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Weltweite Analyse

Jede zweite Diabetes-Typ-2-Erkrankung bleibt unerkannt

Diabetes Typ 2 unerkannt
Da Diabetes Typ 2 häufig unerkannt bleibt, könnte sich in den kommenden Jahrzehnten eine stille Epidemie entwickeln Foto: Getty Images
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12. September 2025, 13:11 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Fast die Hälfte aller Erwachsenen mit Diabetes weiß nichts von ihrer Erkrankung – und nur jeder Fünfte erreicht einen stabilen Blutzuckerwert trotz Behandlung. Das zeigt eine neue, internationale Analyse von Daten, die von 2000 bis 2023 erhoben wurden. Warum die Versorgungslücke so groß ist, welche Regionen besonders betroffen sind und was sich dringend ändern muss, erklärt FITBOOK-Ernährungsexpertin Sophie Brünke.

Daten aus 204 Ländern und Regionen

Die Autoren nutzten die Daten und Methodik der Global Burden of Disease Study (GDB). Die GBD-Studie ist das größte und umfassendste Forschungsprojekt zur regionalen und zeitlichen Quantifizierung von Krankheiten mit dem Ziel, Gesundheitssysteme zu verbessern und Ungleichheiten aufzuheben.

Grundlage waren für die Gesamtbevölkerung repräsentative Querschnittstudien sowie Veröffentlichungen aus Fach- und „Grauer“ Literatur zwischen 2000 und 2023 aus 204 Ländern und Regionen. Graue Literatur meint hierbei nicht an einen Verlag gebundene Veröffentlichungen – z. B. von Regierungsstellen und Forschungseinrichtungen – die für die Öffentlichkeit nur schwer zugänglich sind. Das Team nutzte das Statistikprogramm DisMod-MR 2.1, um für jedes Land und Jahr sowie für fünf Altersgruppen ab 15 Jahren und sowohl für Männer als auch für Frauen die vier Versorgungsstufen der Diabetesbehandlung zu berechnen:

  • nicht diagnostizierter Diabetes
  • diagnostiziert, aber unbehandelt
  • behandelt mit suboptimalem Blutzucker
  • behandelt mit optimalem Blutzucker

Anschließend wurden die Werte so skaliert, dass sie je Gruppe exakt 100 Prozent der Menschen mit Diabetes abbilden. Aus diesen Grundgrößen berechnete das Team rund um Hauptautorin Lauryn Stafford drei Kennzahlen für die Versorgungskaskade:

  • Anteil diagnostizierter Personen
  • Anteil behandelter Personen unter den Diagnostizierten
  • Anteil optimal eingestellter Personen unter den Behandelten

Die Ergebnisse veröffentlichte das Forschungsteam in dem renommierten Fachjournal „The Lancet“.1

Ergebnisse sind alarmierend – nur jeder Zweite erhält Diagnose

Die Auswertung der Daten ist beunruhigend: Weltweit wurden 2023 nur 55,8 Prozent der Menschen mit Diabetes diagnostiziert. Stafford erklärt in einer FAQ zur Studie, dass dies fast 250 Millionen nicht diagnostizierten Diabetikern entspreche.2 Von den Diagnostizierten erhielten 91,4 Prozent eine Therapie mit Insulin oder anderen Blutzucker senkenden Medikamenten. Allerdings hielten von ihnen lediglich 41,6 Prozent einen optimalen Blutzuckerspiegel aufrecht. Das bedeutet, dass gerade mal 21,2 Prozent aller Diabetiker weltweit optimal behandelt werden und ihren Diabetes im Griff haben.

Zwischen 2000 und 2023 stieg der Diagnoseanteil um 8,3 Prozentpunkte, der Therapieanteil um 7,2 Prozentpunkte, während die optimale Einstellung nur um 1,3 Prozentpunkte zulegte.

Regionale Unterschiede

Die höchsten Diagnosequoten verzeichnete Nordamerika. Generell wiesen Länder mit hohem Einkommen, wie die USA und Länder in Europa, höhere Diagnoseraten auf, als solche mit niedrigem Einkommen. Hier sind die Länder Afrikas zu nennen, insbesondere solche südlich der Sahara. Die beste Behandlungsquote der Diagnostizierten fand sich im asiatisch-pazifischen Raum mit hohem Einkommen. Im südlichem Lateinamerika wiesen die Behandelten am häufigsten optimale Werte auf. In Zentral-Subsahara-Afrika dagegen wussten weniger als 20 Prozent der Betroffenen von ihrer Krankheit.

Junge Menschen erhalten seltener Diagnose

Erschreckenderweise ist die Unterdiagnose bei jungen Erwachsenen am häufigsten – obwohl sie einem höheren Risiko für Langzeitkomplikationen ausgesetzt sind. Bei Personen unter 35 Jahren bleibt Diabetes Typ 2 in vier von fünf Fällen unerkannt.

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Diabetes könnte zur Epidemie werden

Die Erkenntnisse der Studie können dazu beitragen, gezielte Interventionen zu entwickeln, um Lücken im Diabetesmanagement zu schließen. Denn spät einsetzende Behandlungen können langfristig Komplikationen wie Nierenversagen, Erblindung oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen. Besonders besorgniserregend ist die Situation junger Erwachsener, die Jahrzehnte mit schlecht eingestelltem Diabetes vor sich haben. Auch für Gesundheitssysteme bedeutet das wachsende Kosten und Belastung.

Stafford betont die Ernsthaftigkeit in den FAQ: „Bis 2050 werden voraussichtlich 1,3 Milliarden Menschen mit Diabetes leben, und wenn fast die Hälfte davon nicht weiß, dass sie an einer ernsten und potenziell tödlichen Krankheit leidet, könnte sich daraus leicht eine stille Epidemie entwickeln. Daher ist es umso wichtiger, zu verstehen, wo Diagnose, Behandlung und glykämisches Management verbessert werden können, um behindernde Komplikationen zu verhindern.“

Wie ist die Lage in Deutschland?

Laut der Deutschen Diabetes-Hilfe leben hierzulande aktuell etwa elf Millionen Menschen mit Diabetes. Darunter sind mindestens 9,1 Millionen Erwachsene mit einem diagnostizierten Typ-2-Diabetes sowie rund 340.000 Erwachsene und 37.000 Kinder und Jugendliche (bis 20 Jahre) mit Typ-1-Diabetes. Hinzu kommen schätzungsweise mindestens zwei Millionen Betroffene, die noch nichts von ihrer Erkrankung wissen. Bleibt die Entwicklung unverändert, wird die Zahl der Diabetesfälle hierzulande bis 2040 voraussichtlich auf rund 12,3 Millionen steigen. Rund 95 Prozent aller Fälle betreffen Typ-2-Diabetes. Bis zur ersten Diagnose leben Erkrankte im Durchschnitt etwa acht Jahre lang mit einem unentdeckten Diabetes.3

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Hauptautorin der Studie erklärt, was sich ändern sollte

Laut Stafford bleibt die Prävention von Diabetes an erster Stelle, etwa durch den Kampf gegen Adipositas – ein entscheidender Risikofaktor der Typ-2-Variante. Weiterhin brauche es weitere Ausweitung von Diabetes-Aufklärungs- und Screening-Programmen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. „Dies erfordert den Ausbau der diagnostischen Kapazitäten, beispielsweise durch die Schulung von mehr medizinischem Personal und die Bereitstellung von diagnostischen Tests“, so Stafford. Außerdem sei ein stärkerer Fokus auf das Screening junger Erwachsener mit Diabetes-Risikofaktoren entscheidend, um der hohen Unterdiagnose in dieser Bevölkerungsgruppe entgegenzuwirken. Zuletzt brauchen auch Diabetiker während der Therapie bessere Unterstützung. „Dazu gehört etwa ein besserer Zugang zu neuartigen, oft unerschwinglichen Diabetes- und Adipositas-Behandlungen sowie eine stärkere Unterstützung von Diabetikern bei komplexen Behandlungsschemata.“

Einordnung der Studie und Fazit

Zu den Stärken der Studie gehören das umfassende Datenmaterial und die robuste statistische Analyse. Allerdings kann bei den verwendeten Querschnittstudien nicht ausgeschlossen werden, dass Unterschiede in Diagnosedefinitionen oder Selbstangaben zur Medikamenteneinnahme zu Messfehlern führten. Die Finanzierung durch die Bill & Melinda Gates Foundation könnte theoretisch Interessenkonflikte schaffen, wenngleich die Methodik offengelegt wurde.

Angesichts des rasanten Anstiegs der Diabetesfälle unterstreicht die Studie die dringende Notwendigkeit von Investitionen in Screening-Programme für jüngere Bevölkerungsgruppen sowie den Zugang zu Medikamenten und Blutzuckermessgeräten – insbesondere in unterversorgten Regionen. Die Weltgesundheitsorganisation setzte sich im Jahr 2022 das Ziel, dass bis 2030 80 Prozent der Menschen mit Diabetes eine Diagnose erhalten.4

Quellen

  1. Stafford, L.K., Gage, A., Yiru Xu, Y. et al. (2025). Global, regional, and national cascades of diabetes care, 2000–23. The Lancet Diabetes & Endocrinology. ↩︎
  2. Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME). Q&A: Nearly half of people with diabetes don't realize they have the disease. (aufgerufen am 12.09.2025) ↩︎
  3. Deutsche Diabetes-Hilfe. Diabetes in Zahlen. (aufgerufen am 12.09.2025) ↩︎
  4. Gregg, E., Buckley, J., Ali, M. et al. (2025). Improving health outcomes of people with diabetes: target setting for the WHO Global Diabetes Compact. The Lancet. ↩︎

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