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Wie das Auge wichtige Hinweise auf Vorhofflimmern geben kann

Kann das Auge Hinweise auf Vorhofflimmern liefern?
Das Auge gilt als Tor zur Seele – und verrät auch viel über unsere körperliche Gesundheit Foto: Getty Images

17. September 2026, 17:23 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Vorhofflimmern zählt zu den häufigsten Herzrhythmusstörungen und ist unter anderem mit einem erhöhten Risiko für Schlaganfälle und Herzschwäche verbunden. Die Erkrankung lässt sich gut behandeln, kann aber in vielen Fällen unentdeckt bleiben. Umso wertvoller könnten die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung sein, der zufolge sich im Auge, genauer gesagt auf der Netzhaut, Hinweise auf den Befund erkennen lassen.

Studie zu Hinweisen im Auge auf Vorhofflimmern

Von Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes über Schilddrüsenfehlfunktionen bis zu Bluthochdruck – Ärzte können immer mehr Krankheiten an den Augen erkennen. Und das könnte womöglich auch für Vorhofflimmern gelten.

Forscher aus London haben untersucht, ob Veränderungen der Netzhaut Hinweise auf die verbreitete Arrhythmie (Herzrhythmusstörung) geben können.1 Es handelt sich um eine der häufigsten Herzerkrankungen und sie geht oft mit schwerwiegenden Folgen wie Schlaganfall und Herzinfarkt einher. Gleichzeitig kann die Diagnose schwierig sein, da die Rhythmusstörung in vielen Fällen nur sporadisch auftritt. Deshalb wird sie bei einer Untersuchung möglicherweise nicht im EKG erfasst.

Das Forscherteam suchte daher nach einer zusätzlichen Möglichkeit, Hinweise auf Vorhofflimmern zu erkennen. Dabei rückte die Netzhaut in den Fokus: Als gut zugängliches „Fenster“ könnte sie Veränderungen an kleinen Blutgefäßen und im Nervensystem sichtbar machen. Die lichtempfindliche Schicht im hinteren Teil des Auges verfügt über ein fein verzweigtes Gefäßsystem und mehrere klar voneinander unterscheidbare Zellschichten. Veränderungen dieser Strukturen könnten daher Hinweise auf Vorgänge im Gefäß- und Nervensystem liefern.

Daten von mehr als 90.000 Menschen ausgewertet

Für die Untersuchung werteten die Forscher Daten von 90.190 Menschen aus zwei unabhängigen Datensätzen aus. Zum einen bezogen sie diese aus der britischen AlzEye-Kohorte, einem britischen Forschungsprojekt zur Früherkennung von Krankheiten anhand von Netzhautscans. Die AlzEye-Kohorte umfasst Patienten ab 40 Jahren, die zwischen 2008 und 2018 am Moorfields Eye Hospital in London behandelt wurden. Die anderen Daten stammten aus der UK Biobank und stammten von Probanden zwischen 40 und 69 Jahren, die zwischen 2006 und 2010 in die Bevölkerungsstudie aufgenommen worden waren.

In der Studie wurden sowohl die Blutgefäße als auch die Dicke verschiedener Netzhautschichten betrachtet. Entscheidend war für die spätere Beurteilung auch, ob sich solche Veränderungen bereits vor der späteren Diagnose von Vorhofflimmern nachweisen lassen.

Kombination aus Querschnitts- und Längsschnittanalyse

Die Forschung kombinierte zwei Analyseansätze: In der Querschnittsanalyse verglichen die Wissenschaftler die Netzhautmerkmale von Menschen mit und ohne bereits bestehendes Vorhofflimmern. Mit der Längsschnittanalyse ging man dagegen der Frage nach, ob bestimmte Veränderungen mit einem späteren Auftreten der Herzrhythmusstörung zusammenhängen.

Die Netzhautaufnahmen stammten aus zwei bildgebenden Verfahren. Per optischer Kohärenztomografie (OCT) erfassten die Forscher die einzelnen Schichten der Netzhaut. Dagegen dienten Farbfotografien des Augenhintergrunds zur Einschätzung der Blutgefäße. Ein Teil der Auswertung erfolgte automatisiert mithilfe eines Verfahrens auf Basis künstlicher Intelligenz.

Für die Querschnittsanalyse standen Daten von 50.651 Menschen aus AlzEye und 39.539 Teilnehmern der UK Biobank zur Verfügung. Für die Längsschnittanalyse wurden 39.013 Personen aus der UK Biobank berücksichtigt, die zu Beginn gesund waren. Während der Nachbeobachtungszeit von durchschnittlich 10,3 Jahren entwickelten 838 von ihnen Vorhofflimmern – im Schnitt nach knapp vier Jahren.

Zusammenhang zwischen Netzhautmerkmalen und Vorhofflimmern

In der AlzEye-Kohorte hatten 5.735 der 50.651 untersuchten Menschen Vorhofflimmern. Das entspricht einem Anteil von 11,3 Prozent. Bei ihnen zeigten sich mehrere Veränderungen der Netzhaut. Besonders auffällig war eine geringere Dicke der sogenannten mGCIPL‑Schicht. Die Abkürzung steht für „macular ganglion cell-inner plexiform layer“ und bezeichnet eine Gewebeschicht im Bereich der Makula, des sogenannten gelben Flecks. Sie enthält unter anderem Ganglienzellen und deren Verbindungen. Bei Menschen mit Vorhofflimmern war diese Netzhautschicht im Mittel 1,96 Mikrometer dünner als bei Menschen ohne die Herzrhythmusstörung.

Auch andere Bereiche der Netzhaut wiesen geringere Dicken auf. Dazu gehörten die Nervenfaserschicht der Makula (−0,69 Mikrometer), die innere Körnerschicht (−0,57 Mikrometer) und die Photorezeptorschicht (−0,93 Mikrometer). Darüber hinaus fanden die Forscher Veränderungen an bestimmten Merkmalen der Netzhautgefäße.

Der Zusammenhang mit einer dünneren mGCIPL-Schicht zeigte sich auch in der unabhängigen UK-Biobank-Kohorte. Dort war die Schicht bei Menschen mit bereits bestehendem Vorhofflimmern im Mittel 1,19 Mikrometer dünner.

Netzhautveränderungen gingen Vorhofflimmern voraus

Besonders interessant waren die Ergebnisse der Längsschnittanalyse. Von den 39.013 Menschen, bei denen zu Beginn kein Vorhofflimmern bekannt war, entwickelten 838 die Herzrhythmusstörung im weiteren Verlauf. Im Mittel trat sie nach 3,95 Jahren auf. Auch nachdem die Forscher weitere Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Bluthochdruck, Diabetes, Alkoholkonsum und Rauchen berücksichtigt hatten, blieb ein Zusammenhang zwischen der mGCIPL-Dicke und dem späteren Auftreten von Vorhofflimmern bestehen. Eine um eine Standardabweichung geringere mGCIPL-Dicke war dabei mit einem um 27 Prozent höheren Risiko für eine spätere Vorhofflimmern-Diagnose verbunden.

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Bedeutung der Studie

Wichtig ist: Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen bestimmten Netzhautmerkmalen und Vorhofflimmern. Sie belegt jedoch nicht, dass sich die Herzrhythmusstörung anhand einer Netzhautaufnahme zuverlässig diagnostizieren lässt.

Die Forscher sehen in ihren Beobachtungen vielmehr einen möglichen Ansatz, um Menschen mit erhöhtem Risiko früher zu erkennen. OCT-Aufnahmen und Netzhautfotografien sind nicht invasiv und könnten künftig zusätzliche Informationen liefern. Die eigentliche Diagnose von Vorhofflimmern beruht weiterhin auf der Erfassung der Herzrhythmusstörung, unter anderem mithilfe eines Elektrokardiogramms (EKG). Wie jedoch bereits erklärt, kann bei nur zeitweise auftretendem oder symptomlosem Vorhofflimmern die Diagnose schwierig sein.

Die Forscher vermuten, dass die dünnere mGCIPL-Schicht mit Veränderungen im Gehirn oder in kleinen Blutgefäßen zusammenhängen könnte. Vorhofflimmern erhöht das Risiko für Hirninfarkte, die teilweise unbemerkt bleiben können. Denkbar ist daher, dass Gefäß- oder Durchblutungsveränderungen auch die Netzhaut beeinflussen. Diese mögliche Erklärung wurde in der Studie allerdings nicht direkt untersucht. FITBOOK wandte sich für ausführlichere Erklärungsansätze an die Studienautoren, eine Rückmeldung steht noch aus.

Einschränkungen

Da es sich um eine Beobachtungsanalyse – und nicht um eine randomisierte kontrollierte Studie – handelte, lässt sich aus den Ergebnissen nicht ableiten, dass eine bestimmte Veränderung der Netzhaut Vorhofflimmern verursacht oder sie die Erkrankung sicher vorhersagen kann.

Auch das Studiendesign schränkt die Aussagekraft der Ergebnisse ein. Vorhofflimmern wurde anhand von Krankenhauseinweisungen und in der UK Biobank zusätzlich anhand von Angaben der Teilnehmer erfasst. Dadurch könnten vor allem zeitweise oder beschwerdefreie Fälle unentdeckt geblieben sein.

Zudem sind die beiden untersuchten Gruppen nicht vollständig repräsentativ für die Gesamtbevölkerung: Die Teilnehmer der UK Biobank sind im Durchschnitt gesünder, während die AlzEye-Kohorte aus Patienten eines Augenkrankenhauses besteht und entsprechend häufiger systemische und Augenerkrankungen aufweist.

Die Autoren sehen nach jetzigem Stand die Netzhautbildgebung als möglichen ergänzenden Baustein. Ob sich damit Vorhofflimmern tatsächlich zuverlässig früher erkennen lässt, muss in weiteren Studien bestätigt werden.

Quellen

  1. Huemer, J., Stuart, K., Zhou, Y. et al. (2026). Atrial fibrillation and retinal imaging-based oculomics: A cross-sectional and longitudinal analysis of two large cohorts. PLOS Digital Health ↩︎

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