25. August 2025, 16:03 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Ein vorzeitig alterndes Herz verliert an Elastizität, Kraft und Effizienz. Mögliche Folgen: Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt – Erkrankungen des Herzens fordern in Deutschland jedes Jahr hunderttausende Menschenleben. Eine britische Studie zeigt: Menschen mit viel Leber- und Viszeralfett haben deutlich „ältere“ Herzen, als es ihr Lebensalter erwarten ließe. Wie man den Prozess stoppen kann, erfahren Sie hier.
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Fettarten und Herzalter von 21.000 Menschen bestimmt
Die Forscher bestimmten zunächst das Herzalter von 21.241 Teilnehmenden aus der UK Biobank, eine der weltweit umfassendsten biomedizinischen Datenbanken mit genetischen, gesundheits- und lebensstilbezogenen Informationen von 500.000 Freiwilligen. Das Herzalter (kardiovaskuläres Alter) beschreibt nicht das chronologische Lebensalter (z. B. 45 Jahre laut Geburtsdatum), sondern den biologischen Zustand des Herz-Kreislauf-Systems. Es geht darum, wie „alt“ Herz und Gefäße in Bezug auf Abnutzung und Risikofaktoren sind. Direkt messen kann man das Herzalter natürlich nicht – man kann es aber über Methoden der Medizinbildgebung beurteilen. Etwa, indem man Verkalkungen in den Herzkranzgefäßen misst; die Dicke der inneren Wandschichten der Halsschlagader; oder die Elastizität der Gefäße. Diese Werte zogen die Forscher aus der Datenbank, genauso wie Blutwerte, Bewegungsverhalten und Körperfettverteilung dieser mehr als 20.000 Männer und Frauen.
Ist das kardiovaskuläre Alter höher als das chronologische Alter eines Menschen, bedeutet es, dass sein Herz-Kreislauf-System biologisch „vorzeitig gealtert“ ist. Das geht wiederum mit einem höheren Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und andere Erkrankungen einher.
Bei der Fettverteilung interessierten sich die Forscher besonders für diese vier Fettarten: das viszerale (Bauchraum-)Fett, das subkutane Fett (unter der Haut), das Leberfett sowie das Fett in der Muskulatur. Warum gerade diese Fettarten? Während subkutanes Fett harmlos ist, richtet der Rest gesundheitlich mitunter großen Schaden an.
Fett an den „falschen“ Stellen: Dass besonders jenes Fett, das im Inneren des Bauches die Organe umlagert, eine Gefahr für die Gesundheit darstellt, haben wahrscheinlich die meisten schon einmal gehört. Ähnliches gilt für eine verfettete Leber: Meist leider ein Zufallsbefund, jedoch extrem gefährlich für die Gesundheit. Noch nicht ganz so lange weiß man, dass zu viel Fett, welches die Muskeln umgibt und Myosteatose heißt, herzschädlich ist.1
BMI relativ egal – mit diesen Fettarten altert das Herz beschleunigt
Die Forscher fanden heraus: Menschen mit viel Bauchfett haben deutlich „ältere“ Gefäße, als ihr chronologisches Alter erwarten ließe. Die Studienergebnisse wurden im „European Heart Journal“ veröffentlicht.2 Auch beim Leberfett war dieser Zusammenhang extrem stark, sogar noch stärker als beim Viszeralfett. Indes trägt Fett in der Muskulatur zwar auch dazu bei, dass das Herz eines Menschen beschleunigt altert – aber viel weniger als Leber- oder Viszeralfett.
Und dann noch ein wichtiger, oft missverstandener Punkt: Der BMI zeigte sich als schwächerer Prädiktor für das Herzalter als die konkreten Fettverteilungen. Fast ein Drittel der als „übergewichtig“ eingestuften Frauen hatte laut MRT tatsächlich einen „normalen“ Fettanteil. Umgekehrt wurden viele Männer mit „normalem“ BMI als „fettmassereich“ eingestuft. Zeigt: Der BMI kann nicht zuverlässig zwischen gesundem und riskantem Fett unterscheiden.
„Apfeltyp“: Warum Männer stärker gefährdet sind
Die Ergebnisse der Studie zeigen überdies: Das Geschlecht spielt eine zentrale Rolle. Weil viel Fett im Bauchbereich, sowohl viszeral (um die Organe) als auch subkutan (unter der Haut), die kardiovaskuläre Alterung beschleunigt, ist Bauchfett besonders für Männer gefährlich. Denn sie lagern überschüssiges Fett vor allem hier ein. Während Arme und Beine bei vielen Männern vergleichsweise schlanker bleiben, gedeiht das Fett eher im Bauchbereich – im Bild gängiger Körperform-Metaphern spricht man vom „Apfeltyp“. Leider nicht der einzige Nachteil, den Männer zu haben scheinen: Eine Studie 2024 brachte den „Apfeltyp“ mit einem erhöhten Risiko für Darmkrebs in Verbindung.3
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland die mit Abstand häufigste Todesursache, 2023 traf es knapp 350.000 Menschen.4 Die wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für Herzkrankheiten sind Bewegungsmangel, Rauchen, schlechte Blutdruckwerte, schlechte Ernährung und zu viel Fett an den falschen Körperstellen.
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Fettarten und Herzalter – der Vorteil der Frauen
Das typische Fettverteilungsmuster von Frauen – zumindest vor der Menopause mehr an Hüfte, Gesäß, Oberschenkeln – ist die „Birnenform“. Diese Verteilung (bedingt durch das Östrogen und deshalb nur vor der Menopause ein Faktor) wirkt gesundheitlich günstiger als Bauchfett. Ja, es ist unfair – aber: Diese weibliche Fettverteilung hält bis zur Menopause die Blutgefäße elastisch, hemmt die Arterienverkalkung. Genau das sind die Risikofaktoren eines vorzeitig alternden Herzens. Und damit nicht genug: Es gibt auch Hinweise dafür, dass die weibliche Fettverteilung einen Schutz vor Diabetes und überdies vor Demenz bieten könnte – auch hier gilt: zumindest bis zur Menopause.5
Ab dieser Menge Bier und Wein wächst das gefährliche Bauchfett um bis zu 17 Prozent an
Unabhängig vom Körpergewicht! Verstecktes Fett erhöht Risiko für Herzkrankheit
Bedeutung und Einordnung der Studie
Die Studie gehört zu den bislang größten Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Fettverteilung und Herzalterung. Nicht allein Übergewicht, sondern vor allem die Art und Lage des Fetts sind entscheidend für die Herzgesundheit. Frauen und Männer haben unterschiedliche Risikomuster. Auf den BMI sollte man nicht viel geben, denn er kann nicht zuverlässig zwischen gesundem und riskantem Fett unterscheiden. Viszerales Fett im Bauchinneren und Leberfett scheinen – unabhängig vom Geschlecht – zentrale Treiber der biologischen Alterung des Herz-Kreislauf-Systems zu sein. Für Fett in der Muskulatur gilt dies in abgeschwächter Form. Die typisch weibliche Fettverteilung (Birnentyp) schützt Frauen vor der Menopause möglicherweise sogar vor Herzschäden.
Habe ich zu viel Viszeralfett? Ein erstes Warnsignal für einen zu hohen Anteil an viszeralem Fett ist der Taillenumfang. Dr. Matthias Riedl, Facharzt für Innere Medizin und Ernährungsmediziner, nennt als kritische Werte Taillenumfänge von über 88 Zentimetern bei Frauen sowie über 102 Zentimetern bei Männern. Nachmessen kann man, indem man das Maßband zwischen Rippen und Beckenknochen anlegt.
Viszeral- und Leberfett runter – so stoppen Sie den Prozess
Nun wissen wir mehr über den Zusammenhang zwischen Fettarten und Herzalter – aber wie kann man dieser Negativspirale entkommen, wenn man im Bauchraum und/oder an der Leber zu viel Fett angesammelt hat? Um die damit möglicherweise einhergehenden kardiovaskulären Schäden, Entzündungsprozesse und Stoffwechselstörungen zu verhindern, ist es entscheidend, gezielt dieses Fettgewebe zu reduzieren. Ansetzen sollte man mit niedrigfrequentem Ausdauertraining – in erster Linie jedoch mit der Ernährung. So sagen Sie ungesunden Fettarten in Ihrem Körper den Kampf an und verbessern damit Ihr Herzalter:
- verzichten Sie auf hochprozessierte Lebensmittel
- schränken Sie sich bei den gesättigten Fetten ein (zu Gunsten mehr ungesättigten Fettsäuren wie beispielsweise gesundes Olivenöl, Avocados, Nüsse)
- konsumieren Sie Hülsenfrüchte wie Bohnen und Linsen
- ebenfalls gut: fermentierte Lebensmittel
- versuchen Sie, verarbeitete, tierische Lebensmittel, eher zu meiden
- Meiden Sie Zucker
Weil Stress über überschüssiges Cortisol die viszerale Fettspeicherung erhöht, sollte man sich überdies stressreduzierenden Maßnahmen wie Yoga oder Meditation zuwenden, um Viszeralfett auf ein gesundes Maß zu schrumpfen.
Erstaunlich: Speziell um Leberfett „um die Hälfte“ zu reduzieren, sollen sich sieben bis zehn Tage Fasten als wirksame Methode bewährt haben.