25. Juni 2026, 17:31 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Eltern von sehr früh geborenen Kindern leben oft viele Jahre in Sorge. Denn es ist bekannt, dass die Kleinen bis ins Erwachsenenalter ein erhöhtes Risiko für verschiedene gesundheitliche und entwicklungsbezogene Probleme tragen. Umso wichtiger wäre es, mögliche Auffälligkeiten möglichst früh zu erkennen. Bislang fehlten jedoch verlässliche Instrumente, mit denen sich die spätere Entwicklung bereits in den ersten Lebenswochen abschätzen ließe. Nun wollen Forscher in diesem Zusammenhang wichtige Erkenntnisse erlangt haben: Ihre Studienergebnisse deuten darauf hin, dass spezielle Augenmessungen bei Frühgeborenen wertvolle Hinweise auf deren motorische, kognitive und verhaltensbezogene Entwicklung liefern könnten.
Schmerzfreie Augenmessung bei Neugeborenen könnte Hinweise auf spätere Entwicklung liefern
Im Mittelpunkt der Studie standen die motorische und kognitive Entwicklung von Kindern, die vor der 32. Schwangerschaftswoche, also besonders früh, geboren wurden.1 Zusätzlich untersuchten die Forscher deren Risiko für Autismus und verschiedene Verhaltensauffälligkeiten. Je früher eine erhöhte Anfälligkeit bekannt ist, desto eher könnte man Förder- und Unterstützungsmaßnahmen einleiten. Dies wäre wichtig, um späteren möglichen Problemen vorzubeugen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein zentrales Ergebnis der Studie an Bedeutung. Die verantwortlichen Forscher konnten zeigen, dass eine schmerzfreie Augenmessung bereits in den ersten Lebenswochen Hinweise auf die spätere Entwicklung von Frühgeborenen liefern könnte.
Warum Augenmessung bei Frühgeborenen?
Es ging dem Team darum, herauszufinden, ob bestimmte mikroskopische Merkmale der Netzhaut (Retina) bei sehr früh geborenen Kindern mit ihrer späteren neurologischen Entwicklung zusammenhängen. Die Netzhaut gilt als Teil des zentralen Nervensystems, sie entwickelt sich parallel zum Gehirn.
Die Forscher nutzten moderne bildgebende Verfahren, die eine hochauflösende, nicht-invasive Darstellung der Netzhautstruktur ermöglichen. Im Mittelpunkt der Untersuchung standen Messungen der retinalen Nervenfaserschicht (Retinal Nerve Fiber Layer, RNFL). Diese Schicht besteht aus Nervenfasern, die visuelle Informationen vom Auge an das Gehirn weiterleiten. Man kann sie sich vereinfacht als „Datenkabel“ des Auges vorstellen: Sie sammelt die im Auge entstehenden Signale und leitet sie an das Gehirn weiter. Dort werden sie zu einem Bild verarbeitet.
Zusätzlich analysierten die Forscher die Dicke der Aderhaut (Choroidea). Diese Gewebeschicht ist für die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der Netzhaut zuständig.
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Details zur Untersuchung
Es handelte sich um eine prospektive Kohortenstudie, die sehr früh geborene Mädchen und Jungen über einen längeren Zeitraum wiederholt untersuchte. „Prospektiv“, weil die Forscher die Kinder von Beginn an begleiteten und ihre Daten Schritt für Schritt im Verlauf der Zeit erhoben. Die Auswahl der Probanden erfolgte zwischen August 2016 und November 2019 auf einer Neugeborenen-Intensivstation.
Die Forscher untersuchten die Augen der Säuglinge mittels optischer Kohärenztomographie (OCT) im Alter von etwa 36 Wochen nach Beginn der Schwangerschaft. Die Augenmessungen erfolgten im Rahmen ohnehin vorgesehener Routineuntersuchungen. Anschließend begleitete das Team die Kinder weiter in ihrer Entwicklung, bis diese das zweite Lebensjahr erreicht hatten.
Standardtests zur Entwickungsbeurteilung
Für die Auswertung standen Daten von 72 Frühgeborenen zur Verfügung, davon 33 Mädchen. Die Entwicklung der Kinder im Alter von zwei Jahren untersuchten die Forscher mittels etablierter und standardisierter Tests. Dazu zählten Verfahren zur Beurteilung der motorischen und kognitiven Fähigkeiten (BSID-III). Außerdem kamen ein Fragebogen zu Verhaltensauffälligkeiten (Child Behavior Checklist) sowie ein Screening auf ein mögliches Autismus-Risiko (M-CHAT-R) zum Einsatz.
Bei der statistischen Auswertung berücksichtigten die Forscher neben dem Gestationsalter (also der Schwangerschaftswoche, in der sich die Frühgeborenen befanden) verschiedene weitere Einflussfaktoren. Sie betrachteten etwa eine zu geringe Größe im Verhältnis zur Schwangerschaftswoche, das Bildungsniveau der Mutter und das Alter der Neugeborenen zum Zeitpunkt der Augenmessung.
Ergebnisse der Studie
Die Studienautoren stellten einen klaren Zusammenhang zwischen der Netzhautstruktur und der späteren Entwicklung der Kinder fest. Besonders deutlich waren die Ergebnisse bei der Dicke der retinalen Nervenfaserschicht (RNFL): Eine größere RNFL-Dicke bei der Augenmessung war später im Kindesalter mit besseren motorischen und kognitiven Leistungen assoziiert. In Zahlen ausgedrückt, verbesserten sich die motorischen Werte im Mittel um 7,50 Punkte und die kognitiven Werte um 3,71 Punkte pro 10 Mikrometer zusätzlicher RNFL-Dicke. Parallel dazu zeigten sich niedrigere Werte im Autismus-Risiko-Screening (M-CHAT-R) sowie weniger Hinweise auf emotionale und soziale Verhaltensprobleme.
Auch zwischen der Dicke der Aderhaut (Choroidea) und der Entwicklung der Kinder bestätigte sich ein Zusammenhang: Eine größere Aderhautdicke von Neugeborenen bei der Augenmessung war mit besseren motorischen Ergebnissen verbunden.
Am aussagekräftigsten waren die RNFL-Messungen für die Vorhersage der späteren Entwicklung. Wurde die RNFL-Dicke in die statistischen Modelle einbezogen, verbesserte sich die Prognose sowohl der motorischen als auch der kognitiven Entwicklung deutlich. Die Aderhautdicke zeigte ebenfalls einen Zusammenhang. Der Wert trug jedoch nur in geringerem Maße zur Vorhersage bei und brachte keinen zusätzlichen Nutzen, wenn die RNFL bereits berücksichtigt wurde.
Mögliche Bedeutung und Einschränkungen
Zur möglichen klinischen Anwendung der Augenmessung bei Frühgeborenen zeigt sich Neeru Sarin, Co-Autorin der Studie, im Gespräch mit FITBOOK vorsichtig optimistisch. Die Daten deuteten darauf hin, dass sich Messungen der retinalen Mikrostruktur in der 36. postmenstruellen Woche mit der neurologischen Entwicklung im Alter von zwei Jahren in Zusammenhang bringen lassen. Damit könnte die Netzhaut künftig als früher, indirekter Marker für ein erhöhtes neuroentwicklungsbezogenes Risiko bei sehr frühgeborenen Kindern dienen.
Für den routinemäßigen Einsatz sei es jedoch noch zu früh; erforderlich seien zunächst größere, multizentrische Studien sowie standardisierte Untersuchungsprotokolle. Gleichzeitig betont sie die praktischen Vorteile der Methode: OCT, also die optische Kohärenztomographie, sei nicht invasiv, vergleichsweise kostengünstig und am Krankenbett durchführbar. Bei Bestätigung der Ergebnisse könnte sie perspektivisch helfen, Risikokinder früh zu identifizieren und gezielt engmaschiger zu betreuen.
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Dicke der retinalen Nervenfaserschicht und vorhersehbare Entwicklung
Zur biologischen Einordnung verweist Sarin auf ihre zentrale Hypothese, wonach die Dicke der retinalen Nervenfaserschicht (RNFL) die allgemeine Entwicklung des zentralen Nervensystems widerspiegele und nicht nur einen lokalen retinalen Prozess darstelle. Da die Netzhaut embryologisch eine Ausstülpung des Gehirns ist, könne sie als „Fenster zur Hirnentwicklung“ verstanden werden. In der Studie war eine größere RNFL-Dicke mit besseren motorischen und kognitiven Ergebnissen im Alter von zwei Jahren assoziiert. Das könnte auf eine günstigere neuronale Reifung in einer sensiblen Entwicklungsphase hindeuten. Ob die RNFL-Dicke lediglich ein Marker der Hirnreifung ist oder darüber hinaus spezifische Entwicklungsprozesse abbildet, lasse sich derzeit jedoch noch nicht abschließend klären.
Für die weitere Forschung nennt die Studienautorin mehrere Prioritäten: entscheidend sei zunächst die Replikation der Ergebnisse in größeren, multizentrischen Kohorten, da es sich um eine prospektive Einzelzentrumsstudie handelt. Ebenso wichtig sei eine längere Nachbeobachtung bis ins Schulalter, um die Stabilität der Zusammenhänge zu prüfen. Langfristig könnte insbesondere die Kombination der OCT mit weiteren Verfahren die präziseste Risikostratifizierung ermöglichen. Die Co-Autorin nennt MRT-Bildgebung, die Betrachtung klinischer Risikofaktoren sowie genetischer oder biochemischer Markern.
Einschränkungen
Einschränkend ist zu berücksichtigen, dass die Studie keine kausalen Zusammenhänge belegen kann. Zudem war die Stichprobe mit 72 Kindern vergleichsweise klein und auf eine einzige medizinische Einrichtung beschränkt. Die begrenzt die Übertragbarkeit der Ergebnisse. Zusammenfassend betonen die Autoren die Notwendigkeit unabhängiger Bestätigungsstudien in größeren und multizentrischen Kollektiven.