaussetzer oder Bluthochdruck) erfüllt waren. Zusätzlich wurde mit einer separaten Frage erfasst, ob jemals Atemaussetzer im Schlaf beobachtet wurden. Das psychische Hauptergebnis war eine zusammengesetzte Kennziffer für einen schlechten psychischen Gesundheitszustand. Sie galt als erfüllt, wenn mindestens eines der folgenden Kriterien vorlag: erhöhte Werte in etablierten Fragebögen zu Depression oder psychischer Belastung, eine ärztlich diagnostizierte psychische Erkrankung oder die Einnahme von Antidepressiva.
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Ergebnisse der Studie
Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen einem hohen Risiko für obstruktive Schlafapnoe und psychischen Erkrankungen. Zu Beginn der Studie hatten Personen mit OSAS-Risiko eine um 39 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, die Kriterien für schlechte psychische Gesundheit zu erfüllen. Auch bei der Nachuntersuchung einige Jahre später blieb das Risiko ähnlich hoch. Teilnehmer ohne psychische Erkrankung zu Studienbeginn entwickelten im Verlauf bei hohem OSAS-Risiko 20 Prozent häufiger neue psychische Probleme. Betrachtet man beide Zeitpunkte gemeinsam, lag die Wahrscheinlichkeit für psychische Erkrankungen bei OSA-Risikopersonen um 44 Prozent höher. Selbst das alleinige Auftreten von beobachteten Atemstillständen im Schlaf war mit einem deutlich erhöhten Risiko für Depressionen, Angststörungen und Stimmungsschwankungen verbunden. Insgesamt erfüllten zu Studienbeginn etwa ein Drittel der Teilnehmer die Kriterien für schlechte psychische Gesundheit; beim Follow-up waren es rund 32 Prozent.
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Mögliche Bedeutung der Studie
Die Forscher werten ein erhöhtes OSAS-Risiko als eigenständigen Risikofaktor für psychische Erkrankungen im Alter. Dies ist besonders relevant, da die Schlafstörung gut behandelbar ist. Betroffene können in vielen Fällen bereits durch Gewichtsreduktion, mehr Bewegung im Alltag oder eine Änderung der Schlafposition eine Linderung erzielen. Darüber hinaus gibt es eine sehr effektive Behandlungsmethode mithilfe sogenannter CPAP-Masken. Diese leiten unter leichtem Überdruck einen kontinuierlichen Luftstrom in die Atemwege und halten so die Atmung während des Schlafs frei. Dennoch bleiben laut den Studienautoren bis zu 90 Prozent der Fälle unentdeckt und folglich unbehandelt.
Die Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass eine frühzeitige Einschätzung des OSAS-Risikos, beispielsweise mithilfe des STOP-Fragebogens, helfen könnte, die Entwicklung psychischer Folgeerkrankungen zu verhindern. Ebenso könnten gezielte Therapien, wie der Einsatz von CPAP-Masken, womöglich bereits bestehende psychische Symptome lindern oder deren Entstehung vorbeugen.
Einschränkungen
Es ist jedoch auch auf einige Einschränkungen hinzuweisen. Zunächst war der Probanden-Pool wenig divers: Die Teilnehmer der Studie waren überwiegend weiß, lebten in Städten und verfügten über Bildung, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen einschränkt. Außerdem wurden sowohl das OSAS-Risiko als auch psychische Erkrankungen durch Selbstberichte erfasst. Ärztliche Diagnosen und objektive Schlafmessungen, die das Vorhandensein der Schlafstörung und die Auswirkungen auf die Psyche bestätigen könnten, fehlen. Der verwendete STOP-Fragebogen erkennt zwar die meisten Fälle relativ zuverlässig. Seine Genauigkeit in Bezug auf echte OSAS-Fälle ist jedoch nur mäßig, räumen die Autoren ein. Deshalb ist eine Überschätzung des Risikos möglich. Weiterhin lässt sich der beobachtete Zusammenhang nicht als Ursache-Wirkung-Relation interpretieren. Anders gesagt: Es ist ebenso möglich, dass psychische Erkrankungen selbst das Risiko für OSA erhöhen. Eine weitere entscheidende Einschränkung ist, dass keine Informationen über etwaige OSAS-Behandlungen vorlagen. Trotz der insgesamt robusten Hinweise aus der Studie bleibt daher unklar, ob eine Therapie der Schlafstörung die Risiken für die Psyche verringern könnte.