15. September 2026, 13:46 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Geht es um Darmgesundheit, dreht sich die Diskussion meist um das Mikrobiom. Probiotika aus der Drogerie sollen die „guten“ Darmbakterien liefern. Doch die sind nur ein Teil des Ganzen. Damit sie ihre positiven Effekte überhaupt entfalten können, braucht es eine intakte Darmbarriere. FITBOOK-Chefredakteur Nuno Alves sprach mit Gastroenterologen und Autor Prof. Martin Storr über die Bedeutung dieses bisher unterschätzten Faktors.
Nicht nur Darmbakterien halten den Darm gesund
Forschende bringen Veränderungen des Darmmikrobioms – also der Gesamtheit der im Darm lebenden Bakterien – mit zahlreichen Gesundheitsaspekten in Verbindung, von Stoffwechselerkrankungen über chronische Darmerkrankungen bis hin zur Darm-Hirn-Achse. Entsprechend groß ist das Interesse an Probiotika, Darmkuren und Mikrobiom-Tests. Doch trotz der hohen Forschungsaktivität sind längst nicht alle Fragen geklärt: Es gibt bisher keine wissenschaftlich anerkannte Definition eines „optimalen“ Darmmikrobioms. Zwar lassen sich bestimmte Bakterienarten mit Gesundheitsmerkmalen in Verbindung bringen, aus der Zusammensetzung des Mikrobioms allein lassen sich aber bislang keine verlässlichen Rückschlüsse auf dessen tatsächliche Funktion ziehen. Auch kommerzielle Mikrobiom-Stuhltests, die „gute“ und „schlechte“ Bakterien identifizieren und daraus individuelle Ernährungsempfehlungen ableiten wollen, werden von Fachleuten daher kritisch gesehen.1
Für Gastroenterologe Prof. Martin Storr greift die Mikrobiomforschung zu kurz. Dem Mediziner zufolge rückt insbesondere die Schleimschicht zunehmend in den Fokus der Wissenschaft, nachdem sie in der „stark mikrobiomgeprägten Diskussion vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhalten hat“.
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Darmschleimhaut und Mikrobiom arbeiten als Team
Der Darm steht täglich vor einer Herausforderung: Er muss Nährstoffe aus der Nahrung aufnehmen, gleichzeitig aber potenziell schädliche Stoffe und Krankheitserreger abwehren. Dafür sorgt die sogenannte Darmbarriere. Zu ihr gehören das Mikrobiom, die Darmschleimhaut und auch Teile des Immunsystems. Zwischen diesen Komponenten besteht ein enger Austausch. „Die Darmschleimhaut und das Darmmikrobiom bilden ein eng abgestimmtes Ökosystem“, erklärt Storr. Die Schleimhaut stelle den Mikroorganismen einen Lebensraum zur Verfügung und produziere Schleim sowie antimikrobielle Substanzen. Umgekehrt bilden viele Darmbakterien Stoffwechselprodukte, die die Schleimhaut unterstützen. Eine wichtige Rolle spielt dabei Butyrat. Diese kurzkettige Fettsäure entsteht, wenn Darmbakterien Ballaststoffe verwerten, und dient laut Storr „als Energiequelle für die Schleimhautzellen“.
Was sind eigentlich Prä-, Pro- und Postbiotika und wie wirken sie?
Warum kurzkettige Fettsäuren so wichtig für die Gesundheit sind
Darm-Helfer: Wie sinnvoll sind Probiotika und L-Glutamin?
Supplements für die Darmgesundheit enthalten oft Präbiotika („Futter“ für die Darmbakterien), Probiotika (lebende Bakterien) oder L‑Glutamin. Doch nicht alles, was als Darm-Helfer vermarktet wird, ist wissenschaftlich gut belegt. Vor allem bei Probiotika mahnt Storr zur Differenzierung. Trotz zahlreicher Studien bleibe die wissenschaftliche Evidenz für ihre Wirksamkeit, etwa bei Reizdarmbeschwerden, insgesamt begrenzt. Die Wirkung sei „immer stammspezifisch und hängt zudem vom individuellen Mikrobiom und der jeweiligen Situation ab“, erklärt der Gastroenterologe. Man könne deshalb nicht behaupten: „Je mehr Mikroben oder Probiotika, desto besser.“ Entscheidend für die Darmgesundheit ist daher vor allem ein vielfältiges und stabiles Mikrobiom, das mit der Darmschleimhaut im Gleichgewicht steht.
Größere Hoffnungen setzen Forschende derzeit auf sogenannte Postbiotika. Dabei handelt es sich um Stoffwechselprodukte oder Fermentate von Mikroorganismen, die dem Darm direkt zur Verfügung stehen. Nach Storrs Einschätzung gelten sie als „vielversprechender neuer Ansatz zur gezielten Unterstützung der Darmbarriere“ und rücken deshalb zunehmend in den Fokus der Forschung.
Auch L-Glutamin wird häufig als Unterstützung für die Darmbarriere beworben. Zwar dient die Aminosäure den Zellen der Darmschleimhaut als wichtiger Energielieferant. Dennoch fällt Storrs Bewertung zurückhaltend aus: „Bei bestimmten schweren Erkrankungen oder nach großen Operationen kann Glutamin sinnvoll sein.“ Gleichzeitig betont er: „Für Menschen mit einem Reizdarmsyndrom, Verdauungsbeschwerden oder für gesunde Personen mit vermeintlich ‚durchlässigem Darm‘ ist der Nutzen dagegen bislang nicht eindeutig belegt.“ Bisherige Daten reichen nach Einschätzung des Experten nicht aus, um eine generelle Empfehlung auszusprechen.
Der Experte rät deshalb davon ab, einzelne Präparate als Wundermittel zu betrachten. L-Glutamin könne allenfalls „ein möglicher Baustein zur Unterstützung der Darmgesundheit“ sein.
Die wichtigsten Tipps für einen gesunden Darm
Wer seine Darmbarriere schützen möchte, sollte laut Storr zunächst anhaltende Beschwerden medizinisch abklären lassen. Denn hinter Verdauungsproblemen können Erkrankungen wie Zöliakie oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen stecken, die gezielt behandelt werden müssen.
Sind schwerwiegende Ursachen ausgeschlossen, spielt der Lebensstil eine wichtige Rolle. Storr empfiehlt eine abwechslungsreiche, ballaststoffreiche Ernährung mit Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten und anderen pflanzlichen Lebensmitteln. Diese fördere ein vielfältiges Mikrobiom und unterstütze gleichzeitig die Funktion der Darmbarriere. Darüber hinaus nennt der Gastroenterologe regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf sowie einen guten Umgang mit Stress als wichtige Bausteine für die Darmgesundheit. Auch Alkohol und Nikotin sollten möglichst nur in Maßen konsumiert werden.
Wer auf Nahrungsergänzungsmittel zurückgreifen möchte, solle eher Präbiotika als Probiotika auswählen. Zudem gebe es für die noch recht neuen Postbiotika erste vielversprechende Forschungsergebnisse. Beruhigend zu wissen: „Die Darmbarriere verfügt über eine bemerkenswerte Regenerationsfähigkeit, wenn die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden.“

